Nazis sind scheiße!

An der Straße stand eben ein Auto. Grau mattiert. Unter den schmalen Scheinwerfern waren Aufkleber angebracht, die fließendes Blut zeigten. Links und rechts vom Kennzeichen klebten Eiserne Kreuze, auf der Motorhaube war ebenfalls ein nobles, als Edelstahl gefertigtes Exemplar. Am Rückspiegel hing der Wimpel irgendeiner Vereinigung, Runen zieren das Konterfei. Das Kennzeichen enthielt viele Hs udn achten; wohl das Maximum, das seit dem Verbot bestimmter Kombinationen, zu bekommen ist. Das Auto wirkte ganz ohne Halter schwer bedrohlich.

Das A-Hörnchen sah es genau an, fragte dann, ob das nicht verboten sei. Ich verneinte und erklärte, dass ich es jedoch entsetzlich fände und am liebsten drauf pinkeln würde. A-Hörnchen nickte verständig und sah sich um. „Zu viele Leute! Autos anzupinkeln ist ja leider verboten.“ Hilflos starrten wir den Blech-gewordenen Ausdruck von Hass und Menschenverachtung an, sinnierten darüber, dass ja auch keiner was tut. Nach ein paar Minuten schloss das A-Hörnchen den Moment mit der Feststellung, dass er in Zukunft IMMER „Scheißverein“-Aufkleber mitnehmen werde. Man weiß ja nie.

Früher, in meiner frühen Sturm- und Drangphase, fanden wir es hoch revolutionär und sinnig den Mercedessen die Sterne abzubrechen. Mercedes fahren Bonzen, Bonzen sind Kapitalisten und Kapitalisten sind scheisse. Es war so einfach… Heute fahre ich selber Benz, bin kein Kapitalist und so sicher wie eh und jeh, dass ich Nazis auch in 20, 25, 50 und 100 Jahren noch scheiße finden werde.

Jean Paul Marat

„Was wäre ich ein guter Marat geworden! Ich könnte den ganzen Tag in der Badewanne sitzen und von der Revolution sprechen.“

Das sagte ich eben, als ich zu faul zum Aufstehen, danieder lag und den Kopf so sehr voller Flausen hatte. Jean Paul Marat lebte von 1743 bis 1793, er war Mediziner, Naturwissenschaftler, Schriftsteller und Revolutionär. Er veröffentlichte verschiedene Zeitungen zu Zeiten der Französischen Revolution, war Mitbegründer des ersten Justizgesetzes und immer ein Kämpfer für den einfachen Mann des dritten Standes. Entschieden ging er im Sinne der Revolution vor, kämpfte für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; teilweise, so sagt man, über alle Grenzen hinaus. So sei er der Initiator einiger großen Massaker in französischen Gefängnissen gewesen, bei denen tausende Revolutionsgegner zu Tode kamen.

Marat litt an einer chronischen Hauterkrankung, der Skofulose. Unerträglicher Juckreiz und Entstellungen machten ihn das Leben schwer. Wirklich zur Ruhe kam er in der Badewanne, in der er viel Zeit verbrachte. Dort verfasste er viele seiner Schriften, dachte und empfing sogar Besuch. 1794 wurde er von der Revolutionsgegnerin Charlotte Corday in der Badewanne seines Hauses ermordet. Sowohl Marat als auch die wenig später guillotinierte Corday gingen als Märtyer in die Geschichte ein.

Ich mag die Geschichten um Marat, weil sie die eines Radikalen sind, die eines großen Denkers und die eines Mannes, der anderes war. Auch heute braucht es Menschen an Orten, an denen sie gut sind. Menschen, die sich entwickeln können, die die Zeit und die Ruhe haben großes zu denken und ihren Geist einzusetzen. Und ja, vielleicht wiederholt sich die Geschichte – vielleicht muss es aber ja nicht die von Deutschland 1938 sein. Wie wäre es denn mit viel Solidarität und Kraft das Wirken von 1799 nachzudenken und Freiheit Gleichheit und Brüderlichkeit wieder zu Grundfesten des menschlichen Miteinanders zu machen?

Anmerkung: Ich spreche mich nicht bedingungslos für all das aus, was während der Französischen Revolution stattgefunden hat, imme dann wenn Menschen sterben, geht es mir entschieden zu weit. Dennoch mag ich den Gedanken der Solidarität und trage ihn gern weiter. Gemeinsam sind wir alle besser als jeder für sich.

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.

Im Zweifel für den Zweifel

Gestern Abend sah ich im Kino einen Dokumentarfilm über den G20 Gipfel in Hamburg 2017. Es war traurig die zahllosen gewalttätigen Übergriffe der Polizei auf Demonstranten zu sehen, die endlosen Repressalien. In vielen Interviews mit Anwälten und Hamburger Politikern sowie Demonstranten und Polizei wurde deutlich, dass die Eskalationen und zum Teil schwersten Verletzungen wenigstens billigend in Kauf genommen wurden, wenn nicht sogar teilweise von staatlicher Seite provoziert.

Nach dem Film war meine Stimmung gedämpft und während der Abspann begann, spielte das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“ von Tocotronic an:

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Und für die Pubertät

Im Zweifel gegen Zweisamkeit

Und Normativität

Im Zweifel für den Zweifel

Und gegen allen Zwang

Im Zweifel für den Teufel

Und den zügellosen Drang

Im Zweifel für die Bitterkeit

Und meine heißen Tränen

Bleiern wird mir meine Zeit

Und doch muss ich erwähnen

Im Zweifel für Ziellosigkeit

Ihr Menschen, hört mich rufen!

Im Zweifel für Zerwürfnisse

Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für Verzärtelung

Und für meinen Knacks

Für die äußerste Zerbrechlichkeit

Für einen Willen wie aus Wachs

Im Zweifel für die Zwitterwesen

Aus weit entfernten Sphären

Im Zweifel fürs Erzittern

Beim Anblick der Chimären

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Und die Unfasssbarkeit

Für die innere Zerknirschung

Wenn man die Zähne zeigt

Im Zweifel fürs Zusammenklappen

Vor gesamtem Saal

Mein Leben wird Zerrüttung

Meine Existenz Skandal

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Erstarrt vor Hilflosigkeit glotzte ich auf die vorbeilaufenden Buchstaben, die Namen und den Dank. Dann sickerte der Text des Liedes nach und nach zu mir durch.

„…gegen all den Zwang… für die Bitterkeit und meine heißen Tränen..“

„Im Zweifel für Ziellosigkeit

Ihr Menschen, hört mich rufen!

Im Zweifel für Zerwürfnisse

Und für die Zwischenstufen“

Und plötzlich dachte ich, ja! So ist es nämlich. Ziellosigkeit führt zu neuen Zielen, zu Orientierung. Zerwürfnis, Diskussion, das ist der Stoff, aus dem ein offener Geist, und aus dem neue Lösungswege gemacht sind. Stillstand, immer nur nicken und ja sagen, bloß nicht anecken und mit dem Strom schwimmen; das ist gefährlich.

„…für meinen Knacks …die äußere Zerbrechlichkeit…“

Ja bitte! Aufhören sich zu verstecken, jede Macke leben und die Welt mit sich selbst zu bereichern – das bringt Menschen weiter, das macht uns zu Individuen. Jede Eigenart macht und zu zauberhaften Wesen, denn im Grunde sind es nicht unsere Hautfarbe und Herkunft, in der wir uns unterscheiden, sondern unsere Macken und Eigenheiten – und die gilt es zu pflegen!

„… für das Zaudern und den Zorn..“

und eben dafür nicht aufzuhören zu kämpfen, zu strampeln und der zu sein, der man ist. Und, das ist unabdingbar, dazu beizutragen, dass die Welt immer ein kleines bisschen mehr die wird, die man sich wünscht. Im Zweifel für den Zweifel, für das selber denken, den erweiterten Horizont.

Nach dem Abspann war es besser. Ein kleiner Kampfgeist sitzt seither auf meiner Schulter, mit Lust zum Debattieren. Ein kleiner Revolutionär, der nicht vor hat, die ganze Scheisse einfach so hinzuhalten. Seine kleine Linke Faust streckt er in den Himmel und schreit laut „Viva la revolution“.

Tolstoi, Tolkien, Trotzki

Ich liege im Garten auf der Bank in der Sonne. Es ist friedlich, in meinem Kopf wäge ich die Vor- und Nachteile von Tolkien, Trotzki und Tolstoi gegeneinander ab, suche nach Parallelen und Unterschieden. Im Hintergrund piepen ein paar Vögel, meine Versen und Schulterblätter schlafen wegen der Harten Unterlage langsam ein. Es ist gut. Plötzlich dringt von ganz weit weg ein zarten Stimmchen in meinen Kopf: „Benjamin, du lieber Eleelefant..“ singt es während es sich kreisend um mich bewegt.

Tolkiens, Tolstoi, Trotzki, Elefant. Es wurde kompliziert. Eine Hälfte meines Gehirns schlief, die andere versuchte krampfhaft die zarten Elefanten zu integrieren. „Beeennjjaaaaamin, du liiiieeebbbeer Eeellleefant…“, die Stimme wurde lauter. Tolkiens Olifanten trampelten durch mein Unterbewusstsein. Stampf stampf. Tolstoi, Anarchie, Elefant. Ein Knoten im Kopf bahnte sich seinen Weg. Meine Hirnareale spielten Ping Pong mit dem Elefanten. Frontallappen; nicht zuständig! Mit Vernunft und Kontrolle hat das hier nichts zu tun. Der Elefant fliegt ins Limbische Sysem; nicht zuständig. Wenn dieser Elefant eine Emotion ist, kann ich sie nicht bewerten!

„BENJAMIN, DU LIEBER ELEFANT..!!“, brüllt es in meinem Kopf. Die Stimme ist ganz nah! Der Temporallappen springt an: Hier ist es!! Es ist ein Geräusch!! Der Elefant schwillt zur ganzen Herde an, endlich schaltet sich die Hirnrinde zu: Mein Gedächtnis erinnert mich daran, dass ich Kinder habe. Vorsichtig öffne ich ein Auge. Vor mir steht kein Elefant, auch Tolstoi, Trotzki und Tolkien sind nicht zu finden. Das D-Hörnchen steht singend neben mir. Er ist stolz, er kann jetzt das Lied von Benjamin Blümchen auswendig! Den Rest des Tages habe ich einen penetranten Ohrwurm. Und Elefanten im Kopf; und die Revolution.

Rosa Luxemburg

Heute wäre der Geburtstag von Rosa Luxemburg gewesen. Ich möchte dies zum Anlass nehmen einen Blick auf ihr Leben und vor allem auf ihren Mut zu werfen.

Rosa Luxemburg lebte von 1871 bis 1919. Heute ist sie ein Sinnbild für linke Politik und revolutionäre Gedanken. Sicherlich nicht falsch, dennoch viel zu wenig. Als Politikerin war sie aktiv, aber auch als Philosophin, Wissenschaftlerin und Autorin. Rosa Luxemburg dachte ganzheitlich, sie hatte Interesse am Menschen, daran ihn zu bilden und teilhaben zu lassen. In Zeitschriften, auf Kongressen und als Rednerin brachte sie ihr Bild von einem menschenwürdigen Leben unter das Volk und versuchte so, die Probleme an der Wurzel zu packen. Der Mensch an sich muss sein Leben anpacken, ihn hierzu zu bilden ist die Aufgabe der Revolution. Denn genau hier harkt es auch heute noch so jämmerlich. Den Menschen ein Sysem vorzusetzen, in das sie sich einsortieren sollen, funktioniert nicht. Identifikation, Würde und Partizipation sind dir Begriffe, auf denen Staatswesen beruhen. Nicht Macht, Angst und Unterdrückung.

Gegen diese drei letzteren versuchte auch Rosa Luxemburg sich immer wieder mutig durchzusetzen. Immer wieder verhaftet, immer wieder entlassen hörte sie nicht auf ihr Gestiges Gut zu verbreiten und für Ihre Ideale einzustehen. Heute bräuchten wir mehr mutige – die auch denken können. Denn leider sind es oft die Denker, die ihr Gut für sich behalten. Laut und mutig sind andere. Lässt uns lauter sein!

Halbjahrs-Arbeit

Zur Zeit arbeite ich mit einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden; mehr oder weniger regelmäßig. Denn gelegentlich ist eins der Hörnchen krank; gelegentlich alle 1-2 Wochen. Also, wenn es gut läuft bin ich also alle 2 Wochen für 30 Stunden die Woche auf der Arbeit. Wenn es schlecht läuft eben auch seltener.

Viel sinnvoller für mich, und viele andere betroffene Eltern, wäre ja ein Halbjahrs-Arbeismodell. Von April bis September arbeite ich gern und viel und zuverlässig, von Oktober bis März nur sporadisch. Ja, so könnte es gehen, denke ich als mir im selben Moment einfällt, dass ich dann ja den ganzen Sommer über… Nein! Das ist auch keine Lösung. Ich könne von April bis September gelegentlich arbeiten und von Oktober bis März sporadisch. Den September würde ich glatt anbieten voll zu arbeiten, in allen anderen Monaten ist es mir eigentlich zu viel.

Es ist erstaunlich, wie wenig das Prinzip „regelmäßige Erwerbsarbeit“ in mein derzeitiges Leben passt und wieviel ich dennoch auf mich nehme um es irgendwie passend zu machen. Traurig, und irgendwie unnötig. Gäbe es doch so viele Modelle, die Leben, Kinder und all das viel besser zusammen bringen können.

Ich muss jetzt los, arbeiten. Und danach plane ich die Revolution.