Eine Demo

„Für sichere Häfen“ und „gegen die Kriminalisierung der Retter“ gingen heute in Bremen viele Menschen auf die Straße. Laut und Orange traf man sich um ein Zeichen zu setzten und dem Sterben im Mittelmeer ein Ende zu setzten. Dieses Mal war ich mit den Hörnchen da; Zeit für frühkindliche politische Bildung! Denn Kinder zu einer Demo zu schleppen ist ja nur eine Seite der Medaille. Viel wichtiger ist all das, was im Vorfeld abgelaufen ist. Was ist eine Demo, wozu? Wofür, wogegen und mit welchem Zweck macht man das? Und eine enorm wichtige Frage, die jedes Hörnchen erörtern musste: Will ich das denn machen?

Und so redeten wir, lange. „Demo“, das ist wenn ganz viele Menschen zusammenkommen um darauf aufmerksam zu machen, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt. Und da im Moment Menschen in Not sind und denen zu wenig geholfen werden kann, stimmt da etwas ganz gewaltig nicht. Wir sprachen über Flucht und Fluchtgründe und viel über die Gefahren. Entsetzen machte sich breit und trotz wohl gewählter Worte und kindgerecht aufbereiteten Informationen stand schnell fest: Wir gehen zu der Demo! Und so raffelten sie zusammen was Krach macht und zogen mit mir und meiner Freundin los. Eine halbe Demo und zwei Kundgebungen schafften sie eh die Luft raus war.

Auf dem Rückweg in der Bahn kamen wir noch einmal an der Demo vorbei. Ein Mann empörte sich über das Anliegen der Demonstranten und sprach sehr hässliches Zeug. A-Hörnchen sah ihn zweifelnd an und fasste treffend zusammen:“ Der muss einfach sehr dumm sein, wenn er will das Menschen sterben!“ Dem kann ich nichts mehr hinzuzufügen.

Schluss

Als ich 1993 den Film „Schindlers Liste“ sah, war ich ganz besonders von Amon Göth angewiedert, der morgens, zu seiner eigenen Belustigung, KZ-Haflinge vom Balkon aus erschoss. Diese Kaltblütigkeit, diese abartige Offenheit mit Willkür zu arbeiten hat mich tief getroffen. Lange habe ich nicht mehr an diese Szenen gedacht, einfach weil mir lange nichts vergleichbar ekelhaftes mehr begegnet ist. Bis jetzt, also genauer gesagt bis zum Seehofer-Geburtstag und den unfassbaren Geschmacklosigkeiten rund um die Abschiebung von 69 Menschen.

Denn plötzlich ist es wieder da, das Leid und der Tod einzelner, die von einem anderen, mächtigeren, zu seiner eigenen Belustigung und Inszenierung genutzt werden. Wiederlich und abartig, überhaupt einen solchen Gedanken fassen zu können, unfassbar grausam einen derartig bizarren Zusammenhang herzustellen. Das nun noch bekannt wurde, dass einer der Menschen sich das Leben nahm, macht es zwar noch grausamer, steigert an der Ekelhaftigkeit des gesamten Exzesses nichts mehr.

Menschen nach Afganistan (oder in eines der vielen anderen Länder) abzuschieben bedeutet, ihren wahrscheinlichen Tod nickend in Kauf zu nehmen. Ein Land, in dem Krieg, Terror und Verfolgung herrschen, ist lebensgefährlich; PUNKT. An dieser Stelle ging es kein Aber, keine weiteren Ausschweifungen. Einen Menschen weiter als Minister zu billigen, der den Tod Tausender in Kauf nimmt und sich auf Kosten derer Witze erlaubt, die unter ihm zu leiden haben, ist schlicht falsch. Seehofer gehört geschmissen, abgeschoben und ignoriert.

Wer mir grad noch einfällt sind Menschen wir Sophie Scholl und Georg Elser… Schluss mit ja-sagen!

Kaum auszuhalten

Ich kann mich nicht erinnern, jeh mit der deutschen Politik zufrieden gewesen zu sein. Sicherlich bin ich ein wenig linker und vielleicht radikaler als die Bundesdeutsche Polit-Mitte. Während ich aber in den ganzen Jahren meinen Umgang damit gefunden hatte, gerate ich immer mehr an meine Grenzen. Es ist kaum auszuhalten was dort passiert und in meinem Kopf rast das „was soll man tun-Karussell“. Hilflosigkeit mischt sich mit Wut und Verzweiflung und nach und nach wird mir klar, wenn keiner war macht, passiert auch einfach mal nix.

Was also tun? Unbezahlten Urlaub nehmen und ans Mittelmeer reisen. Boote kaufen, Menschen retten? Eigentlich ja. Und plötzlich sind sie da, die inneren Wiederstände, die guten Gründe, nichts zu tun. Mich selbst in Gefahr bringen, die Komfortzone der Familie zu verlassen – das sind gewaltige Schritte. Nicht hier zu sein, nicht sicher sagen zu können was die Zukunft bringt; nein das kann ich nicht. Oder? Müssten das nicht eigentlich alle, oder zumindestso viele, dass ganz deutlich wird, dass der Tod von tausenden nicht toleriert wird? Was setzt man schon auf’s spiel? Den Job, den Wohlstand. Ein paar Wochen mit der Familie und vielleicht den nächsten Urlaub; all das für ein paar Leben.

Ja! Eigentlichsollte es das mir wert sein. Und mit jedem Tag wächst mein schlechtes Gewissen, nichts zu tun. Was wenn in 40 Jahren die Enkel fragen: „Habt ihr nichts gewusst? Da starben Menschen!“? Was sagt man dann? Dass man zu feige war, zu geizig. Zu viel Angst hatte den eigenen Lebensstandard zu verlieren? Oder lügt man, so wie es die Generationen vor uns taten, und sagt: „Das hat doch keiner gewusst!“

Der Horscht

Seehofer. Es ist mir ein gewisses Bedürfnis, dazu noch was zu sagen, aber gibt es denn nich was zu sagen? Was bleibt, wenn alles gesagt, alles ausgesprochen ist? Genau! Mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Und da ich damit jetzt aber auch fertig bin, sage ich halt doch noch was.

Da gibt es also einen alten Mann in Bayern, der ein nicht ganz unrepräsentatives Amt in einer nicht ganz aber dennoch sehr rechten Partei bekleidet, und dieser alte Mann hält sich für eine Art lieben Gott und möchte gern, dass alle ihn auch so behandeln. Vor allem aber möchte er selbst so handeln, denn er ist der Horscht, und der Horscht weiß was gut ist. Und gut ist es zum Beispiel, Menschen auszusperren, in Lager zu setzen oder im Meer ertrinken zu lassen. Gut ist es auch, der Polizei viel Macht und Handgranaten zu geben, und gut ist es auch, jeden und alle und alles immer und überall im Auge zu haben. Das weiß der Horscht alles.

Was der Horscht leider nicht weiß ist, dass es Menschen gibt, die anders denken als er. Und eigentlich weiß er noch nicht mal, dass diese anderen, die da ertrinken und so, auch Menschen sind. Auch mit dem Recht des Einzelnen hat er es nicht so sehr, oder damit dessen Schutz. Für den Horscht zählt Horscht. Und wie bei einem vierjährigen, der nicht bekommt was er will, so ist es auch beim alten Horscht. Der ist nun wütend, weil die anderen nicht das machen wollen, was der Horscht für die Welt vorgesehen hat – obwohl der ja der Chef ist; oder zumindest fast. Und deshalb sagt er, dass er jetzt geht. So!

Dumm nur, dass er das dann vielleicht doch nicht will und lieber noch bleibt, außer er geht. Also eigentlich, um ganz genau zu sein, möchte er schon gern gefragt werden, ob er nicht bleiben möchte. Und ein Lolly, der wäre auch toll. Und ein neues Einwanderungsgesetz, und die Lager eben. Die Lager wären auch gut.

Kontrollierte Zentren

Inklusion schreit die Politik seit einigen Jahren. Alle sind gleich und wir heben Unterschiede auf. So versucht man es zumindest in beruflichen und schulischen Angelegenheiten mit deutschen Personen, die ein „Handicap“ haben. Alle anderen Anderen schiebt man nun in Konzentrationsla…. Entschuldigung; Kontrollierte Zentren.

Das Konzept ist, nicht nur von der NS-Regierung der 30er und 40er Jahre, bewährt. Minderheiten oder eben andere Andere, die man als Gefahr, störend oder sonst irgendwie problematisch erachtet, sperrt man ein. In einem Lager kann man Menschen super kontrollieren. Das Individuum verliert schnell seinen Glanz, alle werden zu einer Masse. Professionen, Verwandschaften, Fähigkeiten, all das wird aufgehoben. Aus Persönlichkeiten, Namen und Geschichten werden Positionen in einer Liste. Mittels gnadenloser Hoffnungslosigkeit bricht man den letzten Willen der Menschen und macht sie gefügig. Flucht erscheint schnell ausweglos, wohin soll man noch fliehen wenn es keinen Ort mehr gibt, an dem man als Person existiert und alle anderen einen nicht mehr haben wollen. Früher oder später wird man den Menschen arbeiten anbieten. Niedere, einfache Tätigkeiten. Gut gegen Langeweile, gut für die Wirtschaft.

Schon beim Schreiben beklemmt es mich massiv. Wir hatten das alles! Menschen, Persönlichkeiten und Lebensgeschichten gehören nicht ins Lager. Menschen gehören in ihr Leben; wo auch immer sie das hinverschlägt. Wor sind alle gleich, oh bitte! Habt euch doch einfach lieb und sehr, dass ihr so unglaublich viel voneinander profitieren könnt. Menschen einzusperren, nur weil sie von allem Verlassen, auf der Flucht und entwurzelt sind; wer tut denn sowas? Sprachlos!

Bamf II

Gestern nahm ich Stellung zu dem soganennten Skandal um das Bamf, das angeblich unerlaubt Asylbewerbern gestattet hat hier in Deutschland zu bleiben. Heute möchte ich etwas genauer hinsehen. Eine Leserin bat mich die Rolle der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge zu betrachten.

Exemplarisch für die tausenden von jungen Menschen, halben Kindern und Teenagern, die in den Jahren hier angelandet sind, stellen wir uns also einen 16 jährigen Teenie in Syrien vor. Mutter tot, Vater verfolgt. Würde dieser Junge in Deutschland leben, deutscher Staatsbürger sein, würde er bereits an dieser Stelle als schwer traumatisierte gelten. Er bekäme alle Hilfen dieser Erde um den Verlust der Mutter zu verkraften, die Familie bekäme Schutz. Unser Teenie ist aber nicht in Deutschland. Er lebt in Syrien, er bekommt nichts; nur Angst.

Der verfolgte Vater beschließt mit dem Jungen zu fliehen. Sie lassen alles zurück, Haus, Freunde, Familie, den Ort an dem man immer gelebt hat. Sie machen sich auf eine lange, beschwerliche und lebensgefährliche Reise. Würde die Familie in Deutschland leben, waren an dieser Stelle alle Behörden alarmiert. In Syrien ist die Flucht jedoch der bessere, der sicherere Ausweg. Für einen Teenie ist es ein schweres Trauma alles zurück zulassen, inklusive der Erde, auf der die Mutter starb.

Auf der Monatelangen Flucht wird das Geld knapp. Schlafen im Freien, Kälte und Hunger machen jeden Tag zu einer Qual. Der Vater des Jungen wird schwächer. Er schafft es nicht. Als Vollwaise schlägt er sich allein durch, hilflos, allein gelassen und voller Angst. An was soll man sich halten, wenn alles was man erfährt Schmerz, Elend und Angst ist. Da es für den Rückweg allein zu spät ist, zieht der Junge weiter. Immer mit der Masse, nach Europa. Nach Monaten erreicht er ein Auffanglager in Deutschland.

Endlich angekommen und auf Hilfe hoffend, ausgezehrt udn schwer traumatisierte von den vergangenen Monaten wird nun geprüft. Ob er wirklich 16 wäre, ob er wirklich allein sei. Anstatt sorgsam mit den seelischen Wunden des Teenies umzugehen, zwingt man ihn immer und immer wieder seine Identität zu beweisen, seine Geschichte zu erzählen. Für einen traumatischen Menschen ist dies eine Qual. Während das Gehirn versucht die Ereignisse zu vergraben, sie unzugänglich macht, zwingt das Außen zum Graben. Helfen würde hier eine gute, sensible, langjährige Therapie – sicher aber keine Befragungen.

Nach weiteren Monaten des Wartens im Lager bekommt der Junge eine Aufenthaltserlaubnis. Er darf bleiben. In der letzten Zeit hatte er zaghaft erste Schritte in sein neues Leben gemacht. Eine Schule besucht, die neue Sprache erlernt und endlich Kontakt zu netten Menschen hergestellt. Sogar seine schweren Verluste durfte er endlich vorsichtig bearbeiten, es ging voran.

Seit einigen Wochen nun ist es wieder aus mit der Ruhe. Der Skandal um die Asylverfahren lässt alles wieder aufkochen. Aus wohlwollenden Mitmenschen werden plötzlich Zweifler. Jeder, Asyl bekommen hat, muss sich nun rechtfertigen. Ist das alles rechtes? Haben die dich vielleicht auch einfach nur durchgewunken? Ging es dir denn wirklich so schlecht? Und an dieser Stelle ist es nicht das Bamf, dass die Wellen hochschlagen lässt, es sind die von den Medien aufgepeitschten Bürger, die wieder zweifeln, wieder skeptisch sind.

Liebe Leute, wer alles zurück lässt, sich Monate lang auf eine furchtbare Flucht begiebt, wer friert und hungert, in kauf nimmt, dass Familienangehörige sterben, der tut dies weil die Situation im eigenen Land es verlangt. Jeder, der diesen Scheiss auf sich nimmt, sucht Hilfe, weil er Hilfe braucht. Oder was müsste alles passieren, damit DU noch heute mit einem Rucksack, deinem Pass und deinen Kindern losziehst; nach Finnland.

BAMF

Das Bamf Bremen ist derzeit in aller Munde. Auch mich lässt das nicht kalt. Hat doch das Bamf in rund 4500 Fällen offenbar falsch entschieden. Um es zu sagen wie es ist: Die Menschen im Amt haben gemacht, dass Flüchtlinge, die gar nicht ganz in akuter Lebensgefahr schweben, hier bleiben durften. Ein Skandal, so Seehofer. Ein Skandal, so ganz Deutschland.

Ein Skandal, sage ich auch. Jedoch funktioniert meine Welt da etwas anders herum. Ich kann nicht verstehen, was das Problem sein soll; Menschen suchen Zuflucht, Menschen bekommen Zuflucht. Wer um Hilfe bittet, dem wird geholfen, Not ist doch schließlich nicht in eine Norm zu quetschen. Wie soll man denn aus dem muckelig warmen Büro, zwischen Frühstück und Mittag entscheiden, ob die Not eines anderen so groß ist, dass sie ein Hier-bleiben rechtfertigt. Albern!

Der wahre Skandal ist in meiner Welt ein ganz anderer und befasst die jenigen, die nicht hier bleiben durften. Weil sie nur ein bisschen Hungern, oder in ihrer Heimat nur ein paar Bomben fallen. Weil in ihrem Land nur eine fast radikale Miliz regiert oder nur jedes 2. Kind verhungert. Was um alles in der Welt maßen sich Menschen an, die über Leid und Not und Bedürfnis anderer entscheiden. Es kotzt mich so an!

One world

In einem Gespräch mit den großen Hörnchen ging es um sogenannte Ausländer und deren Rolle in Deutschland. Wir sprachen über den Seehofer’schen Heimatbegriff und die damit verbundenen Themen von Freiheit und all sowas. Irgendwann schlug das A-Hörnchen vor, einfach „ein Land zu machen, in dem alle Ausländer sind“. Ich war entsetzt und zweifelte an meiner Erziehung. Das A-Hörnchen wiederum verstand gar nicht, worüber ich so entsetzt war. Er sah mich fragend an und erläuterte dann:

„Wenn es einfach alles ein Land wäre, ohne Grenzen und ohne eigene Politik, wenn alle überall hingehören würden, dann wäre es doch ein Land. Dann wäre alles eine Welt und keiner wäre falsch.“

Mein kluges Kind, wie recht du hast! Normen sind es, die Menschen in die Andersartigkeit zwingen. Grenzen und Besitz sind es, die Krieg und Vertreibung erst möglich machen. Gier und Ungerechtigkeit sind es, die Hunger und Not wachsen lassen, und es dem Großteil der Weltbevölkerung nicht möglich machen, sicher und zufrieden zu leben. Wenn der Mensch aufhören würde sich über Besitz und Macht zu definieren, wenn Menschlichkeit, ein großes Herz und die Bereitschaft zu teilen Attribute wären, die für die Mächtigen erstrebenswert sind, dann wäre allen geholfen. Und dann hätten wir ein großes Land, in dem wir alle Ausländer sind – oder eben auch nicht.

Heimat im Herzen

In Deutschland gibt es wieder einen Heimatminister. Für mich das das so erschreckend wie unnötig. Heimat, alles was ich mit diesem Begriff assoziiere hat nichts mit Politik oder dem Land zu tun, in dem ich lebe. Heimat ist nichts, das durch eine übergeordnete Stelle kultiviert oder definiert werden kann. Ebenso ist die Heimat nicht normierbar. Sie hat nichts mit Nationalität oder Landesgrenze zu tun, benötigt keine Einschränkung von Außen.

Der Versuch die Heimat eines Volkes durch einen Minister zu definieren ist absurd. Die Welt ist in Bewegung, in den Köpfen vieler Menschen verschwimmen Grenzen zunehmend. Wir sind mobil, vernetzt und flexibel. Der ewig gestrige, der durch einen staubigen Heimatbegriff an Haus und Hof gekettet wird, ist ein Auslaufmodell. Der Begriff „Heimat“ und die damit verbundenen Assoziationen der Politik bedienen einzig und allein die jenigen, die von unserem vielfältigen, aktiven Leben abgeschreckt sind und vor lauter Angst und Schrecken nur noch den Hass als Ventil haben.

Heimat; das was ich als Heimat habe, das trage ich im Herzen. Das braucht keinen Minister und keine Partei. Meine Heimat ist das Gebüsch vor dem Haus, die Sandkiste im Garten und der Geruch, wenn ich mittags von der Schule komme. Heimat hat jeder, die braucht keinen Staat. Wie wäre es denn mit einem Ministerium für Freiheit? An der fehlt es wirklich!