Zum aller letzten Mal

Vor ziemlich genau neun Jahren begann ich mein damals dreijähriges A-Hörnchen in den Kindergarten einzugewöhnen. Damals hatte ich ihn und das einjährige B-Hörnchen. Alles war wahnsinnig aufregend. Die Eingewöhnung klappte gut und ich war erleichtert. Mein Kind in der Kita zu lassen, das war ein enormer Schritt. Heute, neun Jahre und zwei Kinder später, verlässt mein Kleinster den Kindergarten. Heute ist sein letzter Tag; auf in die Schule.

Ich will es nicht schön reden, der Klumpen in meinem Magen ist enorm. Alles wird neu, etwas geht vorbei und ich muss wieder lernen ein Stück mehr loszulassen. Vier Schulkinder; wie soll das gehen? Objektiv betrachtet wird es mal wieder einfacher. Den Weg zur Grundschule wird das D-Hörnchen schnell allein schaffen, da besteht kein Zweifel. Ich muss dann zum ersten Mal seit neun Jahren morgens nicht raus, kann in Ruhe Duschen wenn alle weg sind. Mein Morgen wird sich entzerren, denkt man so. Tatsächlich tut sich vor mir eine große Lücke auf. Am Kindergarten hängen viele lieb gewonnene Gewohnheiten und ich muss nun lernen ohne sie auszukommen.

Um ehrlich zu sein habe ich es genossen, den Zwergmann jeden Morgen in die Kita zu bringen. Bevor es los ging haben wir immer noch einen Moment gekuschelt, ein paar Minuten für uns. Der Morgen und das damit verbundene Ritual waren Balsam für meine gestresste Seele, das Tempo gab stets das Hörnchen an. Nach dem Kuscheln folgte ein Plausch mit den Erzieherinnen; erwähnte ich, dass meine Hörnchen tolle Erzieher hatten? Es war immer nett, nach so vielen Jahren ist man vertraut, manchmal gab es einen Kaffee. Der Abschied war, besonders in den letzten Monaten, innig aber auch robust. Das große D-Hörnchen hätte längst verstanden wie der Hase läuft und so startete ich fast jeden Morgen mit einem guten Gefühl im Herzen in den Job.

Ja, ich jammere auf hohem Niveau. Vier selbstständige und starke Kinder zu haben ist ein Segen, morgens Zeit für eine gemütliche Dusche oder eine Runde Laufen zu haben ist grandios und doch bin ich so schlecht darin Dinge enden zu lassen. Und so werden heute Tränen fließen. Beim Bringen und beim Abholen, so wie vor zwei Jahren, und vor vier und vor sechs. Herrjeh, lass sie nie ausziehen.

Vor dem Tor der Kita liegen fünf große Steine. Jeden Morgen hüpfte er sie einzeln ab. Früher an zwei Händen, mit viel Hilfe. Dann eine Weile an einer Hand. Seit etwa einem halben Jahr, hüpft er ohne jede Hilfe darüber; vielleicht ist es einfach an der Zeit.

Nee, das stresst mich nicht

Morgen kommt der Kindergarten zu Besuch, zu uns nach Hause! Diese jährliche Aktion ist bei den Kindern äußerst beliebt, und dafür gedacht, den Kindern zu zeigen wie unterschiedlich Menschen leben. Schon die kleinsten lernen, dass Lebensverhältnisse unterschiedlich sind und es überall etwas schönes zu finden gibt. Kind A teilt sich das Zimmer mit seinen Geschwistern, Kind B hat ein eigenes Zimmer, Kind C hat gar kein Zimmer und Kinder hat zwei. Jeder anders, jeder gut und jeder zufrieden. Oft hörte ich in den letzten Tagen den Satz: „Stresst dich das nicht?“ in aller Regel gab ich zur Antwort, dass ich da ganz entspannt mit umgehen würde. Ist doch klar.

Heute, einen Tag vor dem Besuch, bin ich das nicht. Wenn ich ganz genau in mich horche, bin ich tatsächlich angespannt und versuche irgendwie alles in Ordnung zu bringen. Selbstverständlich muss das Kinderzimmer aufgeräumt sein, 20 Kinder werden darin spielen. Die Schränke sollten abgestaubt sein, am besten auch die einzelnen Spielsachen – immerhin werden sie durch viele Hände gehen und die Erzieher werden sie sehen. Auch Lichtschalter und Türrahmen sollten sauber sein, ebenso wie die Toiletten, dann ganz bestimmt werden viele Menschen sie Benutzen. Beim staubsaugen der Treppen dachte ich darüber nach, die einzelnen Stufen vorsichtshalber auch zu wischen; schließlich werden die Erzieher auf Augenhöhe der Kinder die Treppe benutzen und sie sicherlich genauer ansehen als sie es sonst tun werden… Ich begann Spinnen weben aus den Ecken weg zu saugen, Badezimmervorleger extra zu waschen und die Zahnputzbecher von innen auszuwaschen. Ja, ich muss es zugeben – ich machte mich fürchterlich verrückt. Der Antrieb der Aktion? Natürlich der, dass es besonders perfekt, wenigstens aber ausreichend gut aussehen sollte.

Und da sind wir mitten im Desaster. Anstatt Kindern beizubringen, wie unterschiedlich Menschen leben, bringt man Müttern bei, dass sie sich verrückt machen sollen. Jedes Mal wird aufgefahren, die Mütter backen, schneiden Obst und schmieren Brötchen. In jedem, oder sagen wir fast jedem Haushalt, wird ausgiebig geputzt und vorbereitet, so dass das Bild für die Besucher immer das gleiche ist: hier ist es ausgesprochen perfekt! Der Druck der dadurch auf alle erzeugt wird ist völlig idiotisch. Wieder einmal versuchen alle irgendeinem Ideal Stand zu halten und nach außen etwas darzustellen, was sie nivht sind. Bei uns zumindest ist es eigentlich nicht schmutzig; nur ganz manchmal schon. Meistens gibt es in irgendeiner Ecke Spinnenweben, irgendeiner der Türrahmen hat immer Fingerabdrücke. Unsere Toiletten sind nie klinisch rein aber immer sauber. Die Kinderzimmer sind selten wirklich aufgeräumt, dafür werden sie regelmäßig ausgiebig bespielt. Auf unserem Sofa liegen Katzenhaare, unsere Teppiche haben oftmals Krümel. Hier ist überhaupt gar nichts perfekt, aber eigentlich ist es genau das, was unser Leben so gut macht. Wir sind ganz einfach normal, langweilig und normal! Wir sind nicht klinisch rein, nicht pedantisch sauber sondern einfach ziemlich menschlich und leben unser Leben. Und ganz genau jetzt höre ich auf wie eine irre zu putzen; und wenn ich Lust habe verteile ich noch ein paar Brötchenkrümel!

Streik im Lande

Die Kitas im Land Bremen werden mal wieder bestreikt. Im Klartext heißt das, heute alles dicht, Kinder zu Hause. D-Hörnchen fragte mich heute morgen, wieso denn der Kindergarten zu hätte. Da ihm der Begriff „Streik“ nichts sagte, erklärte ich also den komplexen Zusammenhang: Deine Erzieher wollen mehr Geld verdienen, weil sie viel anstrengende Arbeit machen. Der Chef von deinen Erziehern möchte ihnen aber nicht mehr Geld geben. Deshalb arbeiten die Erzieher jetzt nicht mehr; um den Chef zu ärgern.

Ich fand das recht simpel und neutral erklärt und das D-Hörnchen nickte verständig. „Mama, bist du der Chef von meinen Erzieherinnen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ist dein Chef der Chef von den Erzieherinnen?“. Wieder verneinte ich. „Aber wer ärgert sich denn dann?“, fragte das D-Hörnchen und traf den Nagel damit auf den Kopf.

Streik ist ein Mittel um Druck aufzubauen. Dieser Druck muss bei denen ankommen, die handlungsfähig sind – in diesem Falle die Arbeitgeber. Und hier harkt der Kita-Streik. Der Haupt-Druck landet bei den Eltern. Auch die Arbeitgeben der Eltern haben, so dann sie sozial eingestellt sind, und den Druck nicht einfach bei den Eltern lassen, etwas auszuhalten. Der Arbeitgeber der Kita-MitarbeiterInnen hingegen bekommt von all dem wenig ab. Denn weder Eltern noch Eltern-Arbeitgeber geben die Last weiter. So erwarte ich mit Bauchschmerzen das, was mir schon vor zwei Jahren beinahe das Genick gebrochen hätte: Ein laaaaaanger Kita-Streik. Denn die Gewerkschaft kann es sich leisten; und der Arbeitgeber erst recht.

Arbeit mit Kindern 

Ich habe großes Glück. Ich darf jeden Tag mit den zauberhaften Kindern anderer Leute  arbeiten. In der Sonne sitzen, basteln, spannende Dinge erleben und mich wegen der Hausaufgaben streiten. Tatsächlich ist mein Job nicht wesentlich anders als das, was ich eh immer machen. Gut! Einen winzigen Unterschied gibt es da dennoch! 

Der Bazillenpool ist ein völlig anderer. Wir sechs hier zu Hause waren in den vergangenen Jahren in etwa 70.000 mal krank. Hatte es einer, hatten es alle. Wir hatten jede Seuche des Stadtteils, haben zwei Kitas, die Schule und eine Krippe durchkeucht; neben jedem Spielplatz und natürlich dem Wartezimmer des Kinderarztes. Uns konnte nix mehr umhauen, wir waren resistent! Nun die schreckliche Erkenntnis: Dieser groß- allemeinimmune Zustand ist nicht zu ver-allgemeinern. Genau genommen reicht es aus in einem Hort nur 5 km weiter westlich zu fahren und schon ist der ganze Zauber vorbei. 

Seit Februar bin ich fast dauerhaft an schniefen, am röcheln und irgendwie matt. Schnotter, rotz und hust; es ist kein Ende in Sicht. Das alte Motto ist geblieben: Hat es eine, haben es alle. Ich glaube selbst wenn ich die Tische im Hort ablecken würde, würde ich mir nicht mehr einfangen. Und das obwohl ich artig Hände wasche und all sowas. Pah! Kann ich mir wahrscheinlich auch schenken. Keine Ahnung wie lange das jetzt so gehen soll..! Hat hier wer Erfahrungswerte? 

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Große Überraschung am Morgen. Ich komme vor der Uni mit C- und D-Hörnchen in den Kindergarten. Es herrscht Chaos. C-Hörnchens herzensgute Erzieherin kommt mit glasigen Augen und bebender Stimme auf uns zu. Es herrsche Notdtand. Die Hälfte der Erzieher wäre krank, die Leitung dazu. Es gäbe einen Notdienst für die Kinder der berufstätigen Eltern. Um uns herum toben dutzende Kinder. Einige Mütter sitzen stumpf da, trinken Kaffee tratschen ein wenig und gehen dann ohne ihre Kinder nach Hause. Mütter schieben ihre Babys rein, lassen das große Kind da und schieben mit ihren Babys wieder nach Hause. Schwangere reichen ihre Kinder rein und ziehen sich dann aufs Sofa zurück. 

Ich bin überfordert. An der Uni warten drei Termine, einer davon mit meinem Prüfer. Vier Vorlesungen stehen an, alle durchaus wichtig. Technisch bin ich damit ein berufstätiger Notfall. Faktisch war der Kindergarten zu diesem Zeitpunkt, um 8.05 Uhr schon überfordert. Es brach mir das Herz. Überfordert und gleichermaßen wütend nahm ich meine Kinder wieder mit. Zuhause rief ich den arbeitenden Mennne an, dank einiger Überstunden rettete er die Uni-Termine. 

Ich bin in solchen Situationen immer wieder entsetzt, wie egoistisch und unfair die Eltern zueinander sind. Die jenigen, die ihre Kinder in solchen Fällen selbst betreuen, sind immer die, die arbeiten gehen und für die es mit Stress und Umplanen zu tun hat. Die Leidtragenden sind die Erzieher, die überfordert einem tobendem Mob gegenüber stehen. Ich finde das traurig. Ich war viele Jahre lang schwanger und in Elternzeit. Ich habe mich an vielen Montagen auf einen ruhigen Vormittag gefreut und jedes einzelne Mal alles möglich gemacht um das System Kita zu entlasten. Und wer entlastet mich? Gibt es keine Solidarität unter Eltern? 

Praktische Partizipation

Im Kindergarten meiner Hörnchen hat sich eine neue Erzieherin vorgestellt. Die Leitung der Kita hat zur Entscheidungshilfe drei Kinder aus der betreffenden Gruppe mit ins Gespräch genommen. Gut vorbereitet und mit 14 wichtigen Fragen im Gepäck stapften die drei Zwerge, bewaffnet mit einem Klemmbrett, ins Büro und legten los. 

Kinder, die ein Vorstellungsgespräch führen, nehmen es sehr genau. Sie fragten nach, ob die Dame Radschlag oder Handstand könne und wie schnell sie in Rennen sei. Als die Befragte ihre wiederkehrenden Rückenschmerzen erwähnte, konterten die Kinder direkt:“Wir wollen keine Erzieher die immer krank sind!“ und auch sonst nahmen sie kein Blatt vor den Mund. Zum Schluss bestellten die Kurzen die Dame zum „Ausprobieren“. Sie soll zeigen, ob sie auch wirklich einen Morgenkreis machen kann. 

Ich finde das großartig! Die ganze pädagogische Welt spricht von Partizipation und ganz genau genommen  ist das der erste Akt der Mitbestimmung den ich in 6 Jahren als Kita-Mama erlebt habe. Wunsch-Essen, ein selbst geplanter Ausflug, der Inhalt der Adventstüten; das ist alles schön und gut. Jedoch sollte jedem klar sein, die Kinder können viel mehr. Und am aller meinten können sie ernstgenommen werden, ja sie müssen es! Das ist Werschätzung und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. 

Ganz wichtig aber ist es mir außerdem, die Kinder mit der ganzen Partizipation nicht zu überfordern. Entscheidungen treffen, Großes bewegen und Teilhaben sind super, jedoch nur genau so lange bis es zu viel wird. Denn der große, gemeine Bruder der Verantwortung ist die Angst. Und vor der müssen wir Großen unsere Kleinen bewahren. Das ist unsere Verantwortung!

Eingewöhnen zum Abgewöhnen

C-Hörnchen und D-Hörnchen besuchen seit gestern ihren neuen Kindergarten. 

Eingewöhnung. Dem Kinde die nötige Stärke und das nötige Selbstvertrauen und die nötige Bindung geben, dass es sich in der neuen Umgebung an die neuen Menschen und die Neuen Gegebenheiten gewöhnen kann. 

Hat man in den Jahren vor der Eingewöhnung seine Aufgabe als Mama ernst genommen und gewissenhaft ausgeführt, passiert Eingewöhnen von ganz allein und ist für die Mutter zum

Abgewöhnen! Und somit sitze ich also seit Stunde allein auf dem Spielplatz den Kindergartens und es ist. 

Langweilig. Sehr!! 

Kinderfeindlich 

Deutschland ist kinderunfreundlich. Deutschland unterstützt Familien schlecht, fördert die U3 Betreuung schlecht und gibt kinderlosen wenig Ansporn dazu, Kinder zu machen. 

Ich habe Kinder in. Deutschland. Ich habe wenig Geld, manchmal zu wenig. Ich habe häufig Probleme in der Kinderbetreuung und es ist hochkompliziert, Job und Kinder unter einen Hut zu bekommen. 

Und nichtsdestotrotz liebe ich es eine Mama zu sein. Ich scheiss‘ auf all die finanziellen Erleichterungen, Elternzeiten mit Plus und ohne. Auf Kitaplätze 24/7 und all das. Lieber bin ich eine verarmte Mutter ohne Karriere, die aber unabhängig und mit ihren Kindern lebt, als dass ich mich von diesem kranken und schlecht sitzenden System abhängig mache. Ich habe es noch keine Sekunde bereut mich gegen Reichtum und Erfolg entschieden zu haben. 

Was ich meine ist einfach; Kinder bringen Einbußen mit sich. Finanzielle, zeitliche, Karriere,…  Wer glaubt es würde alles so bleiben wie immer, nur eben mit Kind, der liegt doch falsch. Klar soll der Staat alles mögliche unterstützen und es den Familien einfacher machen, aber der Wille das Abenteuer ‚Familie‘ überhaupt anzugehen, sollte schon da sein. 

Das Unterstützerpotential sollte vielleicht eher denen zukommen, die es nicht eh schon nicht einfach haben. Alleinerziehenden, Kranken Eltern oder Kindern oder oder oder. 

Heute wie Weihnachen

Mein kleines Mädchen kommt nach den Sommerferien in einen neuen Kindergarten. Was eigentlich rein pragmatische Gründe hat, haben wir ihr als großes Highlight verkauft, in dessen Genuss sie nur kommt weil sie ja bald schon vier ist. 

Heute ist nun der Schnuppertag, an dem sie die ersten Stunden dort verbringen darf. Um neun. 

Um halb acht haben die anderen alle das Haus verlassen. „Ist es noch lange?“ fragte sie beim winken schon, und ja! Es ist noch lange. Nun ist es viertel vor acht und im fünf-Minuten-Takt fragt sie, ob es immernoch lange ist. Ist es. Und es ist schlimmer wie Weihnachten; wer macht bloß Schnuppertag um neun????