Safer use

„Safer use“ könnte man im Prinzip mit einer Aussage wie „wenn du das schon machen musst, dann wenigstens so sicher wie möglich“. Im Bereich des Drogenkonsums ist die Bandbreite an Safer use Empfehlungen riesengroß und deckt weit mehr als das Bestreben ab, kein HIV durch dreckige Spritzen zu bekommen. Safer use ist heute Bestandteil jeder Drogenberatung und ein elementarer Teil der Gesunderhaltung der Klienten. Die Ausgabe sauberer Materialien ist ein Bestandteil, die Aufklärung ein weiterer. Beratungen können in verschiedensten Settings stattfinden. Auf der Straße, im Konsumraum oder bei einem Kaffee im Büro.

Die Tatsache, dass gebrauchte Spritzen gefährlich sind und Hepatitis und HIV sich darüber spielend leicht verbreiten können, ist spätestens seit der Aids-Welle Anfang der 90er überall bekannt. Tatsächlich sind es aber weit mehr Kleinigkeiten die beachtet werden sollten um Schlimmeres zu vermeiden. Es gibt zum Beispiel sog. Drug Check Programme, in denen die Konsumenten ihren Stoff analysieren lassen können. Der stark schwankende Wirkstoffgehalt und die vielen Streckmittel sind eine große Gefahr. Auch sind bei weitem nicht nur „Fixer“, also die jenigen, die intravenös konsumieren, betroffen. Auch beim Rauchen oder dem nasalen Konsum gibt es vieles was man beschaten kann und sollte.

Die Grundfesten jeder Beratung sind letztlich die Hygiene und das Setting. Jede Komponente des Konsumvorganges sollte sauber und unbenutzt sein, denn infizieren kann man sich zB. auch an einem dreckigen Geldschein, den man zum sniffen benutzt. Auch Körperhygiene und der Ort, an dem man konsumieren möchte, spielen eine Rolle. Neben dem sauberen Setting, sind auch der Konsum in Ruhe und nicht allein absichernde Komponenten. Je besser man sich auf den Konsum konzentrieren kann, je sorgfältiger man arbeiten kann, desto geringer ist die Gefahr von Infektionen oder einer Überdosis.

Die genannten Bedingungen sind für die meisten Betroffenen schwer herzustellen. Parks, Hinterhöfe oder Toiletten sind häufige Konsumorte. Werder Hygiene noch Ruhe sind hier zu finden. In immer mehr Städten gibt es deshalb inzwischen Konsunräume, in denen unter hygienischen und kontrollierten Bedingungen konsumiert werden kann. Medizinisches Personal agiert hier im Notfall – nicht das Gesetz der Astra. Diese Räume retten in jedem Jahr tausende Leben – und ermöglichen den Konsumenten ein Stück Leben zurückzubekommen. Denn der elende Konsum in Toiletten und Gebüschen ist immer nur die Notlösung. Niemand will das; leider bleibt oftmals nichts anderes übrig.

Schwellenabbau und Akzeptanz

Die Schwelligkeit eines Hilfsangebots beschreibt, wie viel Aufwand und Struktur ein potentieller Nutzer mitbringen muss, um Hilfen zu erhalten. Ein hochschwelliges Angebot ist zum Beispiel das Job Center; der Nutzer muss einen Termin erbitten, diesen einhalten, ggf. lange waren. Er muss Formalien wie Fristen einhalten und Formulare ausfüllen. Für Menschen, die sich in prekären Lebensverhältnissen befinden, ist dies kaum zu schaffen. Frustration, Misstrauen sowie dir Hürden des Alltags machen es um ein Vielfaches komplizierter als es eh schon ist.

Niedrigschwellige Angebote versuchen genau an diesem Punkt anzusetzen und dem Nutzer das Nutzen so leicht wie möglich zu machen. Die Einrichtungen haben zu bestimmten Zeiten geöffnet, je länger desto besser, und nehmen die Nutzer wie sie kommen. Zusätzlich arbeiten viele Einrichtungen mit Streetworkern, die auf der Szene versuchen Kontakte zu knüpfen und Ängste abzubauen. Wichtig ist, zu jederzeit im Kopf zu haben, dass die potentiellen Nutzer in aller Regel schwer traumatisiert sind und viele eine enorme Furcht vor dem Hilfesystem haben. Fingerspitzengefühl ist angesagt!

Die Comeback gGmbH in Bremen ist ein solches niedrigschwelliges Angebot. Die Zielgruppe sind Drogenabhängige, die Leistungen vielfältig. Der Kern der Einrichtung ist ein Café in dem man sich aufhalten kann. Die Nutzer können hier zur Ruhe kommen, für ein paar Stunden dem harten Leben „da draußen“ entkommen. Es gibt kostenlosen Kaffee, ein günstiges Frühstück und mittags frisch Gekochtes für 1,50€. Viele kommen um zu plaudern, andere suchen Ruhe. Neben dem Aufenthalt im Café kann man Wäsche waschen, duschen, Lebensmittel von der Tafel bekommen oder sich in der Kleiderkammer ausstatten. Auch der Erwerb sauberer Spritzen und Verbandsmaterialien gehört dazu. Ein wichtiger Bestandteil der Einrichtung ist die medizinische Ambulanz, in der neben Wundversorgung zB. auch EKGs geschrieben werden können. Täglich sind hier ein Arzt und eine Krankenschwester im Einsatz und versorgen die jenigen, die es in einer Hausarztpraxis schwer hätten.

Natürlich sind es nicht das Mittagessen und die frischen Klamotten, die langfristig helfen. Die Problemlagen der Nutzer sind vielfältig und so arbeiten in jeder Schicht Sozialarbeiter, die sich den Problemen und Nöten annehmen. Mit viel Zeit und einem feinen Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen gelingt es dann, einen Draht zu den Nutzern aufzubauen und die wirklich pikanten Theman anzugehen. HIV und Hepatitis, Wohnungslosigkeit, Strafverfolgung gehören dazu, ebenso wie der Wunsch nach „Entgiftung“ und Therapie. Die Palette ist schier unendlich und jeder einzelne hat sein eigenes Päckchen zu tragen.

Manche Meschen begleitet man über Jahre, andere sind nur auf der Durchreise. Einige schaffen den Weg raus, in ein geregeltes Leben; viele nicht. Sucht ist eine schwere chronische Erkrankung. Das Leben, dass die Nutzer führen, ist hart, schmerzlich und nicht immer für uns Helfer nachvollziehbar. Deshalb ist eine wichtige Säule der Arbeit in diesem Bereich die Akzeptanz. Ich kann nicht alles verstehen, aber ich kann es akzeptieren!

Übrigens, die Drogenhilfe ist spärlich finanziert. Über Geld- und Sachspenden freuen sich Einrichtungen in jeder Stadt.

Mehr als nur ein Job

Eine Freundin und Leserin stieß vor einigen Tagen auf diesen Beitrag vom Juni 2016:

https://muetterchenfrost.wordpress.com/2016/06/22/letzte-tage/

Ich hatte mein Praktikum in der Drogenhilfe beendet und war beflügelt und inspiziert. Für mich war klar, da soll es hingehen!

Heute, zweieinhalb Jahre später, bin ich angekommen. Auf einigen Umwegen hat es am Ende geklappt. Seit Juni 2018 fahre ich jeden Morgen an den Ort, an den ich fahren möchte – in die Drogenberatungsstelle. Erst kürzlich sprach ich in einem Gespräch mit der Chefin aus wie es ist: Das war ich mache ist weit mehr als nur ein Job. Es ist Leidenschaft, Passion, Hingabe! Das Thema „Sucht“ fasziniert mich, die Menschen mit denen ich arbeite, ihre Geschichten, ihre Schicksale, motivieren und beeindrucken mich immer wieder und mein Antrieb ist nicht stumpf zu helfen, sondern etwas zu verändern.

In den kommenden Tagen werde ich mich der Drogenhilfe widmen, ihren Aufgaben, Klienten und ihren Problemen. Falls ihr Fragen habt, rund um die Themen: Sucht, Droge, Substitution – fragt bitte.