Besprechung mit anschließendem Frühstück

Heute vor 77 Jahren wurde auf der Wannenseekonferenz die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen. Die Einladung mit den schlichten Worten „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ war an 15 hochrangige Parteimitglieder gerichtet. Kern der Zusammenkunft war es nicht etwa den Massenmord zu beschließen, viel mehr ging es darum ihn zu verbessern.

Seit inzwischen 1,5 Stunden versuche ich meine Gedanken zu sortieren und etwas schlaues zu verfassen, versuche die Tatsache, dass sich 15 Menschen trafen und bei Kaffee und Tee berieten, wer wann wo wen wie umbringt zu begreifen und psychologisch zu betrachten. Nichts.

Fasse ich es also knapp zusammen. Der Mensch ist einfach so unfassbar dumm, dass man ihm die unglaublichsten Wiederwertigkeiten, das größte Leid und die dämlichsten Theorien als Wahrheit verkaufen kann, wenn man ihm nur seinen eigenen Vorteil sichert. Menschen glauben einem alles, und das schon immer. Menschen gehen auf Kreuzzüge, Versklaven andere und gucken sich Sonntags Mittags begeistert Gladiatorenkämpfe an. Hass, Unterdrückung, Leid und Mord sind in unserer Gesellschaft tief verankert und die meisten nehmen es gern in Kauf. Es ist ok, am besten wenn man es nicht direkt sieht. Und die hässlichen Berichte in den Spätnachrichten, da kann man ja drüber hinweg sehen.

Nur weil keiner was sagt, ist nicht alles ok. Nur weil alle es tolerieren, ist es nicht gut und nur weil man es nicht sieht, ist es nicht weg. Jede Sekunde sterben Menschen, werden gefoltert, unterdrückt, hungern oder werden Misshandelt weil sie falsch aussehen. Das passiert in fernen Ländern und hier. Vielleicht in Deinen Straße, in deiner Firma oder dort drüben, bei deinem Supermarkt. Und vielleicht könntest du der sein, der was sagt.

Ge-denken

Heute ist der 9. November und in diesem Jahr sind die Progrome der Nazis 80 Jahre her. 80 Jahre, in denen das unvorstellbar möglich wurde, in denen Menschenrechte scheinbar aufgehoben wurden und Millionen getötet. 80 Jahre, in denen ein Volk entnazifiziert wurde, in dem Prozesse gehalten und 80 Jahre, in denen doch nichts geschah. Heute sind wir dem Thema Hass und Gewalt so nah, wie lange nicht mehr. Öffentliche Diskriminierung ist an der Tagesordnung, Progrome wieder denkbar. Die Politik deckelt und verharmlost was geschieht und die jenigen, die für Menschnewürde und Zusammenhalt auf die Straße gehen fürchten um ihre Sicherheit. Die Geschichte wiederholt sich – und wir alle sehen dabei zu.

Gedenken, in diesem Wort steckt auch denken. Denken, das bedeutet auch selbstständig nachzudenken, sich mit dem auseinander setzen was passiert. Im Anblick eines Facebook-Memes zum 9. November einmal kurz zu ge-denken kann nicht alles sein. Um die Geschichte dieses Mal aufzuhalten braucht es mehr. In erster Linie Mut und Aufmerksamkeit. Jeder einzelne muss Unrecht und Verletzungen der Menschenrechte erkennen und sich einmischen. Die anderen sind laut und überzeugend – also lasst uns lauter und überzeugender sein.

Kein Mensch ist illegal, wir sind alle Menschen!

Amygdala und Chemnitz

Die Amygdala ist ein winziger Teil des Gehirns. Ihr Fachgebiet sind Emotionen und die emotionale Einfärbung von Erinnerungen. Sehen wir etwas durch die sprichwörtliche rosa-rote Brille, ist es die Amygdala, die zB. die Erinnerung „essen gehen“ mit positiven Emotionen verknüpft. Ebenso tut sie dies mit weniger erfreulichen Erinnerungen, so assoziieren die meisten Menschen leichten Stress mit dem Geräusch von Sirenen oder viele ein Gefühl von Angst wenn die zB. Spinnen sehen. Die Amygdala ist effizient, was sie macht, das macht sie gründlich und so bleiben uns ihre Einfärbungen in der Regel lange erhalten. „Das ist unser Lied“, sagen Verliebte jahrelang und denken rosa-rot an einen bestimmten Abend zurück. Ebenso bleiben Geräusche wie das eines Verkehrsunfalls ewig im Hirn und sind deutlich mit Hilflosigkeit, Angst oder Panik assoziiert.

Neben der Neu-Einfärbung gemachter Erlebnisse greift die Amygdala aber noch auf ganz andere Informationen zurück. Sie kann uns Weisheiten aus längst vergangenen Tagen als das Nonplusultra präsentieren. So ist die Amygdala durchaus der Meinung, dass Fremde Menschen gefährlich sind. Denn damals, in grauer Vorzeit, da war jeder der nicht dem eigenen Stamm angehörte, potentiell gefährlich. Auch diese Ur-Information tragen wir in uns und sie färbt unser Urteil. Nun haben wir zum Glück die Möglichkeit uns weiterzuentwickeln. Jede gemachte Erfahrung, die die Ur-Thesis wiederlegt, trägt dazu bei sie zu überwinden. Denkt man an dieser Stelle an die momentan allgegenwärtige Angst vor Fremden, wird ganz deutlich: Angst vom Fremden liegt in jedem von uns. Das einzige was hilft sich ein realistisches Bild zu verschaffen ist: Kontakt zu Fremden. Konfrontationstherapie! Zahlen belegen übrigens, dass die Angst bzw. auch der Hass an den Orten signifikant höher ist, an dene weniger sogenannte Fremde leben.

Und da sind wir beim letzten Punkt. Angst ist schlecht in Statistik! Denn neben der hervorragenden Funktion der Angst, uns zu warnen, ist sie auch gut darin uns auf falsche Fährte zu locken. Angstbehaftete Situationen, und da kommt wieder die Amygdala ins Spiel, werden aufgrund der hohen Emotionalität, viel besser sichtbar im Gehirn gespeichert. So haben viele Menschen in unseren Breitengraden große rote Leuchtschrift im Cortex die besagt, dass Spinnen gefährlich sind. Die nüchterne Info hingegen, dass sie es in Europa nicht sind, kommt nur bei den wenigsten an und kann sich kaum gegen die Leuchtreklame durchsetzen. Ebenso ist es leider nach wie vor in vielen Köpfen was das Leben mit Menschen angeht. Angst dominiert. Konfrontation ist die beste Therapie, möglichst emotional eingefärbt. Gemeinsames Leben, gemeinsames Erleben ist das was Hilft. Denn nur dadurch begreifen unsere dummen Hirne, dass Menschen einfach Menschen sind.

Berlin

Berlin, was bist du geil! Zugegeben, mein politischer Gesist hat in den vergangenen Jahren arg gelitten. Vor allem der aktive Teil liegt furchtbar brach. Gesten wurde mir das mehr als bewusst. Die Afd rief zum Demo und alle kamen. Linken, ganz linke, mittel linke, mittlere, Omas, Mamas, Papas, Studenten, Arbeiter und eben jeder, der sonst keinen Bock auf rechte Scheisse hatte. Und ich, ich bedaure es sehr nicht da gewesen zu sein!!

Doch folgen wir einmal der Berichterstattung. Gestern demonstrierten zwischen 2000 und 5000 Anhänger und Unterstützer der Afd in Berlin; wir erinnern uns – peinliches Demogeld und so. Auf der anderen Seite, und das ist ganz und gar nicht peinlich, demonstrierten zwischen 25.000 und 75.000 Menschen gegen den Hass – und für die Liebe. Friedlich, mit friedlichen Mitteln und satten Worten. Quer durch alle sozialen Schichten, jedes Alter und Geschlecht war man zusammen gekommen um gegen den rechten Stumpfsinn ein Fest zu feiern. Kein Hass, keine Gewalt. Gemeinsam ging es gegen das, was wir zur genüge hatten – rechten Rotz der keinem nutzt außer sich selbst.

Es als eine Chance sehen

20%. Diese Zahl ist derzeit ein Synonym für Angst, Schrecken und Nazis. 20% AFD in MeckPom, das bedeutet übersetzt, dass 20% der Menschen die gewählt haben, bereit sind die Grundregeln unseres Zudammenlebens aufzugeben, Menschen zu diskriminieren und notfalls ihren Tod in Kauf zu nehmen. 20% der Stimmen waren für die AFD, das ist schlimm, darf aber nun nicht zur Schockstarre führen.

20% der Wähler wählten AFD; das heißt aber auch, dass 80% es nicht taten. Und ich denke auf diese 80%, die eine Mehrheit bilden, sollten wir uns konzentrieren. Was nun wichtig ist, ist ein Bündnis der 80%. An einem Strang ziehen, das gemeinsame Problem erkennen und es demokratisch lösen. 80% der Wähler möchten die AFD nicht, 80% der Wähler vertrauten auf die Kraft und Klugheit der übrigen Parteien. Klug agieren kann in diesem Falle nur eins heißen: Keine Akzeptanz für Nazi-Parolen und die Missachtung von Menschenrechten. Das Konstrukt aus Angst, Hass und Verzweiflung muss aufgebrochen und entschärft werden. Die Menschen müssen sich sicher, verstanden und geborgen in diesem Land fühlen. Hierzu braucht es keine Fremdenfeindlichkeit und keine Hetzparolen. Alles was es braucht ist den Zusammenhalt aller der, die keinen Hass wollen. Nicht mehr und nicht weniger. 

Hinter uns mein Land

Ich teile dieses Video mit euch, weil es mich heute morgen zu Tränen gerührt hat, mich an der Wurzel gepackt und zerrissen hat. Die Kraft der Worte, ihre Traurigkeit und Kraft, wie sie beides zusammen binden und bündeln und mich schreien lassen wollen, weil ich den Schmerz kaum ertragen kann.

Also, macht es euch bequem auf euren Sofas und Sesseln, nehmt einen heißen Tee und fühlt euch schlecht. Obwohl ich es so sehr nicht will und bin, fühle ich mich heute als Teil von etwas schrecklichem.

Hinter uns mein Land