Von der braunen Kacke

Unterwegs mit dem A-Hörnchen; Fragestunde ohne Grenzen könnte man es auch nennen. „Was will eigentlich diese AFD so schlimmes?“, begann er dieses Mal und so klärte ich auf. Von Reichen die reicher werden, von Armen, die ärmer werden; von Menschen auf der Flucht und deren Tod, der billigend in Kauf genommen wird. Ich sprach vom klassischen Familienbild, von Frauen am Herd und von der Benachteiligung von Alleinerziehenden. Ich sprach und sprach, auch über die Umwelt und Ignoranz die Missachtung und den fehlenden Respekt dem Leben gegenüber.

„Aber warum wollen die das?“, fragte er weiter. Ich sprach über die Angst zu wenig zu bekommen, über Bedenken und Neid. Ich versuche darzustellen, wir Unsicherheit und Panik dazu führen, dass Menschen aufhören logisch zu denken, aufhören fair zu sein. Es ginge um Arbeitsplätze und teure Autos, um Wohnungen und all das. Ich erklärte die Zusammenhänge zwischen Staatseinnahmen und Ausgaben, die Von Steuer und Haushalt und irgehdwann waren wir bei den Goldreserven und Staatsverschuldung. Er hörte aufmerksam zu, nickte und schwieg.

„Und wenn es weniger gibt, die hier sind soll es für die wenigen leichter sein reich zu werden?“, fragte er nach einem langen Vortrag meinerseits und ich bestätigte ihm, dass dies die Ansichg der AFD sei. Er schlug sich an den Kopf: „Das ist so dumm! Viel besser wäre es das Geld von der Bundeswehr in Schule und sowas zu schieben. Dann werden alle schlauer und wer schlau ist, der kann wieder besser helfen, dass es allen gut geht.“

45 Minuten später kamen wir an. Mein Sohn ein bisschen schlauer und ich stolz und schwer verknallt. Und mal im Ernst, wenn ein elfjähriger das so einfach mal eben checkt… Man man man!

Nazis sind scheiße!

An der Straße stand eben ein Auto. Grau mattiert. Unter den schmalen Scheinwerfern waren Aufkleber angebracht, die fließendes Blut zeigten. Links und rechts vom Kennzeichen klebten Eiserne Kreuze, auf der Motorhaube war ebenfalls ein nobles, als Edelstahl gefertigtes Exemplar. Am Rückspiegel hing der Wimpel irgendeiner Vereinigung, Runen zieren das Konterfei. Das Kennzeichen enthielt viele Hs udn achten; wohl das Maximum, das seit dem Verbot bestimmter Kombinationen, zu bekommen ist. Das Auto wirkte ganz ohne Halter schwer bedrohlich.

Das A-Hörnchen sah es genau an, fragte dann, ob das nicht verboten sei. Ich verneinte und erklärte, dass ich es jedoch entsetzlich fände und am liebsten drauf pinkeln würde. A-Hörnchen nickte verständig und sah sich um. „Zu viele Leute! Autos anzupinkeln ist ja leider verboten.“ Hilflos starrten wir den Blech-gewordenen Ausdruck von Hass und Menschenverachtung an, sinnierten darüber, dass ja auch keiner was tut. Nach ein paar Minuten schloss das A-Hörnchen den Moment mit der Feststellung, dass er in Zukunft IMMER „Scheißverein“-Aufkleber mitnehmen werde. Man weiß ja nie.

Früher, in meiner frühen Sturm- und Drangphase, fanden wir es hoch revolutionär und sinnig den Mercedessen die Sterne abzubrechen. Mercedes fahren Bonzen, Bonzen sind Kapitalisten und Kapitalisten sind scheisse. Es war so einfach… Heute fahre ich selber Benz, bin kein Kapitalist und so sicher wie eh und jeh, dass ich Nazis auch in 20, 25, 50 und 100 Jahren noch scheiße finden werde.

Der Chemnitz-Effekt

Die taz stellt heute die Frage, ob es durch die Ereignisse in Chemnitz vor einem Monat einen Anstieg rechtsradikaler Gewald gibt. Die Zahlen sprechen dafür, aber kann das sein? Aus psychologischer Sicht gibt es zwei Phänomene, die die These deutlich untermauern.

Zunächst muss die Gewöhnung angesprochen werden. Der Mensch gewöhnt sich recht schnell an alles und ist in der Lage blitzschnell Toleranzen aufzubauen – nicht gegenüber fremden Menschen, das ist wahr. Aber, gegenüber Verhalensweisen und Gegebenheiten, die er zwar nicht ganz überblickt aber dennoch ganz ok findet. Rechte Gewalt fällt klar in diesem Themenkomplex. Sie hat stattgefunden, es ist nichts schlimmes passiert, also war es ok. So simpel arbeitet das Gehirn, so simpel ist die Gesellschaft aufgebaut. Dieser einfache Mechanismus der Abstumpfung funktioniert tadellos, zum Beispiel auch im Falle häuslicher Gewalt, bei Seitensprüngen oder dem „blau machen“ im Job. Jede geglückte Aktion legitimiert die darauf folgende und damit das Gesamtkonzept. Die enorme Medienwirksamkeit der Rechten Gewalt in Chemnitz hat zwar auch zu einer beachtlichen Welle von links Geführt, warscheinlich aber hat sie auch mächtig abgestumpft.

An zweiter Stelle möchte ich den „Werther Effekt“ nennen. Der Werther Effekt ist ein Phänomen, dass seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat. 1774 veröffentlicht Goethe die „Leiden des jungen Werthers“, ein Drama, in dem sich ein junger Mann aus Liebeskummer das Leben nimmt. Das Buch wurde ein großer Erfolg, leider wurde bald deutlich, dass auch die Anzahl der Suizide junger Männer rapide zunahm. Viele der Suizidalen kopierten sogar den im Buch beschriebenen Suizid, so dass der Verdacht aufkam, dass die Suizide in direkter Verbindung zum Bich stehen. Mit der Zeit sich etablierte sich der Begriff des Werther-Effektes. Heute gilt es, von Suiziden in den Medien so wenig wie möglich kund zu tun, um mögliche Nachahmer zu vermeiden. Die Methode gilt als bewährt. Tatsächlich aber sind es nicht nur Suizide, die Menschen dazu animieren etwas nachzumachen, es sind auch zahllose andere Ereignisse, auf die dies zutrifft. Wichtig ist auch hier der große Erfolg einer Sache – so wie in Chemnitz! Die Gewalt, das Entsetzten, die große mediale Aufmerksamkeit; all das ist ein großer Anreiz für die, die zwar an sich nicht radikal sind aber sich die Aufmerksamkeit wünschen. Denn die Nachahmer vereint in der Regel weniger die Überzeugung an der Sache als die Gier nach Aufmerksamkeit.

Was also tun? Möglich wäre es, die mediale Ausschlachtung einzudämmen und die Motivation derer, die genau das suchen zu minimieren. Außerdem würde eine geringere Präsenz in den Medien auch die Abstumpfung geringer halten. Wichtig ist, dass ich nicht davon spreche die Dinge totzuschweigen oder zu ignorieren. Nur darf die Berichterstattung nicht aufgeblasen, blutrünstig und allzu theatralisch sein. Nüchterne Fakten, bewertet und gemessen am gesunden Menschenverstand und den Werten des Zusammenlebens, reichen aus um zu informieren und ein Bild zu verschaffen. Ein Mord wird nicht grausamer dadurch, dass beschrieben wird, wieviele Liter Blut in welchem Radius verteilt waren. Auch der genaue Tathergang, minuziöse Aufstellungen und Fotos dienen nicht der Aufklärung der Masse sondern sind klar reißerisch angelegt und dienen einem ganz anderen Herren. Wie so oft gilt ganz klar: Weniger ist mehr!

Nazi-Karussell

Ein Mann stirbt auf einem Spielplatz an einem Herzinfarkt, es gab Streit, andere Männer und eine Frau waren außerdem anwesend, so sagt man. Das ist tragisch, es ist ein Mensch gestorben. Es lässt die Frage nach Vorerkrankungen des Verstorbenen offen, viel mehr eigentlich nich. Färbt man die Geschichte aber mit ausreichend Side-Poltt ein, so zum Beispiel den Begriffen „Deutscher“ oder „Afghane“, nimmt das ganze eine akute Wendung und treibt abermals einen tobenden Mob auf die Straße. Gestern Chemnitz, heute Köthen. Nazis gibt es überall.

Köthen in Sachen-Anhalt ist dieses mal der Ort des Geschehens. „Trauende“ Nazis laufend Parolen schreiend durch die Straßen, begutachtet von der Polizei – und bestimmt den führenden Politikern, denn die werden ja ab morgen wieder sagen, dass da gar nix war. Was ist denn nur los? Grad dreht es so schnell, das Nazi-Karussell. Und trotz der großartigen Proteste gehen den Hass, für das friedliche Miteinander und die Tolleranz, bleibt nach dem heutigen Abend wieder ein Gefühl der Angst, der Ohnmacht und zu wenig eins der Hoffnung.

Man! Menschen sind Menschen, Grenzen sind künstlich und ändern nichts an der Tatsache, dass wir am Ende alle total gleich sind. Mensch. Manche netter manche weniger, manche schlau manche weniger. Manche kleiner, manche großer, dicke dünne helle dunkle haarige glatte lustige grummelige .. Mensch eben. Fuck off, scheiss egal. Hört doch bitte auf so dumm zu sein und habt euch lieb. Wir könnten es so gut miteinander haben.

Eine Schande.

„Es gab keine Hetzjagt“, so behauptet zumindest Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und negiert auch den „Mob“ sowie die Progrome. Vorbei an den Berichten attackierter Journalisten, vorbei an Videomaterial und den Aussagen hunderter Menschen rief er noch dazu auf die Ereignisse nicht überzudramatisieren und kein falsches Urteil zu fällen.

Eine Schande wie ich finde. Die Ereignisse der vergangenen Tage waren, warscheinlich nicht nur für mich persönlich, ein Einschnitt. Die Intensität, in der Hass öffentlich gelebt wurde, hat unfassbar zugenommen. Die Instrumentalisierung eines Todesfalles und die bizarre Inszenierung der Rechten war erschreckend und beinahe entwaffnend dreist. Zu erleben, dass derartiges Verhalten von Polizei und Staat toleriert wird, war traurig und beängstigend zugleich. Zudem hat innerhalb weniger Tage eine Verschiebung der Werte stattgefunden; wer kein Nazi ist, ist Links. Die gesamte politische Mitte und damit das Selbstverständnis für ein menschliches Miteinander ist scheinbar aufgehoben, denn wer die einfachsten Grundrechte fordert, der ist ein Aktivist und damit potentiell gefährlich.

Neben der Verleumdung der Ereignisse und ihrer Auswirkungen, erschreckt mich auch die implizite Bezichtigung der Opfer, gelogen zu haben. Mensch die angegriffen wurden, Mensch die gejagt und schwer diskriminiert wurden, werden durch die Verleugnungen von Herrn Kretschmer der Lüge bezichtigt und schlicht nicht ernst genommen. Hass, Progrom und Gewalt sind deutliche Symptome einer kranken Gesellschaft und können von der Regierung gar nicht ernst genug genommen werden. Herr Kretschmer, da stimmt was nicht! In Sachsen, in Deutschland und in ihrer Wahrnehmung!

Jean Paul Marat

„Was wäre ich ein guter Marat geworden! Ich könnte den ganzen Tag in der Badewanne sitzen und von der Revolution sprechen.“

Das sagte ich eben, als ich zu faul zum Aufstehen, danieder lag und den Kopf so sehr voller Flausen hatte. Jean Paul Marat lebte von 1743 bis 1793, er war Mediziner, Naturwissenschaftler, Schriftsteller und Revolutionär. Er veröffentlichte verschiedene Zeitungen zu Zeiten der Französischen Revolution, war Mitbegründer des ersten Justizgesetzes und immer ein Kämpfer für den einfachen Mann des dritten Standes. Entschieden ging er im Sinne der Revolution vor, kämpfte für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; teilweise, so sagt man, über alle Grenzen hinaus. So sei er der Initiator einiger großen Massaker in französischen Gefängnissen gewesen, bei denen tausende Revolutionsgegner zu Tode kamen.

Marat litt an einer chronischen Hauterkrankung, der Skofulose. Unerträglicher Juckreiz und Entstellungen machten ihn das Leben schwer. Wirklich zur Ruhe kam er in der Badewanne, in der er viel Zeit verbrachte. Dort verfasste er viele seiner Schriften, dachte und empfing sogar Besuch. 1794 wurde er von der Revolutionsgegnerin Charlotte Corday in der Badewanne seines Hauses ermordet. Sowohl Marat als auch die wenig später guillotinierte Corday gingen als Märtyer in die Geschichte ein.

Ich mag die Geschichten um Marat, weil sie die eines Radikalen sind, die eines großen Denkers und die eines Mannes, der anderes war. Auch heute braucht es Menschen an Orten, an denen sie gut sind. Menschen, die sich entwickeln können, die die Zeit und die Ruhe haben großes zu denken und ihren Geist einzusetzen. Und ja, vielleicht wiederholt sich die Geschichte – vielleicht muss es aber ja nicht die von Deutschland 1938 sein. Wie wäre es denn mit viel Solidarität und Kraft das Wirken von 1799 nachzudenken und Freiheit Gleichheit und Brüderlichkeit wieder zu Grundfesten des menschlichen Miteinanders zu machen?

Anmerkung: Ich spreche mich nicht bedingungslos für all das aus, was während der Französischen Revolution stattgefunden hat, imme dann wenn Menschen sterben, geht es mir entschieden zu weit. Dennoch mag ich den Gedanken der Solidarität und trage ihn gern weiter. Gemeinsam sind wir alle besser als jeder für sich.

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.

Chemnitz; #c0109

Auf der Route der Rechten verteilen Menschen kleine Ausgaben des Grundgesetzes. Ich bin entzückt von der Idee und den vielen kleinen Büchlein auf der Straße. Tragisch jetzt schon die Tatsache, dass der Mob das Gesetz, die Würde des Menschen, gleich mit Füßen treten wird. Symbolisch als auch menschlich eine Katastrophe. Dabei kann man diesezeit nicht oft genug an die Menschlichkeit, und diese einfachen Grundfesten des Zusammenlebens appellieren.

Sieht man sich die ersten 5 Artikel unserer Verfassung dann noch mal an, im Hinterkopf das was war, gruselt es einen gewaltig, wie weit Theorie und Praxis da auseinanderliegen.

Die Grundrechte

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Die sog. Staatliche Gewalt hält sich hässlich zurück. Allerlei menschenverachtendes, entwürdigendes und psychisch als auch physisch Verletzendes wird nicht nur toleriert sonder geradezu davon getragen, dass der Staat fein glotzt anstatt sich einzumischen. Die Absurdität des ohnehin indiskutablen Verhaltens wird hierdurch deutlich unterstrichen und gewinnt enorm an Macht.

Artikel 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 2 klingt vor dem Hintergrund der letzen Wochen wie eine Farce. Die Freiheit vieler Menschen ist durch die Bedrohung durch die Rechten massiv eingeschränkt. „Bewegt euch in Gruppen“ und „meidet bestimmte Bereiche“ sind Sätze, die sowohl als Warnung für sog. Linke als auch MigrantInnen ausgesprochen werden. Der Mob regiert. Die Meinung offen zu sagen gilt als gefährlich, die Presse wird bedroht und kann ohne Schutz kaum agieren. Die einzige Meinung, die gefahrlos verbreitet werden kann ist die braune. Denn offenbar stört es keinen Wenn Menschenverachtung und Hass regieren.

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

„Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher“. Dieser elendig dumme Spruch war in den 90ern in aller Munde und spiegelt heute gut wieder, wie der Artikel 3 des Grundgesetzes heute ausgelegt wird. Gleichheit ist etwas, von dem wir in allen Bereichen des Lebens meilenweit entfernt sind. Unsere Gesellschaft ist geprägt von Ungerechtigkeit, beginnend mit Kinderarmut, Hatz IV, Einkommensunterschieden bis hin zur alltäglichen Diskriminierung von schlicht jedem, der nicht 0815 ist. Wenn man sich auf eins verlassen kann, dann darauf, dass man in Deutschland für jede Art von Unterschied diskriminiert und ausgegrenzt wird.

Artikel 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Jeder der die richtige Religion hat und sie in der richtigen Art und Weise ausüben möchte, darf dieses in den meisten Bundesländern weitestgehend ungehindert tun. Für die meisten Arten von Glauben und Weltanschauungen gilt jedoch nach wie vor: Bitte anpassen. Jüdische oder muslimische Feiertage gelten in den meisten Schulen als „Fehltage“ und werden stumpf angemahnt. An Schulen, an denen 60% der Familien muslimischen Glaubens sind, findet das große Schulfest mitten im Ramadan statt und mit Gleichheit hat das einfach mal nix zu tun.

Artikel 5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Das Internet ist voll von Hass und Verleumdung. Niemand kann seine Meinung sagen ohne angefeindet oder beleidigt zu werden. Rechtes Gedankengut, Hass und Verachtung sind allgegenwärtig und die Plattformen kommen nicht in Schwung. Die breiten Medien bieten eine Einheitsberichteratattung, ohne Inhalt, ohne Gehalt. Sog. linke Plattformen, die kritisch und objektiv berichten, werden verboten und als gefährlich eingestuft, während die Rechten Seiten laufen wie geschnitten Brot. Nichts ist hier frei, alles wird in geordneten Bahnen gehalten.

Grundgesetz. Vielleicht ist es an der Zeit sich mal wieder drauf zu berufen, denn die Idee ist ja gut. Nur eben gescheitert. Wie so viele; die Demokratie und der Sozialismus und Mc Donalds als gesunde Marke.

Nazifizierung

Unbedingt will ich noch was dazu sagen, zu den entsetzlichen Aufmärschen, den Protesten. Der bizarren Selbstdarstellung der Rechten, den Linken und all dem, und selbst nach dem 10. Ansatz kommt nur Frust. Ist denn alles gesagt? Nazis sind Nazis, sie scheisse zu finden ist nicht Links sondern Logisch. Menschlichkeit wird groß geschrieben, nur leider oft falsch verstanden. Die Entwicklungen in Deutschland sind so besorgniserregend wie vorhersehbar, die Geschichte wiederholt sich und warum habe ich nichts gemacht? Und was übrigens sollte man denn machen um das aufzuhalten, was da passiert. Sarrazin lesen eher nicht, das ist klar.

Gerade wird es schnell, habe ich das Gefühl. Polizei und Justiz halten sich gegenseitig die Augen zu und machen sich selbst zum Gespött. Selbst wenn ich bisher Vertrauen in unser Rechtssystem gehabt hätte, langsam ist es aus. Während sogenannte Linke beim einkaufen hochgenommen werden, festgehalten und entwürdigt werden (#G20), geben sich die Nazis zwar alle Mühe auch Ärger zu machen, bewirken aber genau nichts. „Hitlergruss macht unsichtbar“ twittert es durch meine Timeline und es wird deutlich, dass das einfach alles nicht lustig ist. Nein, genau genommen ist es zum fürchten. Menschn werden gejagt und verletzt. Reaktionen sind kaum da, das System Staat hält sich vornehm raus. Das ist sowas von 1938! Vor allem aber ist es ein klares Zeugnis von Billigung und stillschweigendem Zuspruch.

Die Intensität und Plakativität, mit der die Braunen inzwischen vorgehen, zeigt deutlich wie weit fortgeschritten der Nazifizierungsprozess schon ist. Ein Gruß, ein Symbol, ein dummer Spruch; all das wird kaum noch wahrgenommen. Die Polizei interessiert es erst recht nicht mehr. Erst jetzt, wo wieder einer starb, beginnt es Wellen zu schlagen, kleine, zaghafte. Bundesfamilienministerin Giffey brachte es heute morgen recht gut auf den Punkt: Wir müssen schon jetzt an die Zeit nach dem Großen Aufschrei denken, an die Zeit wenn die stündlichen Meldungen aufhören, die Demos nicht mehr besucht werden und die Twitteraccounts sich wieder mit Kitas, Fußball, Job und Urlaub beschäftigen. Denn auch dann geht das alles weiter seinen Gang, Nazis bleiben Nazis, suchen neue Nazis und werden bessere Nazis. Das alles geschieht im Verborgenen. Und wenn man es dann das nächste Mal sieht, wenn wieder etwas passiert, das schlimm genug ist, ist es schlimmer und fieser als jeh zuvor. Für alle die, die keine Nazis sind heißt es also auch in Zeiten der Ruhe, aufmerksam und laut zu bleiben, nicht nachzulassen und immer wieder daran zu denken, dass Menschlichkeit eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Die Toten Hosen

Gestern gastierten die Toten Hosen in Bremen und ich war, zusammen mit allerbester Seelenverwandter, Teil der Veranstaltung. Ein riesiges Open Air, man hätte die Bühne glatt von draußen gut sehen können; aber was soll’s? Bezahlt ist bezahlt. Im Innen herrschte Volksfest-Charakter. Bierbuden, China-Imbiss, Pizzaladen und Dixi-Klo reihten sich in endlosen Reihen aneinander. Ebenso volksfestig das Publikum; nur Ballermann ist schlimmer. Zugegeben, ich war seit gut 20 Jahren auf keinem Hosen-Konzert, aber war das nicht mal anders???

Das Konzert an sich war nett. Also Lieblingslieder wie „Bonny & Clyde“ bereiten mir auch nach 20 Jahren eine große Freude. Erstaunlich jedoch die Art der Band-Ansagen. Früher waren es straighte, politische Ansagen, die den Rahmen der Konzerte Vorgaben. „Nazis Raus“ Sprechchöre gehörten ins Standardrepertoire – gestern hingegen stellte sich gelegentlich die Frage, wie hoch wohl der Anteil der AFD-Wähler in den Reihen ist. Spätestens beim Anblick eines völlig unbehelligten Eisernen Kreuzes auf dem T-Shirt eines sehr großen Menschen bestand kein Zweifel mehr: Willkommen im Mainstream.

Eine kleine Überraschung wartete am Ende des Konzertes. Einer der Streicher der Band ist der Sohn von Bon Scott (AC/DC). Er gab TNT und Highway to hell zum besten, sang zum verwechseln ähnlich wie einst sein Papa und ließ mein Herz einige Oktaven höher schlagen.

Ich will nicht sagen, dass es ganz und gar nicht gut war, in jedem Fall aber war es erschreckend anders; anders als früher, anders als erwartet. Möglicherhabe ich schlicht vergessen mich dem Mainstream anzuschließen. Solange das aber mein größtes Problem ist, kann ich da gut mit leben.