Gewitter im Kopf

Beim Aufstehen zog es bereits auf.

Tiefe, schwere Wolken, die bedrohlich

Langsam aber entschlossen

In meinem Kopf zuzogen

Mit nur einem Ziel.

Der Druck steigt schnell

schon ein Atemzug reicht aus um zu erkennen

dass sie wieder da ist,

mit all ihrer Schönheit und all ihrer Macht

Brachial und gemein,

angetreten um ungefragt bei mir zu sein.

Gewitter im Kopf

unglaubliche Schmerzen

Auf Tabletten folgen Tropfen

Und der Scheiss hört nicht auf.

Rostige Nägel ins Gehirn geschlagen,

ein Brennen wie von 2 Million Scoville

Und kein Gedanke mehr möglich

alles wie Brei.

Und was soll ich sagen,

ich geh jetzt einkaufen.

„Show Must Go on“ sagte Freddy so schön.

Nur er ist schon tot

Und muss nicht mehr in der verkacken Schlange,

im Supermarkt stehn‘.

Hoch-herbstliche Gesamtlage

Es herbstet ganz gewaltig. Sturm und Regen und kalt und drei Pullis statt zwei. Fast hatte ich vergessen wie es ist, ernsthaft zu frieren, während man eilig eine Zigarette durchzieht und mir ständig meine Haare in die Glut wehen. Ja, so war Herbst, nervig mit wunderbar.

Überall liegt Laub und ich liebe den würzig klammen Geruch, den es versprüht, während man mit dem Fahrrad auf ihm ausrutscht und sich nur fast was reißt; ein Band oder zwei. Die Luft ist so feucht, sie klebt fast im Gesicht und kräuselt meine Locken noch mehr als sonst. Ein wenig widerspenstig ist er wohl, aber das bin ich auch.

Und am Abend, wenn ich den Ofen nicht anbekommen habe, weil es so weht. Wenn es kalt ist in der Küche und alle beisammen sitzen, dann gibt es Suppe. Denn Suppe wärmt von innen und macht froh. Und ja, warscheinlich ist das auch so. Ab heute ist der Herbst nun da, und ich glaube ich mag ihn. Und wenn ich ganz genau hinhöre, dann verspricht er mir Schnee.

Kleine Aster

Ich möchte euch eins meiner Lieblingsgedichte vorstellen. „Kleine Aster“ von Gottfried Benn:

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.

lrgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster

zwischen die Zähne geklemmt.

Als ich von der Brust aus

unter der Haut

mit einem langen Messer

Zunge und Gaumen herausschnitt,

muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt

in das nebenliegende Gehirn.

Ich packte sie ihm in die Brusthöhle

zwischen die Holzwolle,

als man zunähte.

Trinke dich satt in deiner Vase!

Ruhe sanft,

kleine Aster!

„Kleine Aster“ erschien 1912 zusammen mit 5 weiteren Gedichten in einem Band namens „Morgue“ was der Name des Pariser Leichenschauhauses ist. Gottfried Benn lebte in Berlin, war Arzt und bald auch Lyriker. Seine Werke leben von einer einzigartigen Art die Dinge zu beschreiben, sachlich und klar, ohne jede Wertung – so wie ein Mediziner es vermag.

Auch die „Kleine Aster“ mag ich für ihre nüchtern pragmatische Art. Alles endet, alles beginnt. Des einen Untergang ist des anderen Rettung, nichts hat mehr wert als ein anderes, alles ist gleich.

Als die Lieder Texte bekamen

By the time I got to New York

I was living like a king

Then I used up all my money

I was looking for your ass

This way or no way

You know, I’ll be free

Just like that bluebird

Now ain’t that just like me?

Oh I’ll be free

Just like that bluebird

Oh I’ll be free

Ain’t that just like me?

(David Bowie/ Lazarus)

Bowie lang für das A-Hörnchen und mich im Auto, wie so oft. Und ich sang mit, wie so oft und mit viel Hingabe. „Will er frei sein wie ein Vogel?“ fagte das A-Hörnchen auf einmal. „Oh ja!“ antwortete ich ihm und erzählte von Bowies letztem Album, seinem bevorstehendem Tod und eben dem Lazarus. Mein Hörnchen lauschte aufmerksam und zum ersten Mal schien sein Englisch auszureichen um Zugang zu der großartigen Welt der textlichen Musik zu bekommen.

Ich habe früh angefangen Musik zu lieben. Die ersten Platten lieh ich bei Mama aus; ABBA, Beatles und Queen. Ohne jede Englisch-Kenntnisse ein hoffnungsloses Unterfangen. Es war.. so lala. Mit der 5. Klasse kam der Englisch-Unterricht und damit die große Offenbarung. Mit Dictionary, Stift und Papier bewaffneten arbeitete ich mich durch die Musikwelt.

Bis heute ist für mich primär der Zugang zum Text wichtig. Kann ich da mitgehen, mich wiederfinden und beziehen ist alles willkommen. Übrigens darf es inzwischen auch gern deutsches Textwerk sein. Aktuell hat es mit Judith Holofernes angetan, die in ihren Texten nur zu gut ihren Nagel auf meinen Kopf trifft. Haben ich mich einmal an einem Stück festgebissen, bleibt es; mit all den Emotionen, Gedanken und Erlebnissen, die ich einst an es gebunden haben. So kann das Abspielen einer willkürlichen Spotify-Playlist sowohl hoch-angenehme als auch deutlich anders aufgeladene Überraschungen mit sich bringen.

Ich danke all den großartigen Künstlern, Dichtern, Literaten und Textern dafür, dass sie mich immer wieder so begeistern können, mich über so viele Stunden so sehr begeistert haben und mich aus so manchen Tief gerettet haben. Ohne euch wäre das Leben irgehdwie dumpf.

Ode an die Waffel

So knusprig

So wabig

So herzig 

So fein.
So pudrig

So kirschig

Und so soll sie sein.
Dann back‘ ich sie

Dann ess‘ ich sie

Dann kau‘ ich sie

Dann schluck‘ ich sie

Dann dau‘ ich sie

Dann kack‘ ich sie

Dann spül‘ ich sie

Dann

Ist sie wieder weg. 

In freundlicher Zusammenarbeit mit den Hörnchen; heute beim Frühstück. 

Ein Gedicht

Einfach so, weil ich schon den ganzen Tag daran denke, heute eins meiner Lieblingsgedichte:

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen; 
allein der Fakt, dass so ein Typ das tut, 
kann mir in echt den ganzen Tag versauen. 
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, dass so’n abgefuckter Kacker 
mich mittels seiner Wichserein blockiert, 
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und will’s echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Von Robert Gernhardt