Ich sehe dumme Menschen

Unter der Woche bin ich eine Meisterin der Abgrenzung. Schlimme Schicksale, Grausames, Trautiges – alles mögliche läuft durch meinen Kopf. Fast alles bleibt auf der rationalen Ebene, wird analysiert und dann mit dem Problemträger bearbeitet. Das ist mein Job, so läuft der Hase. Im Herzen oder zu Hause kommt von all dem wenig an. Dadurch, dass ich die Dramen des Alltags ohne emotionale Färbung behandle, kann ich sie zu Feierabend da lassen, wo sie hingehören: Im Büro.

Im Privaten geht beides. Ich agiere in der Regel aus dem Herzen, höre zu, leide mit und berate als Freundin. Fast nie schalte ich die Analystin dazu, denn als Freund erwartet man selten eine Analyse der eigenen Problemlage. Abgrenzung ist hier kaum nötig, meine Freunde sind Teil meines Lebens und gehören somit fest in meinen Alltag.

Und dann laufen wir eben durch den Supermarkt, so einen großen lauten hässlichen doofen Supermarkt, und ich realisiere, dass ich offenbar neben all den Dramen auch all meine Schutzmechanismen im Büro gelassen habe. Ohne jeden Filter prasselte die Dummheit, die Ignoranz, die Hetzte und all der Stress der Menschen auf mich ein. „Ich sehe dumme Menschen! Die sind wütend und dir wissen nicht, dass sie dumm sind!“ schoss es mir durch den Kopf hab ich wusste nicht, ob ich heute nicht auf Leben kann, oder ich wirklich Teil einer Apokalypse geworden war. Schutzlos beendete ich das Unterfangen „Einkauf“, vergraben im Pullover und dennoch ausgeliefert. Menschen sind so hässlich wenn man genau hin sieht, so griesgrämig, boshaft und gemein. Alle scheinen einander zu hassen und ich hoffe, dass das nur in diesem Laden so war, oder nur heute oder eben nur in meinem Kopf.

Kontrollierte Zentren

Inklusion schreit die Politik seit einigen Jahren. Alle sind gleich und wir heben Unterschiede auf. So versucht man es zumindest in beruflichen und schulischen Angelegenheiten mit deutschen Personen, die ein „Handicap“ haben. Alle anderen Anderen schiebt man nun in Konzentrationsla…. Entschuldigung; Kontrollierte Zentren.

Das Konzept ist, nicht nur von der NS-Regierung der 30er und 40er Jahre, bewährt. Minderheiten oder eben andere Andere, die man als Gefahr, störend oder sonst irgendwie problematisch erachtet, sperrt man ein. In einem Lager kann man Menschen super kontrollieren. Das Individuum verliert schnell seinen Glanz, alle werden zu einer Masse. Professionen, Verwandschaften, Fähigkeiten, all das wird aufgehoben. Aus Persönlichkeiten, Namen und Geschichten werden Positionen in einer Liste. Mittels gnadenloser Hoffnungslosigkeit bricht man den letzten Willen der Menschen und macht sie gefügig. Flucht erscheint schnell ausweglos, wohin soll man noch fliehen wenn es keinen Ort mehr gibt, an dem man als Person existiert und alle anderen einen nicht mehr haben wollen. Früher oder später wird man den Menschen arbeiten anbieten. Niedere, einfache Tätigkeiten. Gut gegen Langeweile, gut für die Wirtschaft.

Schon beim Schreiben beklemmt es mich massiv. Wir hatten das alles! Menschen, Persönlichkeiten und Lebensgeschichten gehören nicht ins Lager. Menschen gehören in ihr Leben; wo auch immer sie das hinverschlägt. Wor sind alle gleich, oh bitte! Habt euch doch einfach lieb und sehr, dass ihr so unglaublich viel voneinander profitieren könnt. Menschen einzusperren, nur weil sie von allem Verlassen, auf der Flucht und entwurzelt sind; wer tut denn sowas? Sprachlos!

Kleine Brüder von großen Schwestern

Wenn wir Fahrrad fahren spielen wir Bibi und Tina, laufen wir durch den Wald machen wir einen Ausritt und steigen wir in den Bus, reiten Sabrina und Amadeus stets hinterher. Schon seit Jahren leben meine Töchter im Bibi und Tina Universum. B-Hörnchen ist Tina, C-Hörnchen ist Bibi. Ich muss immer die Mama spielen, die kann zwar schlecht singen aber ist immerhin nett. Kompliziert wird es wenn ein drittes Kind hinzu kommt. Das muss dann Alex sein – und das will in aller Regel keiner. 

Eben stritten C- und D-Hörnchen im Kinderzimmer. Ich habe keine Ahnung was sie dort taten aber irgendwie gab es Streit. Dann zog D-Hörnchen alle Register und sprach die ultimative Drohung aus:“C-Hörnchen! Wenn du nicht machst wie ich sage, dann bist du Alex!!!“ Denn so drohen kleine Brüder, die immer Alex sein mussten. 

Toilet Stories

Manchmal sieht man einen Film und ist nach 20 Minuten sicher, dass man ausschalten sollte. Gestern habe ich es nicht gemacht und es war gut. 

‚Toilet Stories‘ ist zunächst einfach nur langweilig. Es folgt eine ebenfalls lange Phase der aparten Verwirrung, in der man voller Entsetzten auf den Fernseher glotzt. Garniert wird das Ganze mit einem erlösenden und dennoch beschämtem Lachen, denn zu einem „saukomisch“ kommt man nicht. 

Der Menne brachte es gut auf den Punkt:“Ich bereue es nun nicht ihn geguckt zu haben.“ So ist es. Vielleicht sogar ein wenig mehr. 

Toilet Stories; lohnt. Irgendwie. 

Mein Bruder 

Als Kind habe ich mir immer einen Bruder gewünscht. Einen großen Bruder, der mich beschützt, mir vorliest und mit mir spielt, einen Helden eben. Statt dessen hatte ich nur eine kleine Schwester (die ich heute verehre!) die mir wenig hilfreich war. Oft stellte ich mir vor, wo der Bruder sein könnte, auf welchen Wegen er zu mir kommen könnte. Ich malte mir das Leben mit meinem großen Bruder in den blumigsten Farben aus und es war perfekt. 

Eine der Phantasien, über den Aufenthaltsort meines Bruders war, dass er auf dem Dachboden lebt, weil unten zu wenig Platz war. Ich sah das als wenig dramatisch, fand jedoch nie den Mut mal rauf zu klettern und nachzusehen. Gestern Abend erzählte ich meinem Mann davon. Sein einziger Kommentar:

„Tja, und dann guckst‘ nach und da ist nur noch der Zettel: Hättest du geguckt, wäre ich noch am Leben.“

Über mich legte sich ein eiskalter Schatten. Die Nacht konnte ich nicht schlafen. Zum Glück weiß ich, dass da oben keiner war!!