Ich bin bei dir

D-Hörnchen hatte heute zum ersten Mal Schwimmkurs. Im Gegensatz zu mir, wusste er nicht im geringsten was ihn erwartet. Er war aufgeregt und freute sich. Als wir die warme und überfüllte Umkleide betraten wurde er zunächst still. Schon während wir uns umzogen, begonnen die ersten Kinder zu schluchzen. Es war laut. Mit den ersten weinenden Kindern begonnen die ersten Mütter zu schimpfen. „Du wollest doch hier her!“ „Stell doch nicht so an!“ und „guck dir mal den da an, der heult auch nicht!“. Der Ton in der Umkleide war entsetzlich und ich versuchte meinem Kind zu vermitteln, dass alles gut ist.

Bei Übergang in das Bad wurde es noch hässlicher. Die Schwimmlehrer waren nett, keiner übte Druck auf die Kinder aus. Die Eltern hingegen liefen zu Hochtouren auf. Sie schimpften und schoben um die Wette. Das „nein“ eines Kindes zahlte nichts, es war ein Tränenmeer. Ich blieb dicht an meinem verwirren Kind. Ich stand Seite an Seite, Haut an Haut und es war gut. Vorsichtig und ängstlich folgte er dem Programm, eng an Mama und dennoch allein. Im Wasser angekommen begann er zu lachen, das Eis war gebrochen. Während ein Vater sein weinendes Kind ins Wasser warf und andere die ihren verbal erniedrigten, kauerte ich applaudierend am Beckenrand.

Bei jedem Kind, bei jedem Schwimmkurs habe ich derartige Szenen beobachtet und jedes Mal wieder bin ich erschrocken. Was tun diese Eltern ihren Kindern an? Ist ihnen denn nicht bewusst, was sie da tun? Das deutliche „nein“ eines Kindes zu ignorieren bricht alles in ihm. Ein nicht erhörtes „nein“ heißt übersetzt: „Was du denkst, ist mir egal.“ An stelle von Halt und Verständnis, von Sicherheit und Vertauen rückt Zwang, Macht und Unterdrückung. Die Kinder lernen nur eins: Du bist mein, dein Wille ist mir egal.

Das „nein“ eines Kindes ist etwas heiliges! Wer den Mut hat laut „nein“ zu sagen, sorgt für sich selbst. Ein „nein“ grenzt ab, schafft Luft und Raum für sich selbst. Es gibt Respekt, Sicherheit und Selbstbewusstsein. Und nur wer als Kind lernt „nein“ zu sagen, der kann es später als als erwachsener; im Job oder nachts, auf dem Weg nach Hause. Also bitte, Eltern dieser Welt; respektiert die Grenzen eurer Kinder. Hört ihr „nein“ und stärkt sie! Es lohnt sich.

Ein kleiner Schritt 

B-Hörnchen ist eine sehr gute Schwimmerin. Sie hat einen guten Stil und ist schnell. Auch das Rückenschwimmen macht ihr keine Probleme. Richtig großartig ist sie im Tauchen. Sowohl Tiefe als auch Strecke liegen ihr bestens. Da sie natürlich schon lange Seepferdchen und Bronze hat, arbeitet sie nun am Silberabzeichen. Die meisten Disziplinen bereiten ihr keinerlei Probleme, im Gegenteil! Sie hat sie spielend absolviert. Was nun noch fehlte war ein Sprung vom Dreimeter-Brett. Da es in dem Kurs-Bad, in dem meine Mädels schwimmen, keinen Dreier gibt, bot es sich an, den notwendigen Sprung heute auf dem Familienausflug ins Spassbad vom Bademeister quittieren zu lassen. 

Wohl war ihr bei dem Gedanken nicht. Trotzdem trauten sie sich tapfer direkt nach der Ankunft im Bad auf den Turm. Es klappte nicht. Drei Meter sind hoch und so kletterte mein Kind wieder runter. Ich tröstete sie und bestätigte sie in beide Richtungen. Keiner muss was er nicht will, wenn sie es aber will, dann glaube ich an sie. Zwei Stunden später probierte sie es erneut. Gemeinsam mit Papa enterte sie den Turm und verließ ihn abermals über die Leiter. Drei Meter sind hoch! 

Der Sprung quälte B-Hörnchen sichtlich und zufrieden war sie nicht mit der doofen Entscheidung. Immer wieder kam das Thema auf den Tisch und tiefe Sorgenfalten durchzogen ihr Gesicht. Dann wurde der Sprungturm ein weiteres mal geöffnet. Inzwischen waren noch einmal zwei Stunden vergangen. Ich nahm B-Hörnchen an den Händen und sagte ihr:“Jetzt oder nie, du kannst alles!“ Siegessicher ging sie los, starken Schrittes und mit klaren Blick. Sie stieg die Leiter empor und ging das Brett entlang. Wieder hielt sie am Ende desBrettes inne; und dann sprang sie! Noch in der Luft jubele ich erleichtert. Die Hörnchen und ich empfangen sie mit Applaus und auch der Bademeister war gerührt. Nun hat sie es schriftlich: B-Hörnchen kann alles, wenn sie es nur will!