Another day in paradise

Ich arbeite in einer niedrigschwelligen Drogenberatungsstelle. Meine Klienten sind Konsumenten harter, illegaler Drogen. Sie sind süchtig, viele von ihnen sind obdachlos, andere wohnen prekär. Fast alle Menschen, die ich täglich treffe, sind bei schlechter Gesundheit. Täglich erlebe ich Dinge, die man sich nicht ausdenken kann. In den ersten Wochen kam ich Tag für Tag nach Hause und war voll von Eindrücken, Geschichten und Elend. Inzwischen ist es selten wirklich schlimm. Am Klientel hat sich wenig geändert, nichts. Ich selbst hingegen bin offenbar abgestumpft.

Und dann war es grad Phil Collins, der mich dann doch fast umwarf. In „another day in paradise“ singt er:

„She calls out to the man on the street
He can see she’s been crying
She’s got blisters on the soles of her feet
She can’t walk but she’s trying“

und plötzlich rannte mir das Elend der vergangenen Tage durch den Kopf. Wunden, Hunger, Dreck, Angst, Verzweiflung, plötzlich war es einmal alles da, ganz nah. Bilder überschlugen sich und Sätze mischten sich ein. Habe ich wirklich aufgehört das alles zu sehen? Bin ich abgestumpft?

Einige Minuten später denke ich, dass es nicht so ist. Meine Toleranz für Elend ist gestiegen, vieles ist Alltag geworden. Und dies wiederum ist bitter nötig. Ohne die herausragende Fähigkeit des Gehirn, sich in manchen Fällen zu drosseln, wäre es vermutlich kaum möglich, sich dem allem täglich auszusetzen. Auch die hohe Akzeptanz mit der wir dort arbeiten wird erst dadurch möglich, dass wir nicht an jedem schrecklichen Detail verharren. Den Menschen als Ganzes zu sehen, in jeder Facette, ist so wichtig. Denn nur so werden aus den Junkies, die andere sehen, die oftmals wunderbaren Menschen, mit denen ich Tag täglich arbeiten darf.

Ein ständiger Begleiter

Schon ofters schrieb ich an dieser Stelle über meine Arbeit in der Drogenhilfe, über die Menschen mit denen ich zu tun habe, schwere Schicksale aber auch über wunderbare Begegnungen. Heute möchte ich den Fokus auf den ständigen Begleiter meines Jobs setzen, auf den, den keiner sehen will und der doch immer da ist. Der Tod gehört untrennbar zum Leben auf der Straße und zur Sucht.

Allein die Tatsache, auf der Straße zu leben, verkürzt das Leben ungemein. Selbst ohne jede Droge zehren Kälte, Unsicherheit und Stress am Körper, so dass die Lebenserwartung auf unter 50 Jahre sinkt. Menschen, die draußen pennen, die nirgendwo hin gehören und nicht willkommen sind, stehen konstant unter Stress. Endlose Vertreibung führt zu einem Leben auf der Flucht. „Die Stadt ist für alle da!“ heißt es und dennoch gilt dies nicht für die, die nicht ins saubere Bild passen. Hinzu kommen die oftmals harten Witterungsbedingungen und mangelnde hygienische Möglichkeiten. Öffentliche Duschen sind in fast jeder Stadt Mangelware, Orte an denen man Schutz vor extremer Sonne oder Kälte finden kann ebenso. Nicht zu vergessen sind Übergriffe, die in jeder Großstadt auf Obdachlose stattfinden. Immer wieder liest man von Menschen die im Schlaf angezündet wurden oder ähnlichem. Es ist grausam!

Kommt dann noch eine psychische Erkrankung oder/und eine Suchterkrankung hinzu, sinkt die Lebenserwartung noch einmal rapide. Der Konsum von Alkohol und/oder Drogen setzen dem Körper zusätzlich massiv zu. Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder HIV sind nach wie vor eine reale Gefahr, hinzu kommen weitere konsumbedingte Erkrankung die Leberzirrhose, Lungenerkrankungen oder Wunden. Auf der Straße hat der Körper kaum eine Möglichkeit zu regenerieren, außerdem ist die ärztliche Versorgung vieler Orts mangelhaft. Hat der Betroffene dann noch keine Krankenversicherung ist er in vielen Städten Deutschlands nach wie vor aufgeschmissen. Es fehlt an aufsuchender Arbeit, an sauberen Spritzen und gutem Verbandsmaterial.

Streetworker*innen haben die Möglichkeit, Betroffene auf zu suchen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Angebote zeigen signifikant Wirkung – sind jedoch vollkommen unterfinanziert. Auch Projekte wie Drogenkonsumräume, Spritzenausgaben und ärztliche Sprechstunden für Unversicherte sind noch lange nicht überall in Deutschland zu finden.

Obdach- beziehungsweise Wohnungslosigkeit sowie auch Sucht sind in aller Regel an psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Traumata oder Depression gebunden. Jede Lebensgeschichte, jeder Weg, den ein Mensch geht hat Gründe, die in aller Regel schwerwiegend sind. Ein schlecht ausgebautes Hilfssystem lässt immer noch viel zu viele Menschen zurück und ist nicht in der Lage, ihnen das zu bieten, was für sie im Augenblick richtig ist. Oftmals fehlt schlicht die Zeit herauszufinden, was überhaupt notwendig ist. Solange diese Missstände in der Drogen- und Wohnungslosenhilfe nicht behoben sind, werden wir Infektionskrankheiten behandeln, die hätten vermieden werden können. Wir werden Wunden verbinden, die völlig überflüssig sind und wir werden Menschen beerdigen, die man vielleicht hätte retten können. Solange aber die Politik nicht versteht, dass es günstiger ist richtig zu helfen, wird es genauso weitergehen wie bisher – aussichtslos.

Proud to be your mum!

Das A-Hörnchen erzählte eben, sie hätten in der Schule über „Obdachlose und so“ gesprochen. Dank meines Jobs ist das Thema bei uns häufig diskutiert, wir sprechen offen und viel über Wohnungslosigkeit, die Gründe und die Folgen. Ich erkundigte mich beim Hörnchen, worum es gegangen sei und er sagte es ginge um „deine Leute“ am Hauptbahnhof. Viele hätten Angst vor „denen“ und fänden sie ekelig. Andere sagten es sei schlimm, dass da keiner helfe, wieder andere seine der Meinung, jeder von „denen“ sei selbst schuld und solle halt aufhören. Ich hörte gespannt zu und fragte ihn ganz am Ende, ob er auch was gesagt hätte.

„Oh ja! Ich hab ganz viel gesagt“, antwortete er zu meiner großen Überraschung, und dann legte er los. Zunächst hat er den anderen erklärt, dass Wohnungslosigkeit jeden treffen kann, und dass es nicht so einfach ist wieder eine Wohnung zu finden. Er erklärte seinen Mitschülern, dass es zu wenig Wohnungen gibt und, dass viele von den Menschen, die auf der Straße wohnen, auch ein bisschen verrückt sind und das deshalb noch weniger gut können. Er erklärte, dass viele auch Alkohol trinken und Drogen nehmen und dass das eine Krankheit ist. Er erklärte die Mechanismen von Sucht und Entzug um deutlich zu machen, dass die Betroffenen nicht „einfach aufhören“ können. Am Ende hat er noch deutlich gemacht, dass es sehr wohl Hilfen für Bettoffene gibt, und dass viele Menschen am Bahnhof arbeiten um den Leuten da zu helfen; auch seine Mama.

Ja, er hat ein wahres Plädoyer hat er da gehalten, für die Menschlichkeit, für das Miteinander und dafür, die Menschen zu akzeptieren. Der Kerl ist 12 Jahre alt und steckt auf dem Gebiet der Menschlichkeit so manchen in die Tasche – und in jedem Fall fast alle Politiker.

Die Drogen und ich

Während des Studiums habe ich regelmäßig Referate halten müssen. In der Regel saßen zwischen 20 und 40 Mit-Studenten vor einem, an deren Gesichtern man gut ablesen konnte wie’s läuft. Waren nach 20 Minuten noch alle wach, lief es optimal, dämmerten wenige, war es ok. Schliefen 3/4 redete man langweiliges Zeug, so einfach war das.

Heute durfte ich im Rahmen der Bremer Suchtwoche einen Vortrag zum Thema „Drogenkonsumräume“ halten. Dreißig Menschen saßen da, nicht weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten. Um es vorweg zu nehmen, es war gut. Dennoch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich in den Minuten vor dem Beginn fast verstorben wäre. Kein Professor hatte das Thema vorgegeben, kein Wimi die Präsentation vorher begutachtet. Was ich zu sagen hatte stammte von mir, aus meinem Hirn und ein großer Teil auch aus meinem Herz. Denn das Thema „Illegale Drogen“, die damit verbundenen Debatten und der damit verbundene Kampf für die Rechte meiner Klinten ist eine gute Mischung aus Wissen und Leidenschaft.

Ja, wieder einmal weiß ich, wofür ich das mache. Überstunden, unbequeme Termine und hässliche Themen, all das ist bedingungsloser Inhalt des Jobs, dem ich mich verschrieben habe. Die Rechte drogenabhängiger Menschen kommen in allen Bereichen zu kurz. Die wenigen Hilfsangebote sind unterfinanziert, viele sind schlecht auf die besonderen Bedürfnisse unserer Klienten zugeschnitten. Den mangelnden Angeboten stehen mächtige Repressionen und Kriminalisierung gegenüber, denen, die eh kämpfen, die eh am Rande der Gesellschaft stehen, wird jede Teilhabe verwehrt.

Drogenhilfe bedeutet somit für mich nicht nur den Menschen zu helfen, zu vermitteln und möglichst unkompliziert Leben zu retten, sondern genauso für die jenigen ein Sprachrohr zu sein, die es selbst nicht sein können. Sucht ist eine schwere, lebenslange psychische Erkrankung. Keiner sucht es sich aus süchtig zu sein, niemand möchte unter den oft unwürdigen Bedingungen leben. Das Einhalten gewisser Mindeststandards hingegen ist ein Menschenrecht. Zugang zu sauberem Wasser, die Möglichkeit zum duschen und zur Toilettenbenutzung sowie gesundheitsfördernde Konsumbedingungen für schwerstabhängige sind das Mindeste was unsere Gesellschaft den zur Verfügung stellen können, die meistens als Kollateralschaden hinten herunter fallen. Denn hinter jeder Suchterkrankung steht auch eine Geschichte, steht eine Biografie, die fast immer geprägt ist von Gewalt-Erfahrung und Traumatisierung. Und wenn wir es schon nicht schaffen die Mitglieder unserer Gesellschaft vor Trauma und Gewalt zu schützen, sollten wir ihn wenigstens ermöglichen so gesund wie ist denn eben geht zu leben. Drogenkonsumsräume sind ein kleiner aber dennoch sehr elementarer Teil dieser Praxis.

Akzeptanz

Nicht immer verstehe ich was andere Menschen so tun; warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten, wieso sie sind wie sie sind. Nicht immer stehe ich hinter den Entscheidungen anderer, finde sie klug oder nett. Was ich dennoch immer kann ist akzeptieren. „Akzeptanz beschreibt die uneingeschränkte Bereitschaft zur Hinnahme eines Sachverhaltes, einer Situation und/oder einer Person„, heißt es und was so leicht klingt, ist oftmals so unsagbar schwer.

Einen Sachverhalt hinnehmen; klar. Das klingt total machbar und ist es doch oftmals nicht. Genau genommen gerät man fast täglich in Situationen, in denen man etwas anders machen würde, eine Entscheidung dumm, sinnlos, gemein, unfair oder fahrlässig findet. Wenn ein anderer sich schlecht ernährt, einer zu viel raucht oder zu viel am PC sitzt. Wenn einer sich unangemessen kleidet, sein Geld für Müll ausgiebt oder nie ein gutes Buch liest, dann kann man das registrieren, kann seine Meinung haben – angehen tut es einen jedoch nichts. Akzeptanz bedeutet es hinzunehmen, die Entscheidung des anderen anzunehmen und ihm nicht die eigene Meinung aufzudrücken.

In meinem beruflichen Alltag ist es manchmal schwer mit der Akzeptanz. Ich arbeite mit schwer Suchtkranken Menschen, die täglich Entscheidungen treffen, die mich erschaudern lassen. Akzeptanz jedoch ist die Grundlage meiner Arbeit. Die Lebenswirklichkeit des einzelnen zu erkennen, Entscheidungen zu akzeptieren und dann, gemeinsam mit dem Klienten, Perspektiven aufzubauen, darum geht es. Meine Meinung, meine eigene kleine Welt, ist hier nicht gefragt und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das, was mein Gegenüber anstrebt.

Man muss nicht alles gut finden, was andere so machen. Ebenfalls ist es oftmals ok Bedenken, Sorgen oder Ideen zu äußern. Dennoch sollte Akzeptanz im Alltag, ob privat oder beruflich, oberste Priorität haben. Denn wenn wir einander nicht akzeptieren, können wir nicht auf Augenhöhe miteinander agieren. Und wenn wir das nicht tun, sind wir nunmal scheiße.

Safer use

„Safer use“ könnte man im Prinzip mit einer Aussage wie „wenn du das schon machen musst, dann wenigstens so sicher wie möglich“. Im Bereich des Drogenkonsums ist die Bandbreite an Safer use Empfehlungen riesengroß und deckt weit mehr als das Bestreben ab, kein HIV durch dreckige Spritzen zu bekommen. Safer use ist heute Bestandteil jeder Drogenberatung und ein elementarer Teil der Gesunderhaltung der Klienten. Die Ausgabe sauberer Materialien ist ein Bestandteil, die Aufklärung ein weiterer. Beratungen können in verschiedensten Settings stattfinden. Auf der Straße, im Konsumraum oder bei einem Kaffee im Büro.

Die Tatsache, dass gebrauchte Spritzen gefährlich sind und Hepatitis und HIV sich darüber spielend leicht verbreiten können, ist spätestens seit der Aids-Welle Anfang der 90er überall bekannt. Tatsächlich sind es aber weit mehr Kleinigkeiten die beachtet werden sollten um Schlimmeres zu vermeiden. Es gibt zum Beispiel sog. Drug Check Programme, in denen die Konsumenten ihren Stoff analysieren lassen können. Der stark schwankende Wirkstoffgehalt und die vielen Streckmittel sind eine große Gefahr. Auch sind bei weitem nicht nur „Fixer“, also die jenigen, die intravenös konsumieren, betroffen. Auch beim Rauchen oder dem nasalen Konsum gibt es vieles was man beschaten kann und sollte.

Die Grundfesten jeder Beratung sind letztlich die Hygiene und das Setting. Jede Komponente des Konsumvorganges sollte sauber und unbenutzt sein, denn infizieren kann man sich zB. auch an einem dreckigen Geldschein, den man zum sniffen benutzt. Auch Körperhygiene und der Ort, an dem man konsumieren möchte, spielen eine Rolle. Neben dem sauberen Setting, sind auch der Konsum in Ruhe und nicht allein absichernde Komponenten. Je besser man sich auf den Konsum konzentrieren kann, je sorgfältiger man arbeiten kann, desto geringer ist die Gefahr von Infektionen oder einer Überdosis.

Die genannten Bedingungen sind für die meisten Betroffenen schwer herzustellen. Parks, Hinterhöfe oder Toiletten sind häufige Konsumorte. Werder Hygiene noch Ruhe sind hier zu finden. In immer mehr Städten gibt es deshalb inzwischen Konsunräume, in denen unter hygienischen und kontrollierten Bedingungen konsumiert werden kann. Medizinisches Personal agiert hier im Notfall – nicht das Gesetz der Astra. Diese Räume retten in jedem Jahr tausende Leben – und ermöglichen den Konsumenten ein Stück Leben zurückzubekommen. Denn der elende Konsum in Toiletten und Gebüschen ist immer nur die Notlösung. Niemand will das; leider bleibt oftmals nichts anderes übrig.

Schwellenabbau und Akzeptanz

Die Schwelligkeit eines Hilfsangebots beschreibt, wie viel Aufwand und Struktur ein potentieller Nutzer mitbringen muss, um Hilfen zu erhalten. Ein hochschwelliges Angebot ist zum Beispiel das Job Center; der Nutzer muss einen Termin erbitten, diesen einhalten, ggf. lange waren. Er muss Formalien wie Fristen einhalten und Formulare ausfüllen. Für Menschen, die sich in prekären Lebensverhältnissen befinden, ist dies kaum zu schaffen. Frustration, Misstrauen sowie dir Hürden des Alltags machen es um ein Vielfaches komplizierter als es eh schon ist.

Niedrigschwellige Angebote versuchen genau an diesem Punkt anzusetzen und dem Nutzer das Nutzen so leicht wie möglich zu machen. Die Einrichtungen haben zu bestimmten Zeiten geöffnet, je länger desto besser, und nehmen die Nutzer wie sie kommen. Zusätzlich arbeiten viele Einrichtungen mit Streetworkern, die auf der Szene versuchen Kontakte zu knüpfen und Ängste abzubauen. Wichtig ist, zu jederzeit im Kopf zu haben, dass die potentiellen Nutzer in aller Regel schwer traumatisiert sind und viele eine enorme Furcht vor dem Hilfesystem haben. Fingerspitzengefühl ist angesagt!

Die Comeback gGmbH in Bremen ist ein solches niedrigschwelliges Angebot. Die Zielgruppe sind Drogenabhängige, die Leistungen vielfältig. Der Kern der Einrichtung ist ein Café in dem man sich aufhalten kann. Die Nutzer können hier zur Ruhe kommen, für ein paar Stunden dem harten Leben „da draußen“ entkommen. Es gibt kostenlosen Kaffee, ein günstiges Frühstück und mittags frisch Gekochtes für 1,50€. Viele kommen um zu plaudern, andere suchen Ruhe. Neben dem Aufenthalt im Café kann man Wäsche waschen, duschen, Lebensmittel von der Tafel bekommen oder sich in der Kleiderkammer ausstatten. Auch der Erwerb sauberer Spritzen und Verbandsmaterialien gehört dazu. Ein wichtiger Bestandteil der Einrichtung ist die medizinische Ambulanz, in der neben Wundversorgung zB. auch EKGs geschrieben werden können. Täglich sind hier ein Arzt und eine Krankenschwester im Einsatz und versorgen die jenigen, die es in einer Hausarztpraxis schwer hätten.

Natürlich sind es nicht das Mittagessen und die frischen Klamotten, die langfristig helfen. Die Problemlagen der Nutzer sind vielfältig und so arbeiten in jeder Schicht Sozialarbeiter, die sich den Problemen und Nöten annehmen. Mit viel Zeit und einem feinen Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen gelingt es dann, einen Draht zu den Nutzern aufzubauen und die wirklich pikanten Theman anzugehen. HIV und Hepatitis, Wohnungslosigkeit, Strafverfolgung gehören dazu, ebenso wie der Wunsch nach „Entgiftung“ und Therapie. Die Palette ist schier unendlich und jeder einzelne hat sein eigenes Päckchen zu tragen.

Manche Meschen begleitet man über Jahre, andere sind nur auf der Durchreise. Einige schaffen den Weg raus, in ein geregeltes Leben; viele nicht. Sucht ist eine schwere chronische Erkrankung. Das Leben, dass die Nutzer führen, ist hart, schmerzlich und nicht immer für uns Helfer nachvollziehbar. Deshalb ist eine wichtige Säule der Arbeit in diesem Bereich die Akzeptanz. Ich kann nicht alles verstehen, aber ich kann es akzeptieren!

Übrigens, die Drogenhilfe ist spärlich finanziert. Über Geld- und Sachspenden freuen sich Einrichtungen in jeder Stadt.

Mehr als nur ein Job

Eine Freundin und Leserin stieß vor einigen Tagen auf diesen Beitrag vom Juni 2016:

https://muetterchenfrost.wordpress.com/2016/06/22/letzte-tage/

Ich hatte mein Praktikum in der Drogenhilfe beendet und war beflügelt und inspiziert. Für mich war klar, da soll es hingehen!

Heute, zweieinhalb Jahre später, bin ich angekommen. Auf einigen Umwegen hat es am Ende geklappt. Seit Juni 2018 fahre ich jeden Morgen an den Ort, an den ich fahren möchte – in die Drogenberatungsstelle. Erst kürzlich sprach ich in einem Gespräch mit der Chefin aus wie es ist: Das war ich mache ist weit mehr als nur ein Job. Es ist Leidenschaft, Passion, Hingabe! Das Thema „Sucht“ fasziniert mich, die Menschen mit denen ich arbeite, ihre Geschichten, ihre Schicksale, motivieren und beeindrucken mich immer wieder und mein Antrieb ist nicht stumpf zu helfen, sondern etwas zu verändern.

In den kommenden Tagen werde ich mich der Drogenhilfe widmen, ihren Aufgaben, Klienten und ihren Problemen. Falls ihr Fragen habt, rund um die Themen: Sucht, Droge, Substitution – fragt bitte.

Akzept Kongress

In den letzten Tagen fand in Hamburg der Akzept Kongress für akzeptierende Drogenarbeit statt. Als Mitarbeiterin einer Drogenhilfeeinrichtung nahm ich Teil und stopfte allerlei Erkenntnisse und Erfahrungen in meinem Kopf. Die Drogenpolitik in Deutschland ist immer noch weitestgehend hinterweltlich, wir leben in einem drogenpolitischem Entwicklingsland. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan.

Sucht ist inzwischen als eine lebenslage, chronische Erkrankung anerkannt. Endlich beginnt sich die Sicht auf Sucht dahin zu wandeln, dass der Patient nicht schuldig und eigenverantwortlich für seine Erkrankung ist. Hinter jeder Sucht steht eine Geschichte, häufig keine schöne. Dies zeigt ganz deutlich, dass die Sucht ein Kanal ist eine Erfahrung, ein Trauma oder Emotionen zu verarbeiten. Ebenso wie psychische Erkrankungen ergreift Sucht Besitz und fragt nicht höflich, ob sie gewollt ist. Der Betroffene hat Anspruch auf Behandlung, Therapie und volle Inklusion.

Ebenfalls erfreulich ist, dass die Rollen von Nikotin, Alkohol und Cannabis sich um-formieren. Während Zigaretten und Alkohol lange als legale Rauschmittel vollkommen ok waren, wurde Cannabis bis vor wenigen Monaten als Droge gehandelt, wie Komain oder Heroin. Inzwischen zeigt die Studienlage deutlich, dass Cannabiskonsum, ebenso wie Alkoholübrigens, erst dann Schäden erzeugt, wenn er regelmäßig, intensiv und über einen langen Zeitraum erfolgt. Was Cannabis deutlich vom Alkohol unterscheidet, ist die Reversibilität der Schäden. So weiß man, dass chronischer Alkoholkonsum das Hirn irreversibel schädigt, chronifiziertes Kiffen jedoch zwar die kognitive Leistung einschränkt, dieser Effekt jedoch nach dem Absetzen des Cannabis nicht anhält.

Cannabis ist inzwischen in Deutschland als Arznei zugelassen. Hierbei ist für die reine Verschreibung keine medizinische Indikation vorgegeben; der Gesetzgeber schließt also prinzipiell kein Symptombild aus. Die Verschreibung dürfen außerdem alle Ärzte vornehmen, bis auf Zahnärzte. Lediglich in der Übernahme durch die Krankenkasse liegen einige Probleme: Die Kassen fördern für die Übernahme der Kosten, dass der Patient „austherapiert“ ist. Das bedeutet, dass er alle herkömmlichen Behandlungen und Medikamente schon ausprobiert hat und diese keine Wirkung gezeigt haben. Das Problem hierbei ist, dass ein Patient mit einer manifesten Depression, der vielleicht sogar weiß, dass Cannabis ihm hilft, zunächst eine breite Palette an Psychopharmaka testen muss, von denen einige sogar abhängig machen und andere die Persönlichkeit verändern. Auch Schnerzpatienten werden genötigt, zunächst alle verfügbaren Analgetika zu probieren, inklusive harter Opiate. Keine gute Lösung! Was bleibt ist das teure Privatrezept. Übrigens, Cannabis als Arzneimittel ist nicht automatisch „was zu rauchen“. Viele Produkte sind als unauffällige Tropfen zu bekommen und ein gut mit Cannabis eingestellter Patient darf sogar Auto fahren – was gut eingestellte Alkoholiker nicht dürfen.

Erfreulich ist, dass es in vielen vielen Städten in Deutschland inzwischen Drogenkonsumräume gibt, in denen Konsumenten sich unter hygienischen Bedingungen die selbstmitgebrachten Drogen spritzen können. Auch Rauchräume gibt es übrigens. Die Vorteile dieser Einrichtungen sind, neben den hygienischen Bedingungen und dem sauberen Spritzbesteck, dass geschultes Personal da ist, das im Notfall sofort handeln kann. Hierbei geht es nicht nur um Überdosierung sondern auch um die vielen Beimengungen, die im Stoff so drin sind. Inzwischen weiß man sicher, dass sowohl die Zahl der Drogentoten als auch die Zahl von konsumbedingten Erkrankungen wie Hepatitis oder HIV deutlich durch die Konsumräume zurückgehen. Die Verelendung der Konsumenten kann aufgehalten werden und auch der öffentliche Raum wird entlastet.

Ebenfalls neu ist das Drugchecking, dass in der Schweiz und in Österreich schon seit den 90er Jahren dazu gehört. Dieses ermöglicht dem Konsumenten seinen Stoff überprüfen zu lassen; auf den Wirkstoffgehalt und die Streckstoffe. Die Ergebnisse sind alarmierend! Der Wirkstoffgehalt von Strassenheroin zB. beträgt zwischen 3% und 15%. Hierdurch ist eine Überdosis vorprogrammiert; sieht man die Menge dem Stoff schlicht nicht an. Die übrigen 97% – 85% sind oftmals ein buntes Allerlei aus Paracetamol, ASS, anderen billigeren Opiaten oder nicht allzu selten auch Rattengift oder jeglicher anderen pulvrigen, weiße Substanz. Wichtig beim Drugcheck ist, die Ergebnisse mit dem Konsumenten zu besprechen, nach Möglichkeiten zu suchen; eben als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Es geht um viel mehr als den Dreck zu erkennen.

Meine Essenz aus zwei Tagen Input ist ganz klar, dass noch viel vor mir liegt. Ich genieße es, einen Arbeitsbereich gefunden zu haben, der mir so viel gibt und dem ich so viel zurück geben kann. Ich liebe meinen Job, habe schwer Bock was zu verändern und bin endlich angekommen.