Gedenken

Der 27. Januar gilt dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Seit vielen Jahren nutze auch ich diesen Tag um zu gedenken, zu informieren und mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Gerade letzteres tue ich seit über 20 Jahren sehr intensiv. Ich habe endlos viel gelesen, mich intensiv mit der Psychologie hinter all dem vertraut gemacht. Auf viele Fragen kann ich Antworten geben, ich habe mich in die abartige Maschinerie der Lager, in das Konzept des Tötens eingearbeitet und hatte immer das Ziel zu verstehen, was da passiert ist, wie es passieren konnte und wie es nie wieder passieren kann.

In den letzten Jahren ist die Thematik „Wegschauen“, ist die Gewalt und das Tolerieren von Hass wieder wesentlich in den Fokus geraten. Taten die undenkbar waren, Äußerungen und nicht zuletzt Ängste, die jahrelang verschwunden waren, bahnen sich ihren Weg zurück in die Köpfe der Menschen und werden wieder massentauglich.

Das, was war wird nie enden, es muss uns immer bewusst sein, als Mahnmal, als abschreckendes Beispiel dafür, dass der mensch zu allem in der Lage ist. Denn eins wird heute klarer denn geh zuvor: Ein Massenmord wie die Shoah findet nicht allein durch die Gedanken und Taten einzelner statt. Ebenso Teil der Maschinerie sind all die Tausenden, die wegsehen, sich beugen und sich fügen. Jeder der nicht laut schreit wenn Unrecht passiert, nicht hilft wenn einer Hilfe braucht und mitmacht wenn er dazu aufgerufen wird, ist Teil des Ganzen.

Das A-Hörnchen liest gerade Anne Frank und fragte mich heute, wieso die Juden nicht einfach ohne den gelben Stern auf die Straße gegangen seien. „Dann hätte ja keiner gesehen, dass sie jeden sind.“. „Sie wären verraten worden.“, antwortete ich ihm und er fragte erstaunt von wem. „Von den Nachbarn, Freunden, Kollegen und Lehrern, die gewusst haben, dass sie Juden sind.“. Das Hörnchen verstand nicht und auch mir wurde die Absurdität der Tatsache schmerzlich bewusst. Ich klärte ihn weiter darüber auf, dass auch das Schützen von Juden sowie der Kontakt unter Strafe standen. Er verstand und verstand doch so vieles nicht. „Es haben einfach alle mitgemacht? Sie haben sch nicht gewehrt?“, und ja. Leider war es wohl so. Zumindest aber so ähnlich, denn wenn all die, die nur gedeckelt haben, all die, die nicht aktiv geworden sind, die keinen direkten Schaden verursacht haben sich gewehrt hätten anstatt zu schweigen, wäre dieses Kapitel der Geschichte vielleicht anders ausgegangen.

Niemals darf man vergessen, dass Menschen alle gleich sind, jeder den gleichen Schutz, Respekt und die selben Chancen haben sollte. Niemand sollte in Mangel oder Angst leben müssen, nirgendwo. Es gibt nichts auf der Welt, das eine Unterscheidung von „den einen“ zu „den anderen“ rechtfertigt. Mensch ist Mensch; jeden Tag und bei allem was wir tun sollten wir den Fokus eben dort haben, bei unserer Menschlichkeit und dem Miteinander. Wegsehen und Schweigen sind keine Option; nirgendwo.

You never walk alone

Heute Morgen, auf dem Weg zum Kindergarten, fing das D– Hörnchen fast an zu weinen. Aus irgendeinem Grund muss er plötzlich realisiert haben, dass er eines Tages groß ist und ein eigenes Leben führt. Mit glasigen Augen sah er mich an und teilte mit:“ Ich will für immer in eurer Familie bleiben!“ Etwas verwirrt sah ihn an und versicherte ihm, dass er auch für immer bei uns bleiben wird. Wo soll er denn auch hin? Er ist unser D – Hörnchen und gehört ganz genau zu uns, so wie eben die andern drei auch. Wir fuhren ein Stück weiter und da platzte es aus ihm heraus:“ Auch wenn ich groß bin!“ Und erst jetzt verstand ich wovon er sprach.

Beim Abendessen ploppte das Thema dann noch einmal auf. Für immer will er bei uns bleiben, in seinem Zimmer wohnen, in seinem Bettchen schlafen und im Sommer mit uns nach Wangeroge fahren. Für immer immer immer! Das C – Hörnchen pflichtete ihm bei und beteuerte, dass das auch ihr Plan fürs Leben sein. Für immer in ihrem schönen Bett schlafen, für immer in ihrem Zimmer spielen und für immer immer immer bei uns wohnen bleiben. B – Hörnchen nickte bestimmt und hatte dem ganzen nicht mehr viel hinzuzufügen. Lediglich das A-Hörnchen enthält sich der Thematik und schwieg. Fragend stellte ich in den Raum, ob denn keiner der drei sich vorstellen konnte eines Tages eine eigene Familie zu haben, vielleicht zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Sechs Augen sahen mich verzweifelt an. Nein! Keiner von ihnen konnte sich auch nur in Ansätzen vorstellen jemals das heimische Nest zu verlassen.

Es ist immer wieder erstaunlich, aber es gibt sie wirklich – diese ödipale Phase. In dieser bestimmten Phase sind die Eltern die vollkommensten und wunderbarsten Menschen der ganzen Welt. Kinder in dieser Altersstufe können sich nicht vorstellen, ihre Eltern jemals zu verlassen oder mit anderen Menschen zusammen zu leben. Die Tatsache, dass Kinder ihre Eltern so bedingungslos lieben ist großartig! Es verfestigt die vorhandene Bindung, schweißt Eltern und Kinder sagenhaft eng zusammen und sorgt dafür, dass sich die Kinder eines Tages dann doch abkapseln können. Andererseits ist es grausam! Denn Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos, auch wenn diese eigentlich nicht viel dazu tun oder der Beziehung sogar aktiv schaden. Kinder lieben ihre Eltern! Kinder lieben schlagende Eltern, trinkende Eltern, vernachlässigende Eltern, grausame Eltern und eben alle andern Form von Eltern die man sich so vorstellen kann – oder auch nicht.

Ich für meinen Teil freue mich über jede Portion Zuneigung und Liebe die ich von meinem Hörnchen bekomme. Ich freue mich, dass sie alle für immer hierbleiben wollen und ich freue mich mindestens genauso sehr darüber, dass ich weiß dass sie eines Tages gehen werden. Sicher und gefestigt auf eigenen Wegen mit einer großen Portion Selbstvertrauen und einer noch größeren Portion Liebe im Herzen.