Bowie & Goethe

Ich sitzen vor dem Haus in der Sonne. Wie an jedem guten Sonntag trage ich meinen Bowie-Hoodie, in dem ich mich pudelwohl fühle. In der Hand halte ich meine Goethe-Kaffeetasse, die macht mich schlau. Für meine Hörnchen ist Anblick vertraut und dennoch bemerkt D-Hörnchen aufmerksam, dass ich ja heute beide Lieblingssachen bei mir habe. Er erkundigt sich, ob der Mann auf der Tasse der selbe sei wie der, auf dem Pulli. Ich verneine. „Kennen die sich?“, fragt er weiter und ich wiederum kläre auf, dass der eine schon seit 200 Jahren tot ist und der andere erst seit drei Jahren.

„Dann kennen die sich jetzt zusammen im Himmel!“ erklärt das Hörnchen und schließt die Frage an, ob die sich denn mögen würden.

Gute Frage! Was sie verbindet ist das Besondere, das Kluge und das Exzentrische. Beide waren ihrer Zeit voraus, lebten in Extremen, ohne Dogmen und Zwang; na ja fast. Vielleicht würden sie sich mögen, hätten sich bei einem Glas Wein auf Auerbachs-Wolke viel zu sagen. Vielleicht aber auch nicht, möglicherweise fänden sie einander in ihrer jeweiligen Eigenheit unmöglich und würden angeregt diskutieren oder schweigen.

Oder aber es gibt gar keinen Hinnel, keine Auerbachs-Wolke, keine Auferstehung und damit auch kein Ostern. Dann sind Goethe und Bowie vielleicht einfach tot und alles was bleibt sind ihre jeweiligen Lebenswerke. Und meine Tasse und mein Pulli. Immerhin.

Als die Lieder Texte bekamen

By the time I got to New York

I was living like a king

Then I used up all my money

I was looking for your ass

This way or no way

You know, I’ll be free

Just like that bluebird

Now ain’t that just like me?

Oh I’ll be free

Just like that bluebird

Oh I’ll be free

Ain’t that just like me?

(David Bowie/ Lazarus)

Bowie lang für das A-Hörnchen und mich im Auto, wie so oft. Und ich sang mit, wie so oft und mit viel Hingabe. „Will er frei sein wie ein Vogel?“ fagte das A-Hörnchen auf einmal. „Oh ja!“ antwortete ich ihm und erzählte von Bowies letztem Album, seinem bevorstehendem Tod und eben dem Lazarus. Mein Hörnchen lauschte aufmerksam und zum ersten Mal schien sein Englisch auszureichen um Zugang zu der großartigen Welt der textlichen Musik zu bekommen.

Ich habe früh angefangen Musik zu lieben. Die ersten Platten lieh ich bei Mama aus; ABBA, Beatles und Queen. Ohne jede Englisch-Kenntnisse ein hoffnungsloses Unterfangen. Es war.. so lala. Mit der 5. Klasse kam der Englisch-Unterricht und damit die große Offenbarung. Mit Dictionary, Stift und Papier bewaffneten arbeitete ich mich durch die Musikwelt.

Bis heute ist für mich primär der Zugang zum Text wichtig. Kann ich da mitgehen, mich wiederfinden und beziehen ist alles willkommen. Übrigens darf es inzwischen auch gern deutsches Textwerk sein. Aktuell hat es mit Judith Holofernes angetan, die in ihren Texten nur zu gut ihren Nagel auf meinen Kopf trifft. Haben ich mich einmal an einem Stück festgebissen, bleibt es; mit all den Emotionen, Gedanken und Erlebnissen, die ich einst an es gebunden haben. So kann das Abspielen einer willkürlichen Spotify-Playlist sowohl hoch-angenehme als auch deutlich anders aufgeladene Überraschungen mit sich bringen.

Ich danke all den großartigen Künstlern, Dichtern, Literaten und Textern dafür, dass sie mich immer wieder so begeistern können, mich über so viele Stunden so sehr begeistert haben und mich aus so manchen Tief gerettet haben. Ohne euch wäre das Leben irgehdwie dumpf.

Lazarus

Das er sterben würde wusste David Bowie, und einen kleinen Teil dieser Tatsache, seiner Auseinandersetzung mit dem Leben wurde von zu „Lazarus“. Gestern Abend durfte ich Lazarus erleben, ja genießen. Es handelt von dem Leben zwischen zwei Welten, dem Verhandeln mit den eigenen Dämonen – der eigenen Vergangenheit und der Auseinandersetzung mit ihr. Es handelt von zerrissen sein und davon nicht wieder zum Glück zurückfinden zu können. In unserer Welt kaum leben zu können, vor Einsamkeit und Verzweiflung; in die eigene aber nicht zurückkehren können – weil man auf die Rückkehr der einzig wahren, großen Liebe wartet; davon handelt Lazarus. Es ist schwer, bizarr und traumhaft schön. Bowie schwebt über dem Geschehen, ist in vielen Momenten deutlich zu erkennen. Wohlig warm, das Gefühl, eingefasst und Schwermut und Bewunderung.

Und mittendrin schießt mir mein, im März diesen Jahres verstorbener, Opa durch den Kopf, seine mahnenden Worte in den letzten Tagen deines Lebens: Lass nichts unbearbeitet, stelle dich deinen Dämonen. Manches aus deinem Leben wartet auf dich und will bearbeitet werden. Verstecke dich nicht, hab keine Angst.

Danke Opa, Danke David. Und ja, so ist es wohl. Verharren und darauf zu warten, dass sich alles löst ist nicht der Weg ins Glück. Das Leben selber anzupacken, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und nichts zu verbuddeln führt einen nach Hause; dort hin, wo man richtig ist. Das Leben nimmt einem keiner ab, auch nicht die richtige Entscheidung. Bleiben oder gehen, lieben oder lassen – das alles entscheidet das Herz und niemand sonst.

David Brighton’s Kostümfest

Vielleicht war es eine, von vornherein, dumme Idee zu dem Konzert eines David Bowie Doubles zu gehen. Andererseits habe ich schon großartige Doppelgänger auf der Bühne gesehen, so zum Beispiel das Rat Pack oder einen Robbie Williams. In beiden Fällen nahm mich die Show perfekt mit, es war egal, ob da ein Original oder ein Double auf der Bühne steht. 

Gestern Abend trat David Brighton auf die Bühne. Angekündigt als großer Bowie-Freund und Wegbegleiter war ich in freudigster Erwartung. Der erste Eindruck war verstörend. Brighton wirkte verloren und verunsichert. Die Gesten einstudiert und künstlich. Ich war unsicher, ob er angetrunken tat oder es war. Brighton gab eine lasche Version des „Thin white dukes“ und überzeugte mich nicht. 

Im zweiten Akt huschten Blitze über die Bühne und die kostümierten Musiker ließen  die Ankunft von Ziggy Stardust verheißen. Auf die Bühne trat ein kleiner, glam-loser Mann, der beinahe phlegmatisch immer wieder seine Jacke und die Perücke  richtete. Die Mimik war verunsichert und fast fragend. Keine Spur des charismatischen und unantastbaren Bowie. Die Kostümierung, die Bowies Originalen recht nah kam, wirkte lächerlich an dem Mann, der sich scheinbar schämte. 

Wo Bowie in seinen Titeln Geschichten erzählte und den Zuhörer durch seine minimalistisch Art an seine Lippen fesselte, konnte man Brighton schlecht verstehen. Die Musik war zu laut, der Gesang zu undeutlich. Es kam nichts an, keine Party, kein Emotionen und damit keine Authentizität. 

Nach 60 Minuten folgte die Pause; und unser Abgang. Die top-Plätze in der 3. Reihe blieben im zweiten Akt des Damas leer. Ich mochte nicht mehr; hatte er mit im ersten Akt „Major Tom“ versungen, waren meine Bedenken zu groß, er würde im zweiten auch noch „Heroes“ oder „live on mars“ versauen. Ich fand die Show traurig. Ich hatte einen Ode auf David Bowie und sein Lebenswerk erwartet. Was ich bekam war das ungute Gefühl, dass sein Tod vermarktet und ausgeschlachtet wurde. Hoffentlich musste der Arme Mann nicht dabei zugucken. 

Zum aller ersten Mal

Zum aller ersten Mal in all den Jahren, hat mein Mann morgens, noch mit dem Hintern im Bett, gelacht. 

Der Grund hierfür war folgender: Ich hatte am Abend zuvor, wie so oft, den Klingelton für meinen Wecker verändert. Dieses Mal sollte es ‚i can’t give everything away‘ von David Bowie sein. Leider hatte ich, in der sicheren Annahme den Song gut zu kennen, nicht mehr hineingehört, und so kam es zu dem gelungenen Lacher am Morgen. 

Das Lied beginnt mit ein paar ruhigen, gestrichenen Tönen, friedlich sanft und ideal zum aufwachen.  Nach den ersten zwei Sekunden bildete sich im Schlafzimmer eine schauerliche Atmosphäre. Es war als stünde neben meinem Bett ein Irrer Clown der auf seiner verstimmten Geige die schlimmsten Töne verzerrt. Mir war es, senkrecht im Bett sitzend, vor Schreck kaum möglich, den Spuk zu beenden. Hilflos stocherte ich auf mein Handy ein. Nach Sekunden des Schocks endlich Stille.  Und dann höre ich es, das irre Lachen des Clowns. Hämisch kicherte er, angesichts des Schauspiels, das sich ihm grade dargeboten hatte. 

ODDITY 

Nach dem Schock am frühen Morgen nahm der Tag seinen Lauf 

Wir malten im Autos-Malbuch und hörten die SPACE ODDITY, beim Biene Maja Puzzle begleitete uns ZIGGY STARDUST und beim Einkauf mit dem Bollerwagen sang ich ihnen HEROES vor. Beim Mittag dann meine Lieblingsstücke; SENSE OF DOUBT, MOSS GARDEN UND NEUKÖLN. Jetzt, wo sie im Mittagschlaf sind, läuft THURSDAY’S CHILD, und ich denke noch, ich bin ja auch eins, und könnt heulen. 

Traurig und getroffen sein macht keinen Spaß wenn man auf drei fiebernde Kinder aufpasst. Wo ist das ‚früher‘ das Gleichgesinnte bot. Blöde Welt. Traurige Welt. Wieso trifft mich das so. Gemein. 

David Bowie 

Ins Mark erschüttert; nicht auch noch Bowie. Noch vor drei Tagen freute ich mich phrenetisch über das neue Album, feierte es das ganze Wochenende. Es ist als hätte er uns in Stimmung gebracht, die Sinne sensibilisiert, um dann zu gehen. 

Bowies Musik war für mich immer etwas ganz besonderes. Sie konnte aufgreifen, festhalten und bewegen. Sie gab was ich dringend brauchte und brachte mich auf andere Gedanken, wenn ich mich festgefahren hatte. Sein Werk wird mir ewig erhalten bleiben; es wird mich weiter halten und bewegen. Und in nächster Zeit wird es mich traurig machen. 

Rest in peace David Bowie. 

Blackstar

Gibt es denn sowas! Klamm heimlich hat David Bowie ein neues Album auf den Markt geworfen! Ich bin vollkommen im Glück! David Bowie! Meine Augen sind ein wenig verwirrt, ist er doch vielleicht ein wenig gealtert. 

Viel wichtiger aber: Schließe ich die Augen, höre ich genau das, was ich immer gehört habe. Kunst statt Pop, eine eigene Empore der Musik die mich nimmt, mich bewegt und mir alles ermöglicht. Erinnerungen, Phantasien und Stückchen von Hier und Jetzt vermischen sich in meinem Kopf zu diesem ‚bowie-istischem Zustand‘ der sich, wie ein guter Trip, ans Gehirn schmiegt und mich still begleitet. 

Und nun werde ich abtauchen; in die Welt der menschlichen Abgründe und der Grenzen des Körpers. Rein gedanklich versteht sich, mich Hilfe von Bowie.