Ein Neurologe könnt ihr helfen

Seit der Pubertät leide ich unter Kopfschmerzen. Viele Jahre lang habe ich versucht sie zu ignorieren, eine Hebamme war es, die mir 2007 zum ersten Mal die unsichere Diagnose „Migräne“ gab. Seit dem habe ich diverse Ärzte und Mittel ausprobiert. Alles blieb ohne ernsthaften Erfolg, das meiste sogar ganz ohne. Selbst über die Ursache ist man sich uneinig. Spannungen, Stress oder doch die Hormone? Mir ist es fast egal, denn keine der infrage kommenden Ursachen kann ich ganz ausschalten. 

Da es in den vergangenen Tagen wieder einmal sehr fies war, ging ich abermals zum Arzt. Zum ersten Mal schlug man mir nun vor zum Neurologen zu gehen. So telefonierte ich mich heute morgen durch die Stadt. Die erste Praxis bot mir einen Termin in Dezember an. Ich lehnte dankend ab und telefonierte weiter. Eine halbe Stunde später rief ich erneut in der ersten Praxis an. Dezember klang inzwischen himmlisch! Einen Neurologen zu finden, der ein so altes Problem behandelt, ist eine hohe Kunst. Natürlich verstehe ich, dass es nicht akut ist und dass es viel schlimmere Dinge gibt. Aber 6 Monate… 

Mein großer Wunsch während der Schulzeit war es Medizin zu studieren. Ich bin mir sicher, ich wäre eine gute Ärztin geworden. Ich liebe den Körper und seine Funktionen. Ich hätte dieses Studium voller Leidenschaft  absolviert und wäre für diesen Traum überall hingegangen. Leider ist das System „Uni“ anders aufgebaut. Und so hinderte mein schlechtes Abi mich an der Medizin. Bis heute finde ich das traurig und nicht zu verstehen. Wie kann ein Land, dass so einen Ärztemangel hat, willigen Menschen Steine in den Weg werfen. Die Eignung für einen Beruf zeigt sich nicht über die Note im Abi. Und umgekehrt zeigt die Note im Abi nichts über den Abiturienten. Ich habe neben der Schule viel (25 Std.) gearbeitet und war schon zu Hause ausgezogen. Ich führte ein selbstständiges Leben und hatte leider wenig Zeit für die Schule. Aber was genau sagt das nun über meine Eignung für ein Studium aus? Gar nichts! Und deshalb wäre es so sehr an der Zeit, etwas an diesem System zu ändern. Ein besser Arzt wird nicht, wer während der Schulzeit von dominanten Eltern zu Höchstleistungen gedrillt wurde und ein besserer Jurist ist man dadurch ebenfalls nicht. Chancengleichheit ist an der Reihe. Und das gilt im übrigen auch für die geschundenen Kreaturen, die mit 18 Jahren so gar keine Lust auf ein Studium haben. Alles ist möglich und Schulnoten sind nunmal für den Arsch. 

Ein Hauchvon Nichts

Wenn ein Mensch in den Ruhestand geht sagen ihm schon Jahre vorher alle, er soll sich dringend ein Hobby suchen. Gegen die Langeweile und das drohende Nichts. Müttern ist ebenfalls klar: Wenn die Kinder ausziehen ist alles anders, Nutzlosigkeit, Langeweile und Mitlife Krises drohen unmittelbar. In Zukunft sollte sich eine weitere Personengruppe in diese Aufzählung einreihen: Studenten ! 

Tatsächlich bin ich in den vergangenen vier Wochen in etwas ähnliches geraten. So ein uuumpf, so ein Loch. Zu viel Zeit und zu wenig zu tun. Ich glaube ich beginne schon komische Dinge zu tun und irgendwie strukturlos zu werden. Ich dümple so durch meine freie Zeit ohne Sinn und Auftrag und mit nur einem Ziel: Dem Aufbruch zur Arbeit. So kommt es zu sinnvollen Vormittagen, an denen ich primär auf dem Küchenstuhl sitzend darauf warte, dass ich los muss. Endlich los. Und während ich mich vor wenigen Tagen noch beschwerte, dass meine Tage mit Job zu sehr fremdbestimmt sind, stelle ich nun fest, dass sie es gleichzeitig aber auch viel zu wenig sind. Ich bin so freivon  Freizeitgestaltung, dass mich mein Nichts am Ende viel mehr stresst als es ein Vollzeitjob könnte. 

So ist das nächste Zeil leicht bestimmt: Ich brauche ein Hobby; und nein ich werde nicht Häkeln;) Irgendwas cooles, sinnloses aber am besten schwer sinnvoll. Billig und einfach zu erlernen. Sowas wie.. ja?! Was denn nur?

Semesterende und Frühlingsanfang 

Was für ein Tag! Der Garten auf Vordermann, die Sonne scheint. Mächtig Besuch und ein Lagerfeuer. Sieben Kinder und drei Erwachsene als Wächter über das Chaos und endlich mal wieder ein Tag unter freiem Himmel ohne zu frieren. 

Ein besonderes Anliegen war es mir mein Studium zu beschließen, in dem ich hunderte Karteikarten, die ich immer zum lernen benutzt habe, feierlich verbrannt habe. 

Zum Abschluss des Tages gab es Nudeln mit Sauce; aus dem Feuer. Besser geht es kaum! Als besonderes Schmankerl Klamotte das A-Hörnchen mir was auf der Gitarre, romantisch am Lagerfeuer. Himmlisch!

VPN

Im Oktober 2010 erklärte mir ein Professor an der Uni ausführlich, wozu ich ein VPN brauchte und wie ich es mir einrichten könnte. VPN, das seht für ??? und bewirkt, dass man wegen irgendwas ganz einfach auf Daten von der Unibibliothek zugreifen kann, oder so. All die Jahre fand ich immer wieder Wege mit Mittel dieses Dings zu umgehen. Meistens fanden sich Kommilitonen die das Benötigte schon auf dem Rechner hatten und alles war gut. 

Nun steht meine aller aller letzte Uni-Klausur an. Um mich auf diese vorzubereiten brauche ich viel Literatur. Ganz viel! Wieder fehlte das der dieses VPN, wieder sprangen Kommilitonen ein. Am Ende fehlte ein einzelner Artikel von vier Seiten Länge. In der Bibliothek verwies man mich an VPN, der Verlag verwies mich auf die Möglichkeit 58€ zu zahlen. Verdammt! 

Ich versuchte es ernsthaft. Vom Mac, vom Handy, vom IPad. Nichts zu machen, ich weiß nicht was klemmte, aber es klemmte enorm. Kein VPN, kein Artikel. Kann denn das sein? Am Abend setzte sich der Menne an seinen Rechner. Binnen 15 Minuten hatte ich meinen Artikel. Klasse! Und dafur habe ich jetzt 6,5 Jahre studiert. Damit mein Mann nun endlich kapiert, dass ER das machen muss. 

Kleiner Staatsakt 

Heute eilte ich mit drei Gesandten zu einem wichtigen Termin. Ich hatte eine Unterschrift zu leisten, eine dieser wichtigen Unterschriften, die von bestimmen Personen an bestimmten Tagen geleistet werden müssen. Da die Staatskarosse den Kanzler persönlich kutschierte, blieb mir nur der städtische Gesindelexpress; wir fuhren Bahn. Es regnet und der Weg hatte es in sich. Fußwege, Umsteigen und Wartezeiten. Es war kein Vergnügen. 

Angekommen am Ort des Geschehens lief alles glatt. Problemlos durchliefen wir dem Epfang und die Gesandten wurden als seltener Besuch freudig begrüßt. Meine Ankunft wurde an der entsprechenden Stelle kund getan und so gelangten wir mittels eines Aufzugs in das  4. Obergeschoss. Laues Licht und seichte Musik machte das ankommen zu einem angenehmen Gegenprogramm und brachte uns in Stimmung. Die Gesandten waren in spannender Erwartung und sprachen kaum vernehmbar. Dann traten wir durch die Tür in dein besetztes Großraumbüro. Man begrüßte erst die Gesandten, dann mich. Wir nahmen Platz; zwei von uns am Tisch und zwei darunter. Die Gesandten bekamen Lollis und ich einen Stapel Papaier. 

Personalbogen, Schweigepflicht, Ärztliche Anweisungen, Führungszeugnis, Betriebssport, Zusatzrente und dann, nach 20 Minuten lesen und ausfüllen endlich – mein Arbeitsvertrag! Ich unterschrieb während die Gesandten die Personaltante bequatschten und war erleichtert, glücklich und zufrieden. Ab 1. Februar werde ich meine erste Stelle als Psychologin antreten. Wow! Keiner der Gesandten hatte auch nur die leiseste Ahnung davon, wie wichtig dieser Termin für mich war, für Sie zählte der Lolli. Für mich war es die Bestätigung all meiner Mühen. Es hat sich gelohnt, all das lernen, das Pauken. Das Lesen, das Schreiben und die Qualen. Nun ist es fast geschafft. Am 31.1. ist ein letztes Referat an der Uni und am 1.2. beginnt dann der nächste Abschnitt. 

Übernommen?

Plötzlich weiß ich nicht ob ich mich vielleicht dieses Mal doch übernommen habe. Das letzte Semester hat es in sich. Ich hatte es unterschätzt, in etwa 100% seiner Inhalte. Und da ich dachte es wäre alles so locker hatte ich mir locker lustig die Bachelorarbeit gleich mit in dieses Semester gelegt. Und dann ist da noch dieser Nebenjob. Alles allein gut zu schaffen, aber im Quartett mit dem Quartett hier zu Hause…

Nach gründlicher Analyse meiner Situation habe ich beschlossen in den kommenden Monaten ein wenig die Arschbacken zusammenzukneifen. Jedes einzelne Element lässt sich nicht wirklich entschärfen und so bleibt mir nur eins: Augen zu und durch. Und sollte dieser Trip im psychischen  Waldbrand enden, kenne ich ja eine ganze Kohorte von fast-Psychologen, die mich wieder auf die Beine stellen kann. 

Ich bin nicht gut in langsam, und noch viel weniger darin einfach ein bisschen weniger zu machen. Und so passiert es, während ich  meinem Umfeld predige es langsam angehen zu lassen und an aller erster Stelle auf sich selbst zu achten, dass ich mich doch etwas in meinem Wust verzettel. Und trotzdem freue ich mich schon heute auf den Tag im März oder April 2017, an dem all das hinter mir liegen wird und ich diesen blöden Zettel bekomme, auf dem steht, dass ich es geschafft habe. 

Endspurt 

Morgen beginnt mein letztes Semester an der Uni. Und was eigentlich Grund zur Freude biete sollte, weckt in mir nur Unmut. Ich mag nicht mehr zur Uni. Ich habe keine Lust mehr auf Studenten und Vorlesungen und Gruppenarbeit. Ich will meine Ruhe… Die Luft ist raus, ich habe fertig!

Zu Anfang machte mir das alles Spaß. Ich traf junge Studenten und knüpfte Kontakte. Dann kam die erste Elternzeit, meine Kommilitonen studierten weiter und ich bekam das C-Hörnchen. Nach einem Jahr ging ich wieder an die Uni; ich knüpfte neue Kontakte und es kostete mich erneut einige Mühe mich in die bestehende Gruppe zu integrieren. Es folgte die nächste Elternzeit. Auch diese Kommilitonen sind inzwischen längst fertig mit ihrem Studium und ich muss wieder an die Uni. 

Ich weiß genau was vor mir liegt. 180 Studenten, grosse Sääle, Gruppenarbeiten, Hausarbeiten,… Um das gemeinsame KlimBim werde ich nicht drunrum kommen. Also heißt es ab heute wieder: Kontakte knüpfen, das Gefüge verstehen und loslegen. Ein letztes Mal, um diesen Abschnitt dann in drei Monaten endlich hinter mir zulassen. Uff…

Zum letzten Mal

Zeit für ein wenig Sentimantalität. Ich habe eben mein letztes Semesterticket geklebt. Semestertickets sind Fahrkarten der Uni, mit denen man unglaublich billig unglaublich viel Bus, Bahn und Zug fahren kann. Seit Oktober 2010 habe ich dieses Prachtstück besessen und es mal mehr und mal weniger benutzt. Vollkommen konsequent hingegen habe ich vergessen es jeweils am Stichtag 1.10. und 1.4. zu erneuern. Hierdurch wurde es an genannten Stichtag jedesmal ungültig, was mir konsequent und regelmäßig erst bei der ersten Kontrolle nach dem Stichtag auffiel. 

In diesem Monat habe ich es zum 1. Mal rechtzeitig geschafft. Zum letzten Mal. Und außerdem habe ich endlich das nicht ganz unkomplizierte Prozedere des umklebens verstanden, das aus meinen einfachen Semesterunterlagen jedes Mal einSemesterticket  zaubert. Eine Art Origami für angehende Akademiker. Wer das nicht schafft, der hat es nicht verdient. Es erleichtert mich also durchaus, dass ich es dieses Mal, im 12. Durchgang endlich hinbekommen habe. Ganz genau rechtzeitig eben. 

Ende in Sicht

Die Tage werden kürzer und meine Bachelorarbeit länger. Das ist warscheinlich auch der Grund dafür, dass ich hier so wenig schreibe. Gefühlt sitze ich an meinem Küchentisch und die Welt wird auf großen Rollen an mir vorbei gezogen. Um neun setzte ich mich und und dann, ganz plötzlich muss ich die Kinder abholen. Meine neuste Errungenschaft: Eine Putzhilfe. 

Da war nix mehr zu machen. Man kennt das ja, in Prüfungsphasen ist die Bude am saubersten. Oder aber ich verwhrlose; und mit mir meine Lieben. Nichtsdestotrotz, es geht voran, es geht gut voran und ich hoffe mich zeitnah wieder anderen Dingen zuwenden zu können. Zum Beispiel meinem letzten Uni-Semester, das ab Oktober mit Anwesenheitspflicht lockt. Verlockend; nein. Gar nicht. Aber ein notwendiges Übel auf dem Weg in die verordnete Minderwertigkeit. 

Denn je näher ich dem ‚Bachelor‘ komme desto deutlicher wird mir, dass er keinen Abschluss im eigentlichen Sinne darstellt. Er beschämt mich, scheint so unvollkommen und vom Munde abgespart. Schade.