Die Arme!

Ich war stets darum bemüht, meinen Hörnchen viel vom Großen Ganzen mitzugeben, Sie über die Ganzheitlichkeit von Dingen auf zu klären. Was fühle ich, was fühlt mein gegenüber? Wie geht es dir wenn ich das mit dir mache? Was ist fair, was ist unfair? All das sind Dinge, die uns im Alltag begleiten und die ich häufig mit meinen Kindern thematisiere. Als ein Resultat dieses Umgangs, ist das A – Hörnchen seit vielen Jahren selbstgewählter Vegetarier. Seit er vier Jahre alt ist, verzichtet er auf Fleisch und ist dabei so genau, dass er weder Haribo noch Käse mit tierischem Lab anrührt. Er möchte nichts essen, dass aus Tier gemacht ist – völlig klar! Ich respektiere das und sorge seit inzwischen sieben Jahren dafür, dass er ausreichend versorgt ist und immer einen Ausweichessen hat.

Auch sonst sind meine Kinder durch und durch empathische Wesen. Sie wissen wirklich gut Bescheid in der eigenartigen Welt der Gefühle und Emotionen. Eben war ich dann aber doch noch einmal überrascht. Gerade war ich dabei, Kürbisbrötchen zu formen, da kam das D-Hörnchen dazu. Er erkundigte sich nach den Zutaten, fragte nach der Hefe und bestaunte den braunen Würfel. Auf die Nachfrage, wie die Hefe es anstelle, dass das Brot immer dicker werde, erklärte ich ihm die kleine Lebensform und das “Atmen“ in dem Backwerk auf, dass das das Wachstum bewirke. Das kleine Männlein traf daraufhin fast der Schlag.

Er hatte fürchterliches Mitleid mit der Hefe und fand es ganz und gar nicht in Ordnung sie zu kneten. Als ihm dann bewusst wurde, dass die Hefe nach dem Atmen auch noch gebacken werden würde, geriet er völlig aus der Haut. Das ist Tierquälerei! Sowas ist überhaupt nicht in Ordnung und mindestens und genau so schlimm, wie Spinnen die Beine auszureißen oder Frösche tot zu treten. Es kostete mich viele Worte und einige Mühen dieses Problem zu lösen. Mitleid wird er wahrscheinlich auch morgen früh noch mit der Hefe haben, nachdem ich sie aber auf das Niveau von Champignons runter geredet hatte, war es ihm wieder möglich darüber nachzudenken, sie vielleicht trotzdem zu essen. Denn Pilze… Naja! Sind eben Pilze.

Es beginnt bei jedem von uns

In Berlin wurden zwei Obdachlose im Schlaf angezündet, in Dresden rufen hunderte „absaufen“ in lauten Chören auf einer Kundgebung der AFD, im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen und ebenso täglich gehen wir in den Fußgängerzonen der Republik an Menschen in Not vorbei ohne sie auch nur wahrzunehmen. Der Mensch verroht, in den letzten Monaten in Höchstgeschwindigkeit. Hass wird immer salonfähiger; Äußerungen, die die Menschenwürde verletzen und zum Tod einzelner aufrufen, werden auf der großen Bühne getroffen und bejubelt. Auf die Frage wie sowas passieren kann, gibt es keine einfache Antwort. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die mangelnde Empathie, die Abstumpfung und die Prägung durch die Umwelt des einzelnen.

Empathie ist die Fähigkeit des einzelnen, sich emotional in andere hineinzuversetzen. Als Basis hierfür braucht der Mensch Kenntnis über seine eigenen Emotionen. Diese erlangt er während seiner frühen Kindheit. Über gemachte Erfahrungen und eine Bindungsperson lernen Kinder zu unterscheiden, ob sie eher wütend sind oder eher traurig, ob sie sich freuen oder eigentlich aufgeregt sind, ob etwas Angst oder Ekel ist. Sie lernen ihre Emotionen zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Im nächsten Zug beginnen sie im Kindergartenalter, die Emotionen des anderen zu erkennen. „Er weint weil er Aua hat!“ ist eine bahnbrechende Erkenntnis, die darauf aufbauende, dass „pusten und trösten“ guttut, ist dann die Königsdisziplin. Menschen, die diese wichtigen Schritte nicht gelernt haben, sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage abzuleiten, wie welche Handlungen beim Gegenüber ankommen. Hinzu kommt eine oftmals schlechte Regulation der eigenen Emotionen, was die Aggressionen noch anfeuert.

Natürlich zündet nicht jeder, der in seiner Kindheit zu wenig mit Emotionen zu tun hatte Obdachlose an! Der zweite Faktor ist eine Abstumpfung in Sachen Gewalt. Jede Gewalttat, in die ein Mensch verwickelt ist, macht die nächste wahrscheinlicher. Verbale Wortgefechte, Rangeleien, ein aggressiver Umgangston sind oft der Beginn. Bei vielem Menschen wird schon hier schnell klar, dass dieser Weg nicht gut sein kann, man steigt aus, das Hirn zieht eine klare Grenze. Tut es das aber nicht, weil in Sachen Empathie nicht viel passiert und weil ja die Gewalt bisher auch keine negativen Folgen hatte, macht der Mensch weiter und jede geglücktes Aktion legitimiert die nächste.

Allgemein ist es erschreckend, wie sehr unsere Gesellschaft in Sachen Gewalt schon abgestumpft ist. Denn die Absumpfung findet nicht nur beim einzelnen statt. Jeder einzelne von uns lernt jeden Tag Not, Elend und Gewalt nicht wahrzunehmen. Angst und Hilflosigkeit sind hier der Motor. Eine Schlägerei in der Öffentlichkeit; zu gefährlich. Diskriminierung in der Bahn; was soll man da sagen. Auch Menschen in Not werden nicht gesehen, sie laufen oftmals unter dem Radar – das ist sicherer und was soll man denn auch tun. Die Angst etwas falsch zu machen, in etwas verwickelt zu werden oder selbst in Not zu geraten ist zu groß, und so schalten wir ab, bleiben auf Abstand.

Die Angst spielt auch im letzten Punkt eine große Rolle. Panikmache durch Parteien oder Gruppierungen, Angst die in den Familien geschürt wird, erstellen ein Feindbild von allem was fremd und neu ist. Fehlende Empathie begünstigt die Erstellung des Feindbildes und schürt neue Ängste. Ängst führt zu dem Bedürfnis nach Schutz und kompensiert sich in Agression. Hier schließt sich der Kreis. Alle die, die irgendwie fremd oder eben nicht in der persönlichen Norm sind, sind falsch und potentiell gefährlich. Wer gefährlich ist muss – und das ist neu – darf offen bekämpft werden. Und da dagegen auch kaum einer was sagt, muss es ok sein.

Was tun? Zunächst muss jeder bei sich selbst genau hinsehen. Wie nehme ich die Welt wahr, wie offen bin ich? Im zweiten Schritt kann man beobachten, wie man in komplexeren, potentiell überfordernden Situationen reagiert, wovor man Angst hat, um dann zu überprüfen, wie berechtigt diese sind. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel, geht mit offenen Augen durch’s Leben und mischt euch sein. Jeder Eklat der verhindert wurde, jede Form von Gewalt, die unterbunden wurde, hemmt eine weitere. Die Spiale kann umgedreht werden, von jedem von uns.

Resilienz

„Wie kann man in diese Welt noch Kinder setzen?“ Immer öfter höre ich diesen Satz. Meine Antwort ist leicht wenn auch nicht mehr selbstverständlich. Ich setzte nicht einfach Kinder in diese Welt! Ich erziehe sie zu starken, selbstbewussten Wesen, die dieser Welt nicht ausgesetzt sind, sondern sie verändern.

In der Psychologie gibt es den Begriff der „Resilienz“, der seelischen Robustheit oder Wiederstandskraft. Jeder Mensch wird mit einer Grundausstattung an Resilienz geboren. Diese ist jedoch nicht statisch; seine Umwelt und die Erziehung die er erhält bauen die Resilienz weiter aus – oder zerstören sie.

Ich möchte mich hier mit dem Ausbau von Resilienz beschäftigen. Bestimmt wird sie von diesen sechs Faktoren:

1. Die Fähigkeit, eigenen Gefühle bewusst zu erleben. Wer seien Gefühle klar erkennen und bewerten kann, der ist ihnen nicht schutzlos ausgeliefert. Ausgeliefert sein bereitet Stress, Angst und Unsicherheit. Der eigenen Gefühle Herr zu sein macht stark. Mit Kindern kann man üben Gefühle zu erkennen und zu deuten. Ist das grad Scham, Wut oder Ekel? Bin ich glücklich oder ist es etwas anderes?

2. Die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu regulieren. Hat man ein Gefühl wie „Wut“ enttarnt, ist dies eine Erkenntnis, hilft einem aber noch nicht zwingend weiter. Was hilft mir wenn ich wütend bin, was wünsche ich mir wenn ich traurig bin. Es geht darum, Kenntnis darüber zu erlangen, wie man einen guten Ist-Zustand selbstwirksam wieder herstellen kann.

3. Die eigenen Stärken gut kennen. Was kann ich eigentlich so richtig gut? Wer das weiß, hat eine Auswahl an Handlungen, die er sich zu nutzen machen kann. Denn Dinge, die wir gut können, helfen uns durch so manches Tief. Auch Kinder sollten erkennen was sie gut können, was sie auszeichnet.

4. Kontaktfreudig sein. Der Mensch ist ein hochsoziales Wesen. Die aller meisten von uns brauchen soziale Kontakte um zufrieden zu sein. Mindestens genauso wichtig ist der Fakt, dass ein großes Soziales Netz uns in Kriesen helfen kann. Der schlimmste Liebeskummer ist besser auszuhalten, wenn man der besten Freundin die Schulter nass heulen kann.

5. Probleme lösen können. Wer ein Set an guten Problemlösungen im Koffer hat, kommt besser zurecht. Sich selbst helfen zu können, im Notfall einen klaren Kopf zu behalten und Probleme zu erkennen sind praktisch unabdingbare Fähigkeiten. Beginnen tut es im kleinen. Steht das Kind an der Haltestelle und der Bus kommt nicht, gibt es dutzende Möglichkeiten. „Nichts tun“ ist mit Sicherheit die schlechteste.

6. Wege der Stressbewältigung kennen. Wenn es doch ein mal zu viel wird, ist es gut mit dem Stress umgehen zu können. Babys beruhigen sich durch nuckeln, viele Erwachsene durch Sport. Jeder hat seinen eigenen Weg, auch Kinder sollte man ermutigen Stress abzubauen.

Was alle sechs Punkte gemeinsam haben ist, dass ein Kind Erfahrungen und Übung braucht um gut darin zu werden. Wer nie einem Problem ausgesetzt ist, der kann auch keine lösen. Von wem alle negativen Gefühle wie Trauer, Angst oder Wut fern gehalten werden, der kann sie nicht erkennen und bewältigen. Kinder brauchen keine Sichere Blase, in der sie frei von allem negativen ausgewachsen. Sicher, sie brauchen Schutz vor elementaren Gefahren, sie brauchen Begleitung und Orientierung durch die Großen; vor allem aber brauchen sie Freiheit um zu wachsen.

Wer abends im Dunkeln allein durch den Park geht hat Angst – und macht es so schnell nicht wieder. Wenn man etwas mal nicht bekommt ist man bitter enttäuscht – und lernt damit umzugehen. Wer die Hausaufgaben nicht macht bekommt Ärger- und überlegt sich beim nächsten mal doppelt was er will. Jeder kleiner Misserfolg, jeder Dämpfer und jedes Autsch machen und größer; ein Leben lang.

Zora

Eben klemmte ich mir böse den Daumen im Geschirrspüler. Nicht gerade heldenhaft, dafür sehr schmerzhaft. Ich hüpfte, meinen Daumen pustend und schreiend, durch die Küche und schnell war das A-Hörnchen da. Er erkundigte sich was passiert sei und nahm mich tröstend in den Arm. Ich sah ihn verstört an und fragte:“ Sag mal A-Hörnchen, gibt es außer mir noch einen Erwachsenen, dem ständig so dumme Sachen passieren?“ A-Hörnchen dachte kurz an und sagte dann überzeugt und doch leicht zögernd: „Zora?!“

Zora ist meine beste Freundin, seit immer. Und seit mindestens schon immer verfolgen wir einen unausgesprochen Wettbewerb. Wir kämpfen um den Preis für die größte anzustellende Dummheit. Gut sind wir beide, das steht außer Frage. Was wir neben selbstverletzenden Dummheiten ganz besonders gut beherrschen ist es, in Situation verwickelt zu werden, in denen andere Menschen sich vollkommen absurd verhalten.

Das zauberhafte an dem Moment mit der bösen Spülmaschine ist jedoch nicht etwa die Dummheit. Was mich verzaubert hat ist A-Hörnchens großes Empfinden für den Moment. Seine Empathie ist immer wieder überwältigend, ebenso wie sein Sinn für Humor. Ich liebe diesen kleinen großen Kerl!!

St. Petersburg 

Seltsamerweise treffen mich einige Terroranschläge mehr als andere. Ich weiß selber nicht woran dies liegt, ist es das betroffenes Land, die Stadt oder der Moment in dem ich es erfahre? Hat es mit der Nähe zu mir zu tun oder ist es die Art und weise. Ich hab wirklich keine Idee. Möglicherweise aber hat es mit der Frequenz zu tun, mit der Häufigkeit, in der Anschläge  passieren. Es kommt mir tatsächlich vor, als verweigere mein Hirn eine ständige Auseinandersetzung mit Angst und Gewalt. Ernsthafte Empathie schaltet sich schon lange nicht mehr bei jedem Anschlag hinzu. 

Und so komme ich mir irgendwie abgestumpf vor. Ich höre die Nachricht „Terror in England, Bangladesch, Paris“ aber irgendwie kommt sie kaum noch bei mir an. Schwer erschreckend, ich dachte immer ich hatte mich bemüht eben nicht so ein stumpfer Block zu werden. Und trotzdem gewöhnt man sich irgendwann an alles. Es ist wie mit einer chronischen Krankheit. Sie ist da, stört und beeinträchtigt einen, man lernt mit ihr zu leben und sich zu arrangieren. Im Falle von MS oder Asthma ist das sich er klug; aber im Falle von Gewalt? Bestimmt nicht!

Es ist kompliziert. Denn geht man davon aus, dass die Angst und der Schrecken das Mittel der Wahl sind, um den Terror wirksam zu machen, sind Panik und Rückzug ebenfalls vollkommen falsch. Das was fehlt ist Empathie. Echtes, bloßes Mitgefühl mit den Opfern und den Angehörigen, emotional am Ball zu bleiben. Eben nicht abzustumpfen. Und das Ganze bitte ohne panisch im Kreis zu laufen und schlimmsten Falls  selber Hass zu produzieren. Mensch bleiben, nicht mehr und nicht weniger! 

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

Es ist Nacht. Draußen schreit ein Kind. Ein kleines Kind. Mein Kopf fährt Achterbahn. Ich muss das Kind retten, tausend Szenarien durchlaufen in wenigen Sekunden mein Hirn. Ich eile an die Tür, bereit diesen schlechten, verantwortungslosen Eltern ihr Kind zu entreißen. Wie oft wohl meine Nachbarn schon meine Kinder nachts gehört haben, was sie wohl gedacht haben. Ob es wahrgenommen wurde wenn A-Hörnchen Stunde um Stunde vor Wut schrie? Ob jemand B-Hörnchens Kreischen hörte, wenn sie Nachts Pipi musste und es selber nicht verstand und hilflos in meinen Armen schrie.. Ob jemand mein Schreien hörte, wenn ich in der 4. schlaflosen Nacht in Folge morgens um fünf ein heulendes Baby an den Menne übergab weil ich dachte ich müsste es .. 

Wann mischt man sich ein? Wann hört man genug, wann zuviel, wann zu wenig? Hätte in all den genannten Situationen ein Nachbar geklingelt; ich wäre warscheinlich ausgerastet. Andererseits hätte es schon viele Kinder gerettet wenn jemand geklingelt hätte. Manchmal wünschte ich mir ich wäre stumpf. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Wie glücklich müssen dumme sein. 

Flüchtlings-Apokalypse 

Glaubt man den Parolen von Alexander Gauland, steht Deutschland eine Zombie Apokalypse direkt bevor. „Wir müssen die Grenzen dicht machen und dann die grausamen Bilder aushalten“, sagt er. Und von Kinderaugen dürfe man sich nicht erpressen lassen.

Unfassbare Worte, die selbst dann nicht wahr wären, wenn Deutschland die letzte ummauerte Enklave in einer globalen Zombie Apokalypse wäre. Denn so klingt das, was er da von sich gibt. Als wäre die Lage so aussichtslos, dass das einzige was wir noch tun könnten ausharren wäre, und hoffen, dass die Zombies die Mauer nicht überklettern. Unfassbar.

Und vor allem so unmenschlich. Was auch immer in diesem Mann vorgeht, ich möchte ihm, als Mensch der auf Hilfe angewiesen ist, nicht ausgeliefert sein. Vollkommen realitätsfern und frei von Empathie bietet er uns einen Einblick in das Denken derer, die vor 75 Jahren millionen Menschen skrupellos getötet und gequält haben. Ja, wenn man so denket wie Alexander Gauland, dann weiß man, wie das damals geschehen konnte.

Liebe Menschen in diesem ach so zivilisierten Land, uns droht keine Gefahr! Wir sollten keine Bilder des Schreckens ertragen, wir sollten dazu beitragen, dass es keine gibt. Kein Waffenhandel, humanitäre Flucht, verkürzte Ruten und eine Integration, die ihren Namen verdient. Es klingt doch ganz und gar nicht zum fürchten. Es klingt nach gemeinsam, in Frieden, zusammen.