Und ganz doll mich!

Seit etwa einem halben Jahr ist mein A-Hörnchen nun auf einem recht anspruchsvollem Gymnasium. Er geht gern zur Schule, hat Anschluss gefunden. Die vielen Arbeiten und Tests haben ihm bisher wenig zugesetzt; bei minimalem Aufwandschrieb er 3en. Alles gut, soweit. In den letzten zwei Wochen bekam er zwei schlechtere Ergebnisse zurück und plötzlich waren da Zweifel.

Das Hörnchen geriet ins Schwanken. Gymnasium – viel wissen – viel Anerkennung – viel lernen – viel Arbeit. Oberschule hingegen – weniger Stress – weniger – Arbeit – weniger Status. So in etwa liefen seine Gedanken ab, es war ein großes Durcheinander. Zunächst versuchte ich ihm die verschiedenen Möglichkeiten weiter aufzuschlüsseln, kam selber vom 100stel ins 1000stel. Und plötzlich wurde mir klar, was das wesentliche ist. Es geht nicht um Arbeit, Anerkennung und Wissen. Im Leben geht es um was ganz anderes!

Ich erklärte meinem Hörnchen, dass es mir, als seiner Mama, am Ende nicht wichtig ist, dass er ein exzellentes Abitur hat. Mir sei es nicht wichtig, dass er vier Sprachen und drei Instrumente könne. Das einzige, das für mich zählte sei, dass er glücklich ist! Denn soviel habe ich gelernt in meinem Leben: Glücklich machen uns nicht Leistung, Anerkennung oder Erfolg. Glück wird durch das hervorgerufen, was unser Herz möchte. Und, so ist es eben, Herzen sind zum Glück nicht immer klug oder vernünftig. An so manchen Nachmittag möchte so ein Kinderherz viel lieber Monopoly spielen als Vokabeln zu lernen. An anderen vielleicht lieber Lego bauen als Mathe zu machen und an wieder anderen hat es große Lust ein Referat vorzubereiten.

Natürlich habe ich ihm auch erklärt, dass es gewisse Dinge gibt, die sein müssen. Hausaufgaben, Anwesenheit und wer nur 5er im Zeugnis hat fällt durch. Alles in einem aber ist es wichtig, gesund und glücklich aus der Schule zu kommen – um sich dann dem echten Leben zu widmen. Und da man es von allen Menschen auf der Welt wohl am längsten mit sich selbst aushalten muss, sollte man wissen wen man am besten zu pflegen hat.

Elternabend 

Nach vier Jahren Grundschule im staatlichen System dachte ich eigentlich, ich wüsste was mich an so einem Elternabend erwartet. Nach 3 Stunden an einer Privatschule bin ich nun eines besseren belehrt worden. 

In der Grundschule kamen zum Elternabend 6 Elternteile, zwei stellten sich später als Paar heraus. Man saß gemütlich im Kreis auf winzigen Stühlen und sprach über den Bio- Anteil im Essen, über ein gesundes Frühstück und über den Schulweg. Irgendwann fragte immer jemand, ob denn nicht der Schulweg gleich in Hausschuhen gemacht werden könnte, das spare ja das doppelte Umziehen, oder ob es denn ok wäre den Schulranzen zu verkaufen und eine Tüte zu nehmen. Die Themen wiederholten sich Jahr für Jahr und die Antworten auch. Der harte Kern von drei Eltern kam immer, die anderen variiereten und hielten somit den Fundus an irren Fragen aufrecht. So war es und so wird es immer sein. 

Heute kamen zum Elternabend 21 von 24 Elternteilen. Es war voll. Die Tische waren gefüllt mit sogenanntem bildungsnahem Publikum. Man sprach über die lustigen Unterschiede zwischen Glockenkurven und Sinuskurven, tauschte Praxisadressen und war sehr hipp. Die Leherschaft gab Antworten auf tausend Fragen und analysierte mit den Eltern die genaue Notenzusammensetzung, den Klausurenschlüssel und den prozentualen Anteil der germanisch-stämmigen Vokabeln im Englischunterricht. Man war interessiert. Schnell war klar, hier gehen zwar die Kinder zu Schule, die Fäden im Hintergrund ziehen aber die Erwachsenen. 

Wieder einmal bin ich gespannt auf das Leben in dieser Christlich geprägten Klasse, in diesem angeblichen Verbund, in dem es aber am Ende nur um eins zu gehen scheint: Leistung. Ob das denn alles so Gottes Wille ist? 

Wer das Eichhörnchen beherrsch, beherrscht die Welt

Der erste Vokabeltest in der neuen Schule stand an und A-Hörnchen musste lernen, dass das was in der Grundschule „Englisch Unterricht“ hieß, in Wirklichkeit Ringelpiez mit Anfassen war. Bis vor wenigen Tagen dachte das Hörnchen, schon ganz gut englisch zu können, jetzt ist er anderer Meinung. 37 ganze Sätze waren zu bezwingen. Allein das Fehlen der Pronomen war desaströs, die Erkenntnis, dass „They are“ und „They’re“ das selbe bedeuten und nicht essbar sind gab ihm den Rest. 

Auch die einzelnen Nomen hatten es in sich und das arme Hörnchen quälte sich mächtig. Am schlimmsten war das Eichhörnchen! Schon zu meiner Schulzeit konnte ich nicht verstehen, wie man sich so ein beklopptes Wort für etwas so niedliches ausdenken kann. Dem A-Hörnchen erklärt ich kurzum, mit dem Englischen wäre es so:  Wer das Eichhörnchen beherrscht, der beherrscht die Welt. Heute, am Morgen des Tests, saßen die meisten Vokabeln. Am wichtigsten war aber, dass er wusste was Eichhörnchen heißt. Und so ging er mit dem Selbstbewusstsein eines Squirrels in seinen ersten Test an der neuen Schule – da kann doch nix schief gehen! 

Als kleine Ergänzung: Das englische Wort für Eichhörnchen, squirrel, leitet sich aus dem griechischem Begriff „skiouros“ ab, was soviel bedeutet wie „Schattenwesen“. 

Die Hausordnung 

An A-Hörnchen’s neuer Schule gibt es eine Hausordnung, soweit so gut. In dieser Hausordnung ist unter anderem auch die Bekleidung der Menschen an der Schule geregelt. Bauch, Rücken und Schultern sollen bedeckt sein. Hosen und Röcke sollen unterhalb des Knies enden und die Unterwäsche soll nicht zu sehen sein. 

Soweit so gut. Ich finde mit diesen Regeln kann man leben und auch das A-Hörnchen was einverstanden. Nun liegt es ihm aber leider gar nicht eine Regel einfach so hinzunehmen. Von daher dachte er nur kurz nach bis er Kritik anbrachte. „Die Unterwäsche soll nicht zu sehen sein, aber das darunter ist ja egal!“ Er kicherte und ging seiner Wege. Vielleicht sollte er diesen Aspekt in der Schule aussparen. Ebenso wie die Information, dass der Gottesdienst am ersten Schultag „gar nicht so schlimm war wie er dachte“. 

Aller Anfang..

Heute hat das A-Hörnchen seinen ersten Tag an der weiterführenden Schule. Er ist aufgeregt, ja wahnsinnig aufgeregt. Schon seit Tagen versucht sein Kopf das, was ihn da erwartet zu einem logischen Ganzen zu formieren- zwecklos. Morgen Mittag ist es geschafft! 

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag in der 5. Genau wie das A-Hörnchen kannte ich niemanden an der neuen Schule und genau wie er versuche ich mir irgendwie vorzustellen, was da auf mich zu kommt. Zwecklos, und am Ende auch unwichtig. Ich verfiel damals in heillose Panik, war gnadenlos nervös und voller Selbstzweifel. Ich hasse die Entscheidung auf diese Schule zu gehen und niemanden zu kennen. A-Hörnchen nimmt gerade diesen hässlichen Fakt mit vollster Gelassenheit. Auf die immer wiederkehrende Frage, wie er es denn fände da keinen zu kennen antwortet er knapp:“ Na ja, das ist ne ganze Schule voller netter Kinder. Das wird bestimmt gut!“ Und seinen wir mal ehrlich, Vollpfosten, Fieslinge und Streitmacher gibt es überall. Aber mit dieser Einstellung wird das Abenteuer „neue Schule“ bestimmt einfach mal gut! 

Weiterführende Schule

Das A-Hörnchen kommt im Sommer in die 5. Klasse. In einer großen Stadt wie Bremen gibt es 1000 Optionen, wie das Kind beschult werden könnte; für jeden was dabei, sollte man denken. Die Realität sieht so aus, dass die Eltern  in einigen Stadtteilen schon Monate im Voraus in Aufruhr sind, weil die zur Verfügung stehenden Optionen leider alle schlecht sind. Unsere zuständige, nahe gelegenste Schule hat einen entsetzlichen Ruf. Auf ein Lob folgend drei Horror-Geschichten. Das Klima sei Rau, die Gewaltbereitschaft hoch. Zudem seien die Schüler nach der 10. klasse weit zurück, so dass sie es schwer hätte aufzuholen und ein Abitur zu machen. Nichts für mein kluges, interessiertes und zart besaitetes Kind.

Es gibt eine hand-voll Gymnasien in Bremen, vielleicht wäre das eine Option, wenn auch eine schlechte. Viel Druck, wenig Zeit und ein enormes Pensum. Wirklich sehen tue ich mein Kind auch da nicht. Unter Stress macht er dicht, und stressen will ich ihn sowieso nicht, ist doch das Leben nach der schule stressig genug.

Waldorfschulen und freie Schulen stellen weitere Optionen dar. Schulgeld ist nicht schön aber im Notfall zu verknusen. Hinderlicher sind die Wartelisten von erheblicher Länge. Eine Schule macht uns gar keine Hoffnung, eine weitere allenfalls sehr geringe. Die dritte ist erst seit einem Jahr existent und ich weiß nicht, ob ich es wagen würde in diesen Testballon zu steigen.

Was bleiben sind die weiteren Oberschulen im lande. Es gibt viele, sehr viele. Etwa 3/4 fallen raus weil sie einfach zu weit weg sind. Ein Schulweg von 50 Minuten ist nicht erstrebenswert. Die restlichen Schulen kommen zT. durchaus in Frage, die eine mehr, die andere weniger. Und hier greift dann die Tücke des Bremischen Schulsystems. Von den eh schon raren Oberschulplätzen gehen zunächst 1/3 an die Schüler mit Gymnasialempfehlung (welche mein Hörnchen eher nicht bekommen wird). Weitere 10% werden an Härtefälle vergeben. Die restlichen 60% der Plätze gehen an Kinder aus dem Umfeld und nur die aller restlichsten Restplätze an die anderen. Und genau diese Plätze stellen unsere (haha) Chance dar. Da 2007 weiterhin ein sehr geburtenstarker Jahrgang war, ist das ganze Drama perfekt. Wir denken seit Wochen in alle Richtungen und kommen doch zu keinem klugen Schluss.

Ich finde das ganze System unsinnig und ungerecht. Die eh schon schwachen Schulen bekommen keinen einzigen Leistungsstarken Schüler. Wie in einem Sammelbecken für bildungsfernes Publikum hocken alle die zusammen, deren Eltern sich keine Gedanken gemacht haben. Die jenigen aber, die denken, könnten zwar das Ruder rumreißen, in dem sie ihre gut sozialisierten Kinder dort anmelden, tun es aber nicht. Denn wer will denn sein eigenes Kind opfern? Ich nicht, das ist klar. Und so komme ich mir vor wie eine Forelle im Netz. Ich zappen und zucke in alle Richtungen und doch scheint es nichts zu bringen. Keiner versteht. Oder keinen interessiert.

Schule ist halt doch irgendwie… scheisse!!