Chemnitz; #c0109

Auf der Route der Rechten verteilen Menschen kleine Ausgaben des Grundgesetzes. Ich bin entzückt von der Idee und den vielen kleinen Büchlein auf der Straße. Tragisch jetzt schon die Tatsache, dass der Mob das Gesetz, die Würde des Menschen, gleich mit Füßen treten wird. Symbolisch als auch menschlich eine Katastrophe. Dabei kann man diesezeit nicht oft genug an die Menschlichkeit, und diese einfachen Grundfesten des Zusammenlebens appellieren.

Sieht man sich die ersten 5 Artikel unserer Verfassung dann noch mal an, im Hinterkopf das was war, gruselt es einen gewaltig, wie weit Theorie und Praxis da auseinanderliegen.

Die Grundrechte

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Die sog. Staatliche Gewalt hält sich hässlich zurück. Allerlei menschenverachtendes, entwürdigendes und psychisch als auch physisch Verletzendes wird nicht nur toleriert sonder geradezu davon getragen, dass der Staat fein glotzt anstatt sich einzumischen. Die Absurdität des ohnehin indiskutablen Verhaltens wird hierdurch deutlich unterstrichen und gewinnt enorm an Macht.

Artikel 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 2 klingt vor dem Hintergrund der letzen Wochen wie eine Farce. Die Freiheit vieler Menschen ist durch die Bedrohung durch die Rechten massiv eingeschränkt. „Bewegt euch in Gruppen“ und „meidet bestimmte Bereiche“ sind Sätze, die sowohl als Warnung für sog. Linke als auch MigrantInnen ausgesprochen werden. Der Mob regiert. Die Meinung offen zu sagen gilt als gefährlich, die Presse wird bedroht und kann ohne Schutz kaum agieren. Die einzige Meinung, die gefahrlos verbreitet werden kann ist die braune. Denn offenbar stört es keinen Wenn Menschenverachtung und Hass regieren.

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

„Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher“. Dieser elendig dumme Spruch war in den 90ern in aller Munde und spiegelt heute gut wieder, wie der Artikel 3 des Grundgesetzes heute ausgelegt wird. Gleichheit ist etwas, von dem wir in allen Bereichen des Lebens meilenweit entfernt sind. Unsere Gesellschaft ist geprägt von Ungerechtigkeit, beginnend mit Kinderarmut, Hatz IV, Einkommensunterschieden bis hin zur alltäglichen Diskriminierung von schlicht jedem, der nicht 0815 ist. Wenn man sich auf eins verlassen kann, dann darauf, dass man in Deutschland für jede Art von Unterschied diskriminiert und ausgegrenzt wird.

Artikel 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Jeder der die richtige Religion hat und sie in der richtigen Art und Weise ausüben möchte, darf dieses in den meisten Bundesländern weitestgehend ungehindert tun. Für die meisten Arten von Glauben und Weltanschauungen gilt jedoch nach wie vor: Bitte anpassen. Jüdische oder muslimische Feiertage gelten in den meisten Schulen als „Fehltage“ und werden stumpf angemahnt. An Schulen, an denen 60% der Familien muslimischen Glaubens sind, findet das große Schulfest mitten im Ramadan statt und mit Gleichheit hat das einfach mal nix zu tun.

Artikel 5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Das Internet ist voll von Hass und Verleumdung. Niemand kann seine Meinung sagen ohne angefeindet oder beleidigt zu werden. Rechtes Gedankengut, Hass und Verachtung sind allgegenwärtig und die Plattformen kommen nicht in Schwung. Die breiten Medien bieten eine Einheitsberichteratattung, ohne Inhalt, ohne Gehalt. Sog. linke Plattformen, die kritisch und objektiv berichten, werden verboten und als gefährlich eingestuft, während die Rechten Seiten laufen wie geschnitten Brot. Nichts ist hier frei, alles wird in geordneten Bahnen gehalten.

Grundgesetz. Vielleicht ist es an der Zeit sich mal wieder drauf zu berufen, denn die Idee ist ja gut. Nur eben gescheitert. Wie so viele; die Demokratie und der Sozialismus und Mc Donalds als gesunde Marke.

Kontrollierte Zentren

Inklusion schreit die Politik seit einigen Jahren. Alle sind gleich und wir heben Unterschiede auf. So versucht man es zumindest in beruflichen und schulischen Angelegenheiten mit deutschen Personen, die ein „Handicap“ haben. Alle anderen Anderen schiebt man nun in Konzentrationsla…. Entschuldigung; Kontrollierte Zentren.

Das Konzept ist, nicht nur von der NS-Regierung der 30er und 40er Jahre, bewährt. Minderheiten oder eben andere Andere, die man als Gefahr, störend oder sonst irgendwie problematisch erachtet, sperrt man ein. In einem Lager kann man Menschen super kontrollieren. Das Individuum verliert schnell seinen Glanz, alle werden zu einer Masse. Professionen, Verwandschaften, Fähigkeiten, all das wird aufgehoben. Aus Persönlichkeiten, Namen und Geschichten werden Positionen in einer Liste. Mittels gnadenloser Hoffnungslosigkeit bricht man den letzten Willen der Menschen und macht sie gefügig. Flucht erscheint schnell ausweglos, wohin soll man noch fliehen wenn es keinen Ort mehr gibt, an dem man als Person existiert und alle anderen einen nicht mehr haben wollen. Früher oder später wird man den Menschen arbeiten anbieten. Niedere, einfache Tätigkeiten. Gut gegen Langeweile, gut für die Wirtschaft.

Schon beim Schreiben beklemmt es mich massiv. Wir hatten das alles! Menschen, Persönlichkeiten und Lebensgeschichten gehören nicht ins Lager. Menschen gehören in ihr Leben; wo auch immer sie das hinverschlägt. Wor sind alle gleich, oh bitte! Habt euch doch einfach lieb und sehr, dass ihr so unglaublich viel voneinander profitieren könnt. Menschen einzusperren, nur weil sie von allem Verlassen, auf der Flucht und entwurzelt sind; wer tut denn sowas? Sprachlos!

Zum Denken ist es nie zu spät 

Bei Facebook lese ich:“Die Wahlen in Sachsen Anhalt sind eine Warnung…, die wir ernst nehmen müssen…“  Eine Warnung? Ist das wirklich noch eine Warnung? 

Mein Eindruck ist, dass fast 25% AFD weit mehr sind als ein Warnschuss. 25% sind ein Fakt, eine Bedrohung! Und sie können unmöglich spurlos bleiben.  25% der sog. Politiker im Sachen Anhalter Parlament sind jetzt Nazis. Das bedeutet, dass an allen Entscheidungen 25% Nazis beteiligt sind. Davon abgesehen die Tatsache, dass diese vielen Nazis ja auch von jemandem gewählt wurden – von Nazis. Was passiert nun also?

Seit Tagen versucht mein Hirn das zu konstruieren:“Gut“ würde ich es heißen, wenn die demokratischen Parteien die Zusammenarbeit verweigern und das vertreten von menschenverachtendem Gedankengut hier keine Chance hätte. Aber geht das? Kann man 25% ignorieren? Wohl kaum, womöglich führt das zum Bürgerkrieg vor der eigenen Haustür. Weiter Rechenbuch damit, dass rechte Gewalt und Hetzt deutlich legitimiert werden. Wenn 25% der Bevölkerung sich gern mit den Nazis solidarisieren, dann muss davon auch auf den Straßen etwas zu merken sein. Nazi-sein ist jetzt salonfähig. 

Ich fühle mich nicht sicher, ich fühle mich bedroht. Auch wenn ich dabei bleibe, dass die wenigsten über die Konsequenzen ihres Handelns nachgedacht haben, jetzt ändert es nichts mehr. Viel zu spät es zu ändern. Aber doch nicht zu spät zum Denken. Also los! Hirn an, Nazis raus!!

Was die AFD wirklich will

Heute teile ich einen Link mit euch, der mich entsetzt hat. 

In 10 Punkten ist HIER aufgeführt, was die AFD, außer der Erschießung der Flüchtlinge, noch so fordert. Es ist schlimm, wirklich schlimm. Fast alle Punkte erinnern Stark an die 40er Jahre und das Programm der NSDAP. Es wird gehetzt, verharmlost und auch in den Schulen soll ordentlich Gehirnwäsche betrieben werden. 

Leute! Schützt eure Kinder vor dem was da auf uns zu kommt. Wehrt euch, geht wählen, denn sonst wird’s braun. Das Spektakel, dass sich in Hessen oder in Sachsen abspielt ist nicht lustig, harmlos oder egal. Es bedroht unsere Freiheit und die Werte für die vor wenigen Jahren gekämpft wurde. Diese Partei gehört verboten und dieses Land endlich ‚entnazifiziert‘. 

Was also tun?

In der politischen Debatte stellt sich für mich immer wieder die Frage: Was tun? Früher bin ich auf jeder AntiFa Demo mitgelaufen, habe schwarz-vermummt wichtige Transparente geschwungen und laute Parolen gegen Nazis gerufen. Ich hatte keine Angst. Nicht vor den Nazis (na ja, manchmal schon), nicht vor der Polizei (na ja, manchmal auch) und nicht vor mir selbst. Und ich war sicher, dass wir nur hart genug gegen den Rechtsstaat kämpfen müssen um die Freiheit der Unterdrückten Menschen zu erreichen. Mein Herz war voller Gedanken der Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität.

Heute sieht es anders aus. Um meine Familie und meine Mutterrolle zu schützen kommt es nicht in Frage mich an Aktionen zu beteiligen.  Wann denn auch.. Ich fühle mich hilflos ausgeliefert, im Gegensatz zu früher habe ich Angst. Angst vor dem braunen Mob, Angst vor der Polizei, vor dem was passiert. Ich bin realistisch geworden. Bei aller Liebe für `Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit´, ich habe keine Idee was ich tun soll. Ich bin wie ein Beisitzer, wie ein Schauspieler ohne Rolle. Ich rede so vor mich hin. Ich bin allein.

Was also tun? Reden. Sprechen. Worte sind das was ich habe, ich kann reden.  Vielleicht ist das dann alles was zunächst geblieben ist. Ich werde in Zukunft wieder versuchen dieses Instrument `Stimme´mehr und sinnvoller einzusetzen. Diskutieren, mitteilen, aufklären. Denn wenn ich nur einen Dummen rette, halte ich ihn gleichzeitig davon ab andere zu verdummen.

Todesfuge 

  Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts 

wir trinken und trinken 

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng 

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt 

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete 

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei 

er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde 

er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends 

wir trinken und trinken 

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt 

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete 

Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt 
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau 

stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends 

wir trinken und trinken 

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete 

dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen 

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland 

er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft 

dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland 

wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken 

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau 

er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau 

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete 

er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft 

er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete 

dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan
Ich gedenke den Opfern des Nationalsozialismus. Heute und an jedem Tag