Primäre Bezugsperson ersten Grades

Man sagt, Entenküken folgen in ihrer Kindheit der Person, die sie nach dem Schlüpfen zuerst gesehen haben – in den meisten fällen ihrer Mutter. Bei Menschenküken ist das ähnlich, sie binden sich an eine Primäre Bezugsperson, bauen Urvertrauen auf und legen, besonders in den ersten 24 Monaten, ihr Leben in die Hände dieser. Bei den meisten Kindern wird diese Rolle durch die Eltern erfüllt; logisch. Heute geht man vollkommen logisch und emanzipiert davon aus, dass Väter und Mütter diese Rolle gleichermaßen erfüllen und die Kinder, ohne jeden Zweifel, an beide Eltern gleichermaßen gebunden sind. Ausgenommen sind hier die Kinder, die nach ihrer Geburt zunächst in Pflegestellen o.ä.Verharren müssen, auch sie binden sich auf die eine oder andere Weise an Bezugspersonen, durch die fehlende Konstante neigen sie jedoch zu Bindungsstörungen – das ist ein wichtiges aber anderes Thema.

Heute möchte ich über die herausragende Bindung meiner vier Hörnchen an mich – ihre primäre Bezugsperson – schreiben. Und ich möchte die Frage diskutieren, ob der Vater tatsächlich genauso unabdingbar ist wie die Mutter – und vor allem: ist er genauso gut sichtbar! Ihr seht, es wird hoch wissenschaftlich und bietet Konfliktpotenzial.

Ich habe meine Kinder ausgetragen, sie gestillt und monatelang auf mir schlafen lassen. Tagsüber trug ich sie und als sie krabbeln lernten, bot ich ihnen Raum für Autonomie. Ich stand immer, zu jeder Zeit, als Bezugsperson und Basis zur Verfügung, habe über Jahre hinweg jede Träne getrocknet und jedes Lachen geteilt. Ich war da. Inzwischen sind die Hörnchen groß. Mit 13 und 11 sind A- und B-Hörnchen unabhängig. Sie können sich nach der Schule etwas zu essen machen, sie gehen allein shoppen und verabreden sich ohne meine Hilfe. Wenn was ist, kommen sie zu mir. C- und D-Hörnchen nutzen meinen Support noch viele Male am Tag. Sie suchen wesentlich aktiver meine Nähe und zeihen ihre Kreise zwischen Autonomie („Ich gehe noch raus!“) und Nestschutz („Kann ich kuscheln?). Sie machen das gut und ich begleite alle vier gern auf ihrem Weg. Dennoch stehe ich immer wieder vor einem großen Rätsel: Warum immer ich?

Emanzipatorisch betrachtet ist mein lieber Mann ebenso bindungsrelevante, wie ich es bin. Zugegeben, in den ersten neun Monaten beschränkte sich der Kontakt auf Handauflegen und „Hallo“ rufen. Ja, und in der Zeit danach waren es die Zeitfenster zwischen den Stillphasen, die ihm zur Verfügung standen – zumindest dann, wenn er nicht arbeitete. Wir verbrachten die Wochenenden zusammen, die Urlaube. Und als C-Hörnchen neun Monate alt war, nahm er drei Monate Elternzeit. Selbstverständlich brachte er alle Kinder ins Bett, nachdem sie soweit abgestillt waren, wechselte Windeln und betreute die Kleinen, wenn ich Termine hatte. Er war immer das, was man einen modernen Vater nannte; jeden Tag zwischen 17 und 19.00.

Ins echte Leben übertragen heißt das, dass der Mann ohne Probleme mit den Kindern alles kann. Bedingungslos alles. Dies Regel setzt in dem Moment aus, in dem ich das Haus (oder den Garten oder was auch immer) betrete. Denn sobald das so ist, bin ich die bedingungslose Person of Interest. Allein bei einer einzigen Mahlzeit bringe ich es auf 20-30 Ansprachen. „Guck mal, mein Käse!“, „Mama, ich schmiere Brot. Guck mal wie mein Brot ist..“, „Mama kann ich dies, Mama kann ich das..“. Der Mann sitz dann natürlich bei uns, Bilderbuchfamilie und so, aber selbst wenn ich mich an einem Brotkrumen so verschlucken würde, dass nichts mehr gut, würden sie zunächst mich ansprechen.

Duschen zu gehen heißt in der Welt einer primären Bezugsperson offenbar, beim rasieren der primären Beine ungefähr sieben Rücksprachen mit dem Volk darüber treffen zu müssen, ob es wirklich nötig ist, dass ich allein im Bad bin. Ebenso verhält es sich beim Toilettengang oder wenn man einen Magen- Darm Infekt hat. „Was machst du daaaa?“ ist ein geflügelter Begriff und jeder der schon mal auf dem Scheißhaus saß sollte annehmen, dass diese komplexe Tätigkeit für Außenstehende durchaus zu erkennen ist. Nun ja.

Eben mähte ich den Rasen. D-Hörnchen saß ununterbrochen im Kletterbaum und laberte auf mich ein, C-Hörnchen kam in den 15 Minuten 3x weinend mit Pipapo und B-Hörchne stand vielfach neben mir und fragte… was ich da mache. Der Mann, der Vater der Kinder, stand währen der ganzen Zeit im garten, frei. Und so ist es eben.

Mama, kann ich was Süßes?

Mama, wollen wir was spielen?

Mama, guckst du dir meine Höhle an?

Mama, guck mal den schönen Kackhaufen?

Mama mein Computer ist komisch (haha, und da fragst du mich???)

Mama, wann ist Abendbrot?

Mama, wie viele Tage noch bis Weihnachten?

Mama, Mama, Mama, Mama,…

Papa, wo ist Mama?

Ganz bestimmt kann ein Kind mehrer primäre Bezugspersonen haben. Primäre Bezugsperson ersten Grades und eben die anderen.

Die im Text als „Mama“ bezeichnete Person kann selbstverständlich auch jede andere Person im Leben eines Menschen sein. Ihre Rolle wird nicht durch die biologische Verwandschaft oder das Geschlecht bestimmt. Außerdem bitte ich darum, meine Worte mit Humor zu lesen und sich nicht auf den Schlips getreten zu fühlen (oder den BH). Ich schätze und würdige meinen Mann, das was er tut und tat und weiß, dass er für die Kinder bedingungslos wichtig ist. Dennoch mag ich zB allein auf Klo gehen total. Echt, TOTAL!!

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FAS, Ausgrenzung und Integration – ein Drahtseilakt

Seit einigen Monaten ist Janine in der Schulklasse meines C-Hörnchens. In den ersten Wochen war sie Thema Nummer eins unter den Drittklässler. Janine kann alles, die traut sich alles! Janine traut sich sogar gegen die Jungs und Janine macht richtig viel Quatsch. Nach einigen Wochen ebbte die Schwärmerei ab. Janine war nach wie vor allgegenwärtig, forderte viel Aufmerksamkeit. Janine verlangte von Pausenbrot, Janine haut wenn sie nicht mitspielen darf, Janine stinkt. C-Hörnchen war zunehmend überfordert und ich beriet sie in Sachen Abgrenzung. Vor wenigen Tagen ging ich zu einer Schulveranstaltung in die Klasse meines Hörnchens.

Als ich die Klasse betrat herrschte regen treiben. Mein Kind war zurückhaltend und führte mich zaghaft an den für mich vorgesehenen Platz. Nach gut drei Schritten umfasste mich ein mir fremdes Mädchen. Das auffällig zarte und kleine Kind hatte keine Zähne im Oberkiefer. Ihr Kopf erschien mir als sehr klein und schnell ploppte in meinem Kopf der Begriff FAS auf; Fetales Alkoholsyndrom.

Ich setzte mich um mir vom C-Hörnchen verschiedene Dinge zeigen zu lassen. Noch bevor mein Kind mir etwas zeigen konnte hatte ich das fremde Kind auf dem Schoß. Sie roch erbärmlich nach kaltem Zigarettenqualm und ich musste mich bemühen nicht abweisend zu reagieren. Ich schob sie vorsichtig aber bestimmt von meinem Bein und fragte nun mal, wer sie denn sei. „Janine“, lautete die Antwort. „Meine Mama macht sowas hier nicht, das ist albern!“ erklärte sie noch und machte sich daran, zurück auf meinem Schoß zu klettern. Ich lehnte dies ab und zeitgleich kam mein C-Hörnchen um mir nun endlich Dinge zu zeigen. Auf jedes Wort vom Hörnchen folgten drei von Janine. Sie dominierte die Situation, zog alle Aufmerksamkeit und schaffte es mich fortwährend zu überfordern. Ich wollte nicht abweisend sein aber mein Hörnchen litt unter der Übergriffigkeit und zog sich immer mehr zurück.

Ich verließ die Schule an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Janines Lebenssituation erschloss sich mir schnell. Ihr Verhalten als auch ihre körperliche Erscheinung lassen vermuten, dass ihre Mama während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Die Folge ist das genannte FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Neben den körperlichen Symptomen wie zarter Statur, einem kleinen Kopf, geringer Körpergröße und verschiedenen Veränderungen im Gesicht, haben die Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, teilweise Intelligenzminderungen und Lernbehinderungen zu kämpfen. Die Kinder ecken an. Soziale Regeln und Absprachen erschließen sich oftmals nicht, hinzu kommt die Frustration. Schulische Leistungen sind ehr schlecht, mit den anderen Kindern läuft es nicht und in der Klasse klappt auch nie was. Es ist zum verzweifeln.

Was den Kindern in dieser Situation hilft ist ein warmes, liebevolles Elternhaus und eine optimale Kooperation zwischen Schule und Familie. Klare Regeln, feste Struktur und liebevolle Arme, die einen halten, wenn es doch wieder nicht geklappt hat. Die Kinder benötigen Unterstützung auf allen Ebenen. Der Schulstoff muss verfestigt werden, sie müssen mehr üben. Soziale Interaktion braucht oftmals Anleitung und Begleitung und gleichzeitig muss in allen Lebensbereichen konsequent und nachvollziehbar erzogen werden. Weiter profitieren die Kinder, wie alle andern Menschen auch, enorm von einer sicheren Bindung an ihre primären Bezugspersonen. Mama und Papa (oder wer auch immer die Rolle der Bindungsperson übernommen hat) müssen als sicherer Hafen zur Verfügung stehen. Verlässlichkeit, Sicherheit und absolute Liebe sind die Faktoren, die der geschundenen Seele immer wieder versichern: „Du bist gut. Ich bin da!“.

Und genau an dieser Stelle hinkt das System erneut. Denn leider sind es ja insbesondere die Kinder, die von FAS betroffen sind, die all das eher nicht erhalten. Zu Hause ist keiner der Sicherheit vermittelt, keiner der tröstet, wenn wieder keiner mit einem spielen will. Zu Hause ist niemand, der ein geplatztes Spiel-Date beweint und ebenso niemand, der die blöden 1×1 Zahlen zum 100. Mal übt. Kontakte und die Schule laufen eher schleppend, die Dringlichkeit kommt hier nicht an. Um das Kind in die Klasse zu integrieren werden Sozialpädagogen hinzugezogen. Das Pädagogen-Team ist am Limit, somal oftmals nicht nur ein Kind mit besonderem Bedarf in der Klasse ist.

Um es ganz deutlich zu sagen, ich mahne nicht die betroffenen Kinder, Eltern oder Pädagogen an. Jeder im System tut was er kann. Die Eltern sind so groß geworden, wie sie es eben sind. Sie geben weiter was sie können, agieren mit dem, was sie selber zur Verfügung haben. Auch die Pädagogen versuchen lediglich irgendwie der Situation Herr zu werden; zu wenig Menschen, die den Auftrag haben zu viele Probleme zu sortieren und zu lösen.

Um Familien zu erreichen braucht es aber Personal. Gutes, geschultes Personal. Prävention beginnt nicht nach der Geburt oder während der Schwangerschaft; viel früher und mit viel Power muss man da ran. Fingerspitzengefühl braucht es und Zeit um Vertrauen aufzubauen. Und vor allem braucht es eine Veränderung in der Sicht, die man auf diese besonderen Familien hat. So lange man von „den Assis“ spricht und versucht die „Schuldfrage“ zu klären, kann man nicht gut und empathisch miteinander umgehen. Die Grundannahme sollte sein, dass jeder es versucht so gut zu machen, wie er es eben kann.

Was bleibt, ist die Schwierigkeit sich selbst abzugrenzen und seie eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Für Janine, C-Hörnchen und mich bedeutet das, dass ich in aller erster Linie mein C-Hörnchen darin stärke sich gegen Janine abzugrenzen wenn notwendig und sie dennoch nicht unnötig wegzustoßen. Janine kann, sofern C-Hörnchen das möchte, Zeit hier verbringen. Da ich die Mama noch nie gesehen habe, fehlt mir jede Idee davon, wie es mit weitern Kontakten zwischen den Welten aussehen kann. An dieser Stelle muss möglicherweise ein professionelles System greifen – und das bin ich in diesem Fall nicht!!

Another day in paradise

Ich arbeite in einer niedrigschwelligen Drogenberatungsstelle. Meine Klienten sind Konsumenten harter, illegaler Drogen. Sie sind süchtig, viele von ihnen sind obdachlos, andere wohnen prekär. Fast alle Menschen, die ich täglich treffe, sind bei schlechter Gesundheit. Täglich erlebe ich Dinge, die man sich nicht ausdenken kann. In den ersten Wochen kam ich Tag für Tag nach Hause und war voll von Eindrücken, Geschichten und Elend. Inzwischen ist es selten wirklich schlimm. Am Klientel hat sich wenig geändert, nichts. Ich selbst hingegen bin offenbar abgestumpft.

Und dann war es grad Phil Collins, der mich dann doch fast umwarf. In „another day in paradise“ singt er:

„She calls out to the man on the street
He can see she’s been crying
She’s got blisters on the soles of her feet
She can’t walk but she’s trying“

und plötzlich rannte mir das Elend der vergangenen Tage durch den Kopf. Wunden, Hunger, Dreck, Angst, Verzweiflung, plötzlich war es einmal alles da, ganz nah. Bilder überschlugen sich und Sätze mischten sich ein. Habe ich wirklich aufgehört das alles zu sehen? Bin ich abgestumpft?

Einige Minuten später denke ich, dass es nicht so ist. Meine Toleranz für Elend ist gestiegen, vieles ist Alltag geworden. Und dies wiederum ist bitter nötig. Ohne die herausragende Fähigkeit des Gehirn, sich in manchen Fällen zu drosseln, wäre es vermutlich kaum möglich, sich dem allem täglich auszusetzen. Auch die hohe Akzeptanz mit der wir dort arbeiten wird erst dadurch möglich, dass wir nicht an jedem schrecklichen Detail verharren. Den Menschen als Ganzes zu sehen, in jeder Facette, ist so wichtig. Denn nur so werden aus den Junkies, die andere sehen, die oftmals wunderbaren Menschen, mit denen ich Tag täglich arbeiten darf.

🌷200 🌷

Ich möchte diesen Moment kurz mit euch teilen, mit euch 200, denen Menschen, die diesem Blögchen tatsächlich folgen. Denn heute sind es ganz genau 200. Ich bin begeistert!

Als ich 2015 startete, tat es des Schreibens wegen. Schreiben tut mir gut und ich tue es bei weitem nicht nur hier. Jeden Schritt, jeden Pups in meinem Leben schreibe ich auf. Nun, jedenfalls startete ich den Blog primär für mich und freue mich umso mehr, das jeden meiner Wirren Gedanken so vielen Menschen lesen. Natürlich ist mir bewusst, dass 200 Menschen im großen weiten Internet nix sind, dennoch freue ich mich über jeden einzelnen von euch!

Um es nicht unerwähnt zu lassen; Mütterchen•Frost gibt es auch bei Facebook; auch da gibt es eine Schar von 93 Menschen die mich lesen und auch die sind alle sowas von willkommen.

1653 Artikel haben ich bis heute verfasst; das ist viel! Und zumindest bis dato habe ich immer noch jede Menge zu sagen! Also; keep on reading. Thx!

…weil du zu lange fernsiehst

Ja! Ich bin wirklich oft müde, und ja! Ich lege mich regelmäßig mal ne Stunde hin. Am Wochenende schlafe ich nach Möglichkeit lang, da ich sonst in der Woche darauf noch mehr durchhänge. Zugegeben, es ist ein Jammer. Auch die Hörnchen nehmen diesen Zustand wahr und lassen ihn nicht unkommentiert. „Du bist immer so müde, weil du viel zu lange fernsiehst!“ erklärte mir das C-Hörnchen jüngst und ich war etwas Sprachlos. Meine zwei Stunden vor der Glotze sind es nicht, nein. Aber was soll man einer siebenjährigen sagen,…

…dass man chronisch müde ist, weil man sich ununterbrochen zwischen Arbeit und Familie aufreibt, im Prinzip immer gegen ein schlechtes Gewissen arbeitet und nie an einer Stelle genug ist?

…dass einen der Haushalt überfordert und das ständig wiederkehrende Putzen der Böden, Toiletten und allen Andersens einfach traurig und ermüdend ist?

… dass mein persönlicher Lebensrythmus und der, der mir durch Kita und Schule vorgegeben ist, einfach nicht zusammen passen, und ich mich somit dauerhaft zwingen muss zu funktionieren?

Natürlich nicht, somit gebe ich ihr kurzum recht und gestehe ein, warscheinlich einfach früher schlafen gehen zu müssen…

…um damit auch das letzte Bisschen Freiraum und selbstbestimmte Zeit zu verlieren.

Klingt dramatisch? Ist es. In manchen dieser Phasen ist es nicht lustig in der Tretmühle „leben“ gefangen zu sein, in der jeder Ausbruch direkte Konsequenzen für alle die hat, die mit einem zusammen leben. Wenn ich verschlafe, kommen alle zu spät, wenn ich aufhöre zu putzen, kochen, versorgen, sind alle unversorgt. Arbeite ich, bis alles abgearbeitet ist, sind die Kinder allein, mache ich früh Feierabend, drückt der Schuh auf der andern Seite. Eine elende Klemme.

Klingt besorgniserregend? Ist es nicht. Ich durchlaufe diese Tiefs immer mal wieder; ich denke die meisten in meiner Situation tun das. Es geht vorbei; vorübergehend in den kommenden Tagen und dauerhaft in ca. 15 Jahren. Schön!

Ballett

Ein mal in der Woche werden meine Nerven auf eine harte Probe gestellt. Die Ballettstunde der Mädchen bedeutet für mich: 60 quälende Minuten in der Hölle. Im Bereich vor den Tanzräumen stehen Sofas und Sessel. Wenn wir um 17.00 kommen, ist der dunkle Teppich bereits von einigen Kilo Kekskrümeln überzogen. Die Luft ist verbraucht von etlichen Chargen an Müttern und kleinen Brüdern und Schwestern, die in den Stunden seit 13.00 hier saßen, warteten und litten. Das who is who des Stadtteils trifft sich hier, berät die Lage auf den Spielplätzen der Umgebung, die Preise im Bioladen und ob der nette Erzieher nicht vielleicht doch schwul ist.

Auch das Verhalten der Kinder wird bis zum Erbrechen diskutiert und kein Schritt bleibt unkommentiert. „Oooohhh, die Madame kam wieder mal so gar nicht in die Puschen heute!“ stöhnt Mama affektiert als sie durch die Tür kommt. „Aaaach! Wieder das gleiche Spiel bei euch?!“ kommentiert die Mutter auf dem Sessel wissendes Blickes und lacht. Das benannte Kind geht in die Umkleide und man möchte ihm sagen:“Du bist ok!“

Nach der Stunde lockt die Parade der Müden und Verzweifelten. Kinder, fern ab von Gut und Böse, drehen noch mal richtig auf, rennen kreischend im Kreis, während Mamas mit Stiefeln und Leggins hinter ihnen herlaufen. „Biiiiittteee Aammeliii! Komm jetzt bitte! Der Gustav muss nach Hause biittteee!“ jammert Mama dem 4-jährigen Nachwuchsdiktator hinterher und schleppt dabei einen knapp anderthalbjährigen kleinen Bruder. Der Chef im Ring ist schnell klar; Mama ist es nicht.

Auch 45 Minuten später spielen sich Dramen zwischen den Sesseln des Aufenthaltsraumes und den Bänken der Umkleide ab. Verzweifelt appellieren Mütter an die Vernunft der Kinder um sich dann erneut mit der Sitznachbarin in einem Gespräch zu verlieren. Vielleicht also ist es die vierjährige, die in Sachen Vernunft die Nase vorn hat, denn nach etwa 50 Minuten Vollgas sinkt sie erschöpft im Sessel zusammen und jammert: „Huuunger!!“. Endlich gibt Mama nach, trinkt nur noch schnell den Tee aus und beginnt ihr Picknick einzupacken. „Aaaach! Das ist auch immer lang hier!“ stöhnt sie pathetisch beim Rausgehen „Aber mit meiner Madame ist das so…!“

Hier möchte man auch nicht Kind sein, denke ich. Und Mutter irgehdwie auch nicht.

WhatsApp

Heute bekam ich zum ersten Mal ein GIf geschickt, eines dieser Mini – kurz – Filmchen, die über Facebook, Twitter und WhatsApp im Moment unterwegs sind. Ich war ganz begeistert über mein erstes eigenes Dingens und schickt es stolz meinem Sohn. Das A– Hörnchen antwortete kurz und bündig mit einem Fragezeichen. Ich teilte ihm freudig mit, dass ich das bekommen hätte und es ihm zeigen wollte. Er antwortet mir mit 20 Stickern und weiteren GIFS. Über alle Maße erstaunt fragte ich ihn, wo er die denn alle her hätte.

„Du musst dein WhatsApp updaten.“ Lautete die wiederrum kurz und knappe Antwort. „Wie geht denn das?“ erwiderte ich seine Nachricht worauf hin er sich auf den langen, beschwerlichen Weg nach unten machte. 15 Stufen später hatte er mein Handy in der Hand und weitere 15 Sekunden später war meine WhatsApp ge-updated. Liebevoll und fürsorglich erklärte er mir nun, wo ich die unterschiedlichen Sticker finden und dann weitere runterladen könnte, wo die ganzen GIFS zu finden wären und, dass der inflationäre Gebrauch beider gesellschaftlich nicht akzeptabel ist. Nach etwas mehr als 1 Minute war ich voll im Bilde und mein Söhnchen wieder weg.

Ist es nun also soweit? Bin ich so alt, ist er so groß, oder ist die Zeit einfach soweit fortgeschritten, dass mein Sohn mir zeigt wie meine Technik funktioniert? Die Gerätschaften, mit denen er vor zwei Jahren noch nicht einmal hantieren durfte. Ist das wirklich passiert? Ganz offensichtlich ja! Denn auch in Sachen Computer mache ich dem Wurm nichts mehr vor. Brauche ich eine PowerPoint, bezahle ich ihn dafür sie mir zu machen. Und durch diese erstaunlichen Spielen die er spielt, blicke ich sowieso nicht durch. So ist es nun also, ich bin alt und er ist groß. Herzlich willkommen!

The living Tinder

„Der Bachelor“ auf RTL ist gelaufen und wie so oft habe ich mir die erste Folge angesehen, Tipps abgegeben und eben, nach der letzten Folge, verglichen. Für die, die den Quatsch natürlich nicht gucken: In der ersten Folge steigen nacheinander viele, viele Damen aus einem Auto, begrüßen den Bachelor an einer Tür und gehen dann in eine Villa. Das ganze ist endlos langweilig und dennoch so aufschlussreich!

In diesem Jahr habe ich mir die Arbeit gemacht genau zu notieren, welche der Damen an welcher Stelle aussteigen wird. Für jede einzelne habe ich also einen Prozentrang aufgestellt, also die Wahrscheinlichkeit notiert, mit der sie am Ende die Auserwählte sein wird oder eben auch nicht. Tja, und was soll ich sagen? Ich bin sowas ähnliches wie eine lebendige Partner-Suchmaschine, ein lebendiges Tinder. Die durchschnittlich 90 Sekunden an dieser albernen Tür, reichen mir offenbar um alles zu sehen, was ich sehen muss. Aber seht selbst:

Für diejenigen, die sich diese bescheuerte Sendung selbstverständlich nicht angeguckt haben: die obersten drei Plätze habe ich richtig getippt, die hinteren ebenso. Lediglich im Mittelfeld gab es leichte Irritation, jedoch nicht signifikanter Natur.

Was lehrt uns das jetzt? Nun, im Prinzip sollte ich reich werden. Ich sollte mich in irgendwelchen Discos dafür bezahlen lassen, dass ich Menschen zusammenführen, die zwar wahrscheinlich nicht auf Dauer für einander gemacht sind, jedoch vermeintlich viel Spaß miteinander haben können und zumindest auf der ganz oberflächlichen Ebene hervorragend harmonieren. Was für eine Gabe! Was für ein Geschenk des Himmels – mit dem ich jetzt überhaupt nichts anfangen kann. Außer eben einmal im Jahr damit zu prahlen, dass ich den Ausgang des Bachelors vorher sagen kann. Heureka!

Akzeptanz

Nicht immer verstehe ich was andere Menschen so tun; warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten, wieso sie sind wie sie sind. Nicht immer stehe ich hinter den Entscheidungen anderer, finde sie klug oder nett. Was ich dennoch immer kann ist akzeptieren. „Akzeptanz beschreibt die uneingeschränkte Bereitschaft zur Hinnahme eines Sachverhaltes, einer Situation und/oder einer Person„, heißt es und was so leicht klingt, ist oftmals so unsagbar schwer.

Einen Sachverhalt hinnehmen; klar. Das klingt total machbar und ist es doch oftmals nicht. Genau genommen gerät man fast täglich in Situationen, in denen man etwas anders machen würde, eine Entscheidung dumm, sinnlos, gemein, unfair oder fahrlässig findet. Wenn ein anderer sich schlecht ernährt, einer zu viel raucht oder zu viel am PC sitzt. Wenn einer sich unangemessen kleidet, sein Geld für Müll ausgiebt oder nie ein gutes Buch liest, dann kann man das registrieren, kann seine Meinung haben – angehen tut es einen jedoch nichts. Akzeptanz bedeutet es hinzunehmen, die Entscheidung des anderen anzunehmen und ihm nicht die eigene Meinung aufzudrücken.

In meinem beruflichen Alltag ist es manchmal schwer mit der Akzeptanz. Ich arbeite mit schwer Suchtkranken Menschen, die täglich Entscheidungen treffen, die mich erschaudern lassen. Akzeptanz jedoch ist die Grundlage meiner Arbeit. Die Lebenswirklichkeit des einzelnen zu erkennen, Entscheidungen zu akzeptieren und dann, gemeinsam mit dem Klienten, Perspektiven aufzubauen, darum geht es. Meine Meinung, meine eigene kleine Welt, ist hier nicht gefragt und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das, was mein Gegenüber anstrebt.

Man muss nicht alles gut finden, was andere so machen. Ebenfalls ist es oftmals ok Bedenken, Sorgen oder Ideen zu äußern. Dennoch sollte Akzeptanz im Alltag, ob privat oder beruflich, oberste Priorität haben. Denn wenn wir einander nicht akzeptieren, können wir nicht auf Augenhöhe miteinander agieren. Und wenn wir das nicht tun, sind wir nunmal scheiße.