Wenn eine eine Reise tut

Eine schnelle Zusammenfassung des Tages.

1. Der Akzep Kongress für akzeptierende Drogenarbeit ist spannend , informativ und regt zum Denken und Diskutieren an.

2. Alles ist lustiger, wenn man es mit der besten Freundin macht; Kongresse und Bahnfahrten und alles andere eben.

3. Zwischen Bremen und Hamburg liegen viele viele alle „Unterwegsbahnhöfe“ wie die bezaubernde Zugbegleiterin es nannte und allein für das Wort gehört diese gefeiert; und für die Süßigkeiten, die sie uns schenkte, damit wir uns endlich benehmen.

4. St. Pauli hat ein tolles Stadion, günstige Hotels, die kein Puff sind und ist tot schick mit laut. Ist eigentlich eher St. Pauli laut oder bin ich alt? Wirklich schick ist es in jedem Fall.

5. Viele Stunden zuhören, clevere Dinge sagen und klug Kontakten ist wirklich anstrengend.

6. Wenn man auf St. Pauli ist, sollte man dringend abends ausgehen, so richtig durch den Tisch treten und es unsagbar krachen lassen.

7. Wegen einiger der genannten Punkte ist man aber zu alt, angestrengt oder was auch immer und guckt deshalb ab 20.00 TV im Hotelbett. In mir steckt eben ein Rebell.

Gedenken

Der 21.7. ist der internationale Gedenktag für Verstorbene DrogenkonsumentInnen. Kurz gedacht ist es nunmal so, dass Drogen tödlich sind und man eben keine nehmen sollte. Die Realität sieht jedoch weit anders aus und hat mit kurzgedachter Logik nichts zu tun. Drogensucht ist eine schwere Erkrankung, die multiple Ursachen hat und komplex zu behandeln ist. Die Gründe zu Drogen zu greifen sind fast immer andere psychische Erkrankungen wie Traumata, Belastungsstörungen, Depressionen oder auch ein unbehandeltes ADHS. Viele Konsumenten haben schlimmes erlebt und nutzen die Droge zunächst als Ausweg.

Sucht ist nicht durch Strafe oder Drohungen zu kurieren. Ein Teil im Kampf ist die Prävention, also die Sucht zu bekämpfen, bevor sie entsteht. Und der andere Teil ist es, sie zu akzeptieren und versuchen die Risiken zu minimieren. Natürlich sind gute Therapien unabdingbar, natürlich gehört eine Krankheit behandelt. Der Verzicht auf die Droge, also das Medikament an sich, sollte aber nicht als primäres Ziel betrachtet werden. Dieser Teilbereich, die Akzeptanz der Sucht und die Gesunderhaltung des Klienten, fasst sich unter dem Begriff der Harm Reduction zusammen.

Harm Reduction ist vor allem Aufklärung. Welche Risiken bestehen, welche Konsumformen minimieren, welche maximieren das Risiko. Auch die Ausgabe steriler Spritzen etc. ist wichtig, ebenso wie die Sicherstellung medizinischer und medikamentöser Behandlung. Für all dies, den Aufbau von Beziehung zum Klienten, das Schaffen von Vertauen und oftmals dem bloßen Auffinden des einzelnen, braucht es vor allem Zeit. In der Arbeit mit einem Personenkreis, in dem viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, ein großes Misstrauen herrscht, sind es vor allem Stabilität und Zeit, die für uns arbeiten.

Zeit; genau an der fehlt es vielen Einrichtungen. Der Drogenhilfebereich ist zwar irgehdwie ein Muss in jeder Stadt, leider wird er absolut stiefmütterlich behandelt. Die finanziellen Mittel der Einrichtungen sind so knapp, dass die Personaldecke extrem dünn ist. Auch den Einrichtungen fehlt es an vielem. Darunter leiden tut die Qualität der Arbeit, die Effektivität und damit unmittelbar der Klient. Lange Wartezeiten in einer medizinischen Ambulanz können Menschen unter Suchtdruck nicht aushalten, für längere Gespräche oder gar aufsuchende Arbeit (Streetwork) fehlt es schlicht an Zeit und die so wichtigen Kooperationen im Hilfesystem hinken gewaltig. Statt Gelder locker zu machen um Probleme konstruktiv anzugehen, setzt der Staat auf Repressionen. Drogenkonsumenten werden vertrieben, Plazverweise werden inflationär ausgesprochen. Der dadurch resultierende Rückzug der Klienten in Wohnunen oder halb-öffentliche Plätze, macht es dem Hilfesystem schwer sinnvoll anzusetzen. Und so sterben weiter Menschen an Überdosen, schweren Inektionen, Organschäden oder Blutungen, weil keiner sie gefunden hat. In meiner Stadt waren es 19 im vergangenen Jahr, in diesem vielleicht schon mehr und 500 in den vergangenen 25 Jahren. Menschen, die Träume hatten, Familien und Freunde und irgendwann in ihrem Leben einmal keinen anderen Ausweg gesehen haben als zu Drogen zu greifen. Menschen, die für mich, und viele andere Menschen im Drogenhilfesystem, Gesichter hatten und durch ihre Geschichten weiterleben.