Fuck cancer

Zwischen „Sie haben Krebs“ und „sie ist tot“ lagen genau drei Wochen. Wieder einmal hat der Krebs zugeschlagen, hat mir einen Menschen genommen. Heute, zwei Tage nachdem Jens Spahn über Twitter bekannt gab, wie man Krebs vermeiden könne:

Jeder kann seinen persönlichen Kampf gegen Krebs heute beginnen. Wie? So: Nicht (mehr) rauchen, sich mehr bewegen, gesund ernähren und die Haut vor UV-Strahlung schützen

Was sich liest wie ein schlechter Witz, ist nichts anderes als eine bodenlose Respektlosigkeit gegenüber den Bettoffenen und deren Angehörigen. In Wahrheit ist Krebs überall. Die Frage scheint nicht zu sein, ob man ihn bekommt sondern wann. Ja, es gibt eine Reihe begünstigender Faktoren und ja, Rauchen und Sonne gehören sicher dazu. Die Liste der Karzinogenen Stoffe, die von der WHO herausgegeben wird, umfasst aktuell 116 Stoffe – viele davon alltäglich. Dieselabgase, Ruß, gepökeltes Fleisch, hormonelle Verhütungsmittel oder Holzstaub. Unsere Lebenswelt ist Menschenfeindlich und das rächt sich – oh Wunder.

Zusammenfassend ist wenig zu sagen. Krebs ist ein Arschloch, er lähmt uns, macht einen hilflos und verfolgt keine guten Ziele. Das wichtigste aber ist, dass niemand Schuld am Krebst ist. Die Entstehung der diversen verschiedenen Arten ist nicht erforscht, die Liste der 116 Risikofaktoren ist garantiert unvollständig und somit weiß keiner von uns, was richtig oder falsch ist. Was wir beeinflussen können ist die Qualität unserer Zeit auf Erden. Verbringen wir diese nicht mit Angst und einem schlechten Gewissen! Unser Job hier ist zu leben; so gut und qualitativ wertvoll wie wir es hinbekommen. Risikofaktoren zu umgehen ist selbstverständlich, niemand bringt sich absichtlich in Gefahr. Und dennoch trägt jeder von uns das eine oder andere Laster, raucht, trinkt zu viel oder tut sonstwas. Leben kann nicht nur Obacht sein. Leben muss auch anders, denn sonst war es am Ende keins. Und das verzeihen wir uns nie.

Wenn der Tag gekommen ist

Heute wird mein Opa beigesetzt. Für mich eh ein negativ-Highlight; ich mag es einerseits dieses letzten Tag zu begehen, lege viel Wert auf das Drumherum. Andererseits fällt es mir wahnsinnig schwer mit der Endgültigkeit umzugehen. Verstehen, dass jemand wirklich weg ist, tue ich erst am offenen Grab. Als besondere Herausforderung gehen die drei großen Hörnchen mit. Für sie war es keine Frage, dass sie sich auch von ihrem Uropa verabschieden wollen. Und so haben wir in den letzten Wochen viel geredet, gedacht und auch zusammen geweint. Kindliche Trauer hat wenig mit dem zu tun, was wir großen kennen. Hinzu kommt, dass jede Altersstufe eigene Bedürfnisse und Mechnaismen hat.

Das A-Hörnchen ist analytisch an die Sache herangegangen. Was ist passiert, wie ist der Mensch gestorben? Was passiert danach? Er hat sich auf biologischer Ebene erklären lassen, was tot bedeutet, blieb bis heute sachlich. Er hat ein wenig geweint, konnte aber schnell wieder Fassung gewinnen und zu seiner analytischen Herangehensweise zurück finden. Gelegentlich kamen ihm, wie aus dem Nichts, Fragen auf. Diese konnte er kurz und knapp stellen und sie sich beantworten lassen. So schnell wie das Thema kam, war es dann auch wieder erledigt.

B – Hörnchen hat bisher wenig Emotionen gezeigt. Sie hat kurz geweint, sich kurz alles erklären lassen und das Thema dann zu den Akten gelegt. Auch ob sie mit zur Beisetzung möchte, hat sie erst spät entschieden. Sie macht alles mit sich, in ihrem Kopf aus. Von außen ist es schwer ihre Trauer zu sehen, vor allem aber bereitet es mir Sorge. Es bleibt die Hoffnung, dass sie so gut für sich sorgt, dass am Ende alles gut ist und sie ohne Knoten im Herzen aus der Sache heraus geht.

C – Hörnchen trauert auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie überdenkt alles dreimal gut, macht sich um jeden Schritt Sorgen. Geht es dem Opa gut dort wo er jetzt ist? Ist das Grab auch schön genug? Was soll ich zur Beisetzung anziehen? 1000 Fragen schwirren ihr durch den Kopf und so versucht sie auf diese Art und Weise, dass nicht begreifliche irgendwie in Kategorien zu fassen. Dies gelingt ihr nur rudimentär, denn der Verstand ist schon viel zu wach um sich mit Fantasiegespinsten abspeisen zu lassen. Auf der anderen Seite wird ganz deutlich, dass noch nicht ausreichend Verständnis für Leben und Tod da ist, um auch nur in Ansätzen zu verstehen was geschehen ist.

Das D-Hörnchen erlebte den Verlust phantastisch. Er versteht von all dem Tod und Leben noch recht wenig, sich vorzustellen, dass ein Mensch ganz und gar weg ist, ist in fast unmöglich. Somit hat sein Köpfchen eine ganz eigene Realität geschaffen. Ohne mein Zutun ist der zu dem Entschluss gekommen, dass der Opa zu den Wolken gefahren ist, sein Körper gebröselt ist und der Opa uns jetzt von dort oben zu sehen würde. Von diesem Moment an fiel es dem D – Hörnchen leicht sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Alles hat seine Ordnung, alles war logisch und erklärbar. Freudig hatte im Kindergarten gespielt, dass er der Friedhof-Mann ist und alle Leichen ausbuddeln muss.

So hat jeder seinen eigenen Umgang. Meine Aufgabe ist es, jeden so vorzubereiten, dass er den Tag gut überstehen kann und sich gut aufgehoben fühlt. Diese ersten Erfahrungen mit dem Tod sind prägend für das ganze Leben und in erster Linie wünsche ich jedem meiner Kinder, dass sie einen guten und vor allem angstfreien Umgang mit dem Tod finden. Denn genau das ist es, was vielen Erwachsenen fehlt. Der Tod, und alles damit verbundene, ist nichts vor dem man große Angst haben muss. Vielleicht ist es nicht zu begreifen, nicht zu verstehen und irgendwie komplex. Beängstigend aber sollte es nicht sein.

Ziele des Terrors

Stunden nach dem Unglück in Berlin will das Land geschützt werden. Poller sollen um die Weihnachtsmärkte, und Polizisten. Am besten Polizisten mit Pollen. Und Maschinengewehren. Und Hunden! Vergesst nicht die Hunde. Möglicherweise, so kommt es einem vor, ist doch die mangelnde Sicherheit an allem schuld, oder wer? In Zeiten von Angst, Panik und Unsicherheit werden Lösungen gesucht und zur Not an den Haaren herbei gezogen, aber helfen Poller gegen Terror? Und wenn nicht, was hilft denn dann gegen den Terror?

Terror ist ein Machtmittel. Das Ziel des Terrors ist es das Sicherheitsgefühl der Menschen anzugreifen, sie aus der Reserve zu locken und somit für einen so empfundenen Missstand zu sensibilisieren. Die Toten und Verletzten bei den Anschlägen sind nur Beiwerk, quasi ein Kolateralschaden der Aufmerksamkeit. Die Ziele, also das World Trade Center, der Marathonlauf oder die Promenade in Nizza, werden ausgewählt, weil sie eine breite Fläche bieten und besonders schockieren. Es geht viel weniger um die Anzahl von Toten und Verletzten, vielmehr sind diese das in Kauf genommene Resultat der getroffenen Wahl. Die entführten Flugzeuge vom 11. September folgen nicht aus dem Grund in die Twin Towers weil dort besonders viele Menschen sterben würden. Die vollbesetzten Flugzeuge wurden zur besten Geschäftszeit in die Türme geflogen, weil die vielen Toten, Verletzten und die allgemeine Katastrophe besonders viel Aufmerksamkeit erregen würde. Die Gestorbenen und Verletzten werden somit zum Mittel zum Zweck, sie werden eingesetzt um uns abzuschrecken, uns Angst zu machen und uns davon abzuhalten unbeschwert zu leben. Wir selbst halten den Terror so am Leben, wir lassen ihn Teil unseres Lebens werden, Teil unseres Alltags und füttern ihn somit jeden Tag.

Was hilft also gegen den Terror? Poller und Polizisten sind es ganz bestimmt nicht! Gegen den Terror hilft es, ihn am Arsch zu lecken, ihn zu mißachten und ihn verhungern zu lassen. Angst sollen wir haben, starr sollen wir sein, zu erschrocken um zu denken, zu furchtvoll um zu leben. Unser Weihnachten will man uns verderben und uns in Trauer fangen. Drauf geschissen! Liebe Menschen, lebt weiter. Trauert um die Toten, pflegt die Verletzten und feiert das Leben. Wir sind freie Menschen und haben nichts zu verstecken. Geht auf Konzerte, besucht Weihnachtsmärkte und Einkaufszentren und lebt das Leben. Liebt eure Lieben und seit einfach besser.

Der Terror ist offenbar Teil unseres Lebens, so wie Zahnschmerzen und Norovieren. Aber mal im Ernst, denken wir an Wurzelbehandlung und Magen- Darm- Infekte wenn wir grade gesund sind? Haben wir jeden Morgen Angst davor Zahnschmerzen zu bekommen oder Spucken zu müssen? Im Leben nicht. Lasst uns unsere Wunden lecken, die Krankheit auskurieren und dann weiter leben. Und der Terror, dieser fiese Infekt, schlägt eh wieder dann zu, dann wenn wir ihn nicht erwarten. Denn Terror ist kreativ! Und wenn wir jetzt alle Weihnachtsmärkte mit Pollen umstellen, dann wird das nächste Ziel ein anderes sein. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Der nächste Anschlag wir kommen. Trotz aller Vorkehrungen, trotz Hände waschen und zähne putzen. Keiner weiß wann, was oder wo. Er wird Menschen töten, verletzten und in Angst und schrecken versetzten. Er wird uns schockieren und wir werden trauern. Und dann sollten wir weiter leben. Frei und unbeschwert.

Wo es wirklich weh tut 

Was D-Hörnchen gestern Nachmittag hatte, sah für die meisten aus wie ein klassischer Wutanfall. Tatsächlich aber war es tiefe und traurige Enttäuschung was meinen kleinen Jungen da befallen hatte. 

Er und ein anderer Junge hatte das gleiche Auto mit in die Kita gebracht. Ein knallroter Lightning McQueen, ein echtes Liebhaberstück. Als ich zum Abholen kam war nur noch ein Auto da. Beide Jungen waren sich sicher, dass es ihres war, in Wahrheit war es nicht zu erkennen. Ich war da, die Mama des anderen Jungen noch nicht. So beschloss man, das Auto zu verwahren bis das Problem am kommenden Tag geklärt werden konnte. 

D-Hörnchen brach vollkommen zusammen. Blanke Wut quoll aus jeder Pore. Er schrie und tobte. 45 Minuten lang versuchte ich ihn zu beruhigen und ihm deutlich zu machen, dass das Problem morgen geklärt werden würde. Nach 45 Minuten waren wir immerhin am Weg vor der Kita angekommen. Das D-Hörnchen tobte ausdauernd und ich lobte das C-Hörnchen für ihre sagenhafte Geduld. 

Da wurde plötzlich der andere Jubge abgeholt. Stolz und siegessicher ging er an uns vorbei und band dem weinenden D-Hörnchen taufrisch auf die Nase, dass das Auto nun in seinem Rucksack wäre. Da war es aus. 

Die Wut des D-Hörnchen wandte sich in grenzenlose Enttäuschung und Trauer. Das hatte gesessen. „Mama! Hilf mir!“ Schrie der Wurm immer wieder, doch es half alles nichts. Das Auto zog von dannen, samt Kind und Babysitterin, die es nicht wagte eine Entscheidung zu treffen. Der Ausbruch dauerte weitere 45 Minuten. Unser gesamter Bezirk weiß mit Sicherheit, dass das Hörnchen gestern laut war. Jeder hat es gesehen, jeder zweite hatte einen Kommentar für uns. Was keiner sehen konnte, war die Verletzung meines kleinen Jungen. Ungerechtigkeit tut weh. 

Ich muss nicht erwähnen, dass wir natürlich noch am selben Nachmittag einen Ersatz gekauft haben. Das hilft nicht gegen die Ungerechtigkeit aber gegen den Verlust. Vielleicht wenigstens ein bisschen.  

Eine Geschichte 

Im Kindergarten werden grad Geschichten erzählt. Jeden Tag wird eine bestimmte Geschichte von einem Kind weitererzählt. Das Erzählte wird von einem Erzieher protokolliert und die Geschichten werden ausgestellt. Die Aktion ist in allermunde und macht die Kinder sehr stolz!

Heute war C-Hörnchen an der Reihe. Sie hat eine großartige Geschichte über Regentropfen erzählt, in der nach und nach alles lebendig wurde und dann liefen da Wasserhähne umher und noch viel mehr. Und wer C-Hörnchen einmal hat erzählen höhren der weiß: Die Kleine hat’s drauf! Sie hat einen klasse Styl und ist unglaublich lustig. So kam es, dass die Zuhörer nach und nach alle laut am Lachen waren. 

C-Hörnchen war sehr traurig nachdem sie ihre Geschichte erzählt hat. „Die sollten sich alle freuen!“ schimpfte sie, „und nicht über mich lachen!“. Mein armes Kind. Im anschließenden Gespräch haben wir kleinschrittig die Emotion „Freude“ analysiert und zum Glück herausgefunden, dass lautes Lachen durchaus ein Symptom von Freude ist, und somit durchaus angemessen und positiv war.  

ODDITY 

Nach dem Schock am frühen Morgen nahm der Tag seinen Lauf 

Wir malten im Autos-Malbuch und hörten die SPACE ODDITY, beim Biene Maja Puzzle begleitete uns ZIGGY STARDUST und beim Einkauf mit dem Bollerwagen sang ich ihnen HEROES vor. Beim Mittag dann meine Lieblingsstücke; SENSE OF DOUBT, MOSS GARDEN UND NEUKÖLN. Jetzt, wo sie im Mittagschlaf sind, läuft THURSDAY’S CHILD, und ich denke noch, ich bin ja auch eins, und könnt heulen. 

Traurig und getroffen sein macht keinen Spaß wenn man auf drei fiebernde Kinder aufpasst. Wo ist das ‚früher‘ das Gleichgesinnte bot. Blöde Welt. Traurige Welt. Wieso trifft mich das so. Gemein. 

No more war

Wir waren wirklich auf eine Party gestern, und alle waren wirklich gesund. 

Und dann waren wir da, viele hatten Handys in der Hand und viele sprachen über Schüsse und Bomben. Und da ich bisher von nichts gehört hatte, dachte ich es ginge um irgend ein abartiges Computerspiel, einen Shooter den ich ja eh nicht mag. Und ich ignoriere die Gespräche. 

Viel zu spät drang zu mir durch, dass dieser abartige Shooter wahr geworden war. Dass da Menschen sterben und Panik und Angst alles überschatten. 

Ich verstehe nicht was passiert ist, ich bin nur entsetzt. Es ist egal, welche niederen, abgründigen Beweggründe hinter dieser Welle aus Gewalt stehen. Viel wichtiger ist jetzt das, was diese Taten hinterlassen. Tote, Angst und hoffentlich eine Welt, die endlich zusammenrückt und diesem Grauen ein Ende setzt. Und keinen Krieg. Nicht noch mehr Tot. Nicht noch mehr Angst, nicht noch mehr Leiden. Es reicht. No more war!