Another day in paradise

Ich arbeite in einer niedrigschwelligen Drogenberatungsstelle. Meine Klienten sind Konsumenten harter, illegaler Drogen. Sie sind süchtig, viele von ihnen sind obdachlos, andere wohnen prekär. Fast alle Menschen, die ich täglich treffe, sind bei schlechter Gesundheit. Täglich erlebe ich Dinge, die man sich nicht ausdenken kann. In den ersten Wochen kam ich Tag für Tag nach Hause und war voll von Eindrücken, Geschichten und Elend. Inzwischen ist es selten wirklich schlimm. Am Klientel hat sich wenig geändert, nichts. Ich selbst hingegen bin offenbar abgestumpft.

Und dann war es grad Phil Collins, der mich dann doch fast umwarf. In „another day in paradise“ singt er:

„She calls out to the man on the street
He can see she’s been crying
She’s got blisters on the soles of her feet
She can’t walk but she’s trying“

und plötzlich rannte mir das Elend der vergangenen Tage durch den Kopf. Wunden, Hunger, Dreck, Angst, Verzweiflung, plötzlich war es einmal alles da, ganz nah. Bilder überschlugen sich und Sätze mischten sich ein. Habe ich wirklich aufgehört das alles zu sehen? Bin ich abgestumpft?

Einige Minuten später denke ich, dass es nicht so ist. Meine Toleranz für Elend ist gestiegen, vieles ist Alltag geworden. Und dies wiederum ist bitter nötig. Ohne die herausragende Fähigkeit des Gehirn, sich in manchen Fällen zu drosseln, wäre es vermutlich kaum möglich, sich dem allem täglich auszusetzen. Auch die hohe Akzeptanz mit der wir dort arbeiten wird erst dadurch möglich, dass wir nicht an jedem schrecklichen Detail verharren. Den Menschen als Ganzes zu sehen, in jeder Facette, ist so wichtig. Denn nur so werden aus den Junkies, die andere sehen, die oftmals wunderbaren Menschen, mit denen ich Tag täglich arbeiten darf.

Ein ständiger Begleiter

Schon ofters schrieb ich an dieser Stelle über meine Arbeit in der Drogenhilfe, über die Menschen mit denen ich zu tun habe, schwere Schicksale aber auch über wunderbare Begegnungen. Heute möchte ich den Fokus auf den ständigen Begleiter meines Jobs setzen, auf den, den keiner sehen will und der doch immer da ist. Der Tod gehört untrennbar zum Leben auf der Straße und zur Sucht.

Allein die Tatsache, auf der Straße zu leben, verkürzt das Leben ungemein. Selbst ohne jede Droge zehren Kälte, Unsicherheit und Stress am Körper, so dass die Lebenserwartung auf unter 50 Jahre sinkt. Menschen, die draußen pennen, die nirgendwo hin gehören und nicht willkommen sind, stehen konstant unter Stress. Endlose Vertreibung führt zu einem Leben auf der Flucht. „Die Stadt ist für alle da!“ heißt es und dennoch gilt dies nicht für die, die nicht ins saubere Bild passen. Hinzu kommen die oftmals harten Witterungsbedingungen und mangelnde hygienische Möglichkeiten. Öffentliche Duschen sind in fast jeder Stadt Mangelware, Orte an denen man Schutz vor extremer Sonne oder Kälte finden kann ebenso. Nicht zu vergessen sind Übergriffe, die in jeder Großstadt auf Obdachlose stattfinden. Immer wieder liest man von Menschen die im Schlaf angezündet wurden oder ähnlichem. Es ist grausam!

Kommt dann noch eine psychische Erkrankung oder/und eine Suchterkrankung hinzu, sinkt die Lebenserwartung noch einmal rapide. Der Konsum von Alkohol und/oder Drogen setzen dem Körper zusätzlich massiv zu. Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder HIV sind nach wie vor eine reale Gefahr, hinzu kommen weitere konsumbedingte Erkrankung die Leberzirrhose, Lungenerkrankungen oder Wunden. Auf der Straße hat der Körper kaum eine Möglichkeit zu regenerieren, außerdem ist die ärztliche Versorgung vieler Orts mangelhaft. Hat der Betroffene dann noch keine Krankenversicherung ist er in vielen Städten Deutschlands nach wie vor aufgeschmissen. Es fehlt an aufsuchender Arbeit, an sauberen Spritzen und gutem Verbandsmaterial.

Streetworker*innen haben die Möglichkeit, Betroffene auf zu suchen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Angebote zeigen signifikant Wirkung – sind jedoch vollkommen unterfinanziert. Auch Projekte wie Drogenkonsumräume, Spritzenausgaben und ärztliche Sprechstunden für Unversicherte sind noch lange nicht überall in Deutschland zu finden.

Obdach- beziehungsweise Wohnungslosigkeit sowie auch Sucht sind in aller Regel an psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Traumata oder Depression gebunden. Jede Lebensgeschichte, jeder Weg, den ein Mensch geht hat Gründe, die in aller Regel schwerwiegend sind. Ein schlecht ausgebautes Hilfssystem lässt immer noch viel zu viele Menschen zurück und ist nicht in der Lage, ihnen das zu bieten, was für sie im Augenblick richtig ist. Oftmals fehlt schlicht die Zeit herauszufinden, was überhaupt notwendig ist. Solange diese Missstände in der Drogen- und Wohnungslosenhilfe nicht behoben sind, werden wir Infektionskrankheiten behandeln, die hätten vermieden werden können. Wir werden Wunden verbinden, die völlig überflüssig sind und wir werden Menschen beerdigen, die man vielleicht hätte retten können. Solange aber die Politik nicht versteht, dass es günstiger ist richtig zu helfen, wird es genauso weitergehen wie bisher – aussichtslos.

Akzeptanz

Nicht immer verstehe ich was andere Menschen so tun; warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten, wieso sie sind wie sie sind. Nicht immer stehe ich hinter den Entscheidungen anderer, finde sie klug oder nett. Was ich dennoch immer kann ist akzeptieren. „Akzeptanz beschreibt die uneingeschränkte Bereitschaft zur Hinnahme eines Sachverhaltes, einer Situation und/oder einer Person„, heißt es und was so leicht klingt, ist oftmals so unsagbar schwer.

Einen Sachverhalt hinnehmen; klar. Das klingt total machbar und ist es doch oftmals nicht. Genau genommen gerät man fast täglich in Situationen, in denen man etwas anders machen würde, eine Entscheidung dumm, sinnlos, gemein, unfair oder fahrlässig findet. Wenn ein anderer sich schlecht ernährt, einer zu viel raucht oder zu viel am PC sitzt. Wenn einer sich unangemessen kleidet, sein Geld für Müll ausgiebt oder nie ein gutes Buch liest, dann kann man das registrieren, kann seine Meinung haben – angehen tut es einen jedoch nichts. Akzeptanz bedeutet es hinzunehmen, die Entscheidung des anderen anzunehmen und ihm nicht die eigene Meinung aufzudrücken.

In meinem beruflichen Alltag ist es manchmal schwer mit der Akzeptanz. Ich arbeite mit schwer Suchtkranken Menschen, die täglich Entscheidungen treffen, die mich erschaudern lassen. Akzeptanz jedoch ist die Grundlage meiner Arbeit. Die Lebenswirklichkeit des einzelnen zu erkennen, Entscheidungen zu akzeptieren und dann, gemeinsam mit dem Klienten, Perspektiven aufzubauen, darum geht es. Meine Meinung, meine eigene kleine Welt, ist hier nicht gefragt und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das, was mein Gegenüber anstrebt.

Man muss nicht alles gut finden, was andere so machen. Ebenfalls ist es oftmals ok Bedenken, Sorgen oder Ideen zu äußern. Dennoch sollte Akzeptanz im Alltag, ob privat oder beruflich, oberste Priorität haben. Denn wenn wir einander nicht akzeptieren, können wir nicht auf Augenhöhe miteinander agieren. Und wenn wir das nicht tun, sind wir nunmal scheiße.

Mehr als nur ein Job

Eine Freundin und Leserin stieß vor einigen Tagen auf diesen Beitrag vom Juni 2016:

https://muetterchenfrost.wordpress.com/2016/06/22/letzte-tage/

Ich hatte mein Praktikum in der Drogenhilfe beendet und war beflügelt und inspiziert. Für mich war klar, da soll es hingehen!

Heute, zweieinhalb Jahre später, bin ich angekommen. Auf einigen Umwegen hat es am Ende geklappt. Seit Juni 2018 fahre ich jeden Morgen an den Ort, an den ich fahren möchte – in die Drogenberatungsstelle. Erst kürzlich sprach ich in einem Gespräch mit der Chefin aus wie es ist: Das war ich mache ist weit mehr als nur ein Job. Es ist Leidenschaft, Passion, Hingabe! Das Thema „Sucht“ fasziniert mich, die Menschen mit denen ich arbeite, ihre Geschichten, ihre Schicksale, motivieren und beeindrucken mich immer wieder und mein Antrieb ist nicht stumpf zu helfen, sondern etwas zu verändern.

In den kommenden Tagen werde ich mich der Drogenhilfe widmen, ihren Aufgaben, Klienten und ihren Problemen. Falls ihr Fragen habt, rund um die Themen: Sucht, Droge, Substitution – fragt bitte.

Microkosmos

Seit einer Woche bin ich nun Teil von etwas Großem. Es ist 16 Etagen hoch und steht am Bahnhof. 1962 erbaut bietet das 61m hohe Gebäude rund 500 Menschen einen Arbeitsplatz. Was hier zunächst so schnöde klingt, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es ist mein neuer Arbeitsplatz, im Herzen von Bremen. Der Ort, an dem ich mich vor zwei Jahren schon einmal pudelwohl gefühlt habe, und an dem ich mit offenen Armen empfangen wurde.

Es ist wie in einem Dorf. Man kennt sich, den einen mehr, den anderen weniger. Vor allem aber ist man für einander da. Es ist ein durchaus hartes Pflaster, diese Drogenhilfe. Menschen mit schlimmen Problemen, krank oder aggressiv oder beides treffen aufeinander, suchen Hilfe oder was auch immer man grad braucht. Manchmal kracht es gewaltig und an anderen Tagen könnte man sich kaputt lachen. Lebensgeschichten, wie man sie sich kaum ausdenken könnte und elende Not und vor allem aber ganz viel zwischenmenschliches Allerlei. Der mit dem und die dafür gar nicht mehr – neue Schuhe oder eine zu eng gewordene Hose und gestern sind Gerda die Nudeln angebrannt.

Man ist für einander da und sieht sich als das was man ist: Mensch! An oberster Stelle steht die Akzeptanz; jeder wie er will und eben so wie er kann. Im Team steht man Schulter an Schulter. Einer für den anderen und eben alle gemeinsam. Bei so harter Kost ist das ‚wir‘ um so wichtiger. Ich bin dankbar Teil dieses Microkosmosses sein zu dürfen udn freue auf alles was noch kommt. Na ja, das meiste.

Der Kampf gegen die Drogen

Aktuell ist es Donald Trump, der sich dem Kampf gegen Drogen verschrieben hat und mit dramatischen Schlagzeilen von sich reden macht. Mehr Härte, sogar die Todesstrafe fordert er. Natürlich soll auch die Mauer nach Mexiko nicht vergessen werden, denn da kommen die Drogen ja schließlich her. Und dann Herr Trump? Was passiert dann?

Was ganz deutlich wird ist, dass weder Trump noch andere Politiker sich jemals ernsthaft mit der Problematik harter Drogen auseinandergesetzt haben. Denn hätten die dies, würde sie selbst erkennen, wie sinnlos all die Härte ist.

Das Hätteste an der Droge ist die Sucht. Nach einer Substanz süchtig zu sein, heißt für den Betroffenen in erster Linie beschaffen zu müssen; immer! Härtere Strafen und mehr Überwachungssysteme triggern nur eins: Das Katz und Maus spiel und dadurch das Leid der Betroffenen. Denn wer süchtig ist, der beschafft und konsumiert – gegen alle Wiederstände. Des Pudels Kern ist also die Sucht und der Träger selbiger. Und hier wird es wichtig! Sucht und alles damit verbundene Elend sind, ähnlich wie Schnupfen oder Husten, lediglich Symptome eines viel größeren Problems. Sucht beginnt nicht mit der lustigen Idee mal Drogen zu nehmen, Sucht liegt viel tiefer. Studien belegen inzwischen gut, dass über 80% der Drogenkonsumenten primare Erkrankungen wie Depressionen, Ängste die soziale Probleme haben. Die Drogen kamen in fast allen Fällen später, als eine Art Selbstmedikation, aus der Verzweiflung heraus. Bedenkt man hierzu, dass die Sucht einer der stärksten Mechanismen ist, den das menschliche Hirn erschaffen kann, liegt es auf der Hand, dass kein Betroffener aus Gründen der Vernunft eben aufhört süchtig zu sein, nur weil er bestraft werden könnte.

Was hilft also gegen Drogen im Land? Eigentlich liegt es auf der Hand. Eine gesunde, zufriedene, sozial aufgestellte Bevölkerung, die in Kriesen für einander steht, Schwache auffängt und die individuellen Stärken jedes einzelnen fördert. Freiheit und die Möglichkeit, sich sorgenfrei ausleben zu können, Wegnahme von Stress und Angst und Repressionen. All diese Faktoren kommen in Frage und sollten, nicht nur in den USA, mit aller Härte verändert werden. Denn dann müssten Drogen mittelfristig nicht mehr als Medikament gegen die Verzweiflung eingesetzt werden. Und die Mauer, Herr Trump, die braucht dann auch keiner mehr. Aber das können Sie mit Sicherheit nicht verstehen.

Auf in den Kampf!

Für meine Bachelorarbeit zum Thema „Drogenkonsumräume“ habe ich mir vorgenommen Interviews mit Konsumenten harter Drogen zu führen. Zwar ist es das eine eine theoretische Abhandlung über diesen Teilbereich Drogenhilfesystems zu verfassen, doch ist es etwas ganz anderes mit den Betroffenen selbst diese Option zu erörtern. Gestern habe ich meine ersten Gespräche geführt, ein voller Erfolg. In das erste  Gespräch ging ich mit flauem Magen, geringen Erwartungen und großer Angst. Vollkommen unnötig wie sich herausstellen sollte!

In sechs Gesprächen erfuhr ich zunächst jedes Mal, dass sich jeder sehr freue, dass sich jemand für seine Belange interessiere. Und in jedem Gespräch war ich erfreut und überrascht wie reflektiert und klar die ausnahmslos über viele Jahre harte Drogen konsumierenden Menschen waren. Die Wünsche waren bescheiden und mehr als nachvollziehbar. Ruhe, keinen Diskriminierung, Mitbestimmung und immer wieder auch der Schutz der Bevölkerung. Es war zugleich beeindruckend und traurig zu hören, dass die Betroffenen natürlich all die Probleme der Verelendung und der Gefährdung für die Unwelt sehen, ihnen aber in bestimmten Phasen einfach jede Kraft fehle etwas an dieser Situation zu ändern. Auch das Wort „Integration“ fiel immer wieder, so erklärte mir ein um die 50 Jahre alter Mann, dass man bloß nicht glauben solle, das alles mache ihnen Spaß. Lustig sei es die ersten drei Wochen, danach nur noch hektisch, traurig und anstrengend. Sie alle wollten integrierte, vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sein! 

Hier ist es an uns allen, anzuerkennen, dass sich die vermeintlich berufskrininellen Junkies ihr Leben, so wie es ist, nicht ausgesucht haben. Drogen haben eine unglaubliche Macht, und das was die Betroffenen täglich erleben ist Ohnmacht. Mit Spaß, Gaudi und Sause hat das es wenig zu tun.