Kantholz

Im ersten Moment ist es einfach peinlich, was die AFD rund um Magnitz da abgezogen hat. Mordversuch, lautete der erst Aufschrei, der zweite dann Kantholz. Aufs dramatischste wurde gewettert und ein Akt der Gewalt medilaisiert, der, wie kurz später bekannt wurde, so nie stattgefunden hat. Kein Kantholz, kein Mord. Hässliche Gewalt, ja. Und fast ebenso hässlich, die dramaturgische Lüge dahinter. Magnitz hat die Sache massiv aufgeblasen, Hass geschürt wo keiner hingehört (zugegeben, der gehört niergendwo hin) und wieder einmal in Kauf genommen, dass das Karussell um Beschuldigungen und unhaltbare Verdachte sich ein wenig schneller dreht. Denn wer war das schon? Der Linke Mob oder eben die Ausländer; oder linke Ausländer.

Der Versuch, den Angriff, oder nennen wir es „potentiellen Überfall“ weiter auszuschlachten und wie zuletzt in Chemnitz Mahnwache zu halten, missglückte nicht vollends, war aber eher lahm. Die Sache erledige sich selbst, könnte man glauben. Das ist auch gut so, könnte man dann sagen, denn wieso soll so ein verlogenes Drama mehr Aufmerksamkeit bekommen als all die anderen Dramen, die sich überall auf der Welt abspielen? Nun, das soll es ganz bestimmt nicht. Dennoch sollten wir es nicht ganz ohne die „Moral von der Geschicht“ vorbeiziehen lassen.

Und die Mogal von der Geschicht?

Kanthölzer gibt’s in Bremen nicht.

Traue einem Nazi nicht.

Bestimmt, beides. Viel wichtiger aber ist der Appell, weiter zu hinterfragen. Alles ist richtig, bis es widerlegt wurde. Über unsere schnellen und erbarmungslos gefilterten Medien erreichen uns jeden Tag dutzende Nachrichten. Was wir jedoch gern vergessen ist, dass jeder Journalist, jeder Schreiberling seine eigene Färbung hat; er arbeitet nach Auftrag a, b oder c, färbt jede Erkenntnis mit seiner Meinung d, e oder f und legt vielleicht nicht die Sorgfalt an den Tag, die man sich von ihm wünschen würde. Medien sind keine Wissenschaft. Medien sind flach, schnell und alles andere als evident. Bevor wir also verurteilen, Anteil nehmen, applaudieren oder sonst wie reagieren, sollten wir hinterfragen, wer uns hier grad was versucht zu erklären. Und wenn etwas stinkt, dann ist die Warscheinlichkeit, dass es Scheiße ist recht hoch!

Der Chemnitz-Effekt

Die taz stellt heute die Frage, ob es durch die Ereignisse in Chemnitz vor einem Monat einen Anstieg rechtsradikaler Gewald gibt. Die Zahlen sprechen dafür, aber kann das sein? Aus psychologischer Sicht gibt es zwei Phänomene, die die These deutlich untermauern.

Zunächst muss die Gewöhnung angesprochen werden. Der Mensch gewöhnt sich recht schnell an alles und ist in der Lage blitzschnell Toleranzen aufzubauen – nicht gegenüber fremden Menschen, das ist wahr. Aber, gegenüber Verhalensweisen und Gegebenheiten, die er zwar nicht ganz überblickt aber dennoch ganz ok findet. Rechte Gewalt fällt klar in diesem Themenkomplex. Sie hat stattgefunden, es ist nichts schlimmes passiert, also war es ok. So simpel arbeitet das Gehirn, so simpel ist die Gesellschaft aufgebaut. Dieser einfache Mechanismus der Abstumpfung funktioniert tadellos, zum Beispiel auch im Falle häuslicher Gewalt, bei Seitensprüngen oder dem „blau machen“ im Job. Jede geglückte Aktion legitimiert die darauf folgende und damit das Gesamtkonzept. Die enorme Medienwirksamkeit der Rechten Gewalt in Chemnitz hat zwar auch zu einer beachtlichen Welle von links Geführt, warscheinlich aber hat sie auch mächtig abgestumpft.

An zweiter Stelle möchte ich den „Werther Effekt“ nennen. Der Werther Effekt ist ein Phänomen, dass seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat. 1774 veröffentlicht Goethe die „Leiden des jungen Werthers“, ein Drama, in dem sich ein junger Mann aus Liebeskummer das Leben nimmt. Das Buch wurde ein großer Erfolg, leider wurde bald deutlich, dass auch die Anzahl der Suizide junger Männer rapide zunahm. Viele der Suizidalen kopierten sogar den im Buch beschriebenen Suizid, so dass der Verdacht aufkam, dass die Suizide in direkter Verbindung zum Bich stehen. Mit der Zeit sich etablierte sich der Begriff des Werther-Effektes. Heute gilt es, von Suiziden in den Medien so wenig wie möglich kund zu tun, um mögliche Nachahmer zu vermeiden. Die Methode gilt als bewährt. Tatsächlich aber sind es nicht nur Suizide, die Menschen dazu animieren etwas nachzumachen, es sind auch zahllose andere Ereignisse, auf die dies zutrifft. Wichtig ist auch hier der große Erfolg einer Sache – so wie in Chemnitz! Die Gewalt, das Entsetzten, die große mediale Aufmerksamkeit; all das ist ein großer Anreiz für die, die zwar an sich nicht radikal sind aber sich die Aufmerksamkeit wünschen. Denn die Nachahmer vereint in der Regel weniger die Überzeugung an der Sache als die Gier nach Aufmerksamkeit.

Was also tun? Möglich wäre es, die mediale Ausschlachtung einzudämmen und die Motivation derer, die genau das suchen zu minimieren. Außerdem würde eine geringere Präsenz in den Medien auch die Abstumpfung geringer halten. Wichtig ist, dass ich nicht davon spreche die Dinge totzuschweigen oder zu ignorieren. Nur darf die Berichterstattung nicht aufgeblasen, blutrünstig und allzu theatralisch sein. Nüchterne Fakten, bewertet und gemessen am gesunden Menschenverstand und den Werten des Zusammenlebens, reichen aus um zu informieren und ein Bild zu verschaffen. Ein Mord wird nicht grausamer dadurch, dass beschrieben wird, wieviele Liter Blut in welchem Radius verteilt waren. Auch der genaue Tathergang, minuziöse Aufstellungen und Fotos dienen nicht der Aufklärung der Masse sondern sind klar reißerisch angelegt und dienen einem ganz anderen Herren. Wie so oft gilt ganz klar: Weniger ist mehr!

Münchens Masse

München stand still, und mit ihm die ganze Welt. Denn die saß am Fernseher und am Internet und suchte fieberhaft nach drei Tätern mit Sturmhaube und Langwaffen. Ich für meinen Teil wohnte entsetzt dem unglaublichen Schaustück der Massenpsychologie bei und verstand nicht, warum dieses viele gefährliche Halbwissen auch noch breitgetreten werden muss. Denn alles was die vielen Reporter uns gestern Abend zwischen 18 Uhr und Mitternacht bieten konnen waren die wenigen, wiederaufgewärmten Zeugenaussagen und einige Videos. Im Grunde wusste man nichts und stützte alle Berichterstattung auf das, was Menschen in Panik berichteten. 

Menschen in Panik werden von Adrenalin überschüttet. Sie geraten in eine schlimme Situation, bekommen großen Stress und dann geht es los. Hormone überfluten das Gehirn und man bringt sich in Sicherheit. Menschen in Panik regieren wie ferngesteuert, nicht rational oder überlegt. Ihre Hirne schalten auf „Überleben!“. Haben sie es geschafft zu überleben, setzt automatisch der Massenprozess ein. Dank diesem werden alle Menschen, die in den Prozess verwickelt waren, zu einer Masse. In Minuten werden Informationen ausgetauscht, nach dem Prinzip des Stärkeren bildet sich ein Konsens der Masse. Dieser Prozess findet nicht etwa an einem Ort statt, er findet im Netz statt; die Masse sind nicht die 30 Menschen am Ausgang, sondern sie besteht aus all denen, die fleißig im Netz mit posten. 

Über die Qualität des Massenkonsens lässt sich wenig gutes sagen. Die Masse urteilte in Panik. Aufgrund der Kürze der Zeit und der Hormone, die das Hirn fast lahmlegen, ist das was die Polizei  eine Zeugenaussage nennt, nicht mehr als eine wilde Mischung panischer Vermutungen. Und so kam es gestern Abend zu „drei Tätern mit Langwaffen“, gegen die zwar alle Fakten sprachen, die aber von der Masse als real beschlossen wurden. Die Quintessenz aus dem Lehrstück: Traue nie der Masse, auch wenn sie es nicht böse meint. Sie versucht nur sich zu retten, was sie nicht versucht ist rational ein Problem zu lösen. Wenn auch man das Massenverhalten nicht aufhalten kann, wäre es ein Traum gewesen die Medien hätten die Professionalität aufgebracht einfach aktiv nichts zu wissen. Denn der Panik und dem allgemeinen Frieden hätte das weit mehr genutzt  als  diese irre Panikmache. 

Kleiner Buchtipp am Rande:

Gustave Le Bon; Psychologie der Massen

Zeit zu denken

Früher habe ich es geliebt ausgiebig Zeitung zu lesen. Voller Hingabe habe ich die TAZ, die Zeit und lokale Blätter gelesen, überdacht und verglichen. Ich habe an Lesekreisen teilgenommen,  Tolstoi und Bakunin diskutiert und was immer über alles gut informiert. Ich hatte zu allem eine Meinung und diese war fundiert. Ich wusste wovon ich sprach und sprach gern. 

Heute bekomme ich lediglich noch am Wochenende eine lokale Zeitung. Diese lese ich an maximal einem Tag des Wochenendes wenigstens anteilig, an dem anderen Tag reicht es oft nur für die Überschriften. Mit Mühe und Not schaffe ich es mich wenigstens über die jüngsten Terrorvergehen zu informieren. Eine Meinung habe ich zwar immer noch, jedoch fällt es mir manels umfassender Information schwer diese als fundiert zu bezeichnen. Und nichts hasse ich mehr als Halbwissen. Es ist traurig festzustellen, dass das eigene Hauptmedium der Facebook-Account eines interessierten Freundes geworden ist; praktisch aber total vorverdaut. 

Zeit. Ich wünsche mir Zeit.  Zeit zum Denken.