Another day in paradise

Ich arbeite in einer niedrigschwelligen Drogenberatungsstelle. Meine Klienten sind Konsumenten harter, illegaler Drogen. Sie sind süchtig, viele von ihnen sind obdachlos, andere wohnen prekär. Fast alle Menschen, die ich täglich treffe, sind bei schlechter Gesundheit. Täglich erlebe ich Dinge, die man sich nicht ausdenken kann. In den ersten Wochen kam ich Tag für Tag nach Hause und war voll von Eindrücken, Geschichten und Elend. Inzwischen ist es selten wirklich schlimm. Am Klientel hat sich wenig geändert, nichts. Ich selbst hingegen bin offenbar abgestumpft.

Und dann war es grad Phil Collins, der mich dann doch fast umwarf. In „another day in paradise“ singt er:

„She calls out to the man on the street
He can see she’s been crying
She’s got blisters on the soles of her feet
She can’t walk but she’s trying“

und plötzlich rannte mir das Elend der vergangenen Tage durch den Kopf. Wunden, Hunger, Dreck, Angst, Verzweiflung, plötzlich war es einmal alles da, ganz nah. Bilder überschlugen sich und Sätze mischten sich ein. Habe ich wirklich aufgehört das alles zu sehen? Bin ich abgestumpft?

Einige Minuten später denke ich, dass es nicht so ist. Meine Toleranz für Elend ist gestiegen, vieles ist Alltag geworden. Und dies wiederum ist bitter nötig. Ohne die herausragende Fähigkeit des Gehirn, sich in manchen Fällen zu drosseln, wäre es vermutlich kaum möglich, sich dem allem täglich auszusetzen. Auch die hohe Akzeptanz mit der wir dort arbeiten wird erst dadurch möglich, dass wir nicht an jedem schrecklichen Detail verharren. Den Menschen als Ganzes zu sehen, in jeder Facette, ist so wichtig. Denn nur so werden aus den Junkies, die andere sehen, die oftmals wunderbaren Menschen, mit denen ich Tag täglich arbeiten darf.

Die Drogen und ich

Während des Studiums habe ich regelmäßig Referate halten müssen. In der Regel saßen zwischen 20 und 40 Mit-Studenten vor einem, an deren Gesichtern man gut ablesen konnte wie’s läuft. Waren nach 20 Minuten noch alle wach, lief es optimal, dämmerten wenige, war es ok. Schliefen 3/4 redete man langweiliges Zeug, so einfach war das.

Heute durfte ich im Rahmen der Bremer Suchtwoche einen Vortrag zum Thema „Drogenkonsumräume“ halten. Dreißig Menschen saßen da, nicht weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten. Um es vorweg zu nehmen, es war gut. Dennoch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich in den Minuten vor dem Beginn fast verstorben wäre. Kein Professor hatte das Thema vorgegeben, kein Wimi die Präsentation vorher begutachtet. Was ich zu sagen hatte stammte von mir, aus meinem Hirn und ein großer Teil auch aus meinem Herz. Denn das Thema „Illegale Drogen“, die damit verbundenen Debatten und der damit verbundene Kampf für die Rechte meiner Klinten ist eine gute Mischung aus Wissen und Leidenschaft.

Ja, wieder einmal weiß ich, wofür ich das mache. Überstunden, unbequeme Termine und hässliche Themen, all das ist bedingungsloser Inhalt des Jobs, dem ich mich verschrieben habe. Die Rechte drogenabhängiger Menschen kommen in allen Bereichen zu kurz. Die wenigen Hilfsangebote sind unterfinanziert, viele sind schlecht auf die besonderen Bedürfnisse unserer Klienten zugeschnitten. Den mangelnden Angeboten stehen mächtige Repressionen und Kriminalisierung gegenüber, denen, die eh kämpfen, die eh am Rande der Gesellschaft stehen, wird jede Teilhabe verwehrt.

Drogenhilfe bedeutet somit für mich nicht nur den Menschen zu helfen, zu vermitteln und möglichst unkompliziert Leben zu retten, sondern genauso für die jenigen ein Sprachrohr zu sein, die es selbst nicht sein können. Sucht ist eine schwere, lebenslange psychische Erkrankung. Keiner sucht es sich aus süchtig zu sein, niemand möchte unter den oft unwürdigen Bedingungen leben. Das Einhalten gewisser Mindeststandards hingegen ist ein Menschenrecht. Zugang zu sauberem Wasser, die Möglichkeit zum duschen und zur Toilettenbenutzung sowie gesundheitsfördernde Konsumbedingungen für schwerstabhängige sind das Mindeste was unsere Gesellschaft den zur Verfügung stellen können, die meistens als Kollateralschaden hinten herunter fallen. Denn hinter jeder Suchterkrankung steht auch eine Geschichte, steht eine Biografie, die fast immer geprägt ist von Gewalt-Erfahrung und Traumatisierung. Und wenn wir es schon nicht schaffen die Mitglieder unserer Gesellschaft vor Trauma und Gewalt zu schützen, sollten wir ihn wenigstens ermöglichen so gesund wie ist denn eben geht zu leben. Drogenkonsumsräume sind ein kleiner aber dennoch sehr elementarer Teil dieser Praxis.

Safer use

„Safer use“ könnte man im Prinzip mit einer Aussage wie „wenn du das schon machen musst, dann wenigstens so sicher wie möglich“. Im Bereich des Drogenkonsums ist die Bandbreite an Safer use Empfehlungen riesengroß und deckt weit mehr als das Bestreben ab, kein HIV durch dreckige Spritzen zu bekommen. Safer use ist heute Bestandteil jeder Drogenberatung und ein elementarer Teil der Gesunderhaltung der Klienten. Die Ausgabe sauberer Materialien ist ein Bestandteil, die Aufklärung ein weiterer. Beratungen können in verschiedensten Settings stattfinden. Auf der Straße, im Konsumraum oder bei einem Kaffee im Büro.

Die Tatsache, dass gebrauchte Spritzen gefährlich sind und Hepatitis und HIV sich darüber spielend leicht verbreiten können, ist spätestens seit der Aids-Welle Anfang der 90er überall bekannt. Tatsächlich sind es aber weit mehr Kleinigkeiten die beachtet werden sollten um Schlimmeres zu vermeiden. Es gibt zum Beispiel sog. Drug Check Programme, in denen die Konsumenten ihren Stoff analysieren lassen können. Der stark schwankende Wirkstoffgehalt und die vielen Streckmittel sind eine große Gefahr. Auch sind bei weitem nicht nur „Fixer“, also die jenigen, die intravenös konsumieren, betroffen. Auch beim Rauchen oder dem nasalen Konsum gibt es vieles was man beschaten kann und sollte.

Die Grundfesten jeder Beratung sind letztlich die Hygiene und das Setting. Jede Komponente des Konsumvorganges sollte sauber und unbenutzt sein, denn infizieren kann man sich zB. auch an einem dreckigen Geldschein, den man zum sniffen benutzt. Auch Körperhygiene und der Ort, an dem man konsumieren möchte, spielen eine Rolle. Neben dem sauberen Setting, sind auch der Konsum in Ruhe und nicht allein absichernde Komponenten. Je besser man sich auf den Konsum konzentrieren kann, je sorgfältiger man arbeiten kann, desto geringer ist die Gefahr von Infektionen oder einer Überdosis.

Die genannten Bedingungen sind für die meisten Betroffenen schwer herzustellen. Parks, Hinterhöfe oder Toiletten sind häufige Konsumorte. Werder Hygiene noch Ruhe sind hier zu finden. In immer mehr Städten gibt es deshalb inzwischen Konsunräume, in denen unter hygienischen und kontrollierten Bedingungen konsumiert werden kann. Medizinisches Personal agiert hier im Notfall – nicht das Gesetz der Astra. Diese Räume retten in jedem Jahr tausende Leben – und ermöglichen den Konsumenten ein Stück Leben zurückzubekommen. Denn der elende Konsum in Toiletten und Gebüschen ist immer nur die Notlösung. Niemand will das; leider bleibt oftmals nichts anderes übrig.

Schwellenabbau und Akzeptanz

Die Schwelligkeit eines Hilfsangebots beschreibt, wie viel Aufwand und Struktur ein potentieller Nutzer mitbringen muss, um Hilfen zu erhalten. Ein hochschwelliges Angebot ist zum Beispiel das Job Center; der Nutzer muss einen Termin erbitten, diesen einhalten, ggf. lange waren. Er muss Formalien wie Fristen einhalten und Formulare ausfüllen. Für Menschen, die sich in prekären Lebensverhältnissen befinden, ist dies kaum zu schaffen. Frustration, Misstrauen sowie dir Hürden des Alltags machen es um ein Vielfaches komplizierter als es eh schon ist.

Niedrigschwellige Angebote versuchen genau an diesem Punkt anzusetzen und dem Nutzer das Nutzen so leicht wie möglich zu machen. Die Einrichtungen haben zu bestimmten Zeiten geöffnet, je länger desto besser, und nehmen die Nutzer wie sie kommen. Zusätzlich arbeiten viele Einrichtungen mit Streetworkern, die auf der Szene versuchen Kontakte zu knüpfen und Ängste abzubauen. Wichtig ist, zu jederzeit im Kopf zu haben, dass die potentiellen Nutzer in aller Regel schwer traumatisiert sind und viele eine enorme Furcht vor dem Hilfesystem haben. Fingerspitzengefühl ist angesagt!

Die Comeback gGmbH in Bremen ist ein solches niedrigschwelliges Angebot. Die Zielgruppe sind Drogenabhängige, die Leistungen vielfältig. Der Kern der Einrichtung ist ein Café in dem man sich aufhalten kann. Die Nutzer können hier zur Ruhe kommen, für ein paar Stunden dem harten Leben „da draußen“ entkommen. Es gibt kostenlosen Kaffee, ein günstiges Frühstück und mittags frisch Gekochtes für 1,50€. Viele kommen um zu plaudern, andere suchen Ruhe. Neben dem Aufenthalt im Café kann man Wäsche waschen, duschen, Lebensmittel von der Tafel bekommen oder sich in der Kleiderkammer ausstatten. Auch der Erwerb sauberer Spritzen und Verbandsmaterialien gehört dazu. Ein wichtiger Bestandteil der Einrichtung ist die medizinische Ambulanz, in der neben Wundversorgung zB. auch EKGs geschrieben werden können. Täglich sind hier ein Arzt und eine Krankenschwester im Einsatz und versorgen die jenigen, die es in einer Hausarztpraxis schwer hätten.

Natürlich sind es nicht das Mittagessen und die frischen Klamotten, die langfristig helfen. Die Problemlagen der Nutzer sind vielfältig und so arbeiten in jeder Schicht Sozialarbeiter, die sich den Problemen und Nöten annehmen. Mit viel Zeit und einem feinen Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen gelingt es dann, einen Draht zu den Nutzern aufzubauen und die wirklich pikanten Theman anzugehen. HIV und Hepatitis, Wohnungslosigkeit, Strafverfolgung gehören dazu, ebenso wie der Wunsch nach „Entgiftung“ und Therapie. Die Palette ist schier unendlich und jeder einzelne hat sein eigenes Päckchen zu tragen.

Manche Meschen begleitet man über Jahre, andere sind nur auf der Durchreise. Einige schaffen den Weg raus, in ein geregeltes Leben; viele nicht. Sucht ist eine schwere chronische Erkrankung. Das Leben, dass die Nutzer führen, ist hart, schmerzlich und nicht immer für uns Helfer nachvollziehbar. Deshalb ist eine wichtige Säule der Arbeit in diesem Bereich die Akzeptanz. Ich kann nicht alles verstehen, aber ich kann es akzeptieren!

Übrigens, die Drogenhilfe ist spärlich finanziert. Über Geld- und Sachspenden freuen sich Einrichtungen in jeder Stadt.

Mehr als nur ein Job

Eine Freundin und Leserin stieß vor einigen Tagen auf diesen Beitrag vom Juni 2016:

https://muetterchenfrost.wordpress.com/2016/06/22/letzte-tage/

Ich hatte mein Praktikum in der Drogenhilfe beendet und war beflügelt und inspiziert. Für mich war klar, da soll es hingehen!

Heute, zweieinhalb Jahre später, bin ich angekommen. Auf einigen Umwegen hat es am Ende geklappt. Seit Juni 2018 fahre ich jeden Morgen an den Ort, an den ich fahren möchte – in die Drogenberatungsstelle. Erst kürzlich sprach ich in einem Gespräch mit der Chefin aus wie es ist: Das war ich mache ist weit mehr als nur ein Job. Es ist Leidenschaft, Passion, Hingabe! Das Thema „Sucht“ fasziniert mich, die Menschen mit denen ich arbeite, ihre Geschichten, ihre Schicksale, motivieren und beeindrucken mich immer wieder und mein Antrieb ist nicht stumpf zu helfen, sondern etwas zu verändern.

In den kommenden Tagen werde ich mich der Drogenhilfe widmen, ihren Aufgaben, Klienten und ihren Problemen. Falls ihr Fragen habt, rund um die Themen: Sucht, Droge, Substitution – fragt bitte.

Akzept Kongress

In den letzten Tagen fand in Hamburg der Akzept Kongress für akzeptierende Drogenarbeit statt. Als Mitarbeiterin einer Drogenhilfeeinrichtung nahm ich Teil und stopfte allerlei Erkenntnisse und Erfahrungen in meinem Kopf. Die Drogenpolitik in Deutschland ist immer noch weitestgehend hinterweltlich, wir leben in einem drogenpolitischem Entwicklingsland. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan.

Sucht ist inzwischen als eine lebenslage, chronische Erkrankung anerkannt. Endlich beginnt sich die Sicht auf Sucht dahin zu wandeln, dass der Patient nicht schuldig und eigenverantwortlich für seine Erkrankung ist. Hinter jeder Sucht steht eine Geschichte, häufig keine schöne. Dies zeigt ganz deutlich, dass die Sucht ein Kanal ist eine Erfahrung, ein Trauma oder Emotionen zu verarbeiten. Ebenso wie psychische Erkrankungen ergreift Sucht Besitz und fragt nicht höflich, ob sie gewollt ist. Der Betroffene hat Anspruch auf Behandlung, Therapie und volle Inklusion.

Ebenfalls erfreulich ist, dass die Rollen von Nikotin, Alkohol und Cannabis sich um-formieren. Während Zigaretten und Alkohol lange als legale Rauschmittel vollkommen ok waren, wurde Cannabis bis vor wenigen Monaten als Droge gehandelt, wie Komain oder Heroin. Inzwischen zeigt die Studienlage deutlich, dass Cannabiskonsum, ebenso wie Alkoholübrigens, erst dann Schäden erzeugt, wenn er regelmäßig, intensiv und über einen langen Zeitraum erfolgt. Was Cannabis deutlich vom Alkohol unterscheidet, ist die Reversibilität der Schäden. So weiß man, dass chronischer Alkoholkonsum das Hirn irreversibel schädigt, chronifiziertes Kiffen jedoch zwar die kognitive Leistung einschränkt, dieser Effekt jedoch nach dem Absetzen des Cannabis nicht anhält.

Cannabis ist inzwischen in Deutschland als Arznei zugelassen. Hierbei ist für die reine Verschreibung keine medizinische Indikation vorgegeben; der Gesetzgeber schließt also prinzipiell kein Symptombild aus. Die Verschreibung dürfen außerdem alle Ärzte vornehmen, bis auf Zahnärzte. Lediglich in der Übernahme durch die Krankenkasse liegen einige Probleme: Die Kassen fördern für die Übernahme der Kosten, dass der Patient „austherapiert“ ist. Das bedeutet, dass er alle herkömmlichen Behandlungen und Medikamente schon ausprobiert hat und diese keine Wirkung gezeigt haben. Das Problem hierbei ist, dass ein Patient mit einer manifesten Depression, der vielleicht sogar weiß, dass Cannabis ihm hilft, zunächst eine breite Palette an Psychopharmaka testen muss, von denen einige sogar abhängig machen und andere die Persönlichkeit verändern. Auch Schnerzpatienten werden genötigt, zunächst alle verfügbaren Analgetika zu probieren, inklusive harter Opiate. Keine gute Lösung! Was bleibt ist das teure Privatrezept. Übrigens, Cannabis als Arzneimittel ist nicht automatisch „was zu rauchen“. Viele Produkte sind als unauffällige Tropfen zu bekommen und ein gut mit Cannabis eingestellter Patient darf sogar Auto fahren – was gut eingestellte Alkoholiker nicht dürfen.

Erfreulich ist, dass es in vielen vielen Städten in Deutschland inzwischen Drogenkonsumräume gibt, in denen Konsumenten sich unter hygienischen Bedingungen die selbstmitgebrachten Drogen spritzen können. Auch Rauchräume gibt es übrigens. Die Vorteile dieser Einrichtungen sind, neben den hygienischen Bedingungen und dem sauberen Spritzbesteck, dass geschultes Personal da ist, das im Notfall sofort handeln kann. Hierbei geht es nicht nur um Überdosierung sondern auch um die vielen Beimengungen, die im Stoff so drin sind. Inzwischen weiß man sicher, dass sowohl die Zahl der Drogentoten als auch die Zahl von konsumbedingten Erkrankungen wie Hepatitis oder HIV deutlich durch die Konsumräume zurückgehen. Die Verelendung der Konsumenten kann aufgehalten werden und auch der öffentliche Raum wird entlastet.

Ebenfalls neu ist das Drugchecking, dass in der Schweiz und in Österreich schon seit den 90er Jahren dazu gehört. Dieses ermöglicht dem Konsumenten seinen Stoff überprüfen zu lassen; auf den Wirkstoffgehalt und die Streckstoffe. Die Ergebnisse sind alarmierend! Der Wirkstoffgehalt von Strassenheroin zB. beträgt zwischen 3% und 15%. Hierdurch ist eine Überdosis vorprogrammiert; sieht man die Menge dem Stoff schlicht nicht an. Die übrigen 97% – 85% sind oftmals ein buntes Allerlei aus Paracetamol, ASS, anderen billigeren Opiaten oder nicht allzu selten auch Rattengift oder jeglicher anderen pulvrigen, weiße Substanz. Wichtig beim Drugcheck ist, die Ergebnisse mit dem Konsumenten zu besprechen, nach Möglichkeiten zu suchen; eben als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Es geht um viel mehr als den Dreck zu erkennen.

Meine Essenz aus zwei Tagen Input ist ganz klar, dass noch viel vor mir liegt. Ich genieße es, einen Arbeitsbereich gefunden zu haben, der mir so viel gibt und dem ich so viel zurück geben kann. Ich liebe meinen Job, habe schwer Bock was zu verändern und bin endlich angekommen.

Sucht

Gestern schrieb ich über den „internationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen“, heute möchte ich noch ein paar Sätze mehr über Sucht verlieren. In der Bevölkerung sind Junkies nach wie vor mit der allgemeinen Meinung konfrontiert, sie „würden es ja nicht anders wollen“. Diese Ansicht ist für mich einer der größten Fehler im Umgang mit Sucht. Das, was ein süchtiger Konsument auf sich nimmt, was er an Strapazen, Logistik und Erniedrigung erträgt um seine Sucht zu befriedigen, tut kein Mensch freiwillig. Sucht macht keinen Spaß, hat nichts mit exzessiver Party zu tun. Sie ist purer Schmerz, der ertragen wird um noch schlimmeren zu vermeiden.

Sucht, und hierbei ist es ganz egal, ob es stoffliche oder andere Süchte sind, findet im Suchtzentrum des Hirnes statt, dem Nuceus Accumbens. Hier entsteht das, was man im Volksmund die psychische Abhängigkeit nennt. Erst im zweiten Schritt kommt in einigen Fällen eine körperliche Abhängigkeit dazu. Man unterscheidet in primäre (psychische) und sekundäre (körperliche) Abhängigkeit. Nicht alle Suchtmittel machen sekundär abhängig, jedoch alle greifen auf der psychischen Ebene.

Primäre Abhängigkeit entsteht aus einem einfachen Mechanismus: Man tut etwas, zum Beispiel an einem Spielautomaten spielen, hat Erfolg, findet es gut und es ist geschehen. Nun sagt man immer gern: Ich hab das schon 1000x gemacht und bin ja nicht süchtig! Richtig, nicht jeder Erfolg und nicht jedes Suchtmittel führen in die Sucht. Es muss eine gewisse Vor-Gefährdung geben, einen Verstärker, der den Menschen dafür prädestiniert das Suchtmittel anzunehmen. Im Falle der Spielsucht heißt das, dass der Betroffene bestenfalls spielt, weil er zB. Geldsorgen hat. Er hat einen gewissen Druck. Ist er womöglich zudem noch sozial schlecht integriert und sucht Freundschaft und Anerkennung, sorgt der plötzlich Gewinn von Geld auf drei Ebenen für Abhilfe: Die Geldprobleme werden geringer, andere Menschen interessieren sich und er bekommt Anerkennung. Diese Erfolge schütten im Hirn Glückshormone aus, der Mensch gerät in einen Rausch, alles ist leicht. An dieser Stelle tritt der Nucleus Accumbens auf den Plan. Er merkt sich alles ganz genau, speichert jedes Detail von Leichtigkeit und Glück; vor allem aber merkt er sich den Weg dorthin!

Tritt nun ein ähnlicher Notstand auf, also zum Beispiel Geldnot und Einsamkeit, weiß der Accumbens die Lösung. Ja, er weiß noch ganz genau wie der Weg war und vor allem wie erlösend der Moment war, in dem alles gut wurde. Es sei noch einmal gesagt, ob stoffliches Suchtmittel, also Alkohol, Koks oder Zucker oder nicht-stoffliches wie zum Beispiel Spielen, Sport oder Sex, ist an dieser Stelle egal. Der Rausch wird im Hirn erzeugt, entweder aus eigenen Mitteln oder durch zugesetzte Stoffe. Der Wunsch und die Not, den Rausch und die damit verbundene Leichtigkeit immer wieder zu spüren macht die Sucht.

Erst im zweiten Schritt kommt in einigen Fällen die körperliche Abhängigkeit hinzu. Sie kommt immer dann zu Stande, wenn ein Suchtmittel die Prozesse im Körper beeinflusst und sich in den Stoffwechsel mit einbaut. In vielen Fällen beginnt der Körper, die eigene Produktion von Botenstoffen herunterzufahren. Bleiben die Stoffe dann aus, kommt es zu Entzugserscheinungen. Schüttelfrost, laufende Nase, Durchfall, Krämpfe; das sind meistens die ersten Vorboten des Entzugs. Treten diese auf, ist es wieder der Nucleus Accumbens, der weiß was zu tun ist: Nachlegen, Glück erzeugen.

Was hier ganz deutlich wird, ist das a) niemand vor Sucht geschützt ist; es sind immer innere und äußere Umstände, die Suchtmittel zu dem werden lassen, was sie sind und b) kein Süchtiger durch den puren Entzug des Suchtmittels geheilt werden kann. Therapie muss in mindesten drei Schritten stattfinden: Dem körperlichen Entzug, der psychischen Therapie und einer Adaption, einer Art Langzeittherapie mit Rückführung in ein geregeltes Leben. Für all das wird Zeit, Personal und Geld benötigt, all das fehlt fast überall. Statt dessen setzt man Süchtige aller Art unter Druck, drängt sie zurück in ihr altes Leben und damit immer wieder in ihre persönlichen Muster von Konsum und Kompensation. Menschen machen Dutzende Kurzzeittherapien um dann, nach wenigen Wochen, wieder in ihre alte Wohnung, die alte Umgebung und die alten Probleme zurückkehren – zum Glück weiß ja der Nucleus Accumbens jederzeit was zu tun ist.

Gedenken

Der 21.7. ist der internationale Gedenktag für Verstorbene DrogenkonsumentInnen. Kurz gedacht ist es nunmal so, dass Drogen tödlich sind und man eben keine nehmen sollte. Die Realität sieht jedoch weit anders aus und hat mit kurzgedachter Logik nichts zu tun. Drogensucht ist eine schwere Erkrankung, die multiple Ursachen hat und komplex zu behandeln ist. Die Gründe zu Drogen zu greifen sind fast immer andere psychische Erkrankungen wie Traumata, Belastungsstörungen, Depressionen oder auch ein unbehandeltes ADHS. Viele Konsumenten haben schlimmes erlebt und nutzen die Droge zunächst als Ausweg.

Sucht ist nicht durch Strafe oder Drohungen zu kurieren. Ein Teil im Kampf ist die Prävention, also die Sucht zu bekämpfen, bevor sie entsteht. Und der andere Teil ist es, sie zu akzeptieren und versuchen die Risiken zu minimieren. Natürlich sind gute Therapien unabdingbar, natürlich gehört eine Krankheit behandelt. Der Verzicht auf die Droge, also das Medikament an sich, sollte aber nicht als primäres Ziel betrachtet werden. Dieser Teilbereich, die Akzeptanz der Sucht und die Gesunderhaltung des Klienten, fasst sich unter dem Begriff der Harm Reduction zusammen.

Harm Reduction ist vor allem Aufklärung. Welche Risiken bestehen, welche Konsumformen minimieren, welche maximieren das Risiko. Auch die Ausgabe steriler Spritzen etc. ist wichtig, ebenso wie die Sicherstellung medizinischer und medikamentöser Behandlung. Für all dies, den Aufbau von Beziehung zum Klienten, das Schaffen von Vertauen und oftmals dem bloßen Auffinden des einzelnen, braucht es vor allem Zeit. In der Arbeit mit einem Personenkreis, in dem viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, ein großes Misstrauen herrscht, sind es vor allem Stabilität und Zeit, die für uns arbeiten.

Zeit; genau an der fehlt es vielen Einrichtungen. Der Drogenhilfebereich ist zwar irgehdwie ein Muss in jeder Stadt, leider wird er absolut stiefmütterlich behandelt. Die finanziellen Mittel der Einrichtungen sind so knapp, dass die Personaldecke extrem dünn ist. Auch den Einrichtungen fehlt es an vielem. Darunter leiden tut die Qualität der Arbeit, die Effektivität und damit unmittelbar der Klient. Lange Wartezeiten in einer medizinischen Ambulanz können Menschen unter Suchtdruck nicht aushalten, für längere Gespräche oder gar aufsuchende Arbeit (Streetwork) fehlt es schlicht an Zeit und die so wichtigen Kooperationen im Hilfesystem hinken gewaltig. Statt Gelder locker zu machen um Probleme konstruktiv anzugehen, setzt der Staat auf Repressionen. Drogenkonsumenten werden vertrieben, Plazverweise werden inflationär ausgesprochen. Der dadurch resultierende Rückzug der Klienten in Wohnunen oder halb-öffentliche Plätze, macht es dem Hilfesystem schwer sinnvoll anzusetzen. Und so sterben weiter Menschen an Überdosen, schweren Inektionen, Organschäden oder Blutungen, weil keiner sie gefunden hat. In meiner Stadt waren es 19 im vergangenen Jahr, in diesem vielleicht schon mehr und 500 in den vergangenen 25 Jahren. Menschen, die Träume hatten, Familien und Freunde und irgendwann in ihrem Leben einmal keinen anderen Ausweg gesehen haben als zu Drogen zu greifen. Menschen, die für mich, und viele andere Menschen im Drogenhilfesystem, Gesichter hatten und durch ihre Geschichten weiterleben.

Microkosmos

Seit einer Woche bin ich nun Teil von etwas Großem. Es ist 16 Etagen hoch und steht am Bahnhof. 1962 erbaut bietet das 61m hohe Gebäude rund 500 Menschen einen Arbeitsplatz. Was hier zunächst so schnöde klingt, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es ist mein neuer Arbeitsplatz, im Herzen von Bremen. Der Ort, an dem ich mich vor zwei Jahren schon einmal pudelwohl gefühlt habe, und an dem ich mit offenen Armen empfangen wurde.

Es ist wie in einem Dorf. Man kennt sich, den einen mehr, den anderen weniger. Vor allem aber ist man für einander da. Es ist ein durchaus hartes Pflaster, diese Drogenhilfe. Menschen mit schlimmen Problemen, krank oder aggressiv oder beides treffen aufeinander, suchen Hilfe oder was auch immer man grad braucht. Manchmal kracht es gewaltig und an anderen Tagen könnte man sich kaputt lachen. Lebensgeschichten, wie man sie sich kaum ausdenken könnte und elende Not und vor allem aber ganz viel zwischenmenschliches Allerlei. Der mit dem und die dafür gar nicht mehr – neue Schuhe oder eine zu eng gewordene Hose und gestern sind Gerda die Nudeln angebrannt.

Man ist für einander da und sieht sich als das was man ist: Mensch! An oberster Stelle steht die Akzeptanz; jeder wie er will und eben so wie er kann. Im Team steht man Schulter an Schulter. Einer für den anderen und eben alle gemeinsam. Bei so harter Kost ist das ‚wir‘ um so wichtiger. Ich bin dankbar Teil dieses Microkosmosses sein zu dürfen udn freue auf alles was noch kommt. Na ja, das meiste.