Mehr als nur ein Job

Eine Freundin und Leserin stieß vor einigen Tagen auf diesen Beitrag vom Juni 2016:

https://muetterchenfrost.wordpress.com/2016/06/22/letzte-tage/

Ich hatte mein Praktikum in der Drogenhilfe beendet und war beflügelt und inspiziert. Für mich war klar, da soll es hingehen!

Heute, zweieinhalb Jahre später, bin ich angekommen. Auf einigen Umwegen hat es am Ende geklappt. Seit Juni 2018 fahre ich jeden Morgen an den Ort, an den ich fahren möchte – in die Drogenberatungsstelle. Erst kürzlich sprach ich in einem Gespräch mit der Chefin aus wie es ist: Das war ich mache ist weit mehr als nur ein Job. Es ist Leidenschaft, Passion, Hingabe! Das Thema „Sucht“ fasziniert mich, die Menschen mit denen ich arbeite, ihre Geschichten, ihre Schicksale, motivieren und beeindrucken mich immer wieder und mein Antrieb ist nicht stumpf zu helfen, sondern etwas zu verändern.

In den kommenden Tagen werde ich mich der Drogenhilfe widmen, ihren Aufgaben, Klienten und ihren Problemen. Falls ihr Fragen habt, rund um die Themen: Sucht, Droge, Substitution – fragt bitte.

Der Neue

Nach fünf Wochen im neuen Job bin ich so Mittel angekommen, habe langsam das meiste grob durchschaut und eine ganze Reihe Arbeit an Land gezogen. Ich bin jetzt ein Teil des Drogenhilfesystems unserer Stadt; etwas das ich lange wollte und für das ich gekämpft habe. Ich berate Schwangere Frauen mit Drogenthematik sowie Mütter bzw. Eltern nach der Geburt bis zum 2. Geburtstag des Kindes. Meine Stelle versteht sich als Schnittstelle zwischen Drogenhilfe und Kinderschutz; ich vermittle zwischen beiden Hilfesystemen, berate in drogenspezifischen fragen, mache die Therapievermittlung und bin halt irgehdwie da.

Was sich so runter geschrieben nich ganz easy anhört, ist in Realität irgendwas zwischen lehrreich, interessant, wunderschön und tottraurig. Ohne weit auszuholen kann ich sagen, dass die Fälle von traumhafter Familienidylle mit Vater Mutter Kind in eigener Wohnung bin hin zum großen Alptraum reichen. All das gehört dazu, all das ist Alltag. Nach so manchem Tag bin ich platt und wie überfahren, so viele Schicksal, so viel Traurigem, Grausamem oder Überraschendem, dass binnen weniger Stunden durch meinen Kopf fährt wie ein D-Zug.

Abgrenzung, Psychohygiene und Reflexion; Begriffe, die im Studium gebetsmühlenartig wiederholt wurden, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Und trotzdem möchte ich keinen Tag und keine Stunde missen. Ich liebe es eine so wichtige und intensive Arbeit zu machen und freue mich über jedes Fünkchen an Aufklärung, dass ich irgehdwo leisten kann. Deutschland ist, nicht nur in Sachen Drogen, ein Entwicklungsland und noch meilenweit bin einer effektiven und guten Prävention entfernt. Ich hoffe in den kommenden vielen Jahren Teil eines Prozesses sein zu dürfen; hin zu einer liberalen und menschlichen Drogenpolitik ohne Repression.

Drogenpolitik

Man hat bei Volker Beck Crystal Meth gefunden. Keine feine Sache auf der einen Seite, auf der anderen Seite ein Dilikt, das inzwischen so viele Menschen begehen, dass es fast nichts besonderes mehr ist. Der Unterschied zu vielen anderen: Sie lassen sich nicht erwischen. Sie, diese Ärzte, Studenten oder Hausfrauen. All diese Menschen, die mehr leisten müssen als sie können, dir entweder pushen oder downen um ihren Alltag zu überstehen. 

Drogen gab es schon immer, in allen Kulturen. Aber nie war die Drogenpolitik so verfahren wie heute. Verbote kriminalisieren und die Kriminalisierung macht den Schwarzmarkt, der geht auf die Qualität und zwingt den Konsumenten wiederum in die Kriminalität- und nur zu oft in die Verwahrlosung. 

Modelle zum kontrollierteren Umgang auch mit sog. harten Drogen gibt es. Viele zeigten durchaus Erfolge, durchgesetzt hat sich keines. Traurig, sind zum Beispiel durch eine legale Abgabe von reinem Heroin etliche Probleme recht gut zu kontrollieren. Angefangen bei der Entkriminalisierung der Konsumenten sind auch die körperlichen Effekte enorm. Sauberer Stoff, sauberer Konsum und eine Leben frei vom Beschaffungsstress lassen den Konsumenten ein geregeltes Leben führen, ohne HIV, Hepatitis, Trombosen und all den andern. Ein Blick auf die Diagnostischen Leitlinien aus dem für Suchterkrankungen (DSM 5) zeigt, dass von elf Kriterien sechs durch eine geregelte, legale Abgabe von sauberem Stoff mehr oder weniger passee wären:

1. Wiederholter Konsum, der zu einem Versagen bei der
Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in
der Schule oder zu Hause führt

2. Wiederholter Konsum in Situationen, in denen es
aufgrund des Konsums zu einerkörperlichen  Gefährdung kommen kann

3. Wiederholter Konsum trotz ständiger oder wieder-
holter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme 

4. Toleranzentwicklung gekennzeichnet durch Dosis-
steigerung oder verminderte Wirkung

5. Entzugssymptome oder deren Vermeidung durch
Substanzkonsum

6. Konsum länger oder in größeren Mengen als geplant
(Kontrollverlust)

7. Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche der
Kontrolle

8. Hoher Zeitaufwand für Beschaffung und Konsum der
Substanz sowie Erholen von der Wirkung

9. Aufgabe oder Reduzierung von Aktivitäten zugunsten
des Substanzkonsums

10. Fortgesetzter Gebrauch trotz Kenntnis von körperlichen oder psychischen Problemen

11. Craving, starkes Verlangen oder Drang die Substanz zu
Konsumieren

Die Entzugsproblematik und die Abhängigkeit würden selbstverständlich bleiben. Man verstehe mich nicht falsch, ich möchte auf keinen Fall den Konsum von Drogen verharmlosen.  Jedoch ist es mir nicht begreiflich, wie eine Gesellschaft einerseits alles dafür tuen kann, ihre Mitglieder zum Konsum zu verleiten, und andererseits alles dafür tut, den Mitglieder dieser mitverschuldeten Subkultur das Leben möglichst schwer zu machen. Die Drogenpolitik der vielen letzten Jahre hat nichts verbessert, keinem genützt. Es ist Zeit umzudenken. Wenn jetzt sogar schon Politiker Drogen nehmen….