Eine Demo

„Für sichere Häfen“ und „gegen die Kriminalisierung der Retter“ gingen heute in Bremen viele Menschen auf die Straße. Laut und Orange traf man sich um ein Zeichen zu setzten und dem Sterben im Mittelmeer ein Ende zu setzten. Dieses Mal war ich mit den Hörnchen da; Zeit für frühkindliche politische Bildung! Denn Kinder zu einer Demo zu schleppen ist ja nur eine Seite der Medaille. Viel wichtiger ist all das, was im Vorfeld abgelaufen ist. Was ist eine Demo, wozu? Wofür, wogegen und mit welchem Zweck macht man das? Und eine enorm wichtige Frage, die jedes Hörnchen erörtern musste: Will ich das denn machen?

Und so redeten wir, lange. „Demo“, das ist wenn ganz viele Menschen zusammenkommen um darauf aufmerksam zu machen, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt. Und da im Moment Menschen in Not sind und denen zu wenig geholfen werden kann, stimmt da etwas ganz gewaltig nicht. Wir sprachen über Flucht und Fluchtgründe und viel über die Gefahren. Entsetzen machte sich breit und trotz wohl gewählter Worte und kindgerecht aufbereiteten Informationen stand schnell fest: Wir gehen zu der Demo! Und so raffelten sie zusammen was Krach macht und zogen mit mir und meiner Freundin los. Eine halbe Demo und zwei Kundgebungen schafften sie eh die Luft raus war.

Auf dem Rückweg in der Bahn kamen wir noch einmal an der Demo vorbei. Ein Mann empörte sich über das Anliegen der Demonstranten und sprach sehr hässliches Zeug. A-Hörnchen sah ihn zweifelnd an und fasste treffend zusammen:“ Der muss einfach sehr dumm sein, wenn er will das Menschen sterben!“ Dem kann ich nichts mehr hinzuzufügen.

Kaum auszuhalten

Ich kann mich nicht erinnern, jeh mit der deutschen Politik zufrieden gewesen zu sein. Sicherlich bin ich ein wenig linker und vielleicht radikaler als die Bundesdeutsche Polit-Mitte. Während ich aber in den ganzen Jahren meinen Umgang damit gefunden hatte, gerate ich immer mehr an meine Grenzen. Es ist kaum auszuhalten was dort passiert und in meinem Kopf rast das „was soll man tun-Karussell“. Hilflosigkeit mischt sich mit Wut und Verzweiflung und nach und nach wird mir klar, wenn keiner war macht, passiert auch einfach mal nix.

Was also tun? Unbezahlten Urlaub nehmen und ans Mittelmeer reisen. Boote kaufen, Menschen retten? Eigentlich ja. Und plötzlich sind sie da, die inneren Wiederstände, die guten Gründe, nichts zu tun. Mich selbst in Gefahr bringen, die Komfortzone der Familie zu verlassen – das sind gewaltige Schritte. Nicht hier zu sein, nicht sicher sagen zu können was die Zukunft bringt; nein das kann ich nicht. Oder? Müssten das nicht eigentlich alle, oder zumindestso viele, dass ganz deutlich wird, dass der Tod von tausenden nicht toleriert wird? Was setzt man schon auf’s spiel? Den Job, den Wohlstand. Ein paar Wochen mit der Familie und vielleicht den nächsten Urlaub; all das für ein paar Leben.

Ja! Eigentlichsollte es das mir wert sein. Und mit jedem Tag wächst mein schlechtes Gewissen, nichts zu tun. Was wenn in 40 Jahren die Enkel fragen: „Habt ihr nichts gewusst? Da starben Menschen!“? Was sagt man dann? Dass man zu feige war, zu geizig. Zu viel Angst hatte den eigenen Lebensstandard zu verlieren? Oder lügt man, so wie es die Generationen vor uns taten, und sagt: „Das hat doch keiner gewusst!“