Bowie & Goethe

Ich sitzen vor dem Haus in der Sonne. Wie an jedem guten Sonntag trage ich meinen Bowie-Hoodie, in dem ich mich pudelwohl fühle. In der Hand halte ich meine Goethe-Kaffeetasse, die macht mich schlau. Für meine Hörnchen ist Anblick vertraut und dennoch bemerkt D-Hörnchen aufmerksam, dass ich ja heute beide Lieblingssachen bei mir habe. Er erkundigt sich, ob der Mann auf der Tasse der selbe sei wie der, auf dem Pulli. Ich verneine. „Kennen die sich?“, fragt er weiter und ich wiederum kläre auf, dass der eine schon seit 200 Jahren tot ist und der andere erst seit drei Jahren.

„Dann kennen die sich jetzt zusammen im Himmel!“ erklärt das Hörnchen und schließt die Frage an, ob die sich denn mögen würden.

Gute Frage! Was sie verbindet ist das Besondere, das Kluge und das Exzentrische. Beide waren ihrer Zeit voraus, lebten in Extremen, ohne Dogmen und Zwang; na ja fast. Vielleicht würden sie sich mögen, hätten sich bei einem Glas Wein auf Auerbachs-Wolke viel zu sagen. Vielleicht aber auch nicht, möglicherweise fänden sie einander in ihrer jeweiligen Eigenheit unmöglich und würden angeregt diskutieren oder schweigen.

Oder aber es gibt gar keinen Hinnel, keine Auerbachs-Wolke, keine Auferstehung und damit auch kein Ostern. Dann sind Goethe und Bowie vielleicht einfach tot und alles was bleibt sind ihre jeweiligen Lebenswerke. Und meine Tasse und mein Pulli. Immerhin.

Mein Lieblingsduft: Buch

Wenn der Aschenbecher voll ist, braucht man ein neues Auto, und wenn das Bücherregal voll ist, braucht man; na ja. Zumindest ein besseren, größeres Regal. Den heutigen Vormittag habe ich meinen Büchern gewidmet. Nachdem alle ein mal raus waren und das Regal gründlich geputzt, sortierte ich sie voller Hingabe nach Thema, Autor und Farbe.

Bücher sind schon lange meine große Leidenschaft. Seit der Grundschule lese ich viel, so viel, dass meine Mama auf Reisen die Bücher rationieren musste; 2 pro Woche. mehr passte nicht ins Gepäck. Am aller alle liebsten mochte ich schon immer eigene Bücher. Büchereien sind super, vor allem die Kinder lieben es sehr. Ich jedoch mag es Bücher auszupacken, den Duft des Neuankömmlings zu inhalieren und sie dann zu behalten. Ich erinnere mich an einen Großteil, habe an viele von ihnen bestimmte Erinenrungen, wann und in welcher Phase meines Lebens ich sie gelesen habe. Weggeben kommt nicht in Frage.

Mit 12 bekam ich das Buch „Christiane F.“ von meiner Mama. Was mich abschrecken sollte, stellte in Wahrheit die Weichen für meine heutige Berufswahl. Ich las es viel viele Male, kann es immer noch auszugsweise Auswendig und war von Anfang an hoch inspiriert von dem Thema Sucht und Suchtentwicklung. Heute sind es viele Bücher zu diesem Thema und es werden mehr werden.

Ebenfalls früh begann ich mich für das Thema „Drittes Reich“ und die Shoah zu interessieren. Mein erstes Buch zu diesem Thema war „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, es folgten Dutzende. Inzwischen horte ich Unmengen von Augenzeugenberichte, Studien, Analysen und allem anderen zu diesem Thema. Die Resilienz des Menschen ist es, die mich hier besonders interessiert, ebenso wie der Blick in Abgründe des menschlichen Seins.

Meinen dritte Leidenschaft ist der alte Goethe. Ich kann den gut leiden, so wie einige seiner Kollegen auch. Und so gibt es bei mir einiges von Goethe aber auch gern Brecht. Ein wenig Kafka und dann die alten Russen; Bakunin und Tolstoi. In anderen Phasen waren es die RAF und Che Guevara, die mich faszinierten. Wirklich wenig vertreten sind klassische Romane oder Krimis. Selten gelingt es mir einen Roman anzulesen ohne ihn bald gelangweilt wegzulegen.

Meiene Leidenschaft teilt vor allem das B-Hörnchen. Sie liest ganz ganz viel, liebt ihre Bücher und träumt davon, ein mal in einer Buchhandlung eingeschlossen zu werden. Jeder Einkaufsbummel mit ihr endet in einem Buchladen und mit mindestens einem Buch – das sie dann liebevoll an sich drückt und den Duft inhaliert.

Der Chemnitz-Effekt

Die taz stellt heute die Frage, ob es durch die Ereignisse in Chemnitz vor einem Monat einen Anstieg rechtsradikaler Gewald gibt. Die Zahlen sprechen dafür, aber kann das sein? Aus psychologischer Sicht gibt es zwei Phänomene, die die These deutlich untermauern.

Zunächst muss die Gewöhnung angesprochen werden. Der Mensch gewöhnt sich recht schnell an alles und ist in der Lage blitzschnell Toleranzen aufzubauen – nicht gegenüber fremden Menschen, das ist wahr. Aber, gegenüber Verhalensweisen und Gegebenheiten, die er zwar nicht ganz überblickt aber dennoch ganz ok findet. Rechte Gewalt fällt klar in diesem Themenkomplex. Sie hat stattgefunden, es ist nichts schlimmes passiert, also war es ok. So simpel arbeitet das Gehirn, so simpel ist die Gesellschaft aufgebaut. Dieser einfache Mechanismus der Abstumpfung funktioniert tadellos, zum Beispiel auch im Falle häuslicher Gewalt, bei Seitensprüngen oder dem „blau machen“ im Job. Jede geglückte Aktion legitimiert die darauf folgende und damit das Gesamtkonzept. Die enorme Medienwirksamkeit der Rechten Gewalt in Chemnitz hat zwar auch zu einer beachtlichen Welle von links Geführt, warscheinlich aber hat sie auch mächtig abgestumpft.

An zweiter Stelle möchte ich den „Werther Effekt“ nennen. Der Werther Effekt ist ein Phänomen, dass seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat. 1774 veröffentlicht Goethe die „Leiden des jungen Werthers“, ein Drama, in dem sich ein junger Mann aus Liebeskummer das Leben nimmt. Das Buch wurde ein großer Erfolg, leider wurde bald deutlich, dass auch die Anzahl der Suizide junger Männer rapide zunahm. Viele der Suizidalen kopierten sogar den im Buch beschriebenen Suizid, so dass der Verdacht aufkam, dass die Suizide in direkter Verbindung zum Bich stehen. Mit der Zeit sich etablierte sich der Begriff des Werther-Effektes. Heute gilt es, von Suiziden in den Medien so wenig wie möglich kund zu tun, um mögliche Nachahmer zu vermeiden. Die Methode gilt als bewährt. Tatsächlich aber sind es nicht nur Suizide, die Menschen dazu animieren etwas nachzumachen, es sind auch zahllose andere Ereignisse, auf die dies zutrifft. Wichtig ist auch hier der große Erfolg einer Sache – so wie in Chemnitz! Die Gewalt, das Entsetzten, die große mediale Aufmerksamkeit; all das ist ein großer Anreiz für die, die zwar an sich nicht radikal sind aber sich die Aufmerksamkeit wünschen. Denn die Nachahmer vereint in der Regel weniger die Überzeugung an der Sache als die Gier nach Aufmerksamkeit.

Was also tun? Möglich wäre es, die mediale Ausschlachtung einzudämmen und die Motivation derer, die genau das suchen zu minimieren. Außerdem würde eine geringere Präsenz in den Medien auch die Abstumpfung geringer halten. Wichtig ist, dass ich nicht davon spreche die Dinge totzuschweigen oder zu ignorieren. Nur darf die Berichterstattung nicht aufgeblasen, blutrünstig und allzu theatralisch sein. Nüchterne Fakten, bewertet und gemessen am gesunden Menschenverstand und den Werten des Zusammenlebens, reichen aus um zu informieren und ein Bild zu verschaffen. Ein Mord wird nicht grausamer dadurch, dass beschrieben wird, wieviele Liter Blut in welchem Radius verteilt waren. Auch der genaue Tathergang, minuziöse Aufstellungen und Fotos dienen nicht der Aufklärung der Masse sondern sind klar reißerisch angelegt und dienen einem ganz anderen Herren. Wie so oft gilt ganz klar: Weniger ist mehr!

Werther Effekt 2.0

Der Werther Effekt betitelt ein menschliches Verhalten der Nachahmung, das sich auf die Figur des Werthers aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ bezieht. Das psychologische Phänomen „Werther Effekt“ meint die Tatsache, dass es nach einer schlimmen Tat die viel Beachtung bekommen hat, viele Nachahmer gibt. Bei Goethe tötet sich der Werther aus Liebeskummer. Nach der Veröffentlichung des Buches töteten sich viele junge Männer auf die selbe Art und Weise, der Ruhm und Erfolg des Werthers inspirierten sie und schien den Suizid lohnend zu machen. 

Es ist bekannt bekannt und Usus, über Suizide nicht medial zu berichten. Absolut Tabu ist es gar Details zu nennen und den Suizid womöglich zu heroisieren. Die Medien halten sich an dieses Gebot. Läuft aber ein Mensch Amok und tötet einer welche im Zug, berichten die Medien in epischer Breite. Das Resultat ist bekannt und zeigt sich aktuell jeden Tag. 

Liebe Medien, gebt diesen Ereignissen nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschen und die sie nicht verdient haben. Das Töten von Menschen darf sich nicht lohnen. Es gehört nicht medial breitgetreten und heroisiert. Es gehört ignoriert. 

Hell und dunkel

D-Hörnchen ist seit einigen Tagen von Licht fasziniert. Am meisten liebt er es, es an und aus zu schalten. Bisher bezeichnete er die dabei beobachtete Veränderung lediglich mit „hell“ und „dunkel“. Heute hat er dann in einem Raum geschaltet, in dem es einen Dimmer gibt. Die Ergebnisse sind erstaunlich!!

Wenn es einen Dimmer gibt, kann das Licht nicht nur hell und dunkel. Es kann dann auch doll hell und fast dunkel. Außerdem kann es dann dunkel-hell und hell-dunkel. Hinzu kommen die großartigen Funktionen: dunkel aus, dunkel an, hell aus, hell an, dunkel-hell an, dunkel-hell aus, hell-dunkel an und hell-dunkel aus. Logisch. Oder halt ganz nach Goethe:“Mehr Licht!“

Dr. Faustus

Gestern Abend war ich im Theater. Es gab Dr. Faustus von Christopher Marlowe. Nach anfänglicher Verwirrung war ich wie beflügelt von der hübsch-hässlichen Idee des Stückes. 

Die Kernfrage danach, wo denn ‚diese Hölle‘ wäre, beantwortet der Mephisto mit der Aussage:“Unter dem Hinmel! Hier, dort wo du bist!“

In 24 Jahren versucht der Faustus mittels der Allmacht, die ihm der Pakt mit dem Teufel verleiht, die sieben Totsünden zu leben und zu begründen. Er handelt abgründig und böse, er erschafft und bekämpft das Übel der Welt (dargestellt durch einen Hitler in Strapsen und Corsage), ist voller Wollust und wird dann am Ende doch vom Teufel geholt. 

Der Gedanke, dass das Leben hier auf Erden die blanke Hölle ist, wenn man sie nur aufmerksam und mit wachem Geist in ihrer ganzen Grausamkeit betrachtet, ist schaurig schön; erschreckend und beflügelnd zugleich. 

Die Tatsache, dass zudem noch Banana und Minions ins Stück verarbeitet wurden, kann man bei all der Erkenntnis dann auch außer Acht lassen. 

Augenblick verweile…

Nun ist er fast da, der Abschied vom Urlaub. Wehmut macht sich breit. Große, dicke, fiese Wehmut. Während ich oftmals am Ende eines Urlaubs feststelle, dass es nun auch gut ist, könnte ich grad heulen. 

Wir sind doch noch gar nicht fertig. Liebes Meer, wir haben noch nicht zu Ende gebadet. Lieber Sand, wir wollen noch buddeln. Liebe Pferde hinter dem Haus, wir wollen euch noch weiter begucken. Liebe Dünen, Ihr seit so schön. Es ist einfach zu schön. Viel zu schön um einfach zu gehen. 

Augenblick verweile, du bist so schön!!

Augenblick verweile,

Ein Tag wie ein Marathon; ohne etwas geschafft zu haben. Ein krankes A-Hörnchen, Kinderarzt, viel Besuch, Handwerker, Haushalt, Kinder, Kochen, Kekse. Irgendwie war immer was, meine Ohren fühlen sich maltritiert. Und dann:

Plötzlich Stille. A-, B- und C-Hörnchen spielen friedlich im Oben. Und das D-Hörnchen sitzt vor mir am Tisch und telefoniert glücklich mit dem TipToi Stift. Herrlich; Augenblick verweile, du bist so schön!