Bescheidenheit 

B-Hörnchen kommt morgen in die dritte Klasse. Besonders freut sie sich auf den englisch Unterricht. Wir sprachen über die anstehenden Herausforderungen und das Vokabeln lernen. Ich stellte die Frage in den Raum, ob es ihr wohl leicht fallen wird die Vokabeln zu lernen und sie wurde still. Mit dem A-Hörnchen hatte ich gelegentlich Vokabeln gelernt und objektiv betrachtet hatte es ihm wenig Mühe bereitet die wöchentlichen Rationen zu lernen. Mit täglich 5 Minuten war er gut dabei, oftmals brauchte er viel weniger. 

B-Hörnchen räumte dann ein, dass sie schon vermutet viel lernen zu müssen. Ich entgegnete, dass ich finde sie könne gut auswendig lernen . Gedichte und Lieder zum Beispiel kann sie rasend schnell. B-Hörnchen war nicht überzeugt und gab dann kleinlaut zu, dass sie die meisten von A-Hörnchens Vokabeln schon wieder vergessen hat….

Welch tragische Bescheidenheit! Ehrlich gesagt glaube ich, dass auch das A-Hörnchen die meisten seiner Vokabeln wieder vergessen hat – trotz dessen, dass er damit in der Schule gearbeitet hat. B-Hörnchen hingegen war allenfalls Zaungast beim Vokabeln lernen. Ich staune, immer wieder! 

Kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder … Nervenheilanstalt 

A-Hörnchen und Schule hat von jeh her nicht gut gepasst. Er tut sich schwer mit dem vorgegebenen Denken, hat für alles eine bessere Idee. Leider sehen die Lehrer es in der Regel nicht gern wenn ein Pimpf von neun Jahren alles in Frage stellt und dann nichts tut. So hangele ich mich von Sprechtag zu Sprechtag und höre eigentlich immer das selbe:Reicht nicht, ginge besser und er könnte ja. 

Ich denke er kann nicht. Kognitiv ja, einen unglaublichen IQ hat er… Aber das bringt ihm ja in der Schule nichts, denn den braucht man da ja nicht. Da muss man machen was einem gesagt wird ; haha. Und so kommt es, dass wir jedes Wochenende aufarbeiten müssen was er unter der Woche alles nicht gemacht hat. Wir liegen uns in den Haaren, schreien, fluchen und am Ende nutzt es ja doch nichts. A-Hörnchen muss ran. Am liebsten würde ich ihn mancher Tage mit seinem Mathebuch erschlagen – albern. Denn das vergisst er, wann immer er es braucht, in der Schule. Somit muss ich ihm mit dem dünnen Mitteilungsheft erschlagen, in dem jedes Wochendende aufs neue steht:“Leider hat A-Hörnchen unter der Woche fast nichts geschafft bitte arbeiten Sie Seite a-x mit ihm auf.“ 

Wütend, hilflos und traurig macht es das. Manchmal möchte ich ihn fallen lassen, eiskalt auf die Schnauze. Aber welche Mama kann das, dem Kind beim Scheitern zugucken. Und manchmal möchte ich schreien, am besten in der Schule. Aber das hätte gewiss wieder das Hörnchen auszubaden. Und manchmal möchte ich mich weinend in die Ecke setzten. Aber auch das ist keine Option. Denn ich bin seine Vertraute, seine letzte Bastion gegen die Dummheit der Schule. Und in 10 Jahren ist der Spuk vorbei; zumindest beim A-Hörnchen. 

Projekt „Besondere Begabung“

A-Hörnchen hat im vergangenen Schuljahr an einem Schulprojekt für Kinder mit besonderer Begabung teilgenommen. Jeweils an einem Schultag wurden verschiedenste Dinge gemacht. Papier schöpfen, ein Museum kartographieren, mikroskopieren,…  Über alle Elemente haben die Kinder Berichtr geschrieben und zum Schluss hat jedes eine Stellwand für eine Ausstellung bestückt. An allen Schritten waren wir Eltern ausdrücklich nicht beteiligt. Wir durften nicht dazu auffordern etwas zu machen, nicht kontrollieren oder sonst etwas. 

Heute durfte ich endlich das Resultat sehen. Und was soll ich sagen?! Mutti ist stolz! A-Hörnchen hat eine tolle Wand zusammengestellt! Er war ebenfalls sehr stolz – und das kann er auch sein!!

Hochbegabt

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich dieses sehr private Thema in die Welt bringe, mich aber nun doch dafür entschieden. Aus dem einfachen Grund, dass es mich fast verrückt macht, dass Lernbeeinträchtigungen wie Dyskalkulie oder LRS in aller Munde sind, das hochbegabte Kind aber als ‚Angeber‘ abgestempelt für sich allein abstürzen muss. 

Hochbegabung ist in vielen Fällen fast genauso eine Einschränkung wie eine klassische Lernbehinderung es ist. Hochbegabte Kinder scheitern in der Schule, genauso oft wie die, die andere Probleme haben. Hochbegabung macht nur in den seltensten Fällen unfassbar klug, umsichtig, schnell und angepasst. Viel öfter sind die Kinder hilflos alleingelassen und versuchen sich irgendwie der unangenehmen Situation zu entziehen bzw. sie für sich erträglich zu machen.  

A-Hörnchen hat es ab der zweiten Klasse bevorzugt, den Kopf beim Betreten der Schule auszuschalten. Was als Totalverweigerung und Lernbehinderung an die Oberfläche trat, entpuppte sich kurze Zeit später beim Kinderpsychologischen Dienst als Hochbegabung. Das Hörnchen war so entsetzlich gelangweilt, dass er es für klüger hielt, ganz abzuschalten. Seit dem ist die Schule ein einziger Balanceakt zwischen Langeweile, Unterforderung und viel zu hohen Ansprüchen an sich selbst. Denn wenn man fast immer alles kann, kann man es sich nicht verzeihen wenn etwas mal nicht klappt. Und so kann einen ein halber Fehler im Vokabeltest an den Rand der Verzweiflung treiben. Tagelang. 

Schule, dieses

Schule, das Thema macht mir Angst. Und noch etwas mehr, seit ich vor einigen Tagen erfahren habe, dass es um B-Hörnchen ganz ähnlich gestellt ist. Nun hoffe ich, dass es bei Mädchen einfacher ist. Albern… aber wer weiß. 

Ich bin gespannt, wohin uns das Konstrukt ‚Schule‘ noch bringen wird, und das Projekt ‚Leben‘, und am Ende hoffe ich, dass die Hörnchen dieses theoretisch Potential wenigstens nutzen können um glücklich zu werden. Mehr brauche ich, als Mutter von hochbegabten Kindern, definitiv nicht. 

Zu guter letzt möchte ich mit diesem Beitrag natürlich die Lernbehinderungen nicht abwerten, herabspielen oder ähnliches. Es ist mir nur ein Bedürfnis auf die ähnlichen und gleichermaßen vorhandenen Probleme im Alltag hinzuweisen. Niemand möchte, dass sein Kind in irgendeinem Bereich Probleme hat. Werder die einen noch die anderen.