Jeder vor seiner Haustür

Das A-Hörnchen hat Unfug getrieben. In der Schule hat er das Buch eines Mitschülers versteckt, leider kam es dabei zu Schaden. Als er zu der Sache befragt wurde, verleugnete er. Hässlich, zugegeben; aber kein Drama. Am Geschehen beteiligt war ein anders Kind, seine Rolle unklar. Gestern Abend rief mich dann die Mutter an.

Es gäbe Probleme, A-Hörnchen hat… Schlagartig hatte ich das Gefühl mit D-Hörnchen zu diskutieren, hörte aber dennoch weiter zu. Meiner hat, aber deiner auch, und deiner mehr und meiner eigentlich unfreiwillig; soweit so gut. Dann holte sie aus. Meiner sei recht gestört, das sagen auch andere. Meiner sei nicht normal, auch das wissen andere. Meiner sei ein Problem, das der anderen und ihrs und sein eigenes. Meiner ist falsch und isoliert und überhaupt müsse ich dringend handeln. Und sie müsse das auch, denn Ihrer würde durch meinen schon schaden nehmen. Das müsse ich auch mal sehen.

Es kostete mich alle Nerven, warscheinlich drei Lebensjahren und einige Telefonate um klarzustellen, dass ich das Handeln meines Sohnes deutlich nicht befürworten. Viel weniger aber kann ich die massive Grenzüberschreitung der anderen Mutter akzeptieren. Wir alle sehen unsere Kinder und die der anderen. Wir alle erziehen, mehr oder weniger bewusst, nach bestimmten Parametern, Werten und Prioritäten. Meine Aufgabe als Mutte ist es nicht, die Parameter, Werte und Prioritäten der anderen zu bewerten und zu überprüfen. Die Aufgabe jedes Elternteils ist es schlicht, das eigene Kind so zu erziehen, dass es zu den eigenen Wünschen und Werten und all dem und am Ende auch in diese Welt passt, also in der Lage ist, irgendwann ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen.

Unfug gehört dazu. Jetzt, mit 11 ist es ein. Verstecktes Buch oder eine geklaute Mütze, später werden es heimliche Zigaretten, Zündeleien oder andere Missetaten sein, die uns stets daran erinnern, unsere Wertesysteme zu überprüfen. Niemals aber sollte man beginnen die Systeme anderer zu überprüfen oder gar schlecht zu reden. Jeder in seinem Ramen, jeder vor seiner Haustür. Ernsthaft Kritik zu äußern ist mit Sicherheit den Pädagogen in Kita und Schule gestattet, ebenso sicher einigen engen Freunden. Nicht jedoch denen, die im Vorbeigehen meinen mein Kind oder unsere Erziehung beurteilen zu können. Fegt gern euer eigenes Laub. Meins gefällt mir gut.

Die erste Zeit

Als 2007 das A-Hörnchen zur Welt kam begann ein neuer Lebensabschnitt. Jedem in meinem Umfeld war das klar, dass ich von nun an sehr glücklich und müde sein werde. In Wahrheit hatte ich mich mit dem Thema „Kind und Leben“ wenig beschäftigt, war davon ausgegangen, dass alles seinen Gang nehmen würde. Vielleicht wäre es so leicht gewesen, hätte ich schon damals die Banalität von Glück erkannt. Anstatt mein eigenes Glück zu finden, versuche ich das zu erfüllen, was alle anderen offenbar erwarteten – und zerbrach fast daran.

In den ersten Wochen nach der Geburt sass ich oft nachts da, stillte das Baby und wartete. Worauf ich so sehr wartete, war mir lange nicht klar, aber ich stellte lange Überschlagsrechnungen an: Das Kind ist zwei Wochen alt, jedes Jahr hat 52 Wochen. Mindestens die ersten 6 Jahre wird das Kind min sehr brauchen, das macht 312 Wochen, davon sind 2 rum. Das heißt in 310 Wochen bekomme ich vielleicht ein Stück meines Lebens wieder. Ab und zu schläft es vielleicht bei den Großeltern, später. Also 308 Wochen verschenkte Lebenszeit… Mein Hirn suchte nach Strategien, diese elende, sinnlose Zeit zu überstehen und verzweifelte immer mehr. Als A-Hörnchen ein paar Wochen alt war, hätte ich ihn gern diesen vielen Menschen überlassen, die ihn immer alle so niedlich fanden. Für mich war er anstrengend und der jenige, der mein Leben an sich riss und es Schritt für Schritt zerstörte.

Das war mich damals so lähmte und die ersten Monate als Mutter zum Höllenritt machet, nennt man Postnatale Depression. Eine Mischung aus Erwartungen an sich selbst, Überforderung und einen Hormoncocktail zwangen mich in die Knie. Es war nicht so, dass ich mein Kind nicht liebte, doch hasste ich das, was es aus mir machte. Ich hatte kein Bild von mir selbst als Mutter im Kopf, und alle alten Modelle passten plötzlich nicht mehr. Ohne jede Identität war ich in meiner neuen Rolle hoffnungslos verloren. Ich liebte mein Kind und hasste mich dafür, selbst das nicht vernünftig hinzubekommen. Jede Abweichung vom Plan A, jede Kleinigkeit, die nicht so lief wie ich sie mir überlegt hatte, brachte mich an den Rand der Verzweiflung – und jeder der schon mal mit einem Baby gelebt hat weiß, dass nie etwas nach Plan läuft. So lebte ich am Rand der Verzweiflung, nach außen sehr glücklich, nach innen anders.

Letztlich war es eine Therapie und vor allem der Kontakt zu anderen Müttern, der mich aus dem Sumpf zog. Zu sehen, dass andere Babys auch weinen, andere Mütter auch Sorgen haben, andere auch ihren scheiss Haushalt nicht schaffen; das tat gut. Ganz langsam, nach und nach erschuf ich ein Bild von mir als Mutter, eine Identität. Und irgendwann hörte ich auf die Wochen zu zählen, die es dauern würde, bis ich mein Leben wieder bekomme und integrierte das Neue in mein Leben.

Erwartungen sind gefährlich. Grade für junge Mamas, die ihr erstes Kind bekommen haben, werden sie schnell zu einem Spießrutenlauf. Jeder hat einen guten Rat, jeder weiß alles besser. Es gibt tausend Punkte die man zerreden und zerdenken kann und die aller meisten davon sind es nicht wert. Ob Babys im Familienbett schlafen oder in der Wiege, Stillen, Flasche, abpumpen; Brei selber kochen oder aus dem Gläschen nehmen. Weichspüler meiden oder nutzen,…. All das und Millionen Pünktchen mehr sind indiskutabel und egal. Jeder wie er mag und anstatt sich das Maul über die zu zerreißen, die in Grund alles toll machen, einfach mal auf sich selbst schauen. Das kann verdammt hilfreich und interessant sein.

Regeln und Raufen

Ich finde schon, dass ein paar Regeln sein müssen. In einem gemeinsamen Haushalt finde ich es wichtig, dass alle sich wohl fühlen. Hierdurch kommen gewisse Absprachen zustande, die zB. Lautstärke oder Ordnung betreffen. Ich möchte nachts schlafen, zumindest fast immer, deshalb sind wir nachts leise. Damit nicht einer alles aufräumen muss, räumt jeder seins und da keiner geschlagen werden möchte, schlägt keiner – so einfach kann es sein. Ich bezeichne diese Gattung von Regeln als „Regeln des Zusammenlebens“, sie sind eine Art Grundfeste, haben viel mit Respekt und Wertschätzung zu tun und sind elementar für’s Zusammensein.

Eine weitere Gattung von Regeln sind die „Autoritären Regeln“. Diese stülpe ich meinen Kindern über, weil ich meine sie schützen zu müssen und davon ausgehe, dass der Horizont der Hörnchen nicht ausreicht um das Corpus Delikti richtig einzuschätzen. Ein Beispiel hierfür wäre das C-Hörnchen, das mit sechs Jahren gern wahnsinnig knappe Kleider getragen hätte, die ihren Popo rausgucken lassen; ohne Hose. Sie fand das schick, ich unverantwortlich. Zwar versuchte ich dem Hörnchen klar zu machen, was meine Beweggründe sind, wollte, dass sie meine Entscheidung versteht, war aber in keiner Minute bereit von meinem Standpunkt abzuweichen.

Die dritte Gattung an Regeln sind die, die ich als Verhandlungsmasse bezeichnen würde. Die Uhrzeit, zu der man zu Hause sein soll, ob man noch Fernsehen darf oder ob es eine Scheibe Käse auf die Hand gibt. Jeden Tag gibt es hunderte dieser kleinen Situationen, in denen ich eine Meinung habe und das Hörnchen eine andere. An diesem Punkt sehe ich es als meine Aufgabe das Anliegen auf die genannten autoritären Regeln sowie die Regeln des Zusammenlebens zu überprüfen. Fällt es nicht in eine dieser Kategorien, ist es wert darüber nachzudenken. Das Hörnchen lernt zu argumentieren, sich für seine Sache stark zu machen. Ich lerne meinen Standpunkt zu überprüfen und ihn gegebenenfalls zu korrigieren. Denn in 90% der Anliegen gibt es keinen guten Grund meine Meinung als Manifest zu sehen; im Gegenteil. Fast alles kann man von verschiedensten Seiten betrachten und wieso sollte die eigene immer die beste sein? Im Zweifel für den Zweifel – denn vom Ja-sagen ist noch keiner ein großer Denker geworden.

Resilienz

„Wie kann man in diese Welt noch Kinder setzen?“ Immer öfter höre ich diesen Satz. Meine Antwort ist leicht wenn auch nicht mehr selbstverständlich. Ich setzte nicht einfach Kinder in diese Welt! Ich erziehe sie zu starken, selbstbewussten Wesen, die dieser Welt nicht ausgesetzt sind, sondern sie verändern.

In der Psychologie gibt es den Begriff der „Resilienz“, der seelischen Robustheit oder Wiederstandskraft. Jeder Mensch wird mit einer Grundausstattung an Resilienz geboren. Diese ist jedoch nicht statisch; seine Umwelt und die Erziehung die er erhält bauen die Resilienz weiter aus – oder zerstören sie.

Ich möchte mich hier mit dem Ausbau von Resilienz beschäftigen. Bestimmt wird sie von diesen sechs Faktoren:

1. Die Fähigkeit, eigenen Gefühle bewusst zu erleben. Wer seien Gefühle klar erkennen und bewerten kann, der ist ihnen nicht schutzlos ausgeliefert. Ausgeliefert sein bereitet Stress, Angst und Unsicherheit. Der eigenen Gefühle Herr zu sein macht stark. Mit Kindern kann man üben Gefühle zu erkennen und zu deuten. Ist das grad Scham, Wut oder Ekel? Bin ich glücklich oder ist es etwas anderes?

2. Die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu regulieren. Hat man ein Gefühl wie „Wut“ enttarnt, ist dies eine Erkenntnis, hilft einem aber noch nicht zwingend weiter. Was hilft mir wenn ich wütend bin, was wünsche ich mir wenn ich traurig bin. Es geht darum, Kenntnis darüber zu erlangen, wie man einen guten Ist-Zustand selbstwirksam wieder herstellen kann.

3. Die eigenen Stärken gut kennen. Was kann ich eigentlich so richtig gut? Wer das weiß, hat eine Auswahl an Handlungen, die er sich zu nutzen machen kann. Denn Dinge, die wir gut können, helfen uns durch so manches Tief. Auch Kinder sollten erkennen was sie gut können, was sie auszeichnet.

4. Kontaktfreudig sein. Der Mensch ist ein hochsoziales Wesen. Die aller meisten von uns brauchen soziale Kontakte um zufrieden zu sein. Mindestens genauso wichtig ist der Fakt, dass ein großes Soziales Netz uns in Kriesen helfen kann. Der schlimmste Liebeskummer ist besser auszuhalten, wenn man der besten Freundin die Schulter nass heulen kann.

5. Probleme lösen können. Wer ein Set an guten Problemlösungen im Koffer hat, kommt besser zurecht. Sich selbst helfen zu können, im Notfall einen klaren Kopf zu behalten und Probleme zu erkennen sind praktisch unabdingbare Fähigkeiten. Beginnen tut es im kleinen. Steht das Kind an der Haltestelle und der Bus kommt nicht, gibt es dutzende Möglichkeiten. „Nichts tun“ ist mit Sicherheit die schlechteste.

6. Wege der Stressbewältigung kennen. Wenn es doch ein mal zu viel wird, ist es gut mit dem Stress umgehen zu können. Babys beruhigen sich durch nuckeln, viele Erwachsene durch Sport. Jeder hat seinen eigenen Weg, auch Kinder sollte man ermutigen Stress abzubauen.

Was alle sechs Punkte gemeinsam haben ist, dass ein Kind Erfahrungen und Übung braucht um gut darin zu werden. Wer nie einem Problem ausgesetzt ist, der kann auch keine lösen. Von wem alle negativen Gefühle wie Trauer, Angst oder Wut fern gehalten werden, der kann sie nicht erkennen und bewältigen. Kinder brauchen keine Sichere Blase, in der sie frei von allem negativen ausgewachsen. Sicher, sie brauchen Schutz vor elementaren Gefahren, sie brauchen Begleitung und Orientierung durch die Großen; vor allem aber brauchen sie Freiheit um zu wachsen.

Wer abends im Dunkeln allein durch den Park geht hat Angst – und macht es so schnell nicht wieder. Wenn man etwas mal nicht bekommt ist man bitter enttäuscht – und lernt damit umzugehen. Wer die Hausaufgaben nicht macht bekommt Ärger- und überlegt sich beim nächsten mal doppelt was er will. Jeder kleiner Misserfolg, jeder Dämpfer und jedes Autsch machen und größer; ein Leben lang.

Paradoxe Intervention

Es gibt Zeiten,in denen ist das Klima hier etwas rau. A-Hörnchen motzt alles und jeden an, alles weiß er besser. Ins besondere C-Hörnchen reagiert darauf mit heftigen Protest. Gleichzeitig ist es C-Hörnchen, die immer wieder das D-Hörnchen nervt und bevormundet, so dass er außer sich gerät. Auf diese Bevormundungen reagieren wiederum A- und B-Hörnchen mit Reglementierungen in Richtung des C-Hörnchens, was diese zum erneuten Protest ermutigt.

Ja, manchmal ist es zum weglaufen. Die ständige Gereiztheit schlägt, vor allem dem Menne und mir, massiv auf’s Gemüt. Und das bekloppte ist, wettert man immer noch dagegen, wird es in nu noch ungemütlicher. Verhext, denn nichts dazu zu sagen, kommt faktisch auch nicht in Frage. Heute morgen hatte ich dann eine bahnbrechende Idee:

Immer wenn jemand quängelt, motzt oder jammert, sagen wir: „Hansterkäfig!“, schreit einer: „Stoooop!“, „lass das“ oder ähnliches in einer beschriebenen Konfliktsituation, sagen wir „Kaninchenstall!“. Klingt hirnlos? Ist es aber nicht!

Durch das Einbringen der vollkommen unpassenden Worte geschehen zwei Dinge. Zum einen wird der abgenutzte Konflikt unterbrochen, zum anderen wird verdeutlicht, wie oft der immer selbe Dialog zwischen den verschiedenen Parteien geführt wird. Dadurch, dass wir aber als Intervention nicht meckern, sondern etwas sinnloses sagen, verschlechtert die Intervention nicht zusätzlich das Klima. Paradoxe Intervention ist der Fachausdruck für dieses irre aber manchmal sinnvolle Vorgehen. Und was auch in der klinischen Praxis gelegentlich erfolgreich ist, kann doch hier nicht so schlecht sein.

Ein Blick in die Zukunft

Wir sitzen bei Ikea und essen zu Mittag. Je ein Elter und zwei Hörnchen sitzen auf hier Bank, es ist sehr gesellig. Hier fliegt mal eine Nudel, D-Hörnchen erzählt laut einen schwank aus seiner ..Jugend. Wir lachen viel, genießen die Zeit zu sechst. Hier und da lächelt ein vorbeischleichender Rentner verschämt in unsere Richtung – offenbar wirken wir eben so zufrieden, wie wir es sind. An den Nachbartisch setzt sich eine Familie.

Vater und Mutter sind etwa 10 Jahre alter als der Menne und ich. Die der Kinder sind, ebenso wie unsere Hörnchen, etwa je zwei Jahre auseinander. Der große Sohn ist ungefähr volljährig, mindestens 1,90 m groß. Die Töchter im pubertären Alter – 14, 15 oder 16 vielleicht. Zugegeben, trotz dessen, dass sie nur zu fünft sind, ist die Bank etwas enger als bei uns, auch die Töchterchen sind lang gewachsen. Die Familie isst zusammen, man scherzt. Gelegentlich zückt eins der Kinder ein Handy, hält den anderen das Display hin und man lacht. Die fünf wirken so zusammen, so glücklich, dass man kaum weggucken kann. Es war wie ein Blick in die Zukunft; es war gut. Plötzlich trafen sich mein Blick und der, der anderen Mutter. Wir sahen einander den Bruchteil einer Sekunde an und schienen uns einig zu sein. Alles ist gut. Gut im jetzt, im damals und auch im später.

Die Hauptsache in so einer Familie ist es am ende immer, dass die Basis stimmt. Eine gesunde Kommunikation, ein ehrliches  und sich einiges Elternpaar (hierbei geht es nicht zwingend um das gemeinsame leben; viel mehr um das gemeinsame Eltern-sein!!) und die selben Werte. Ist dieser Grundstein irgendwo in der frühen Kindheit und vor allem im Dasein der Eltern gelegt, stehen die Chancen gut, auch in späteren, rebellischen, wilden, emotionalen und aufwühlenden Phasen ein gutes Team zu sein und füreinander da sein zu können.

Oh Henri, oh Henri

Wir waren gestern Abend auswärts essen. Strategisch klug saßen wir im Außenbereich, direkt neben der kleinen Spielecke. Es war herrlich lau, das Restaurant nicht zu voll und wir genossen unser Essen. Eine Familie mit einem etwa dreijährigem Kind betrat dieTerrasse und stellte beinahe empört fest, dass es ja keinen Platz mehr gäbe, an dem sie sitzen können. Zwar gab es noch etwa 10 freie Tische, aber der Eine, der Tisch an der Spielecke, war mit uns voll. Mutter wurde zickig und kündigte den Rückzug an, Vater war einfach entsetzt über unsere Dreistigkeit. Nach kurzer Debatte untereinander setzten sie sich an den Tisch hinter uns und das Dama nahm seinen Lauf. Die Eltern waren hoch-angespannt und versuchten mit aller Macht ihr weitestgehend friedliches Kind im Zaum zu halten. An essen war kaum zu denken. 

Bei einem Gang ans Buffet beguckte ich folgende entzückende Situation: Henriiiiii fasste immer wieder einzelne Teile auf dem Buffet an und Vater nahm diese dann. Nach der 4. Zuckerschote sprach Papa:“Alles was du jetzt anfasst, muss der Papa dann auch essen!“ Henriiiii hielt kurz inne und legte dann entschieden seine kleinen Hände auf alle erdenklichen Speisen. Vater fiel fast in Ohnmacht;  ich auch, vor lachen. 

Später am Abend setzte sich Henriiiii vollkommen selbstverständlich mit an den Tisch meiner Kinder (die vier lieben es im Restaurant separat zu essen..!). Er nahm einen Schluck aus B-Hörnchen’s Saftglas und meine Kinder beschweren sich deutlich! Für die Eltern des armen Henriiiiii war das zu viel. Sie holten ihr Kind auf den Schoß, bemitleideten ihn anhaltend und verboten ihm auch nur in die Nähe meiner bestialischen Hörnchen zu kommen. Den Rest des Abends unterhielten sie sich gut vernehmbar über die unmöglichen Kinder vom Nachbartisch und die Erziehungsunfähigkeit der Eltern. Wir ich sowas liiiiieeeeebe!!! 

Unerzogene Tyrannen

Es gibt einen Erziehungsstil, der nennt sich „unerzogen“. Unerzogen sieht das Kind als Individuum, respektiert seinen freien Willen und möchte diesen herausbilden. Unerzogen ist davon überzeugt, dass Kinder ihre natürlichen Grenzen von selbst finden und lässt den Kindern allen Freiraum. Unerzogen widerspricht damit allen Regeln der modernen Pädagogik und auch denen der alten Pädagogik. Und denen der sehr alten Pädagogik. Die Kinder dieser Bewegung haben oft etwas von kleinen Tyrannen. Die Eltern gleichen nicht selten großen Waldbrandaustretern. Es wirkt als seinen sie konstant bemüht, keinen Konflikt entstehen zu lassen und dem Tyrannen keinen Grund zu geben Sie bloß zu stellen.  

Neulich beim einkaufen im. Bio-Laden:

Mutter mit Baby im Tuch und Tyrannin, etwa drei Jahre alt, betreten das Geschäft. Mutter nimmt Joghurt und stellt ihn ihren Wagen. Tyrannin, ihrerseits mit einem kleinen Einkaufswagen ausgestattet, startet großen Protest. Mutter reagiert schnell auf die ohrenbetäubende Drohung, den Weihnachtsaufsteller umzufahren, kehrt zum Joghurtregal zurück und tut so, als nehme sie einen neunen Joghurt. Diesen stellt sie in den kleinen Wagen. Die Szene trägt die Unterschrift: Und nun sei still! 

Nächster Stopp beim Kaffee. Die Tyrannin bestimmt: Es gibt keinen Kaffee. Weil nämlich die Tyrannin auch keinen Kaffee trinken darf. Logisch. Mutter stimmt zu. 

Zuletzt treffe ich das elüstre Trio in der Gemüseabteilung. Mutter greift Brokkoli. Die Tyrannin ist außer sich. Sie bricht in gällendes Geschrei aus, schreit und brüllt von feinsten und teilt mit, dass sie keinen Brokkoli mag. Mutter fügt bei, dass sie aber welchen mögen würde; hierauf wird die Tyrannin noch lauter. Sekunden später entscheidet sich die Mutter gegen Brokkoli. Logisch, ist auch viel einfacher. 

Kinder brauchen Grenzen. Liebevolle, gern auch großzügige Grenzen. Grenzen, in denen man sich ausprobieren kann, Grenzen, die Dummheiten zulassen und Grenzen die Selbstständigkeit erlauben. Aber eben auch Grenzen, die Sicherheit geben, Orientierung bieten und gewissen Dinge einfach regeln. Ungeputzte Zähne faulen, Eltern gehen arbeiten wann SIE es wollen und auf halbgefrorene Seen kann man nicht gehen. Kinder müsse selbstständig werden und eigene Erfahrungen machen. Aber manchmal sind es die Eltern die bestimmen müssen. Und auch das müssen Kinder wissen. Rote Ampeln oder vielbefahrene Straßen sind keine Diskussionsflächen. Punkt. Manchmal ist das so. 

Strumpfhose in vier Akten

Es ist kalt geworden da draußen. So kalt, dass meine kleinen Hörnchen eine Strumpfhose unterziehen sollen. Schlimm, ich weiß. Das C-Hörnchen steht vor der Aufgabe, sich eine handelsübliche Kinderstrumpfhose anzuziehen. Das Drama beginnt im 4. Stock des Wohnhauses der Familie Hörnchen im Kinderzimmer. 

1. Akt; Oben

Auf dem Boden das verzweifelte Kind, zerrend an der Strumpfhose. Das blaue Material dehnt sich gefährlich in alle Richtungen. Nicht aber produktiv sondern vollkommen kontraproduktiv zerrt das tobende Kind an dem sich bärstenden Stoff. Der kleine Zeh scheint abzusterben, bedrohlich zeichnen sich seine Umrisse unter dem gespannten Stoff ab. Das Hörnchen tobt, auf dem Rücken liegend kreischt es nach seiner Mutter. Diese eilt sobald ins Zimmer, geht in die Knie und fragt mit sanfter Stimme:“Brauchst du Hilfe?“  Hinter ihr das bereits fertig angezogene D-Hörnchen. Aufgeregt und voller Energie der vergangenen Nacht hüpft es dem tobenden Kind mal hier und mal da ins Blickfeld und quiekt dabei vergnügt :“Ich habe auch eine Strumpfhose an!!“ 

Das nunmehr jammernde Kind verfällt wieder in schreien und heischt barsch die Mutter an:“Ich kann das aaaalllllleiiiiiiinnneeeeeee!!“ und beginnt sofort wieder wie von Sinnen an der Hose zu zerren. Der Stoff stöhnt angestrengt auf. 

Mutter und Bruder verlassen den Schauplatz und wechseln ins Badezimmer. Die Mutter beginnt Wasser in die Zahnputzbecher zu lassen, gibt Zahnpasta auf die Zahnbürsten und bittet das D-Hörnchen zum Zähneputzen zu kommen. Dieses steht noch nicht ganz auf dem kleinen Hocker, da fegt wie ein Orkan, das C-Hörnchen ins Badezimmer. Ein Bein in der Strumpfhose, das andere frei. Weinend weist sie an, auf keinen Fall ohne sie Zähne zu putzen. Plötzlich herrscht Stille. 

Beide Kinder putzen drei Minuten lang Zähne. Spucken aus, nehmen das Wasser. Sie waschen die Gesichter und trocknen sich ab. Die Mutter macht dem plötzlich so friedlichen Hörnchen Zöpfe und cremt den Kindern die die kleinen Gesichter ein. Dann teilt sie mit, dass sie nun nach unten müsse, den großen das Frühstück bereiten und dafür sorgen, dass sie pünktlich zur Schule kommen. 

2. Akt; Auf der Treppe

Die Mutter sitzt mit dem kleinen D-Hörnchen und den zwei großen Hörnchen in der Küche und alle essen Müsli. Der Platz des C-Hörnchens ist frei, alle sind in Gespräche vertieft. Es herrscht eine fröhlich-gelöste Stimmung. Nur von der Treppe her kommen seltsame Geräusche, ein kreischen, dann wieder nicht. Poltern durchmischt von bösestem Schimpfen. 

Plötzlich taucht im Hintergrund der Küche das C-Hörnchen auf. Ein Bein in der Strumpfhose, eins frei. Die Augen gerötet von den Tränen und der Wut. Das zweite Bein der Strumpfhose inzwischen zu einem wirren Knoten verflochten. Das Hörnchen tobt. Die Stimme bekommt einen heiseren Anklang, die Worte überschlagen sich. Das Ziehen an der Hose leicht resigniert und kraftlos. 

Abermals hockt sich die Mutter zum Hörnchen nieder. „Soll ich dir nicht einfach helfen?“ fragt sie mit ruhiger Stimme. Das Hörnchen schluchzt. Ihre Atmung bebt, Tränen Rinnen ihr über das Gesicht. Dann ein erneuter Ausbruch. Das Hörnchen reißt sich aus den Armen der Mutter, tritt wild und befreit auch das erste Bein aus der Strumpfhose. Erneut beginnt sie zu schreien, zu schimpfen und bitterlich zu schluchzen. 

Am Tisch,  das A-Hörnchen isst seelenruhig und unbeeindruckt Müsli. Auch das B-Hörnchen ist nicht irritiert. D-Hörnchen hingegen dringt auf, stellt sich auf seinen Stuhl, geht in Siegerpose und johlt:“Ich habe schon eine Strumpfhose an!!!“ C-Hörnchen bricht auf dem kalten Flur zusammen. 

3. Akt; In der Küche 

Die Mutter hebt das erschöpfte und schluchzende Hörnchen in die warme Küche. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Fußboden, direkt vor dem wärmenden Ofen. „Soll ich dir einmal helfen?“ Fragt sie vorsichtig und ohne zu drängen. Das C-Hörnchen drückt sich an seine Mama und schluchzt mit letzter Kraft ein „Ja“. Mama zieht ihr die wieder entwirrte Hose an, gibt den Hörnchen einen Kuss und hält es noch einmal ganz fest. 

4. Akt; Am Tisch 

Der Klang des Kusses ist noch nicht ganz verhallt, da springt das vormals schluchzende Kind auf, hüpft in seiner Hose und steigt singend auf die Bank am Küchentisch. Erfreut nimmt sie das Müsli zur Kenntnis und plappert, als wäre nie etwas gewesen, munter drauf los. 

Die zwei großen Hörnchen müssen derweil zur Schule. Die Mutter hilft Ihnen in die Klamotten, verabschiedet sie mit einem Kuss und kehrt schließlich an den Esstisch zurück. C- und D-Hörnchen sitzen munter plappernd zusammen und genießen den schönen Morgen. Dann stellt das D-Hörnchen abschließend fest:“Jetzt haben wir beide eine Strumpfhose an!“ 

Der Vorhang schließt sich. 

Applaus.