Selektive Wahrnehmung

D-Hörnchen sieht alles. Jede Eichel, jeden Stein, jedes noch so kleine Fizzelchen Plastik. Beim Radfahren macht er die unglaublichsten Vollbremsungen aus voller Fahrt, weil er irgehdwo in einer Hecke das schönste Stöckchen der Welt gesehen hat. Die tote Amsel auf dem Weg, an der sich die Fliege labten und in deren aufgeplatztem Bauch tausende Maden kreischten, übersah er. Ein Segen!

Man wirft dem Menschen gern vor er wurde das Elend um sich herum absichtlich oder aus Boshaftigkeit übersehen. Und ja, auch ich habe schon unterstellt andere würden wegsehen, Gewalttaten oder medizinische Notfälle aus Angst ignorieren, doch gibt es eine Komponente im menschlichen Gehirn, die macht, dass wir genau das tun. Wir gehen weiter. Das liegt daran, dass unser Gehirn Begebenheiten, Situationen oder einzelne Bilder, die es als traumatisch einstuft, quasi ausfiltert. Während gewöhnliche Information erfasst, bewertet und dann abgespeichert wird, wird dieses traumatische Material nach der Bewertung weggelegt, es kommt nie auf der Bewusstseinsebene an. Menschen, die schwere Traumata erlitten haben, weisen duch diesen Mechanismus zum Teil große Amnesien auf – und gelegentlich blendet jeder von uns aus. Was zu viel ist, ist zu viel.

Das erstaunliche an dieser Funktion ist, dass sie sich ständig modifiziert und weiterentwickelt. Hat ein Mensch zum Beispiel als Kind Gewalt erlitten, reagiert der Filter hochsensibel auf derartiges Material. Entscheidet der selbe Mensch jedoch bewusst, sich mit dem Thema „Gewalt in der Kindheit“ auseinanderzusetzen, wird der Filter immer toleranter und das zumutbare Material somit wahrscheinlicher. Wie so oft im Leben kommt es auf die bewusste Entscheidung an und darauf, sich mit Problematiken auseinanderzusetzen. Natürlich ist es das gutes Recht eines jeden, seine Traumata zu hüten und die eigene Psyche nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem kann es ein Ansatz sein mit wachen Augen durch’s Leben zu gehen und den nächsten Notfall vielleicht zu erkennen; auch wenn er einen überfordert. Denn 112 rufen kann jawohl jeder.

Der Neue

Nach fünf Wochen im neuen Job bin ich so Mittel angekommen, habe langsam das meiste grob durchschaut und eine ganze Reihe Arbeit an Land gezogen. Ich bin jetzt ein Teil des Drogenhilfesystems unserer Stadt; etwas das ich lange wollte und für das ich gekämpft habe. Ich berate Schwangere Frauen mit Drogenthematik sowie Mütter bzw. Eltern nach der Geburt bis zum 2. Geburtstag des Kindes. Meine Stelle versteht sich als Schnittstelle zwischen Drogenhilfe und Kinderschutz; ich vermittle zwischen beiden Hilfesystemen, berate in drogenspezifischen fragen, mache die Therapievermittlung und bin halt irgehdwie da.

Was sich so runter geschrieben nich ganz easy anhört, ist in Realität irgendwas zwischen lehrreich, interessant, wunderschön und tottraurig. Ohne weit auszuholen kann ich sagen, dass die Fälle von traumhafter Familienidylle mit Vater Mutter Kind in eigener Wohnung bin hin zum großen Alptraum reichen. All das gehört dazu, all das ist Alltag. Nach so manchem Tag bin ich platt und wie überfahren, so viele Schicksal, so viel Traurigem, Grausamem oder Überraschendem, dass binnen weniger Stunden durch meinen Kopf fährt wie ein D-Zug.

Abgrenzung, Psychohygiene und Reflexion; Begriffe, die im Studium gebetsmühlenartig wiederholt wurden, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Und trotzdem möchte ich keinen Tag und keine Stunde missen. Ich liebe es eine so wichtige und intensive Arbeit zu machen und freue mich über jedes Fünkchen an Aufklärung, dass ich irgehdwo leisten kann. Deutschland ist, nicht nur in Sachen Drogen, ein Entwicklungsland und noch meilenweit bin einer effektiven und guten Prävention entfernt. Ich hoffe in den kommenden vielen Jahren Teil eines Prozesses sein zu dürfen; hin zu einer liberalen und menschlichen Drogenpolitik ohne Repression.

Akzentuierung

Die Art und Weise, wie ein Mensch eine Situation bewertet, nennt man Akzentuierung. Inzwischen ist erwiesen, dass die Art und Wiese zu akzentuieren stark damit verbunden ist, wie psychisch gesund man im Belastungsfall aus einer Situation heraus geht.

Gestern, beim Eislaufen, haben meine Hörnchen ein wahres Exempel statuiert, die unterschiedlichen Akzentuierungstypen darzustellen. Alle drei großen Hörnchen standen zum ersten Mal auf dem Eis. Alle drei machten es erstaunlich gut und bewerteten den Tag doch vollkommen unterschiedlich.

B-Hörnchen lief von Anfang an souverän und sicher. Sie bewegte sich geschmeidig und sah durchaus elegant aus. Viele waren langsamer als sie, einige schneller. B-Hörnchen fuhr ihre Bahnen und beklagte sich in jeder Runde, sie sei schlecht und viel zu langsam. In ihrem negativ akzentuierendem Denkmuster sah sie nur die wenigen, die besser liefen als sie. Mit einzubeziehen, dass die sicher viel mehr Übung hatten als sie und außerdem ausnahmslos älter waren, war ihr unmöglich.

Durch den negativen Akzent steht B-Hörnchen sich leicht selbst im Weg. Sie traut sich wenig zu, obwohl sie in vielem so gut ist. Im Belastungsfall kann sie sich auf ihr eigenes Wohlwollen nicht verlassen. Das macht die Belastung für sie noch arger. Hierdurch ist sie auf Unterstützung von Außen angewiesen. Andererseits neigt sie nicht dazu, sich zu überschätzen. Hierdurch bleiben ihr Enttäuschungen erspart.

C-Hörnchen lief zügig aber wackelig. Ihre Gliedmaßen flogen wirr durch die Luft. Sie fiel einige Male, kam aber gut zurecht. In der Halle liefen einige schlechter, einige besser. C- Hörnchen lief ihre Runden und fand sich gut. Sie feuerte sich selbst an und sah sich ganz an der Spitze. In der Masse der Leute sah sie nur die jenigen, die schlechter liefen als sie selbst.

C-Hörnchen akzentuierte schwer positiv. Alles ist eher gut, vor allem sie selbst. Sie ist fair mit sich, gibt sich immer eine Chance. Im Belastungsfall ist sie selbst ihre beste Ressource. Hierdurch kann es ihr aber auch passieren, dass die abgehoben oder unrealistisch wirkt. Und wenn sie dahinter kommt, dass sie vielleicht doch nicht die Beste ist, kann das sehr weh tun.

A-Hörnchen lief gut. Und genauso sah er das auch. Geht, ist manchmal kompliziert und manchmal auch nicht. Manche machen es besser, andere schlechter. A-Hörnchen akzentuierte realistisch. Er erfasste die Situation nah an der Realität und bewertet sie gut. Hierdurch kann er sich selbst gerecht werden und seine Bewertung passt ins allgemeine Bild. Im Belastungsfall ist er eine realistische Stütze für sich selbst, kann aber wahrscheinlich auch Hilfe annehmen. Er kann sich auf sein Urteil verlassen und muss wenig Angst vor Enttäuschungen haben.

Keine der beschriebenen Arten tritt rein auf, auch ist keine ausnahmslos gut oder schlecht. Sinnvoll ist es jedoch, die eigene Richtung zu kennen und sich selbst gelegentlich zu überprüfen. Denn ein guter Blick auf sich selbst erhöht die Wahrscheinlichkeit im Zweielsfall gut für sich selbst sorgen zu können. Natürlich ist es gut ein soziales Umfeld zu haben, eben Menschen auf die man sich verlassen kann. Am aller wichtigsten ist es aber, mit sich selbst im Guten zu sein. Denn einen schlechten Freund kann man meiden, sich selbst nicht.

Gerettet

Mein freier Tag wurde gerettet. Ich habe tatsächlich noch etwas zu tun gefunden und musste mich nicht zu Tode langweilen. Es war ganz einfach: Zu erst habe ich drei Etagen gesaugt und gewischt, danach noch eben zwei Bäder geputzt und vorher die Spülmaschiene ausgeräumt. Anschließend habe ich die zwei Holztreppen gereinigt, selbstverständlich auf Knien. Zum Schluss habe ich noch schnell drei Maschinen  Wäsche sortiert und gelegt. Auch das Wohnzimmer ist picobello aufgeräumt. 

Jetzt mache ich mir etwas zum Mittag; nicht lecker aber kalorienarm. Und danach stelle ich mich vor einen Spiegel, spucke mir  ins Gesicht und sage:“Mach weiter du faules Stück! Der Tag ist noch jung!“

Es geht doch nichts über ein gesundes und ausgeglichenes Verhältnis zu sich selbst. Hoffentlich habe ich morgen nicht wieder Langeweile.