Liebe.

„Clementinen sind so unglaublich lecker!“, Sagt das B – Hörnchen und hat dabei eine kleine Orange Kugel in die Luft.“ Können wir am Montag Clementinen mit in die Schule nehmen?“ fügt sie der Aussage hinzu und sieht auffordern in die Runde. Ihre Geschwister stimmt ihr zu, und besprechen sofort, wer wie viele Stückchen haben möchte, wer eine geschälte und wer eine ungeschälte Clementinen möchte und in welchem Behältnis diese am besten aufgehoben sein könnte.

Natürlich freut es mich exorbitant, dass meine Kinder gern Clementinen essen. Obst ist super, Vitamin C ist großartig und somit stimme ich den banalen Plänen natürlich kopfnickend zu.

“ Leider ist das hier die allerletzte!“, stellt das B-Hörnchen weiter fest und schnell ist klar, dass eine einzelne Clementine nicht über’s Wochenende, und schon gar nicht bis in die Brotdose reicht. Wir haben einen ausgesprochenen Notstand.

Einkaufen – klar. Kein Problem soweit. Somit schlage ich vor: “ Ich fahr einfach noch mal eben einkaufen.“, verkünde ich und denke mir nicht allzu viel dabei. Das Völkchen jubelt.

Nach einem fürchterlich anstrengenden Tag schleppe ich mich also zur Garderobe. Ich zieh mich an, ziehe mich sehr warm an und mache mich bereit das Haus zu verlassen. Draußen ist es 1° kalt. Es regnet, nicht zu knapp. Zu dem, dass es Stock dunkel ist, ist es einfach nur fürchterlich ungemütlich. Nicht ohne laut und deutlich zu klagen schleppe ich mich also zur Tür um noch einmal kund zu tun, dass mir das was ich jetzt tun werde wirklich nicht leicht fällt. “Du musst das nicht machen, Mama!“, sagt das B – Hörnchen und ich drehe mich noch einmal zu ihr um.“Ich tue das gerne für euch!“, antwortete ich und verlasse das Haus.

Ich steige auf’s Fahrrad und schnell ist meine Hose klatschnass. Der Regen ist eiskalt und peitscht mir ins Gesicht. Weder Mütze noch Handschuhe erfüllen ihren Dienst, alles geht direkt durch. Auf jedem der 500 m bis zum Geschäft bete ich mir wie ein Mantra vor: “Alles aus Liebe! Ich tue das alles aus Liebe! Und ich tue es gern!“. Und wenn alles was ich tun muss, um zu beweisen, wie lieb ich diese kleinen Menschen habe ist, dass ich abends im Regen Clementinen kaufe, dann hab ich es doch irgendwie gut getroffen.

Beloved

It’s colder than before
The seasons took all they had come for
Now winter dances here
It seems so fitting, don’t you think?
To dress the ground in white and grey

It’s so quiet I can hear
My thoughts touching every second
That I spent waiting for you
Circumstances afford me
No second chance to tell you
How much I’ve missed you

My beloved, do you know
How many times I stared at clouds
Thinking that I saw you there

Ich weiß nicht, ob Ronan Harris meine absolute Leidenschaft für Schnee teilt, was ich weiß ist, dass ich diese Zeilen mit den ersten Flocke heute im Ohr hatte und keine anderen besser in Worte fassen könnten was beim Anblick dieses kleinen Wunders in mir vorgeht. Endlich bist du da.

Von daher möchte ich euch heute gar nicht viel sagen. Genießt den Schnee, und wenn ihr mögt, hier der passende Soundtrack: VNV Nation; beloved.

Die erste Zeit

Als 2007 das A-Hörnchen zur Welt kam begann ein neuer Lebensabschnitt. Jedem in meinem Umfeld war das klar, dass ich von nun an sehr glücklich und müde sein werde. In Wahrheit hatte ich mich mit dem Thema „Kind und Leben“ wenig beschäftigt, war davon ausgegangen, dass alles seinen Gang nehmen würde. Vielleicht wäre es so leicht gewesen, hätte ich schon damals die Banalität von Glück erkannt. Anstatt mein eigenes Glück zu finden, versuche ich das zu erfüllen, was alle anderen offenbar erwarteten – und zerbrach fast daran.

In den ersten Wochen nach der Geburt sass ich oft nachts da, stillte das Baby und wartete. Worauf ich so sehr wartete, war mir lange nicht klar, aber ich stellte lange Überschlagsrechnungen an: Das Kind ist zwei Wochen alt, jedes Jahr hat 52 Wochen. Mindestens die ersten 6 Jahre wird das Kind min sehr brauchen, das macht 312 Wochen, davon sind 2 rum. Das heißt in 310 Wochen bekomme ich vielleicht ein Stück meines Lebens wieder. Ab und zu schläft es vielleicht bei den Großeltern, später. Also 308 Wochen verschenkte Lebenszeit… Mein Hirn suchte nach Strategien, diese elende, sinnlose Zeit zu überstehen und verzweifelte immer mehr. Als A-Hörnchen ein paar Wochen alt war, hätte ich ihn gern diesen vielen Menschen überlassen, die ihn immer alle so niedlich fanden. Für mich war er anstrengend und der jenige, der mein Leben an sich riss und es Schritt für Schritt zerstörte.

Das war mich damals so lähmte und die ersten Monate als Mutter zum Höllenritt machet, nennt man Postnatale Depression. Eine Mischung aus Erwartungen an sich selbst, Überforderung und einen Hormoncocktail zwangen mich in die Knie. Es war nicht so, dass ich mein Kind nicht liebte, doch hasste ich das, was es aus mir machte. Ich hatte kein Bild von mir selbst als Mutter im Kopf, und alle alten Modelle passten plötzlich nicht mehr. Ohne jede Identität war ich in meiner neuen Rolle hoffnungslos verloren. Ich liebte mein Kind und hasste mich dafür, selbst das nicht vernünftig hinzubekommen. Jede Abweichung vom Plan A, jede Kleinigkeit, die nicht so lief wie ich sie mir überlegt hatte, brachte mich an den Rand der Verzweiflung – und jeder der schon mal mit einem Baby gelebt hat weiß, dass nie etwas nach Plan läuft. So lebte ich am Rand der Verzweiflung, nach außen sehr glücklich, nach innen anders.

Letztlich war es eine Therapie und vor allem der Kontakt zu anderen Müttern, der mich aus dem Sumpf zog. Zu sehen, dass andere Babys auch weinen, andere Mütter auch Sorgen haben, andere auch ihren scheiss Haushalt nicht schaffen; das tat gut. Ganz langsam, nach und nach erschuf ich ein Bild von mir als Mutter, eine Identität. Und irgendwann hörte ich auf die Wochen zu zählen, die es dauern würde, bis ich mein Leben wieder bekomme und integrierte das Neue in mein Leben.

Erwartungen sind gefährlich. Grade für junge Mamas, die ihr erstes Kind bekommen haben, werden sie schnell zu einem Spießrutenlauf. Jeder hat einen guten Rat, jeder weiß alles besser. Es gibt tausend Punkte die man zerreden und zerdenken kann und die aller meisten davon sind es nicht wert. Ob Babys im Familienbett schlafen oder in der Wiege, Stillen, Flasche, abpumpen; Brei selber kochen oder aus dem Gläschen nehmen. Weichspüler meiden oder nutzen,…. All das und Millionen Pünktchen mehr sind indiskutabel und egal. Jeder wie er mag und anstatt sich das Maul über die zu zerreißen, die in Grund alles toll machen, einfach mal auf sich selbst schauen. Das kann verdammt hilfreich und interessant sein.

Wusstet ihr…..

…, dass Eric Clapton das Stück „wonderful tonight“ am 7. September 1976 schrieb, als er genervt und wütend darauf wartete, dass seine Lebensgefährtin,Pattie Boyd, endlich fertig werden würde und sie los konnten. Das Paar war bei Paul und Linda McCartney zu einer Buddy Holly Party geladen und Patty hätte sehr lange gebraucht um sich für den Abend in Schale zu werfen. Clapton habe während der Wartezeit auf der Gitarre geklimpert und plötzlich seien die Worte nur so aus ihm heraus geflossen. Als das Lied im Mai ’77 aufgenommen wurde, sei Clapton fast durchgängig stoned gewesen – trotzdem oder gerade deswegen ist das Lied etwas ganz besonderes geworden.

Das Stück gilt als eine der rührendsten Balladen der 70er und 80er Jahre und ich finde die kleine Anekdote macht es noch wundervoller.

Neues Fahrrad

Mit Fahrrädern war das bisher immer so: Wir kauften für A-Hörnchen ein Fahrrad, durchaus hochwertig und das fuhr er dann. Nach ihm das B-Hörnchen, danach das C-Hörnchen, danach der Cousin und danach das D-Hörnchen. So lief das mit dem 12 und dem 14“ Rad und mit dem 18er. Das 24er kauften wir für A-Hörnchen neu, ein cooles Jungenrad, für das B-Hörnchen bekamen wir ein zweifach gebrauchtes von einer Freundin. Nie hat sie geklagt, auch keiner der anderen im übrigen. Alle haben ihre Räder immer geliebt. Zuletzt wurde deutlich, dass C-Hörnchen das 24er Rad benötigt und so zogen wir heute los endlich ach dem B-Hörnchen ein echtes eigenes Fahrrad zu kaufen.

Gracie zog ein, und was soll ich sagen? Sie ist super!

C- und D-Hörnchen begannen schon im Laden begeistert die ungeahnten Schönheiten probezufahren. „Die Fahrräder hier glänzen!“ staunte das D-Hörnchen und auch C-Hörnchen glaubte kaum was sie da sah. Träume in Rosa und Pink, keine Beulen, kein Rost. Beide drehten begeistert Runde um Runde und irgehdwann nahm ich mir C-Hörnchen, deren Fahrrad ja viel zu klein geworden ist, zur Seite und erklärte ihr, dass heute aber das B-Hörnchen ein Rad bekommen würde und sie wiederum das alte Rad … Mir zerriss es fast das Herz! C-Hörnchen sah mich verständig an und sagte dann: „Ja! Ich liebe den alten Esel von B-Hörnchen ja auch! Aber hier kann ich ja auch mal mit einem pinken fahren.“ Ja, das konnte sie.

Zu Hause angekommen freuten sich beide Mädchen gleichermaßen über ihre „neuen“ Räder. Voller Freude montierten sie Schlösser und Klingeln, fuhren ihre Schätze ausgiebigspazieren und waren – ein wie die andere – glücklich!

Emotionale Haverie

Läuft im Fernsehen was trauriges, bin ich eigentlich nicht die, die Tränen vergießt. Allgemein ist es eher kompliziert mir Tränen zu entlocken, ich zerdenke das Problem, ja jede Tragödie bevor sie mir auf die Pelle rücken kann. Nicht klug, vielleicht auch nicht gesund, aber so ist es eben.

Jetzt, da die Sonnerferien begonnen haben, gehen die Kinder am Morgen mit dem Menne aus dem Haus. Sie gehen in ein Tages-Feriencamp, damit wir arbeiten können. Soweit so gut. Eben verließen sie dann das erste Mal das Haus, in einer Reihe stapften sie los und krabbelten ins Auto. Ich stand in der Tür und eine Welle irgendwas überkam mich. Während mein Frontallappem alles gab und mir meine goldene Zukunft skizzierte („Bald ziehen sie alle aus!“ „Du wirst ganz allein sein!“ „Niemand wird dich brauchen“) produzierte meine Amygdala eine Mischung aus Stolz und Liebe, was wiederum die endokrinen Systeme dazu verleitete allerlei Bindungshormone zu kippen. Meine Füße bekamen den Befehl zu laufen, sie zu stoppen und als das Auto los fuhr, kullerten ein paar einzelne Tränen über meine Wangen. Die Babys werden groß.

Und ich werde nicht allein sein, und sie werden mich immer brauchen. Manchmal, manchmal nicht und dann vielleicht wieder ganz doll. Alles wird anders, jetzt und immer wieder. Aber eine Mama bleibt eine Mama, so ist das eben. Und genau das, was mich eben an der Tür überrollte, wird mich und sie für immer verkletten. Auch im Auslandssemester in Gambia, auch wenn sie nach Neuseeland ziehen und sogar dann, wenn ich nicht weiß wo sie sind. Und könnten sie nicht trotzdem noch ein bisschen ganz klein bleiben? Ein einziges Jahr noch…

Keines ist wie sie

Nach der großen Trauer um ein geklautes Fahrrad, tun sich eine bohrende Frage auf: Was nun? Wenn einem der Hund stirbt, soll man sich nicht gleich nen neuen holen, nach der zerbrochenen Liebe nicht gleich die nächste und mein Mann sagt ich soll endlich aufhören mein Herz an Gegenstände zu hängen. Darf ich mir also gleich wieder ein neues Fahrrad kaufen? Und ist es überhaupt möglich ein vergleichbares, gutes Rad zu finden, mit dem ich glücklich werden kann?

Ihr Lenker war abgesägt, das klingt erstmal grausam, war aber für uns beide eine gute Lösung, da ich den klassischen Rennradvorbau schlecht fahren kann. Lorelai wirkte dadurch zierlich und grazil. Allgemein war sie eher schmal bei ihrer Rahmenhöhe von 52cm. Lenkerband und Endstücke hatte ich grad erneuert, sie sah zauberhaft aus. Ich habe ihre Pedalen sehr geliebt, die nur von einer Seite komfortabel zu fahren waren. Es hat mich viel Übung gekostet, elegant und zügig an den Ampeln loszukommen ohne mich zu verletzten. Ihre Ritzel, und ins besondere die kleine 8er Kassette, waren stark abgenutzt. Es wimmelte von Haifischzähnen. Nur ich wusste wie sie zu schalten war; mit Gefühl udn im richtigen Moment. Den könnte man im Tritt spüren. Lorelai’s Kette war ein wenig zu lang geworden. 108 Kettenglieder; mit der Zeit in die Jahre gekommen. Die Erneuerung war für das kommende Wochenende geplant. Ihr Rahmen hatte einiges mitgemacht. Der eine oder andere Sturz und vor allem aber Laternenpfähle haben ihr zugesetzt. Ich hatte zuletzt ein Schloss mit Stoffüberzug und habe darauf geachtet, ihr nicht zu schaden. Einen Ständer hatte sie nie; das Gewicht… 9,5 kg hat sie gewogen, keine 10.

Und nun, Schluss mit dem Gejammer. Schließlich habe ich mich schon öfters von geliebten Dingen verabschieden müssen. Habe ich mal von Bob erzählt… ?

Mein Herz

In den 90ern erwarb mein Papa bei einem Fahrradhändler im Dorf ein gebrauches Rennrad. Es war in akzeptablem Zustand, vielleicht ein wenig zu klein; und pink. Er fuhr es einige Zeit, irgendwann zog es in den Schuppen. Dort blieb es lange. Ich hatte es nie ganz vergessen und übernahm den Schatz vor einigen Jahren. Als ich es bekam waren die Reifen platt. Es sah ein wenig jämmerlich aus, dreckig und alt. Ich war sofort verliebt. Ich brachte sie zu einem Rennrad-Opa und bat ihn sie gesund zu machen. Wie durch ein Wunder war sie vollkommen intakt. Bremsen, Mantel, Tretlager, Kette; alles war noch top. Ich taufte sie Lorelai und liebte sie sehr.

Ich fuhr viel und voller Leidenschaft. 9,5 kg Stahlrahmen und ich wurden zu einer Einheit. Meine Rennhexe und ich, so war das. Schon lange haben Fahrräder für mich viel mit Hingabe udn Freiheit zu tun, auf dem Rad bin ich glücklich.

Heute entriss man mir das Herz. Die Lorelai wurde geklaut. Als ich aus der Arbeit kam war sie einfach weg, spurlos verschwunden. Mich zerreißt es, wie kann sowas sein? Wie soll ich jemals wieder ein Rad finden, das ich so lieben kann?

Die große Liebe

Plötzlich war sie da, ganz unverhofft und doch nicht ganz überraschend. An der Straßenecke abgestellt, na ja; aufwendig dort hin manövriert. So stand sie da, und das D-Hörnchen war wie gebannt. Er blieb stehen, musterte sie einen Moment und sagte dann:

„Ist sie nicht wunderschön? Sie heißt Bessy!“

Bessy ist eine Teermaschine. Eine riesengroße, dreckige, leicht müffelnde Teermaschine. Bessy hat Kettenräder und zwei Menschen können auf Bessy sitzen. Bessy wird kommende Woche hier arbeiten; drei Tage lang und D-Hörnchen wird Bessy dabei zugucken – drei Tage lang. Und es wird schön. Weil D-Hörnchen Bessy lieb hat – und Bessy das D-Hörnchen bestimmt auch.

Ach Bessy!