Die Drogen und ich

Während des Studiums habe ich regelmäßig Referate halten müssen. In der Regel saßen zwischen 20 und 40 Mit-Studenten vor einem, an deren Gesichtern man gut ablesen konnte wie’s läuft. Waren nach 20 Minuten noch alle wach, lief es optimal, dämmerten wenige, war es ok. Schliefen 3/4 redete man langweiliges Zeug, so einfach war das.

Heute durfte ich im Rahmen der Bremer Suchtwoche einen Vortrag zum Thema „Drogenkonsumräume“ halten. Dreißig Menschen saßen da, nicht weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten. Um es vorweg zu nehmen, es war gut. Dennoch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich in den Minuten vor dem Beginn fast verstorben wäre. Kein Professor hatte das Thema vorgegeben, kein Wimi die Präsentation vorher begutachtet. Was ich zu sagen hatte stammte von mir, aus meinem Hirn und ein großer Teil auch aus meinem Herz. Denn das Thema „Illegale Drogen“, die damit verbundenen Debatten und der damit verbundene Kampf für die Rechte meiner Klinten ist eine gute Mischung aus Wissen und Leidenschaft.

Ja, wieder einmal weiß ich, wofür ich das mache. Überstunden, unbequeme Termine und hässliche Themen, all das ist bedingungsloser Inhalt des Jobs, dem ich mich verschrieben habe. Die Rechte drogenabhängiger Menschen kommen in allen Bereichen zu kurz. Die wenigen Hilfsangebote sind unterfinanziert, viele sind schlecht auf die besonderen Bedürfnisse unserer Klienten zugeschnitten. Den mangelnden Angeboten stehen mächtige Repressionen und Kriminalisierung gegenüber, denen, die eh kämpfen, die eh am Rande der Gesellschaft stehen, wird jede Teilhabe verwehrt.

Drogenhilfe bedeutet somit für mich nicht nur den Menschen zu helfen, zu vermitteln und möglichst unkompliziert Leben zu retten, sondern genauso für die jenigen ein Sprachrohr zu sein, die es selbst nicht sein können. Sucht ist eine schwere, lebenslange psychische Erkrankung. Keiner sucht es sich aus süchtig zu sein, niemand möchte unter den oft unwürdigen Bedingungen leben. Das Einhalten gewisser Mindeststandards hingegen ist ein Menschenrecht. Zugang zu sauberem Wasser, die Möglichkeit zum duschen und zur Toilettenbenutzung sowie gesundheitsfördernde Konsumbedingungen für schwerstabhängige sind das Mindeste was unsere Gesellschaft den zur Verfügung stellen können, die meistens als Kollateralschaden hinten herunter fallen. Denn hinter jeder Suchterkrankung steht auch eine Geschichte, steht eine Biografie, die fast immer geprägt ist von Gewalt-Erfahrung und Traumatisierung. Und wenn wir es schon nicht schaffen die Mitglieder unserer Gesellschaft vor Trauma und Gewalt zu schützen, sollten wir ihn wenigstens ermöglichen so gesund wie ist denn eben geht zu leben. Drogenkonsumsräume sind ein kleiner aber dennoch sehr elementarer Teil dieser Praxis.

Human Rights

Der 10. Dezember ist seit 1948 der „Tag der Menschenrechte“. Etwas genauer hingeschaut, beginnt die Geschichte der Menschenrechte nicht 1948 und noch genauer hingeschaut, sind wir vielerorts noch heute weit entfernt von dem, was die Human Rights deklarieren.

Die ersten Menschenrechte wurden im Jahr 538 v.C. von den Persern erlassen. Im sogenannten Kyros Zylinder, einer Tonrolle, sind sie eingebrannt und deklarieren Freiheit für alle Menschen der bekannten Welt, Freiheit der Sklaven sowie eine freie Wahl der Religion. Diese weitreichende und liberale Erklärung war in der Antike nicht üblich und konnte sich nicht durchsetzen. Zwar haben beispielsweise auch die Römer Rechte für die Menschen verlesen, jedoch galten die nur für den freien Menschen. Die jenigen, die keine Bürgerrechte hatten, waren von den Menschenrechten ausgenommen. Hiervon Betroffen waren natürlich Sklaven aber auch Frauen und Kinder.

Die Christen verfassten die 10 Gebote als Leitlinie für menschliches Miteinander, jedoch gab es auch hier große Ausnahmen. Sklaven waren zwar zur Einhaltung der Gebote angehalten, standen jedoch nicht unter ihrem Schutz. Außerdem war die „Vertreibung und Ausrottung von Völkern anderen Glaubens“ gewollt und legitim. Allgemein ging man bis ins Mittelalter von einer naturgegebenen Verteilung der Menschen in Freie und nicht Freie aus. So war es nur logisch, dass einige Über andere verfügten und diese, Unfreien eben ohne Rechte waren.

Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts setzte sich der Engländer Thomas Hobbes mit dem Begriff der Freiheit und dessen Bedeutung für den Menschen neu auseinander. Er kam zu dem Schluss, dass der Schutz des Menschen beim Staat läge und hiervon keine ausgeschlossen sind. Ein Staat, der die Sicherheit seiner Menschen nicht sichern könne, müsse seine Legitimation verlieren. Hobbes erschuf den Gedanken der Gewaltenteilung zwischen Legislative, Judikative und Exikutive und machte hiermit noch deutlicher, wie sehr der Schutz der Menschen unabhängig und gleich für alle vom Staat sicher gestellt sein müsse.

Im Zuge der Aufklärung deklarierten etliche Staaten ihre Menschenrechte. Als bekannteste Fassung wurde 1789 in Frankreich die „Erklärung der Menschenrechte“ erlassen, die durch den Marquise de La Fayette in Zusammenarbeit mit Thomas Jefferson, einem der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, erstellt wurde. Zahllose Philosophen haben davor und danach über die Freiheit des Menschen, seine Gleichheit und seine Rechte gedacht und geschrieben. Ein jeder Krieg brachte neue Verletzungen der Menschenrechte und nach jedem wurden sie neu verfasst.

Die 1948 erlassenen UN-Menschenrechtskonventionen sind das Resultat der Menschenrechtsverletzungen des 2. Weltkrieges und noch heute werden sie diskutiert und angepasst. Erst seit 1979 ist die „Beseitigung der Diskriminierung der Frau“ in den Konventionen enthalten und seit 2010 gibt es ein Recht auf sauberes Wasser. Die Todesstrafe beweist nach wie vor an vielen Orten der Welt, dass eben nicht alle Menschen gleich sind und während man über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit diskutiert,

ersaufen im Mittelmeer weiter Menschen,

verhungern sie im Jemen,

werden sie in halb Afrika von Waffen erschossen, die unser sauberes System zur Verfügung stellt,

fliehen, fürchten und verstecken sich Millionen. Ungleich, unfrei und alles andere als brüderlich.

Nazifizierung

Unbedingt will ich noch was dazu sagen, zu den entsetzlichen Aufmärschen, den Protesten. Der bizarren Selbstdarstellung der Rechten, den Linken und all dem, und selbst nach dem 10. Ansatz kommt nur Frust. Ist denn alles gesagt? Nazis sind Nazis, sie scheisse zu finden ist nicht Links sondern Logisch. Menschlichkeit wird groß geschrieben, nur leider oft falsch verstanden. Die Entwicklungen in Deutschland sind so besorgniserregend wie vorhersehbar, die Geschichte wiederholt sich und warum habe ich nichts gemacht? Und was übrigens sollte man denn machen um das aufzuhalten, was da passiert. Sarrazin lesen eher nicht, das ist klar.

Gerade wird es schnell, habe ich das Gefühl. Polizei und Justiz halten sich gegenseitig die Augen zu und machen sich selbst zum Gespött. Selbst wenn ich bisher Vertrauen in unser Rechtssystem gehabt hätte, langsam ist es aus. Während sogenannte Linke beim einkaufen hochgenommen werden, festgehalten und entwürdigt werden (#G20), geben sich die Nazis zwar alle Mühe auch Ärger zu machen, bewirken aber genau nichts. „Hitlergruss macht unsichtbar“ twittert es durch meine Timeline und es wird deutlich, dass das einfach alles nicht lustig ist. Nein, genau genommen ist es zum fürchten. Menschn werden gejagt und verletzt. Reaktionen sind kaum da, das System Staat hält sich vornehm raus. Das ist sowas von 1938! Vor allem aber ist es ein klares Zeugnis von Billigung und stillschweigendem Zuspruch.

Die Intensität und Plakativität, mit der die Braunen inzwischen vorgehen, zeigt deutlich wie weit fortgeschritten der Nazifizierungsprozess schon ist. Ein Gruß, ein Symbol, ein dummer Spruch; all das wird kaum noch wahrgenommen. Die Polizei interessiert es erst recht nicht mehr. Erst jetzt, wo wieder einer starb, beginnt es Wellen zu schlagen, kleine, zaghafte. Bundesfamilienministerin Giffey brachte es heute morgen recht gut auf den Punkt: Wir müssen schon jetzt an die Zeit nach dem Großen Aufschrei denken, an die Zeit wenn die stündlichen Meldungen aufhören, die Demos nicht mehr besucht werden und die Twitteraccounts sich wieder mit Kitas, Fußball, Job und Urlaub beschäftigen. Denn auch dann geht das alles weiter seinen Gang, Nazis bleiben Nazis, suchen neue Nazis und werden bessere Nazis. Das alles geschieht im Verborgenen. Und wenn man es dann das nächste Mal sieht, wenn wieder etwas passiert, das schlimm genug ist, ist es schlimmer und fieser als jeh zuvor. Für alle die, die keine Nazis sind heißt es also auch in Zeiten der Ruhe, aufmerksam und laut zu bleiben, nicht nachzulassen und immer wieder daran zu denken, dass Menschlichkeit eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Kaum auszuhalten

Ich kann mich nicht erinnern, jeh mit der deutschen Politik zufrieden gewesen zu sein. Sicherlich bin ich ein wenig linker und vielleicht radikaler als die Bundesdeutsche Polit-Mitte. Während ich aber in den ganzen Jahren meinen Umgang damit gefunden hatte, gerate ich immer mehr an meine Grenzen. Es ist kaum auszuhalten was dort passiert und in meinem Kopf rast das „was soll man tun-Karussell“. Hilflosigkeit mischt sich mit Wut und Verzweiflung und nach und nach wird mir klar, wenn keiner war macht, passiert auch einfach mal nix.

Was also tun? Unbezahlten Urlaub nehmen und ans Mittelmeer reisen. Boote kaufen, Menschen retten? Eigentlich ja. Und plötzlich sind sie da, die inneren Wiederstände, die guten Gründe, nichts zu tun. Mich selbst in Gefahr bringen, die Komfortzone der Familie zu verlassen – das sind gewaltige Schritte. Nicht hier zu sein, nicht sicher sagen zu können was die Zukunft bringt; nein das kann ich nicht. Oder? Müssten das nicht eigentlich alle, oder zumindestso viele, dass ganz deutlich wird, dass der Tod von tausenden nicht toleriert wird? Was setzt man schon auf’s spiel? Den Job, den Wohlstand. Ein paar Wochen mit der Familie und vielleicht den nächsten Urlaub; all das für ein paar Leben.

Ja! Eigentlichsollte es das mir wert sein. Und mit jedem Tag wächst mein schlechtes Gewissen, nichts zu tun. Was wenn in 40 Jahren die Enkel fragen: „Habt ihr nichts gewusst? Da starben Menschen!“? Was sagt man dann? Dass man zu feige war, zu geizig. Zu viel Angst hatte den eigenen Lebensstandard zu verlieren? Oder lügt man, so wie es die Generationen vor uns taten, und sagt: „Das hat doch keiner gewusst!“

Von Brüsten

Heute morgen zwitscherte ein Bild-Artikel vielfach durch meine Twitter-Timeline: „Kann jede Frau den BH weglassen?“. „Oh man!“, dachte ich noch, die BILD befasst sich mit den wirklich wichtigen Themen. Denn was sind schon Ertrinkende im Mittelmeer, Verdurstende in der Sahara, Regierungskreise im eigenen Land und gefährliche Voll-Deppen überall sonst gegen so eine bahnbrechende und wissenschaftlich anspruchsvolle Frage.

Leben ohne BH also, krass banal. Womit sich genau der mit Sicherheit tiefgründige Artikel befasst kann ich nicht sagen; Gesundheitsrisiken, Muskulaturauf- und Abbau, Bindegewebe, bla. Und während ich noch bedauerte, dass die Menschen sich mit so einem irren Shit beschäftigen, begann ich die Kommentare zu lesen. Und da, ganz plötzlich, wurde mir das eigentliche Problem bewusst.

Der allgemeine Akt, morgens ein Kleidungsstück auszusparen ist keinen Satz wert. Die Tatsache, dass sich am Oberkörper von menschlichen Weibchen eine Brust befindet ist im Grunde unspektakulär. Schlimm ist der geistige Dünnpfiff, der dem Thema zugedacht wird. „Sollte ab Körbchengrösse D verboten werden“ und „das will aber auch keiner sehen“ stehen Aussagen wie „Boa geil, Nippelalarm“ und „dann aber bitte ein weißes Top“ gegenüber. Zu Hunderten reihen sich die dreisten, bösen und sexistischen Kommentare aneinander und teilen die Frauen in zwei Kategorien: Die jenigen, die immer ihre Titten zeigen sollten, und die jenigen, dessen Titten keiner sehen will. Alter!!

Die traurige Quintessenz meines morgens: Wir müssen offenbar noch sehr viel sprechen. Über Respekt, Anstand und das Recht auf Unversehrtheit. Über BHS und Brüste hingegen ist im Grunde alles gesagt. Also Bild, wie wäre es mal mit einer Sonderausgabe über Menschenreche?