Die erste Zeit

Als 2007 das A-Hörnchen zur Welt kam begann ein neuer Lebensabschnitt. Jedem in meinem Umfeld war das klar, dass ich von nun an sehr glücklich und müde sein werde. In Wahrheit hatte ich mich mit dem Thema „Kind und Leben“ wenig beschäftigt, war davon ausgegangen, dass alles seinen Gang nehmen würde. Vielleicht wäre es so leicht gewesen, hätte ich schon damals die Banalität von Glück erkannt. Anstatt mein eigenes Glück zu finden, versuche ich das zu erfüllen, was alle anderen offenbar erwarteten – und zerbrach fast daran.

In den ersten Wochen nach der Geburt sass ich oft nachts da, stillte das Baby und wartete. Worauf ich so sehr wartete, war mir lange nicht klar, aber ich stellte lange Überschlagsrechnungen an: Das Kind ist zwei Wochen alt, jedes Jahr hat 52 Wochen. Mindestens die ersten 6 Jahre wird das Kind min sehr brauchen, das macht 312 Wochen, davon sind 2 rum. Das heißt in 310 Wochen bekomme ich vielleicht ein Stück meines Lebens wieder. Ab und zu schläft es vielleicht bei den Großeltern, später. Also 308 Wochen verschenkte Lebenszeit… Mein Hirn suchte nach Strategien, diese elende, sinnlose Zeit zu überstehen und verzweifelte immer mehr. Als A-Hörnchen ein paar Wochen alt war, hätte ich ihn gern diesen vielen Menschen überlassen, die ihn immer alle so niedlich fanden. Für mich war er anstrengend und der jenige, der mein Leben an sich riss und es Schritt für Schritt zerstörte.

Das war mich damals so lähmte und die ersten Monate als Mutter zum Höllenritt machet, nennt man Postnatale Depression. Eine Mischung aus Erwartungen an sich selbst, Überforderung und einen Hormoncocktail zwangen mich in die Knie. Es war nicht so, dass ich mein Kind nicht liebte, doch hasste ich das, was es aus mir machte. Ich hatte kein Bild von mir selbst als Mutter im Kopf, und alle alten Modelle passten plötzlich nicht mehr. Ohne jede Identität war ich in meiner neuen Rolle hoffnungslos verloren. Ich liebte mein Kind und hasste mich dafür, selbst das nicht vernünftig hinzubekommen. Jede Abweichung vom Plan A, jede Kleinigkeit, die nicht so lief wie ich sie mir überlegt hatte, brachte mich an den Rand der Verzweiflung – und jeder der schon mal mit einem Baby gelebt hat weiß, dass nie etwas nach Plan läuft. So lebte ich am Rand der Verzweiflung, nach außen sehr glücklich, nach innen anders.

Letztlich war es eine Therapie und vor allem der Kontakt zu anderen Müttern, der mich aus dem Sumpf zog. Zu sehen, dass andere Babys auch weinen, andere Mütter auch Sorgen haben, andere auch ihren scheiss Haushalt nicht schaffen; das tat gut. Ganz langsam, nach und nach erschuf ich ein Bild von mir als Mutter, eine Identität. Und irgendwann hörte ich auf die Wochen zu zählen, die es dauern würde, bis ich mein Leben wieder bekomme und integrierte das Neue in mein Leben.

Erwartungen sind gefährlich. Grade für junge Mamas, die ihr erstes Kind bekommen haben, werden sie schnell zu einem Spießrutenlauf. Jeder hat einen guten Rat, jeder weiß alles besser. Es gibt tausend Punkte die man zerreden und zerdenken kann und die aller meisten davon sind es nicht wert. Ob Babys im Familienbett schlafen oder in der Wiege, Stillen, Flasche, abpumpen; Brei selber kochen oder aus dem Gläschen nehmen. Weichspüler meiden oder nutzen,…. All das und Millionen Pünktchen mehr sind indiskutabel und egal. Jeder wie er mag und anstatt sich das Maul über die zu zerreißen, die in Grund alles toll machen, einfach mal auf sich selbst schauen. Das kann verdammt hilfreich und interessant sein.

Hebammen und Hausgeburt VI

Nachdem eine Hebamme eine Hausgeburt, oder aber eine ambulante Geburt im Geburtshaus begleitet hat, folgt die eigentliche Arbeit. Die Nachsorge. In den ersten sieben Tagen nach einer Geburt werden Muttern und Kind mindestens einmal (gern öfters)am Tag besucht. Auch in der zweiten und dritten Woche kommt sie alle zwei Tage, bei dessen auch öfter. Bis zu sechs Wochen nach der Geburt wird man regelmäßig besucht. Bei m diesen Besuchen werden zum einen Mutter und Kind begutachtet, zum anderen geht es darum, zB das Stillen zu lernen, praktische Fragen des Alltages zu lösen und vieles mehr. So ein Besuch dauert gern eine Stunde und ist für uns immer der Mittelpunkt des Tages gewesen. Wiegen, Messen, Nabel begutachten. Das erste Bad haben wir immer mit der Hebamme gemeinsam durchgeführt und irgendwann kamen die ersten Rückbildungsübungen. Zwei mal haben meine Hebammen wirklich große Arbeit gemacht; zweimal habe ich sie wirklich gefordert.

Bei einem Hörnchen entwickelte ich eine Postnatale Depression.  Über Wochen hinweg rutschte in in diesen dunkeln Studel aus Angst und Unzulänglichkeit. Ich war ein Wrack, ein Schatten meiner Selbst und meine Hebamme gab alles. Nach 5 Wochen verwies sie mich an eine Psychologin und mir wurde geholfen. Bis heute bin ich der Hebamme endlos dankbar dafür, dass sie in dieser Zeit erkannt hat was los war und mit half. 

Bei einem anderen Hörnchen bekam ich eine Brustentzündung. Auch in diesem speziellen Fall war die Hebamme immer zur Stelle, wog ab und versuchte zu helfen. Auch in diesem Falle erkannte sie den Moment abzugeben; an die Klinik. Ich hatte 10 Tage lang mit Fieber und endlosen Schmerzen gelegen, tapfer mein Baby gestillt und gehofft alles würde wieder besser werden. Wurde es nicht. An Tag 11 kam ich in die Klinik, Tropf, Antibiose und nach 2 Tagen war der Spuk vorbei. 

Ich bin meinen Hebammen endlos dankbar für all diese Zeit, die Besuche, die Gespräche und die Hilfe. Ich bin dankbar mich so umsorgt gefühlt haben zu können, und so geschützt gewesen zu sein. Ich kann mir kein Wochenbett ohne Hebamme vorstellen, und keine Geburt.