Quartett

Im Adventskalender waren heute vier Quartetts. Im Vorfeld hatte ich jedem Hörnchen eins zugedacht, dass seinen Interessen halbwegs nah kommt und so gab es giftigen Tieren für das A-Hörnchen, eins mit Pferden für das B-Hörnchen, Meerestiere für C-Hörnchen und für D-Hörnchen Feuerwehrautos. Der Plan war gut, ich wusste das. Als ich am Morgen runter kam, sass das B-Hörnchen zufrieden vor ihrem bereits ausgepackten Pferdekarten.

25 Minuten bis alle vier das Haus verlassen mussten.

C-Hörnchen hielt mit angeekeltem Gesichtsausdruck die giftigen Tiere in der Hand und traute sich nicht die Ekelviecher auszupacken. D-Hörnchen freute sich auch über die Meerestiere, während A-Hörnchen etwas verwirrt aber mit Fassung ein Spiel mit Feuerwehr-Autos in der Hand hielt. Nein, freuen tat er sich nicht, das sah man deutlich, aber er schwieg. Schnell war klar, ich hatte fast alles vertauscht. Nun gut, ist ja nicht so schlimm, dachte ich. Ich tat überrascht kund, dass ich da einen Fehler gemacht hatte und das nicht jeder das hat, was er haben sollte. Für mich war die Angelegenheit dumm gelaufen, ich entschuldigte mich und dachte es sei damit gut. Haha

In 20 Minuten mussten alle los zur Schule

Das Drama nahm seinen Lauf. D-Hörnchen krallte sich an die Meerestiere vom C-Hörnchen, schnell flossen die ersten Tränen; erst beim D-Hörnchen und dann schnell auch beim C-Hörnchen. B-Hörnchen stimmte mit ein und das große A-Hörnchen stand stoisch guckend neben der Szene. D-Hörnchen kreischte mit jeder Sekunde mehr und mir ging mächtig die Düse.

15 Minuten bis zum Aufbruch zur Schule.

Keiner hatte gefrühstückt, drei heulten, einer schwieg. Was für ein Quartett. Es kostete mich eine Menge Geduld und Fingerspitzengefühl den Knoten zu lösen. Ich hatte einen fatalen Fehler gemacht und dessen dramatisches Ausmaß nicht erkannt. Am Ende waren alle zufrieden, hatten gefrühstückt und drei verließen pünktlich das Haus. Das D-Hörnchen, der am aller meisten geschrien hatte nicht tauschen wollen und plötzlich Feuerwehrautos hasste, zeiget im Kindergarten allen stolz sind Errungenschaft.

Und ich hatte das Quartett gewonnen. Vier Hörnchen zur richtigen Zeit, im richtigen Zustand am richtigen Ort.

Jeder vor seiner Haustür

Das A-Hörnchen hat Unfug getrieben. In der Schule hat er das Buch eines Mitschülers versteckt, leider kam es dabei zu Schaden. Als er zu der Sache befragt wurde, verleugnete er. Hässlich, zugegeben; aber kein Drama. Am Geschehen beteiligt war ein anders Kind, seine Rolle unklar. Gestern Abend rief mich dann die Mutter an.

Es gäbe Probleme, A-Hörnchen hat… Schlagartig hatte ich das Gefühl mit D-Hörnchen zu diskutieren, hörte aber dennoch weiter zu. Meiner hat, aber deiner auch, und deiner mehr und meiner eigentlich unfreiwillig; soweit so gut. Dann holte sie aus. Meiner sei recht gestört, das sagen auch andere. Meiner sei nicht normal, auch das wissen andere. Meiner sei ein Problem, das der anderen und ihrs und sein eigenes. Meiner ist falsch und isoliert und überhaupt müsse ich dringend handeln. Und sie müsse das auch, denn Ihrer würde durch meinen schon schaden nehmen. Das müsse ich auch mal sehen.

Es kostete mich alle Nerven, warscheinlich drei Lebensjahren und einige Telefonate um klarzustellen, dass ich das Handeln meines Sohnes deutlich nicht befürworten. Viel weniger aber kann ich die massive Grenzüberschreitung der anderen Mutter akzeptieren. Wir alle sehen unsere Kinder und die der anderen. Wir alle erziehen, mehr oder weniger bewusst, nach bestimmten Parametern, Werten und Prioritäten. Meine Aufgabe als Mutte ist es nicht, die Parameter, Werte und Prioritäten der anderen zu bewerten und zu überprüfen. Die Aufgabe jedes Elternteils ist es schlicht, das eigene Kind so zu erziehen, dass es zu den eigenen Wünschen und Werten und all dem und am Ende auch in diese Welt passt, also in der Lage ist, irgendwann ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen.

Unfug gehört dazu. Jetzt, mit 11 ist es ein. Verstecktes Buch oder eine geklaute Mütze, später werden es heimliche Zigaretten, Zündeleien oder andere Missetaten sein, die uns stets daran erinnern, unsere Wertesysteme zu überprüfen. Niemals aber sollte man beginnen die Systeme anderer zu überprüfen oder gar schlecht zu reden. Jeder in seinem Ramen, jeder vor seiner Haustür. Ernsthaft Kritik zu äußern ist mit Sicherheit den Pädagogen in Kita und Schule gestattet, ebenso sicher einigen engen Freunden. Nicht jedoch denen, die im Vorbeigehen meinen mein Kind oder unsere Erziehung beurteilen zu können. Fegt gern euer eigenes Laub. Meins gefällt mir gut.

Greena

Gestern Abend um 22.00 klingelte mein Telefon. Meine Mama rief aus dem Urlaub an. Sie waren am Seewasseraquarium in Greena/ Dänemark vorbei gekommen und da musste sie mich anrufen.

Vor ungefähr 25 Jahren waren wir schon einmal in Greena. Ich war damals ein angehender Teenager, bereit die Welt zu beherrschen nur leider noch etwas unbeholfen. Nach dem Eitritt in das Aquarium kam es zum Streit. Ich wollte A, meine Familie wollte B. Natürlich weiß ich nicht mehr im entferntesten, worum es ging. Jedoch war es wichtig, elementar wichtig. So wichtig, dass ich völlig außer mir geriet und furchtbar kämpfen musste. Ich verließ die Familie und zog einige Zeit allein durch’s Aquarium; unendlich wütend. Die Familie hatte sich inzwischen ins Bistro gesetzt und etwas zu trinken bestellt. Immer noch kochend vor Wut kam ich dazu. Meine Mama schob mir ein Glas Fanta rüber, bot Frieden an. Ich groß das Getränk wie von Sinnen auf den Tisch und rastete aus. Wegen A oder B oder dem Ende der Welt.

Heute, 25 Jahre später, können wir über diesen Tag lachen. Damals muss es für meine Eltern entsetzlich gewesen sein. Den Inhalt eines Teenie-Kopfes zu verstehen ist schier unmöglich und die Masse an Emotionen zu lenken für alle Beteiligten eine riesen Herausforderung. Ich war eine Bestie, damals. Ich habe meine Eltern traktiert, in den Wahnsinn getrieben und um jeden Millimeter Freiheit gekämpft. Und bei all dem Theater, dem Streit und dem Stress war es jeder Millimeter wert, hat mich jeder Disput zu dem gemacht, was ich heute bin.

Ich hoffe, dass auch meine Kinder kämpfen werden, dass sie sich sicher genug fühlen um das zu tun. Und ich hoffe, dass ich die Kraft meiner Eltern haben werde diese Rebellionen zu ertragen und eines Tages über sie lachen zu können.

Immer motzt du

Ich möchte ins Bad und starte die Aktion mit den Worten: „Ich gehe jetzt ins Bad und möchte dort mal eben meine Ruhe haben.“ So gehe ich durch die Tür, schließe sie und tue was man so tut. Nach 5 Minuten geht die Tür auf. C-Hörnchen kommt rein, setzt sich zufrieden auf den Klodeckel und legt los.

Einige Minuten lang hält sie einen Vortrag über die Vor-und Nachteile verschiedener Reiterhosen; ich hatte gar nicht danach gefragt. Nach zwei Minuten bitte ich sie höflich zu gehen und Verweise auf meinen Wunsch nach Privatsphäre. C-Hörnchen schüttelt den Kopf und plappert weiter. Ich bitte sie etwas energischer zu gehen. Abermals schüttelt sie den Kopf. Ich sehe dem Hörnchen in die Augen und sage ein letztes mal freundlich:“Geh raus!“. Nichts passiert. Nun schreie ich. „RAUS!!“ fetzt es durch den Raum. C-Hörnchen springt auf, geht zur Tür und heult im Rausgehen: „Immer musst du motzen!!!“. Fassungslos bleibe ich zurück. Woher dieser Protest, was macht das? Was ist so attraktiv daran, einen anderen zur Weißglut zutreiben und dann selbst daran zu verzweifeln?

Die Antwort ist leicht: Es ist die Abgrenzung. Kinder im Grundschulalter beginnen sich als autonome Persönlichkeiten wahrzunehmen. Während Kleinkinder eins mit der primären Bezugsperson sind, und auch Kindergartenkinder immer noch Teile ihrer Person über die Bezugsperson definieren, stellen Grundschüler fest: Ich bin ein Ich! Diese junge Konstrukt muss nun erprobt werden. Wie stabil ist mein Wille, wie viel kann ich durch mich erreichen und was passiert, wenn ich mein Wollen gegen das der Bezugsperson stelle? All diese spannenden Fragen klären Kinder im Alter von sechs bis etwa Zahn Jahren. Sie tun dies nicht um Eltern in den Wahnsinn zu treiben oder sich selbst als besonders oppositionell herauszustellen. Der Grund für diese Abgrenzungen ist, dass die Kinder sich zu selbständigen Wesen formieren, die dann schlussendlich stark genug sind, die eigene Pubertät und die damit verbundenen Veränderungen zu überstehen. Sich von Bezugspersonen abzugrenzen heißt letztlich nur, sich zu sich selbst zu bekennen, die eigenen Bedürfnisse zu erfassen und ihren Wert zu sehen. Wer als junger Mensch lernt sich abzugrenzen, hat es auch als erwachsener in aller Regel leichter sich selbst nicht zu verlieren. Und wer es schafft im Alltag bei sich zu bleiben, der hat für sein Leben und vor allem für seine psychische Gesundheit viel gewonnen.

Hörnchen hat…

In etwa jeder zweite Satz eines Hörnchens beginnt so:“Mama, Hörnchen hat…!“ …hat geärgert, hat geschrien, hat gehauen, hat weggenommen,… Alle haben sie und alle machen sie es selber. Schon bei dem Beginn eines solchen Satzes stellen sich mir die Nackenhaare auf und ich habe schlagartig schon keine Lust mehr zuzuhören. Hat hat hat, immer wieder und vor allem immer wieder die selben banalen Dummheiten.

Vorhin waren A-, B- und C-Hörnchen Inliner fahren im Park. Abends ging der Menne sie einsammeln. Als das C-Hörnchen auf ihn zu fuhr, quäkte sie schon von weitem:“Papa!! A-Hörnchen hat..“. Der Menne schaltete augenblicklich auf Durchzug und bekam zum Glück dennoch mit, dass C-Hörnchen den Satz mit folgenden Worten beendete:“… mir beigebracht wie man bremst!“

Es ist so wundervoll wenn sie sich verstehen! Und ganz genau betrachtet tun sie das ziemlich oft. Nun ja, ebenso ziemlich oft streiten sie auch, zugegeben. Aber tief im Herzen, da haben sie sich lieb.

Paradoxe Intervention

Es gibt Zeiten,in denen ist das Klima hier etwas rau. A-Hörnchen motzt alles und jeden an, alles weiß er besser. Ins besondere C-Hörnchen reagiert darauf mit heftigen Protest. Gleichzeitig ist es C-Hörnchen, die immer wieder das D-Hörnchen nervt und bevormundet, so dass er außer sich gerät. Auf diese Bevormundungen reagieren wiederum A- und B-Hörnchen mit Reglementierungen in Richtung des C-Hörnchens, was diese zum erneuten Protest ermutigt.

Ja, manchmal ist es zum weglaufen. Die ständige Gereiztheit schlägt, vor allem dem Menne und mir, massiv auf’s Gemüt. Und das bekloppte ist, wettert man immer noch dagegen, wird es in nu noch ungemütlicher. Verhext, denn nichts dazu zu sagen, kommt faktisch auch nicht in Frage. Heute morgen hatte ich dann eine bahnbrechende Idee:

Immer wenn jemand quängelt, motzt oder jammert, sagen wir: „Hansterkäfig!“, schreit einer: „Stoooop!“, „lass das“ oder ähnliches in einer beschriebenen Konfliktsituation, sagen wir „Kaninchenstall!“. Klingt hirnlos? Ist es aber nicht!

Durch das Einbringen der vollkommen unpassenden Worte geschehen zwei Dinge. Zum einen wird der abgenutzte Konflikt unterbrochen, zum anderen wird verdeutlicht, wie oft der immer selbe Dialog zwischen den verschiedenen Parteien geführt wird. Dadurch, dass wir aber als Intervention nicht meckern, sondern etwas sinnloses sagen, verschlechtert die Intervention nicht zusätzlich das Klima. Paradoxe Intervention ist der Fachausdruck für dieses irre aber manchmal sinnvolle Vorgehen. Und was auch in der klinischen Praxis gelegentlich erfolgreich ist, kann doch hier nicht so schlecht sein.

Für Immer!!

„Wollen wir Winter spielen?“ fragt das D-Hörnchen seine Schwester. C-Hörnchen entgegnet ein kurzes „nein“ und will schon gehen. Da baut sich das D-Hörnchen drohend vor ihr auf und zischt: „Dann bin ich nicht mehr dein Bruder!“ C-Hörnchen denkt herrisch die Hände in die Hüften, setzt ihr klügstes Gesicht auf und erklärt: „Du bist immer mein Bruder. Sogar wenn du weggehst! Immer mein kleiner Bruder.“ D-Hörnchen schießt das Wasser in die Augen, verzweifelt schluchzt er: „Ich bin nicht klein!“ , C-Hörnchen aber holt zum finalen Schlag aus und fügt noch hinzu: „Hier wirst du immer der ganz kleine sein; kannst Papa fragen!“

D-Hörnchen zuckt. Eine Sekunde hält er inne, danach werden seine Gesichtszüge ernst und kraftvoll. Er sieht zu seiner großen Schwester auf, fixiert ihr Gesicht und schmettert ihr entgegen: „Hnd dafür wirst du hier immer die Doofste sein!“

Suchen und Finden

Heute Morgen gab es Streit. Das A-Hörnchen konnte seine Brille nicht finden und ich war stark genervt von seiner Schludrigkeit. Wir stritten ausgiebig ohne jeden Erfolg oder Sinn, die Brille blieb verschwunden, ich wütend und er auch. „Wie kann man so dämlich sein?! Wie kann einem das denn bitte passieren…“ mottete ich vor mich hin und so ging er zur Schule und ich machte mich auf den Weg zum Auto.

Da es bei uns wenig Parkplatz gibt, ist es manchmal nicht leicht. Heute suchte ich 10 Minuten lang nach dem Auto und lokalisierte es erst mit Hilfe des Mennes am Telefon. Endlich am Auto angekommen stellte ich fest, dass der Autoschlüssel nicht da war. Ich kochte innerlich und konnte es doch nicht ändern. Der Schlüssel war offenbar im Haus, ich draußen und uns trennte das Schloss. Ich rief meine Schwiegermutter an, sie hat den Ersatzschlüssel. 15 Minuten später öffnete sie mir mein Haus.

Der Schlüssel war nicht da. Nicht an seinem Platz, nicht in meinen Taschen, Jacken und auch sonst an keinem Ort. Zu meiner Wut mischte sich eine gewisse Verzweiflung. „Wie kann man so dämlich sein?! Wie kann einem das denn bitte passieren…“ dümpelte es in meinem Kopf herum. Entnervt stapften wir noch einmal gemeinsam die Straße auf und ab und da lag er, mitten auf einer Straße; mein Schlüssel.

Wenn das A-Hörnchen kommt muss ich mich dringend entschuldigen. Zwar weiß ich immer noch nicht, wie einem SOWAS passieren kann, jedoch passiert es halt. Manchmal, jedem.

Von Menschen und Mäusen

C-Hörnchen kommt genervt in die Küche gestapft. „Meine Pippi Langstrumpf CD ist weg und B-Hörnchen guckt nicht nach ob sie die hat!“ Ich bitte das Kind dieses Problem mit ihrer Schwester selbst zu klären und wende mich wieder meiner Wäsche zu. C-Hörnchen trampelt wütend nach oben. Nur drei Minuten später betritt B-Hörnchen die Küche:“ A-Hörnchen guckt nicht nach ob er meine Drachenzähmen-CD hat!!“ Ich schlage mir an den Kopf. Anschließend versuche ich dem B-Hörnchen das Prinzip von „Was du nichts willst das man dir tut das füg auch keinem anderen zu.“ Ich bitte auch sie das Problem selbst zu klären; Wäsche.

Dieses zwischenmenschliche ist doch eine Krux. Obwohl alle Hörnchen ganz bestimmt die leichte Anleitung zum Miteinander sicherlich faktisch verstehen, ist es ihnen manchmal nicht möglich sich gut zu behandeln. Obwohl sie alle Grundlagen von Familie und Respekt im Herzen tragen, sind sie phasenweise einfach doof.

Für meine Hörnchen ist das Geschwistergefüge ein optimales Trainingsfeld. Zu einander können sie hemmungslos doof und gemein sein. Geschwistern kann man mal weh tun, die kann man mal sticheln. Zum einen weiß jeder, dass die Welt hinterher wieder im Lot ist und im Notfall ist da ja immer noch Mama. Die tröstet und macht am Ende alles heil. Vielleicht also ist diese Sichtweise sogar eine kleine Erleichterung die vielen Streitigkeiten im Alltag zu ertragen. Sie tun es um zu üben – und vor allem weil sie es sich trauen. Weil ihr Umfeld so sicher ist, dass die vielen kleinen Gemeinheiten und Sticheleien am Großen und ganzen nichts verändern. Eigentlich doch ein gutes Zeichen!