Ich hasse Pubertäten

Leider komme ich zu der Erkenntnis, dass ich keine vier Pubertäten überleben werde. Genau genommen schaffe ich vermutlich keine einzige, denn das was allein die aller ersten Ausläufer machen, treibt mich an den Rand des Wahnsinns.

Ich selber war eine pubertierende Pest. Heute ziehe ich den Hut vor jedem, der es zwischen dem 13. und dem 17. Lebensjahr mit mir ausgehalten hat. Ja, ich war ein störrischer, nerviger Kotzbrocken, habe meine Eltern durchgängig an den Rand des Wahnsinns getrieben, und nicht nur die. Ich war dagegen, egal worum es ging. Ich musste alles testen, ging an jede Grenze und überschritt so einige. Nun ja, es ging vorbei, alle haben überlebt.

Heute ist es mein A-Hörnchen, dass mich neue Grenzen erreichen lässt. Mit einem unfassbaren Diskussionstalent, Treffgenauigkeit und beachtlicher Penetranz dominiert er derzeit jede Sekunde meines Alltags und zeigt mir immer wieder aufs neue, dass ich das Leben noch lange nicht zu Ende Gedacht habe. Wir streiten mit Leidenschaft, laut und intensiv. Wir argumentieren uns schon heute in Grund und Boden und müssen immer wieder das Gefüge von Autorität und Augenhöhe ausloten. Das Freiheitsbestreben meines Sohnes ist beachtlich, er erobert sich jeden Tag ein paar Quadratmeter mehr und arbeitet hart daran sich vom mir dominanter Ober-Mama abzugrenzen. Eine harte Aufgabe. Dennoch habe ich keinen Zweifel daran, dass er am Ende ein großartiger, persönlichkeitsstarker und selbstständiger Junger Erwachsener sein wird. Meine Währung sind Nerven, mein Lohn das Ergebnis – starke Kinder.

Und jetzt bitte einen Portion Mitleid; oder Kekse. Oder Schnaps. Oder beides.

Immer motzt du

Ich möchte ins Bad und starte die Aktion mit den Worten: „Ich gehe jetzt ins Bad und möchte dort mal eben meine Ruhe haben.“ So gehe ich durch die Tür, schließe sie und tue was man so tut. Nach 5 Minuten geht die Tür auf. C-Hörnchen kommt rein, setzt sich zufrieden auf den Klodeckel und legt los.

Einige Minuten lang hält sie einen Vortrag über die Vor-und Nachteile verschiedener Reiterhosen; ich hatte gar nicht danach gefragt. Nach zwei Minuten bitte ich sie höflich zu gehen und Verweise auf meinen Wunsch nach Privatsphäre. C-Hörnchen schüttelt den Kopf und plappert weiter. Ich bitte sie etwas energischer zu gehen. Abermals schüttelt sie den Kopf. Ich sehe dem Hörnchen in die Augen und sage ein letztes mal freundlich:“Geh raus!“. Nichts passiert. Nun schreie ich. „RAUS!!“ fetzt es durch den Raum. C-Hörnchen springt auf, geht zur Tür und heult im Rausgehen: „Immer musst du motzen!!!“. Fassungslos bleibe ich zurück. Woher dieser Protest, was macht das? Was ist so attraktiv daran, einen anderen zur Weißglut zutreiben und dann selbst daran zu verzweifeln?

Die Antwort ist leicht: Es ist die Abgrenzung. Kinder im Grundschulalter beginnen sich als autonome Persönlichkeiten wahrzunehmen. Während Kleinkinder eins mit der primären Bezugsperson sind, und auch Kindergartenkinder immer noch Teile ihrer Person über die Bezugsperson definieren, stellen Grundschüler fest: Ich bin ein Ich! Diese junge Konstrukt muss nun erprobt werden. Wie stabil ist mein Wille, wie viel kann ich durch mich erreichen und was passiert, wenn ich mein Wollen gegen das der Bezugsperson stelle? All diese spannenden Fragen klären Kinder im Alter von sechs bis etwa Zahn Jahren. Sie tun dies nicht um Eltern in den Wahnsinn zu treiben oder sich selbst als besonders oppositionell herauszustellen. Der Grund für diese Abgrenzungen ist, dass die Kinder sich zu selbständigen Wesen formieren, die dann schlussendlich stark genug sind, die eigene Pubertät und die damit verbundenen Veränderungen zu überstehen. Sich von Bezugspersonen abzugrenzen heißt letztlich nur, sich zu sich selbst zu bekennen, die eigenen Bedürfnisse zu erfassen und ihren Wert zu sehen. Wer als junger Mensch lernt sich abzugrenzen, hat es auch als erwachsener in aller Regel leichter sich selbst nicht zu verlieren. Und wer es schafft im Alltag bei sich zu bleiben, der hat für sein Leben und vor allem für seine psychische Gesundheit viel gewonnen.

Objektpermanenz

Unter Objektpermanenz versteht man die Fähigkeit eines Lebewesens, die Existenz eines Gegenstandes oder einer Person nicht zu vergessen, nur weil das Objekt grad mal nicht zu sehen ist. Babys zum Beispiel begreifen erst im Alter von 8-9 Monaten, dass Mama nicht „weg“ ist, wenn sie nicht zu sehen ist. Ebenso kann man Dinge vor ihren Augen verstecken, ohne dass sie sie wieder auffinden können. Die Vorsellung des Objektes bleibt noch nicht im Geiste haften.

Eben spielte ich mit dem Baby einer Freundin. Ich versteckte mehrfach meinen Schlüssel unter der Decke. Das Baby war jedes Mal königlich verwirrt, er verstand im Leben nicht, wo dieses spannende Ding immer wieder hin war. Nach einigen malen gab ich dem Zwergen den Schlüssel und er spielte begeistert damit. Meine Freundin und ich unterhielten uns angeregt weiter und das Baby war lange gut beschäftigt. Nach etwa 10 Minuten rollte der Zwerg durch mein Blickfeld und ich war erstaunt! Das Baby hat den selben Schlüssel wie ich!

Tatsächlich hatte meine eigene Objektpermanenz, oder na ja; nennen wir es liebevoll Gedächtnis, mir einen Streich gespielt. Ich brauchte einige Sekunden und zu begreifen, dass das Baby tatsächlich MEINEN Schlüssel hatte und ich diesen höchstpersönlich weiter gegeben hatte.

Nicht ohne meine Mama

Bisher war es nie ein Problem, das D-Hörnchen zum Kindergarten zu bringen. Auch andere Kinder zu besuchen war easy. Er verabredete sich gern und oft. Seit kurzem aber ist die Welt im Wandel.

Zunächst begann sich das Hörnchen mit dem Alter, dem Altern und dem Ableben zu befassen. Wie alt ist Oma, wie alt ist Uroma? Wann hat man zu Ende gelebt? Viele große Fragen die in seinem kleinen Kopf herumspukten. Neuerdings mag er nicht gern im Kindergarten bleiben; am besten wäre es mit Mama zusammen. Und verabreden? Na ja, eben mit Mama.

Was zunächst skurril oder sogar beunruhigend klingt, ist im zweiten Blick ganz normal. Mein Hörnchen wird groß! Jetzt, mit 4,5 Jahren schärft er seinen Blick für das was war und das was kommt. Er kann sich die Zukunft vorstellen, zumindest die nahe – und das ist nicht immer einfach oder schön. Hinzu kommt die schleichende Vorbereitung auf einen großen Schritt: Die Abnabelung von Mama und der Gang in die Selbstständigkeit. Jetzt, etwa 1,5 Jahre vor diesem riesigen Schritt ist es einfach wichtig für seine kleine Seele, die Basis zu stärken und die bestehenden festen Bänder noch stärker zu knüpfen. denn zumindest sein Unterbewusstsein weiß ganz genau: Je fester die Verbindung, desto leichter kann man sich auch entfernen.

Für mich als Mama ist es nicht immer leichte diese Schritte zu begleiten. Manches wirkt gradezu verrückt, albern oder arg rückschrittig. Tatsächlich aber folgt er einem verborgenen Programm und alles was ich gutes tun kann, ist mich dem hhinzugeben. Ich möchte ihm bis in jede Faser seiner Selbst zeigen, dass ich immer da bin, immer verlässlich und konstant. Ich bin da um mich zu freuen, zu staunen, zu weinen, zu trösten und um hibbelig auf den Weihnachtsmann zu warten. Ich bin da wenn er etwas unglaublich tolles geschafft hat und ich bin da wenn mal was in die Hose gegangen ist. Ich bin Mama. Ich bin pro-Hörnchen; immer!

Kleine Kunde der Erde

Mein Neffe ist vier und sehr klug. Zuletzt hat den kleinen Kerl sehr das Erdbeben in Italien beschäftigt. Immer und immer wieder hat er gefragt und erzählt. Wackelnde Erde, einstürzende Häuser. Alles sehr beängstigend! 

Am vergangenen Wochenende erklärte er mir dann folgendes:“Bei Italien hat die Erde gewackelt und die Häuser sind kaputt gegangen. Das ist schlimm. Das ist da passiert, weil die Indianer da wohnen, und die haben an der Erde gewackelt. Bei uns kann das aber nicht passieren, weil hier keine Indianer wohnen.“ 

Auch meine Schwester weiß nicht, woher diese Verstrickung von Halb-und Fehlinformationen kommt. Fakt ist, dass sein kleiner Kopf eine großartige Leistung vollbracht hat; nämlich die, sich einen vollkommen unerklärlichen Prozess in etwas für sich logisches zu verpacken den beängstigenden Anteil somit zu entkräften. „Bei uns ist alles gut!“ Besser geht es nicht! Psychologen sprechen bei diesem Phänomen, dass bei Kindern im Kindergartenalter Auftritt, von der Phase des Magischen Weltbildes. In dieser Phase erklären sich Kinder die Welt so, wie sie sie sich erklären können. Magisch, phantastisch und meistens vollkommen niedlich unlogisch. Der einfache Grund hierfür ist, dass viele Dinge, die unfassbar kompliziert sind, den Kindern Angst machen. Ist es aber eine Elfe, die die kleinen Lichter im Auto blinken lässt, dann ist es ok. Im Grundschulalter weicht dieses Denken dem Rationalen Denken. Aus der Zauber; und meistens auch das Aus für den Weihnachtsmann. Denn auch der ist ja irgendwie magisch (na gut, und von Coca Cola…).

Phantasie 

Kindergartenkinder verfügen im besten Fall über eine enorme Phantasie. C-Hörnchen lebt aktuell in einer so phantastischen Welt, dass sie offenbar ganz manchmal nicht unterscheiden kann, was ‚echt‘ und was ‚unecht‘ ist. 

So saßen wir eben zusammen und B-Hörnchen erzählte vom Reiten. Irgendwann sah C-Hörnchen zu mir rüber und fragte:“Mama, gibt’s Pferde in echt?“ 

Glaubt man dem Entwicklungspsychologen Jean Piaget, befinden sich Kinder zwischen dem 3. und dem 5. Lebensjahr in der Magischen Phase. In dieser Zeit versucht der kindliche Verstand die Welt zu begreifen und erklärt sich alles so gut es das eben kann. Hierbei sind die Grenzen von Können und Wollen durchaus verschoben; und man kann als kleiner Machthaber schon mal durcheinander kommen.