Mein Herz

In den 90ern erwarb mein Papa bei einem Fahrradhändler im Dorf ein gebrauches Rennrad. Es war in akzeptablem Zustand, vielleicht ein wenig zu klein; und pink. Er fuhr es einige Zeit, irgendwann zog es in den Schuppen. Dort blieb es lange. Ich hatte es nie ganz vergessen und übernahm den Schatz vor einigen Jahren. Als ich es bekam waren die Reifen platt. Es sah ein wenig jämmerlich aus, dreckig und alt. Ich war sofort verliebt. Ich brachte sie zu einem Rennrad-Opa und bat ihn sie gesund zu machen. Wie durch ein Wunder war sie vollkommen intakt. Bremsen, Mantel, Tretlager, Kette; alles war noch top. Ich taufte sie Lorelai und liebte sie sehr.

Ich fuhr viel und voller Leidenschaft. 9,5 kg Stahlrahmen und ich wurden zu einer Einheit. Meine Rennhexe und ich, so war das. Schon lange haben Fahrräder für mich viel mit Hingabe udn Freiheit zu tun, auf dem Rad bin ich glücklich.

Heute entriss man mir das Herz. Die Lorelai wurde geklaut. Als ich aus der Arbeit kam war sie einfach weg, spurlos verschwunden. Mich zerreißt es, wie kann sowas sein? Wie soll ich jemals wieder ein Rad finden, das ich so lieben kann?

Been there, done that

Wenn ich morgens nicht direkt zur Arbeit muss, springe ich aus dem Bett nur in einen alten Kapuzenpulli und irgendeine Hose. Das Schlafzeug lasse ich drunter. In diesem angesagten Outfit gehe ich zum Kindergarten, das D-Hörnchen wegbringen, gelegentlich auch einkaufen. Heute kam irgendwie alles anders. Also, eigentlich gar nicht, denn mein Elf-Uhr Termin stand schon länger fest. Wie auch immer, das Ende der Geschichte ist, dass ich im Schlafanzug meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe. Wahrscheinlich hat es keiner bemerkt, und wenn schon.

Neuer Job also! Für mich geht es zurück dorthin, wo ich mein Herz vor eineinhalb Jahren liegen ließ, eine alte Liebe quasi. Während meines Studiums machte ich zunächst ein Praktikum in einer Drogenhilfeeinrichtung. Anschließend arbeitete ich dort als studentische Aushilfe weiter und schrieb auch meine Bachelorarbeit in der Einrichtung. Ich verlor mein Herz an die Drogenhilfe. Das oftmals nicht leichte Thema fesselte mich sofort, der herzliche aber auch tabulose Umgang mit deftigster Kost war schnell meins. Vor allem aber war schnell klar, dieser Arbeitsbereich bietet unendlich viele Möglichkeiten. So vieles läuft schlecht, die Lobby der Betroffenen ist klein und leise und die wenigen Hilfsangebote oftmals kurz gedacht und unterfinanziert.

Ich will ran. Was bewegen, was aufbauen. Sinnvolles tun, wo sinnvolles gebraucht wird und vor allem mit Betroffenen erarbeiten was sinnvoll ist. Und so starte ich im Juni sowas von startklar in einen neuen Abschnitt meines Lebens. Mit viel Herz, Idealismus und ein bisschen Hirn. Auf geht’s!