Primäre Bezugsperson ersten Grades

Man sagt, Entenküken folgen in ihrer Kindheit der Person, die sie nach dem Schlüpfen zuerst gesehen haben – in den meisten fällen ihrer Mutter. Bei Menschenküken ist das ähnlich, sie binden sich an eine Primäre Bezugsperson, bauen Urvertrauen auf und legen, besonders in den ersten 24 Monaten, ihr Leben in die Hände dieser. Bei den meisten Kindern wird diese Rolle durch die Eltern erfüllt; logisch. Heute geht man vollkommen logisch und emanzipiert davon aus, dass Väter und Mütter diese Rolle gleichermaßen erfüllen und die Kinder, ohne jeden Zweifel, an beide Eltern gleichermaßen gebunden sind. Ausgenommen sind hier die Kinder, die nach ihrer Geburt zunächst in Pflegestellen o.ä.Verharren müssen, auch sie binden sich auf die eine oder andere Weise an Bezugspersonen, durch die fehlende Konstante neigen sie jedoch zu Bindungsstörungen – das ist ein wichtiges aber anderes Thema.

Heute möchte ich über die herausragende Bindung meiner vier Hörnchen an mich – ihre primäre Bezugsperson – schreiben. Und ich möchte die Frage diskutieren, ob der Vater tatsächlich genauso unabdingbar ist wie die Mutter – und vor allem: ist er genauso gut sichtbar! Ihr seht, es wird hoch wissenschaftlich und bietet Konfliktpotenzial.

Ich habe meine Kinder ausgetragen, sie gestillt und monatelang auf mir schlafen lassen. Tagsüber trug ich sie und als sie krabbeln lernten, bot ich ihnen Raum für Autonomie. Ich stand immer, zu jeder Zeit, als Bezugsperson und Basis zur Verfügung, habe über Jahre hinweg jede Träne getrocknet und jedes Lachen geteilt. Ich war da. Inzwischen sind die Hörnchen groß. Mit 13 und 11 sind A- und B-Hörnchen unabhängig. Sie können sich nach der Schule etwas zu essen machen, sie gehen allein shoppen und verabreden sich ohne meine Hilfe. Wenn was ist, kommen sie zu mir. C- und D-Hörnchen nutzen meinen Support noch viele Male am Tag. Sie suchen wesentlich aktiver meine Nähe und zeihen ihre Kreise zwischen Autonomie („Ich gehe noch raus!“) und Nestschutz („Kann ich kuscheln?). Sie machen das gut und ich begleite alle vier gern auf ihrem Weg. Dennoch stehe ich immer wieder vor einem großen Rätsel: Warum immer ich?

Emanzipatorisch betrachtet ist mein lieber Mann ebenso bindungsrelevante, wie ich es bin. Zugegeben, in den ersten neun Monaten beschränkte sich der Kontakt auf Handauflegen und „Hallo“ rufen. Ja, und in der Zeit danach waren es die Zeitfenster zwischen den Stillphasen, die ihm zur Verfügung standen – zumindest dann, wenn er nicht arbeitete. Wir verbrachten die Wochenenden zusammen, die Urlaube. Und als C-Hörnchen neun Monate alt war, nahm er drei Monate Elternzeit. Selbstverständlich brachte er alle Kinder ins Bett, nachdem sie soweit abgestillt waren, wechselte Windeln und betreute die Kleinen, wenn ich Termine hatte. Er war immer das, was man einen modernen Vater nannte; jeden Tag zwischen 17 und 19.00.

Ins echte Leben übertragen heißt das, dass der Mann ohne Probleme mit den Kindern alles kann. Bedingungslos alles. Dies Regel setzt in dem Moment aus, in dem ich das Haus (oder den Garten oder was auch immer) betrete. Denn sobald das so ist, bin ich die bedingungslose Person of Interest. Allein bei einer einzigen Mahlzeit bringe ich es auf 20-30 Ansprachen. „Guck mal, mein Käse!“, „Mama, ich schmiere Brot. Guck mal wie mein Brot ist..“, „Mama kann ich dies, Mama kann ich das..“. Der Mann sitz dann natürlich bei uns, Bilderbuchfamilie und so, aber selbst wenn ich mich an einem Brotkrumen so verschlucken würde, dass nichts mehr gut, würden sie zunächst mich ansprechen.

Duschen zu gehen heißt in der Welt einer primären Bezugsperson offenbar, beim rasieren der primären Beine ungefähr sieben Rücksprachen mit dem Volk darüber treffen zu müssen, ob es wirklich nötig ist, dass ich allein im Bad bin. Ebenso verhält es sich beim Toilettengang oder wenn man einen Magen- Darm Infekt hat. „Was machst du daaaa?“ ist ein geflügelter Begriff und jeder der schon mal auf dem Scheißhaus saß sollte annehmen, dass diese komplexe Tätigkeit für Außenstehende durchaus zu erkennen ist. Nun ja.

Eben mähte ich den Rasen. D-Hörnchen saß ununterbrochen im Kletterbaum und laberte auf mich ein, C-Hörnchen kam in den 15 Minuten 3x weinend mit Pipapo und B-Hörchne stand vielfach neben mir und fragte… was ich da mache. Der Mann, der Vater der Kinder, stand währen der ganzen Zeit im garten, frei. Und so ist es eben.

Mama, kann ich was Süßes?

Mama, wollen wir was spielen?

Mama, guckst du dir meine Höhle an?

Mama, guck mal den schönen Kackhaufen?

Mama mein Computer ist komisch (haha, und da fragst du mich???)

Mama, wann ist Abendbrot?

Mama, wie viele Tage noch bis Weihnachten?

Mama, Mama, Mama, Mama,…

Papa, wo ist Mama?

Ganz bestimmt kann ein Kind mehrer primäre Bezugspersonen haben. Primäre Bezugsperson ersten Grades und eben die anderen.

Die im Text als „Mama“ bezeichnete Person kann selbstverständlich auch jede andere Person im Leben eines Menschen sein. Ihre Rolle wird nicht durch die biologische Verwandschaft oder das Geschlecht bestimmt. Außerdem bitte ich darum, meine Worte mit Humor zu lesen und sich nicht auf den Schlips getreten zu fühlen (oder den BH). Ich schätze und würdige meinen Mann, das was er tut und tat und weiß, dass er für die Kinder bedingungslos wichtig ist. Dennoch mag ich zB allein auf Klo gehen total. Echt, TOTAL!!

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FAS, Ausgrenzung und Integration – ein Drahtseilakt

Seit einigen Monaten ist Janine in der Schulklasse meines C-Hörnchens. In den ersten Wochen war sie Thema Nummer eins unter den Drittklässler. Janine kann alles, die traut sich alles! Janine traut sich sogar gegen die Jungs und Janine macht richtig viel Quatsch. Nach einigen Wochen ebbte die Schwärmerei ab. Janine war nach wie vor allgegenwärtig, forderte viel Aufmerksamkeit. Janine verlangte von Pausenbrot, Janine haut wenn sie nicht mitspielen darf, Janine stinkt. C-Hörnchen war zunehmend überfordert und ich beriet sie in Sachen Abgrenzung. Vor wenigen Tagen ging ich zu einer Schulveranstaltung in die Klasse meines Hörnchens.

Als ich die Klasse betrat herrschte regen treiben. Mein Kind war zurückhaltend und führte mich zaghaft an den für mich vorgesehenen Platz. Nach gut drei Schritten umfasste mich ein mir fremdes Mädchen. Das auffällig zarte und kleine Kind hatte keine Zähne im Oberkiefer. Ihr Kopf erschien mir als sehr klein und schnell ploppte in meinem Kopf der Begriff FAS auf; Fetales Alkoholsyndrom.

Ich setzte mich um mir vom C-Hörnchen verschiedene Dinge zeigen zu lassen. Noch bevor mein Kind mir etwas zeigen konnte hatte ich das fremde Kind auf dem Schoß. Sie roch erbärmlich nach kaltem Zigarettenqualm und ich musste mich bemühen nicht abweisend zu reagieren. Ich schob sie vorsichtig aber bestimmt von meinem Bein und fragte nun mal, wer sie denn sei. „Janine“, lautete die Antwort. „Meine Mama macht sowas hier nicht, das ist albern!“ erklärte sie noch und machte sich daran, zurück auf meinem Schoß zu klettern. Ich lehnte dies ab und zeitgleich kam mein C-Hörnchen um mir nun endlich Dinge zu zeigen. Auf jedes Wort vom Hörnchen folgten drei von Janine. Sie dominierte die Situation, zog alle Aufmerksamkeit und schaffte es mich fortwährend zu überfordern. Ich wollte nicht abweisend sein aber mein Hörnchen litt unter der Übergriffigkeit und zog sich immer mehr zurück.

Ich verließ die Schule an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Janines Lebenssituation erschloss sich mir schnell. Ihr Verhalten als auch ihre körperliche Erscheinung lassen vermuten, dass ihre Mama während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Die Folge ist das genannte FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Neben den körperlichen Symptomen wie zarter Statur, einem kleinen Kopf, geringer Körpergröße und verschiedenen Veränderungen im Gesicht, haben die Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, teilweise Intelligenzminderungen und Lernbehinderungen zu kämpfen. Die Kinder ecken an. Soziale Regeln und Absprachen erschließen sich oftmals nicht, hinzu kommt die Frustration. Schulische Leistungen sind ehr schlecht, mit den anderen Kindern läuft es nicht und in der Klasse klappt auch nie was. Es ist zum verzweifeln.

Was den Kindern in dieser Situation hilft ist ein warmes, liebevolles Elternhaus und eine optimale Kooperation zwischen Schule und Familie. Klare Regeln, feste Struktur und liebevolle Arme, die einen halten, wenn es doch wieder nicht geklappt hat. Die Kinder benötigen Unterstützung auf allen Ebenen. Der Schulstoff muss verfestigt werden, sie müssen mehr üben. Soziale Interaktion braucht oftmals Anleitung und Begleitung und gleichzeitig muss in allen Lebensbereichen konsequent und nachvollziehbar erzogen werden. Weiter profitieren die Kinder, wie alle andern Menschen auch, enorm von einer sicheren Bindung an ihre primären Bezugspersonen. Mama und Papa (oder wer auch immer die Rolle der Bindungsperson übernommen hat) müssen als sicherer Hafen zur Verfügung stehen. Verlässlichkeit, Sicherheit und absolute Liebe sind die Faktoren, die der geschundenen Seele immer wieder versichern: „Du bist gut. Ich bin da!“.

Und genau an dieser Stelle hinkt das System erneut. Denn leider sind es ja insbesondere die Kinder, die von FAS betroffen sind, die all das eher nicht erhalten. Zu Hause ist keiner der Sicherheit vermittelt, keiner der tröstet, wenn wieder keiner mit einem spielen will. Zu Hause ist niemand, der ein geplatztes Spiel-Date beweint und ebenso niemand, der die blöden 1×1 Zahlen zum 100. Mal übt. Kontakte und die Schule laufen eher schleppend, die Dringlichkeit kommt hier nicht an. Um das Kind in die Klasse zu integrieren werden Sozialpädagogen hinzugezogen. Das Pädagogen-Team ist am Limit, somal oftmals nicht nur ein Kind mit besonderem Bedarf in der Klasse ist.

Um es ganz deutlich zu sagen, ich mahne nicht die betroffenen Kinder, Eltern oder Pädagogen an. Jeder im System tut was er kann. Die Eltern sind so groß geworden, wie sie es eben sind. Sie geben weiter was sie können, agieren mit dem, was sie selber zur Verfügung haben. Auch die Pädagogen versuchen lediglich irgendwie der Situation Herr zu werden; zu wenig Menschen, die den Auftrag haben zu viele Probleme zu sortieren und zu lösen.

Um Familien zu erreichen braucht es aber Personal. Gutes, geschultes Personal. Prävention beginnt nicht nach der Geburt oder während der Schwangerschaft; viel früher und mit viel Power muss man da ran. Fingerspitzengefühl braucht es und Zeit um Vertrauen aufzubauen. Und vor allem braucht es eine Veränderung in der Sicht, die man auf diese besonderen Familien hat. So lange man von „den Assis“ spricht und versucht die „Schuldfrage“ zu klären, kann man nicht gut und empathisch miteinander umgehen. Die Grundannahme sollte sein, dass jeder es versucht so gut zu machen, wie er es eben kann.

Was bleibt, ist die Schwierigkeit sich selbst abzugrenzen und seie eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Für Janine, C-Hörnchen und mich bedeutet das, dass ich in aller erster Linie mein C-Hörnchen darin stärke sich gegen Janine abzugrenzen wenn notwendig und sie dennoch nicht unnötig wegzustoßen. Janine kann, sofern C-Hörnchen das möchte, Zeit hier verbringen. Da ich die Mama noch nie gesehen habe, fehlt mir jede Idee davon, wie es mit weitern Kontakten zwischen den Welten aussehen kann. An dieser Stelle muss möglicherweise ein professionelles System greifen – und das bin ich in diesem Fall nicht!!

Jeder vor seiner Haustür

Das A-Hörnchen hat Unfug getrieben. In der Schule hat er das Buch eines Mitschülers versteckt, leider kam es dabei zu Schaden. Als er zu der Sache befragt wurde, verleugnete er. Hässlich, zugegeben; aber kein Drama. Am Geschehen beteiligt war ein anders Kind, seine Rolle unklar. Gestern Abend rief mich dann die Mutter an.

Es gäbe Probleme, A-Hörnchen hat… Schlagartig hatte ich das Gefühl mit D-Hörnchen zu diskutieren, hörte aber dennoch weiter zu. Meiner hat, aber deiner auch, und deiner mehr und meiner eigentlich unfreiwillig; soweit so gut. Dann holte sie aus. Meiner sei recht gestört, das sagen auch andere. Meiner sei nicht normal, auch das wissen andere. Meiner sei ein Problem, das der anderen und ihrs und sein eigenes. Meiner ist falsch und isoliert und überhaupt müsse ich dringend handeln. Und sie müsse das auch, denn Ihrer würde durch meinen schon schaden nehmen. Das müsse ich auch mal sehen.

Es kostete mich alle Nerven, warscheinlich drei Lebensjahren und einige Telefonate um klarzustellen, dass ich das Handeln meines Sohnes deutlich nicht befürworten. Viel weniger aber kann ich die massive Grenzüberschreitung der anderen Mutter akzeptieren. Wir alle sehen unsere Kinder und die der anderen. Wir alle erziehen, mehr oder weniger bewusst, nach bestimmten Parametern, Werten und Prioritäten. Meine Aufgabe als Mutte ist es nicht, die Parameter, Werte und Prioritäten der anderen zu bewerten und zu überprüfen. Die Aufgabe jedes Elternteils ist es schlicht, das eigene Kind so zu erziehen, dass es zu den eigenen Wünschen und Werten und all dem und am Ende auch in diese Welt passt, also in der Lage ist, irgendwann ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen.

Unfug gehört dazu. Jetzt, mit 11 ist es ein. Verstecktes Buch oder eine geklaute Mütze, später werden es heimliche Zigaretten, Zündeleien oder andere Missetaten sein, die uns stets daran erinnern, unsere Wertesysteme zu überprüfen. Niemals aber sollte man beginnen die Systeme anderer zu überprüfen oder gar schlecht zu reden. Jeder in seinem Ramen, jeder vor seiner Haustür. Ernsthaft Kritik zu äußern ist mit Sicherheit den Pädagogen in Kita und Schule gestattet, ebenso sicher einigen engen Freunden. Nicht jedoch denen, die im Vorbeigehen meinen mein Kind oder unsere Erziehung beurteilen zu können. Fegt gern euer eigenes Laub. Meins gefällt mir gut.

Regeln und Raufen

Ich finde schon, dass ein paar Regeln sein müssen. In einem gemeinsamen Haushalt finde ich es wichtig, dass alle sich wohl fühlen. Hierdurch kommen gewisse Absprachen zustande, die zB. Lautstärke oder Ordnung betreffen. Ich möchte nachts schlafen, zumindest fast immer, deshalb sind wir nachts leise. Damit nicht einer alles aufräumen muss, räumt jeder seins und da keiner geschlagen werden möchte, schlägt keiner – so einfach kann es sein. Ich bezeichne diese Gattung von Regeln als „Regeln des Zusammenlebens“, sie sind eine Art Grundfeste, haben viel mit Respekt und Wertschätzung zu tun und sind elementar für’s Zusammensein.

Eine weitere Gattung von Regeln sind die „Autoritären Regeln“. Diese stülpe ich meinen Kindern über, weil ich meine sie schützen zu müssen und davon ausgehe, dass der Horizont der Hörnchen nicht ausreicht um das Corpus Delikti richtig einzuschätzen. Ein Beispiel hierfür wäre das C-Hörnchen, das mit sechs Jahren gern wahnsinnig knappe Kleider getragen hätte, die ihren Popo rausgucken lassen; ohne Hose. Sie fand das schick, ich unverantwortlich. Zwar versuchte ich dem Hörnchen klar zu machen, was meine Beweggründe sind, wollte, dass sie meine Entscheidung versteht, war aber in keiner Minute bereit von meinem Standpunkt abzuweichen.

Die dritte Gattung an Regeln sind die, die ich als Verhandlungsmasse bezeichnen würde. Die Uhrzeit, zu der man zu Hause sein soll, ob man noch Fernsehen darf oder ob es eine Scheibe Käse auf die Hand gibt. Jeden Tag gibt es hunderte dieser kleinen Situationen, in denen ich eine Meinung habe und das Hörnchen eine andere. An diesem Punkt sehe ich es als meine Aufgabe das Anliegen auf die genannten autoritären Regeln sowie die Regeln des Zusammenlebens zu überprüfen. Fällt es nicht in eine dieser Kategorien, ist es wert darüber nachzudenken. Das Hörnchen lernt zu argumentieren, sich für seine Sache stark zu machen. Ich lerne meinen Standpunkt zu überprüfen und ihn gegebenenfalls zu korrigieren. Denn in 90% der Anliegen gibt es keinen guten Grund meine Meinung als Manifest zu sehen; im Gegenteil. Fast alles kann man von verschiedensten Seiten betrachten und wieso sollte die eigene immer die beste sein? Im Zweifel für den Zweifel – denn vom Ja-sagen ist noch keiner ein großer Denker geworden.

Unerzogene Tyrannen

Es gibt einen Erziehungsstil, der nennt sich „unerzogen“. Unerzogen sieht das Kind als Individuum, respektiert seinen freien Willen und möchte diesen herausbilden. Unerzogen ist davon überzeugt, dass Kinder ihre natürlichen Grenzen von selbst finden und lässt den Kindern allen Freiraum. Unerzogen widerspricht damit allen Regeln der modernen Pädagogik und auch denen der alten Pädagogik. Und denen der sehr alten Pädagogik. Die Kinder dieser Bewegung haben oft etwas von kleinen Tyrannen. Die Eltern gleichen nicht selten großen Waldbrandaustretern. Es wirkt als seinen sie konstant bemüht, keinen Konflikt entstehen zu lassen und dem Tyrannen keinen Grund zu geben Sie bloß zu stellen.  

Neulich beim einkaufen im. Bio-Laden:

Mutter mit Baby im Tuch und Tyrannin, etwa drei Jahre alt, betreten das Geschäft. Mutter nimmt Joghurt und stellt ihn ihren Wagen. Tyrannin, ihrerseits mit einem kleinen Einkaufswagen ausgestattet, startet großen Protest. Mutter reagiert schnell auf die ohrenbetäubende Drohung, den Weihnachtsaufsteller umzufahren, kehrt zum Joghurtregal zurück und tut so, als nehme sie einen neunen Joghurt. Diesen stellt sie in den kleinen Wagen. Die Szene trägt die Unterschrift: Und nun sei still! 

Nächster Stopp beim Kaffee. Die Tyrannin bestimmt: Es gibt keinen Kaffee. Weil nämlich die Tyrannin auch keinen Kaffee trinken darf. Logisch. Mutter stimmt zu. 

Zuletzt treffe ich das elüstre Trio in der Gemüseabteilung. Mutter greift Brokkoli. Die Tyrannin ist außer sich. Sie bricht in gällendes Geschrei aus, schreit und brüllt von feinsten und teilt mit, dass sie keinen Brokkoli mag. Mutter fügt bei, dass sie aber welchen mögen würde; hierauf wird die Tyrannin noch lauter. Sekunden später entscheidet sich die Mutter gegen Brokkoli. Logisch, ist auch viel einfacher. 

Kinder brauchen Grenzen. Liebevolle, gern auch großzügige Grenzen. Grenzen, in denen man sich ausprobieren kann, Grenzen, die Dummheiten zulassen und Grenzen die Selbstständigkeit erlauben. Aber eben auch Grenzen, die Sicherheit geben, Orientierung bieten und gewissen Dinge einfach regeln. Ungeputzte Zähne faulen, Eltern gehen arbeiten wann SIE es wollen und auf halbgefrorene Seen kann man nicht gehen. Kinder müsse selbstständig werden und eigene Erfahrungen machen. Aber manchmal sind es die Eltern die bestimmen müssen. Und auch das müssen Kinder wissen. Rote Ampeln oder vielbefahrene Straßen sind keine Diskussionsflächen. Punkt. Manchmal ist das so. 

Praktische Partizipation

Im Kindergarten meiner Hörnchen hat sich eine neue Erzieherin vorgestellt. Die Leitung der Kita hat zur Entscheidungshilfe drei Kinder aus der betreffenden Gruppe mit ins Gespräch genommen. Gut vorbereitet und mit 14 wichtigen Fragen im Gepäck stapften die drei Zwerge, bewaffnet mit einem Klemmbrett, ins Büro und legten los. 

Kinder, die ein Vorstellungsgespräch führen, nehmen es sehr genau. Sie fragten nach, ob die Dame Radschlag oder Handstand könne und wie schnell sie in Rennen sei. Als die Befragte ihre wiederkehrenden Rückenschmerzen erwähnte, konterten die Kinder direkt:“Wir wollen keine Erzieher die immer krank sind!“ und auch sonst nahmen sie kein Blatt vor den Mund. Zum Schluss bestellten die Kurzen die Dame zum „Ausprobieren“. Sie soll zeigen, ob sie auch wirklich einen Morgenkreis machen kann. 

Ich finde das großartig! Die ganze pädagogische Welt spricht von Partizipation und ganz genau genommen  ist das der erste Akt der Mitbestimmung den ich in 6 Jahren als Kita-Mama erlebt habe. Wunsch-Essen, ein selbst geplanter Ausflug, der Inhalt der Adventstüten; das ist alles schön und gut. Jedoch sollte jedem klar sein, die Kinder können viel mehr. Und am aller meinten können sie ernstgenommen werden, ja sie müssen es! Das ist Werschätzung und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. 

Ganz wichtig aber ist es mir außerdem, die Kinder mit der ganzen Partizipation nicht zu überfordern. Entscheidungen treffen, Großes bewegen und Teilhaben sind super, jedoch nur genau so lange bis es zu viel wird. Denn der große, gemeine Bruder der Verantwortung ist die Angst. Und vor der müssen wir Großen unsere Kleinen bewahren. Das ist unsere Verantwortung!

Prioritäten

Ein kluger Mensch hat mal zu mir gesagt:“In deiner Familie sollte es wie folgt aufgestellt sein: An erster Stelle kommst du selbst, an zweiter dein Partner (falls vorhanden) und erst dann die Kinder.“ Und je mehr ich darüber nachdenke, desto sinniger finde ich es. Immer mehr Eltern, mit denen ich zu tun habe, vergessen sich, ihre Bedürfnisse und ihre Partnerschaft. Das immer gleiche Resultat sind gestresste, unglückliche Eltern, die ihren Kindern alles geben, kaufen und erfüllen und dabei alles vermitteln außer dem Zustand <Glücklich mit Familie>

Dabei ist es eigentlich so einfach! Um Kinder halbwegs stressfrei und ausgeglichen zu erziehen muss man halbwegs stressfrei und ausgeglichen sein. Um zu vermitteln, dass es sich lohnt in eine zwischenmenschliche Beziehung zu investieren (egal ob Freundschaft, Ehe oder sonstige) sollte man in der Lage sein eine zu führen. Und um Glück zu leben, hilft es enorm glücklich zu sein. 

Natürlich gibt es hierfür kein Patentrezept. Natürlich ist das auch alles nicht so einfach in einer Welt aus Job, Geld, Kommerz und Konsum, jedoch täten viele in meinen Auen gut daran den Fokus ein wenig von ihrer Brut zu nehmen und auf sich selbst zu lenken. Die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken ist enorm stressig, macht traurig und unzufrieden. Das eigene ‚früher‘ im eigenen ‚Eltern‘ wiederzufinden ist eine riesen Quelle der Zufriedenheit. Und wenn man selbst zufrieden ist, dann ist es am Ende auch für die Kids ein echter Gewinn. Kinder brauchen zufriedene Eltern, Liebe und Grundversorgung. Alles weitere ist Luxus; und zu viel davon ist sogar eher hemmend als fördern. 

Ich möchte nicht dazu aufrufen, Kinder zu vernachlässigen oder zu missachten. Ich denke aber schon, dass wenn es hakt und klemmt, es manchmal klug ist, das System einfach mal zu überdenken anstatt es immer weiter aufzublasen. 

Hausarrest 

Heute habe ich es zum ersten Mal ausgesprochen. Das Wort Hausarrest. 

Ich hatte in meiner Jugend regelmäßig wegen verschiedenster Vergehen Hausarrest. Wahrscheinlich hatten meine Eltern in sofern recht, als das ich irgendwie Mist gemacht habe. Das Mittel ‚Hausarrest‘ fand und finde ich jedoch total doof, hat es doch in aller Regel nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun. 

Heut morgen sollten A- und B-Hörnchen zur Schule. B-Hörnchen war zügig angezogen und ging vor die Tür, von wo sie morgens mit zwei Nachbarkindern zusammen fahren. A-Hörnchen meckerte sich von Pontius zu Pilatus, nörgelte an allem rum und wurde nicht fertig. 

Als ich die drei fertigen Kinder  schon einmal los schickte, damit sie nicht zu spät kommen, schlug A-Hörnchen mit seiner Jacke nach mir. Auf den immer noch ruhig und freundlich formulierten Hinweis, dass er keine Zeit für solch ein Theater hätte, begann er mich zu beschimpfen. 

Tja. Eigentlich ist er nachher verabredet. Und da am Morgen keine Zeit war, das Thema sinnvoll zu beenden, habe ich es dann gesagt: „Hausarrest!“. Nach der Schule nach Hause, dann sehen wir weiter. Und dabei wollte ich sowas nie sagen.

Selbst ins Knie geschossen

Meine Töchter waren in den vergangenen Tagen nicht gerade reinlich im Umgang mit unserem Badezimmer. Seifen-Dreck-Gemisch auf dem Boden, Bremsspuren im Klo, Zahnpasta überall. Es war wirklich nicht mehr schön. Um ihnen deutlich zu machen, wie dämlich das ist, habe ich sie zum Putzdienst verdonnert. 

Tolle Idee. Vorweg: Sie haben gut mitgemacht. Genau genommen hat es Ihnen großen Spaß gemacht. Sie haben definitiv kein Problem erkannt. Definitiv auch nicht im eigentlichen Sinne sauber gemacht und unter Umständen hatte ich ins Besondere durch das Zutun von C-Hörnchen mehr Arbeit, als wenn ich einfach eben alles selber gemacht hätte. 

Hab ich aber nunmal nicht. Im Gegenteil. Am Ende war alles irgendwie zwar mit Wasser und Putzmittel in Verbindung gekommen, aber spätestens als das D-Hörnchen glücklich mit seinen nackten Spielplatz-Füßchen über die frisch gewischten Fliesen stiefelte wusste ich: Der Kampf ist verloren.