Psychisch erkrankt

Mit so einer psychischen Erkrankung ist es ja in etwa so wie mit einer Geschlechtskrankheit oder Fusspilz. Jeder dritte hat oder hatte schon mal, keiner gibt’s zu. Scham und Unbehagen bewirken dann, ebenso wie bei manch anderer intimen Angelegenheit, ein viel zu langes Ausharren im Zustand und ein daraus resultierendes viel zu spätes Annehmen von Hilfe. In Bayern soll das Psychiatrie Gesetz nun verschärft werden, sensible Patienendaten sollen zugänglich gemacht werden, um vor vermeintlich gefährlichen Personen zu schützen. Der in meinen Augen einzig sichere Nutzen an dieser Änderung wäre, dass man die Hemmschwelle für die Bettoffenen noch höher setzt und somit eine Behandlung noch unwahrscheinlicher macht. Denn mal im Ernst, mit ’nem Vaginalpilz zum Doc ist eh schon mies, wenn es aber danach vorsichtshalber jedem mitgeteilt wird, dass man einen hat… Nein danke. Dann juckt es halt!

Einen Menschen aufgrund seiner psychischen Erkrankung als potentiell gefährlich einzustufen ist schlicht falsch. Depressionen, Traumata, Ängste, Zwänge, Essstörungen – all diese Erkrankungen machen nicht gefährlich – nur einsam. Die wenigen Störungsbilder, die tatsächlich in Einzelfällen einen gefährlichen Menschen hervorbringen, sind a) sehr überschaubar und b) oftmals an eine hohe Geschicklichkeit und Kompensation gekoppelt; im Klartext bedeutet dies, dass die Betroffenen eh selten in der Psychiatrie landen, da sie selbst das geringste Problem mit sich haben.

Um die Hemmschwelle für psychisch Erkrankte gering zu halten und die Wahrscheinlichkeit für eine gute und schnelle Behandlung zu erhöhen, ist es absolut notwendig, mit Daten als auch den Menschen hinter den Daten achtsam und absolut diskret umzugehen. Alles andere schreckt ab und treibt Menschen in Verzweiflung und Einsamkeit. Die einzige Gefahr, die dann von ihnen ausgeht, ist eine für sie selbst. Denn wesentlich häufiger als fremdgefährdung sind Selbstverletzungen Suizid. Psychische Erkrankungen sind nichts peinliches, nicht abnormes und nichts gefährliches. Es sind Krankheiten, die die Lebenaqualitat einschränken und sie gehören behandelt.

Stress im Kopf

Sehr gern würde ich einen klugen oder wenigstens lustigen Beitrag verfassen. Und je mehr ich über das mögliche Thema nachdenke, desto größer wird die Suppe in meinem Kopf. Bevorstehende Ereignisse mischen sich mit kleinen Anekdoten der Kinder, mischen sich mit to do-Listen und allerlei anderem. Jeder Gedankenstrang endet im Chaos und aus dem selbigen ragt ein nächster. Nervig ist es allemal, wenn man nichts auf die Kanne bekommt, aber was tun? Die Lösung, zumindest in meinem Einzelfall, heißt: Stressabbau. Die vergangenen Wochen waren ein harter Ritt, das Leben war recht anspruchsvoll. Stress ist das Resultat und der setzt uns Menschen zu.

Kurzfristig betrachtet ist Stress ein Segen. Eine temporäre Anspannung macht den Menschen leistungsfähig. Hohe Mengen von Cortisol werden ausgeschüttet, der Körper setzt zusätzliche Zuckerreserven frei, Hirn und Muskeln arbeiten auf Hochtouren. Das war praktisch um dem Säbelzahntiger zu entkommen und bewährt sich auch heute, zB. vor wichtigen Terminen.

Anders ist es mit langfristigem Stress. Denn verweilt der Körper über einige Tage oder sogar Wochen in Anspannung, beginnt das Cortisol ihn zu schädigen. Ins besondere in Verbindung mit Adrenalin sind zwar zunächst noch minimale Höchstleistungen möglich, letztlich baut der Körper aber immer schneller ab. Der Schlaf beginnt schlecht zu werden, schließlich sind chronisch alle Antennen auf Empfang geschaltet. Durch die Überstimulation des Körpers werden auch zB. Talgdrüsen oder andere Hormonsysteme getriggert. Unreine Haut oder Zyklusstörungen sind die Folge, genau wie Stimmungsschwankungen. Der Appetit weicht dem Glauben, keine Zeit zum Essen zu haben, der Körper gerät in Unterversorgung. Schlafmangel und Nährstoffmang führen zu neuem Stress. Wird dieser Zustand eine Weile aufrechterhalten, was der Körper mühelos kann, beginnt das Cortisol sich auch im Hippocampus bemerkbar zu machen. Es blockiert die Strukturen, die für Gedächtnis und Konentration zuständig sind. Auch weniger anspruchsvolle Denkoperationen sind plötzlich anstrengend. Man beginnt Dinge zu vergessen, braucht viel mehr Energie um weiter zu funktionieren. Auch diese Probleme bereiten Stress.

Am Ende der Spiale steht das, was man als Burn Out kennt. Ein ausgebrannter Mensch, der sich selbst der Produktivität und dem „funktionieren müssen“ geopfert hat. Ich selber bin in den letzten Wochen irgendwo in Stufe zwei verloren gegangen. Nun, da meine Stressoren weitestgehend ausgeschaltet sind, gilt es runter zu fahren. Ein ausgeglichenes, gutes Leben ist hier zielführend. Meine Bedürfnisse von den Stressoren abzugrenzen, einen Gang runter zu schalten und im Notfall halt mal was nicht zu machen sind gute Ansätze, die mit Sicherheit wirken – wenn man früh genug beginnt.

Warten

Wisst ihr was auf der ganzen weiten Welt das ist, was ich am schlechtesten kann? WARTEN! Und trotzdem habe ich immer wieder den strengen Eindruck, dass ich den Großteil meines Lebens nichts anderes tue. Ich warte auf Hörnchen, Freunde, Entscheidungen und alles nur erdenklich andere, auf das man so warten kann.

Warten. Warten macht mich madig, misslaunig und lässt mich stellenweise an meiner blanken Existenz zweifeln. Warten heißt keine Zeit zu haben was sinnvolles anzufangen. Warten heißt ausgeliefert zu sein und darauf zu warten, dass der andere Zeil des Konstruktes den Startschuss gibt endlich loszulegen. Warten ist ätzend!

Als kluger Mensch würde ich jetzt anderen raten, sich etwas kurzweiliges, nettes zu tun zu suchen um die Zeit angenehm zu überbrücken. Das klünge für mich nach einem guten Plan; außer wenn ich schon warte. Denn wenn ich erst mal am warten bin, dann blockiert klug und wird sofort und postwendend durch bockig ersetzt. Und so bleibt am Ende wieder nur das blanke, hässliche, unattraktive warten.

Tretmühle 

Die Anzahl der Drogentoten in Deutschland hat 2015 um gut 18% zugenommen. Ein Skandal. Ein weiterer: Die Anzahl der Krankschreibungen wegen des sog. Burn-out Syndroms hat seit 2004 um gut 7,5%  zugenommen. 

Der eigentliche Skandal: Leben in Deutschland macht ganz offensichtlich krank, und das nicht erst seit gestern. Denn die Zahlen sprechen keineswegs nur eine Altersgruppe an, nein es werden schlicht alle krank. Die Gründe hierfür sind vielfältig und  fast jedem logisch nachvollziehbar, kennt es doch jeder der in der Tretmühle: ‚Leben und Arbeiten in der BRD‘ lebt.

Schon in der Schule müssen unsere Kinder höher, schneller und weiter. Sie werden zu Höchstleistungen getrieben, ohne Rast. Die wertvollen Jahre der Pubertät verbringen sie auf dem Gymnasium zwischen Klausuren, Training und Geigenunterricht. An den Unis geht es dank Bologna im Dauerstress weiter. 10 Semester lang auswendiglernen und bitte keine Interessen oder Persönlichkeit. Kein Zeit, kein Platz. Danach werden sie mit 24 Jahren auf den Arbeitsmarkt gekotzt. Von da an heißt es: Schaffen! Die 40 Stunden Woche, seit langem widerlegt als ungesund und ineffizient, ist Programm, dazu Personalmangel und Überstunden. Erreichbarkeit und Bereitschaft sind selbstverständlich. 

Und da denkt man sich: Wer da nicht pimpt ist selber Schuld. Denn wer diesem Druck auf Dauer standhalten möchte, dem bleiben zwei Modelle: 

1. Der langsame und unauffällige Weg in den Abgrund: Das wenig heldenhafte Burnout 

2. Das Nachhelfen; mit allem was der Markt so hergibt. Das macht dann kurz leistungsfähig, führt aber allzu oft in den anderen Abgrund, eben die Sucht. 

Gesund bleiben, das ist der dritte Weg. Was so logisch und einfach klingt, ist in Wirklichkeit immer schwieriger. Ich selber habe das Gefühl seit Jahren um mich herum Menschen abstürzen zu sehen. Manchmal frage ich mich: Wann bin ich dran? Und manchmal denke ich, ich mache alles richtig. Ich werde es erleben, und hoffentlich begreife ich es, bevor es zu spät ist. Und wenn nicht ich, dann hoffentlich jemand der mich mag.