Notre Dame

Ja, es war erschreckend, die Flammen zu sehen und mit anzusehen, wie etwas so altes und wunderschönes, etwas so beeindruckendes zerstört wird. Dennoch bleibt bei mir, angesichts der Hysterie ein fader Beigeschmack. Notre Dame ist Kultur, Geschichte, all das. Die Kathedrale ist ein Stück Paris und ich vermag mir nicht vorzustellen wie bestürzt ich wäre, wenn unser Bremer Dom abbrennen würde. Ebenso ist sie aber ein Wirtschaftsfaktor, ein Touristenmagnet und riecht nach Geld.

Noch während gestern die Flammen aus dem Dach stiegen, wurde beteuert, dass alles wieder aufgebaut würde. Die irrsinnig reiche Familie Pinault kündigte an 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau bereitzustellen und das Volk jubelt. Natürlich wird dies zur Folge haben, dass in etlichen Jahren die Kirche wieder steht, zum Glück aber auch, dass der Rubel weiter rollt.

100 Millionen Euro also. Das ist unfassbar viel Geld und ohne polemisch werden zu wollen, fallen mir sofort Dutzende Brandherde ein, an denen so viel Geld mitunter besser untergebracht wäre. 100 Millionen Euro. Die machen viele Menschen satt, retten tausende vor dem Ertrinken auf dem Mittelmeer, sorgen für sauberes Wasser, Abwassersysteme und Bildung. Sicher, in Paris stünde dann nur noch die tragische Rouine einer hunderte Jahre alter Kathedrale. Die Geschichte würde neu, würde weiter geschrieben und die Massen von Touristen könnten neben Louvre und Eifelturm eben nur die Rouine besichtigen; ein Stück Pariser Geschichte. Auf der anderen Seite der Welt würden Leben gerettet.

Leben. Unspektakuläre, nicht profitable Leben. Menschen, die uns nicht fehlen, weil wir sie nicht kannten. Leid würde gelindert, dass wir nicht leiden und das wir uns nicht vorstellen können. Die Zukunft von Millionen Kindern … All das ist jedoch nicht Notre Dame. All das ist weit weit weg. Und so sanieren sie eine Kathedrale, für 100 Millionen Euro oder mehr und es ändert nichts.

Besprechung mit anschließendem Frühstück

Heute vor 77 Jahren wurde auf der Wannenseekonferenz die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen. Die Einladung mit den schlichten Worten „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ war an 15 hochrangige Parteimitglieder gerichtet. Kern der Zusammenkunft war es nicht etwa den Massenmord zu beschließen, viel mehr ging es darum ihn zu verbessern.

Seit inzwischen 1,5 Stunden versuche ich meine Gedanken zu sortieren und etwas schlaues zu verfassen, versuche die Tatsache, dass sich 15 Menschen trafen und bei Kaffee und Tee berieten, wer wann wo wen wie umbringt zu begreifen und psychologisch zu betrachten. Nichts.

Fasse ich es also knapp zusammen. Der Mensch ist einfach so unfassbar dumm, dass man ihm die unglaublichsten Wiederwertigkeiten, das größte Leid und die dämlichsten Theorien als Wahrheit verkaufen kann, wenn man ihm nur seinen eigenen Vorteil sichert. Menschen glauben einem alles, und das schon immer. Menschen gehen auf Kreuzzüge, Versklaven andere und gucken sich Sonntags Mittags begeistert Gladiatorenkämpfe an. Hass, Unterdrückung, Leid und Mord sind in unserer Gesellschaft tief verankert und die meisten nehmen es gern in Kauf. Es ist ok, am besten wenn man es nicht direkt sieht. Und die hässlichen Berichte in den Spätnachrichten, da kann man ja drüber hinweg sehen.

Nur weil keiner was sagt, ist nicht alles ok. Nur weil alle es tolerieren, ist es nicht gut und nur weil man es nicht sieht, ist es nicht weg. Jede Sekunde sterben Menschen, werden gefoltert, unterdrückt, hungern oder werden Misshandelt weil sie falsch aussehen. Das passiert in fernen Ländern und hier. Vielleicht in Deinen Straße, in deiner Firma oder dort drüben, bei deinem Supermarkt. Und vielleicht könntest du der sein, der was sagt.

BAMF

Das Bamf Bremen ist derzeit in aller Munde. Auch mich lässt das nicht kalt. Hat doch das Bamf in rund 4500 Fällen offenbar falsch entschieden. Um es zu sagen wie es ist: Die Menschen im Amt haben gemacht, dass Flüchtlinge, die gar nicht ganz in akuter Lebensgefahr schweben, hier bleiben durften. Ein Skandal, so Seehofer. Ein Skandal, so ganz Deutschland.

Ein Skandal, sage ich auch. Jedoch funktioniert meine Welt da etwas anders herum. Ich kann nicht verstehen, was das Problem sein soll; Menschen suchen Zuflucht, Menschen bekommen Zuflucht. Wer um Hilfe bittet, dem wird geholfen, Not ist doch schließlich nicht in eine Norm zu quetschen. Wie soll man denn aus dem muckelig warmen Büro, zwischen Frühstück und Mittag entscheiden, ob die Not eines anderen so groß ist, dass sie ein Hier-bleiben rechtfertigt. Albern!

Der wahre Skandal ist in meiner Welt ein ganz anderer und befasst die jenigen, die nicht hier bleiben durften. Weil sie nur ein bisschen Hungern, oder in ihrer Heimat nur ein paar Bomben fallen. Weil in ihrem Land nur eine fast radikale Miliz regiert oder nur jedes 2. Kind verhungert. Was um alles in der Welt maßen sich Menschen an, die über Leid und Not und Bedürfnis anderer entscheiden. Es kotzt mich so an!

One world

In einem Gespräch mit den großen Hörnchen ging es um sogenannte Ausländer und deren Rolle in Deutschland. Wir sprachen über den Seehofer’schen Heimatbegriff und die damit verbundenen Themen von Freiheit und all sowas. Irgendwann schlug das A-Hörnchen vor, einfach „ein Land zu machen, in dem alle Ausländer sind“. Ich war entsetzt und zweifelte an meiner Erziehung. Das A-Hörnchen wiederum verstand gar nicht, worüber ich so entsetzt war. Er sah mich fragend an und erläuterte dann:

„Wenn es einfach alles ein Land wäre, ohne Grenzen und ohne eigene Politik, wenn alle überall hingehören würden, dann wäre es doch ein Land. Dann wäre alles eine Welt und keiner wäre falsch.“

Mein kluges Kind, wie recht du hast! Normen sind es, die Menschen in die Andersartigkeit zwingen. Grenzen und Besitz sind es, die Krieg und Vertreibung erst möglich machen. Gier und Ungerechtigkeit sind es, die Hunger und Not wachsen lassen, und es dem Großteil der Weltbevölkerung nicht möglich machen, sicher und zufrieden zu leben. Wenn der Mensch aufhören würde sich über Besitz und Macht zu definieren, wenn Menschlichkeit, ein großes Herz und die Bereitschaft zu teilen Attribute wären, die für die Mächtigen erstrebenswert sind, dann wäre allen geholfen. Und dann hätten wir ein großes Land, in dem wir alle Ausländer sind – oder eben auch nicht.

Nach satt kommt zu satt

Gesten Abend konnte ich nicht schlafen. In meinem Kopf waren Bilder wie eingemeißelt. Bilder von einem kleinen Jungen  in Afrika, etwas 2-3 Jahre alt; fast wie mein D-Hörnchen. Das Kind mehr tot als lebendig, fast verhungert und nackt. Verstoßen von seinem Dorf, so stand es da, weil die Mutter eine Hexe war. Über Monate sei das Kind allein umhergeirrt, auf der Suche nach essen und dem was ein so kleiner Mensch braucht; Schutz und Liebe. 

Mein Kopfkino lief ohne Pause. Einsamkeit, Angst, Hunger. Nur zu gut bin ich mit den alltäglichen Problemen eines Dreijährigen vertraut, nur zu gut weiß ich, wie viele Male am Tag eine so kleine Seele Trost braucht. Und schon wieder zerreißt es mir das Herz. Wie kann sowas sein. Wie kann ich hier so plüschig und abartig zufrieden vor-mich-hin leben, während anderswo in jeder Minute Dinge passieren, die …Heute Nacht stand ich schluchzend am Bett meines Kleinen, wie er da so friedlich und geborgen lag. Satt und sauber, eingekuschelt in seine warme Decke. Liebevoll zu Bett gebracht und Stunden später liebevoll geweckt. Ich weinte und strich dem Kind über die Wangen. „Ich muss jeden Tag viel intensiver mit dir..“ begann ich zu denken. Dann aber die Erkenntnis: Mein Kind hat alles was es braucht. Der Misstand, den ich beweine wird nicht behoben, wenn ich meine Kinder noch mehr liebe. 

Natürlich soll man, in unserer schnellen, hektischen, leistungsorientierten Welt, jeden Tag und jede Stunde mit den Kindern genießen. Natürlich soll man ihnen Wärme, Liebe, Geborgenheit geben. Nur darf man nicht vergessen über den Tellerrand zu schauen. Unsere Kinder brauchen uns, und das was an Ressourcen übrig bleibt, wenn wir uns und unsere Lieben versorgt haben, dass sollten wir sinnvoll einsetzten. Meine Kinder haben nichts davon, wenn ich sie mit 250% überschütte. Nach satt kommt zu satt. Und an dieser Stelle heißt es, den Überschuss sinnvoll zu verwalten. 

Wie das geht? Weiß ich grad noch nicht. Mit Sicherheit werde ich im kommenden Jahr nicht als Entwicklungshelfer nach Afrika gehen, ganz sicher aber gibt es vor der eigenen Haustür sinnvolles das man anstellen kann. Alltägliches, Unspektakuläres und trotzdem Wichtiges. 

Bauarbeiter 

Aktuell haben wir vor der Haustür eine Baustelle. Da unsere Küche im Souterrain ist, liegt das Buddelloch direkt vorm Küchenfenster. Gestern Mittag schien irgendwas nicht glatt zu laufen. Immer mehr Bauarbeiter krabbelten mit entnervten Blick in das Loch und schauten ratlos aus der Wäsche. Es regnete und stürmte und die Männer waren seit dem frühen Morgen am arbeiten. Zuletzt waren sie zu sechst. 

Ich tat gegen Mittag was getan werden musste: Ich bereitete das Abendessen vor. Gyrospfanne. Und der Auslass der Dunstabzugshaube führt genau in das Loch. Nun ja, wesentlich viel glücklicher haben sie dadurch nicht geguckt.