Des deutschen höchstes Gut – Neues aus der Biotonne

Ab etwa 20 grad ist es warm genug. Dann bilden sich aus den Eiern, die die dicken, schwarzen Fliegen gelegt haben, kleine weiße Maden. Zunächst ganz unscheinbar, wie Reiskörner, bald dann aber fetter und vor allem agiler. Sie sind flink und suchen das Licht. Öffnet man den Deckel unvorsichtig, fallen sie einem buchstäblich auf die Füße. Wer weiß, vielleicht kitzelt es zwischen den Zehen, wenn sie sich in der Sandale winden.

Die Biotonne, das geheime Battle des deutschen Vorstädtlers. Wer was auf sich hält, der hat eine, ganz klar. Der Müll wird getrennt und ja, das ist auch gut so. Dennoch, am Abfuhrtag, oder eher in den Stunden davor, trennt sich am Straßenrand die Spreu vom Weizen (oder dem was davon übrig blieb). Seit 14 Tagen gärte dann der peinliche Überrest einer jeden Mahlzeit, zusammen mit Gartenabfall und dem einen oder anderen Fremd-Akteur in der Tonne und tat das, was er tun musste: autonom stinken.

Die akribischen unter den Tonnen-Besitzern reinigen die Tonne nach jeder Leerung mit Wasser und Seife. Die Hinterlassenschaften werden penibel in Zeitungen gewickelt, oder in Bio-Beutel. Zwischen die einzelnen Portionen kommen weitere Zeitungen, so dass auch der letzte Tropfen Saft aufgefangen und verborgen bleibt. Fliegen sucht man hier vergebens, die stehen nicht auf den guten Frosch. Zitronenreiniger. Das klinische Objekt könnte glatt in der Küche oder besser noch neben dem Esstisch wohnen – wäre sie nicht so hässlich.

Die meisten stinken so dahin, sauber macht man sie mal, ja. Die erste Woche nach der Abfuhr ist es noch ok, danach sollte es kühl bleiben. Hier und da kriecht mal was, dann wird peinlich berührt was gemacht. Was, was man dann so macht, wenn die halb volle Tonne beginnt ein nicht akzeptables Eigenleben zu führen. Kalk soll helfen, oder Katzenstreu. Oder beides. Oder eben auswaschen, aber mal im ernst. Wer hat denn am Tag der Abfuhr zeit, die versiffte Tonne zu waschen und vor allem sind die Gefahren ja nun mal auch nicht zu unterschätzen. Denn wenn man den Gartenschlauch all zu schwungvoll in den Morast hält, dann ist er ganz bald überall, der Morast der vergangenen Zeiten, in all seiner Pracht. Also schnell eine Lage Katzenstreu, drei Seiten Zeitung vom Nachbarn drauf und auf auf in die nächste Runde.

Die eigentlichen Helden der Tonne sind die, die den ganzen Scheiß einfach blanko rein werfen. Sie beeindrucken in ihrer Dominanz, ihrem Durchhaltevermögen und der grenzenlosen Fähigkeit, Leid zu ertragen. Ab ca. 17. April stinkt die Tonne zum Himmel, ab Mai muss man die Straßenseite wechseln, um an betroffenen Häusern vorbei zu kommen.

Dann kommen die Fliegen. Nicht drei oder fünf, nein! Sie kommen in Scharen und legen was zu legen ist. Corona hin oder her, an einem solchen Objekt kommt man nur mit Maske vorbei. Schon ohne jede Aufmerksamkeit kriechen dutzende fette gelblich schimmernde Maden auf dem fettig glänzenden Rand der Tonne entlang. Hie und da kommt ein Spatz des Weges und bedient sich am reichhaltigen Buffet; den Tonnenbesitzer juckt es nicht. Der wirft weiter beharrlich seine Hinterlassenschaftenin den Schlund – irgendwann dann eben auf Distanz, manchmal in einer Plastiktüte.

Schlimm wird es bei Regen. Da suchen die Tierchen das Weite. Zurückhaltend aber zielsicher verlassen die fetten weißen dann ihr stinkendes zuhause und suchen nach einer neuen Zuflucht. Gegen diese Völkerwanderung kommen auch die Spatzen nicht an, und auch nicht das Katzenstreu. Die einzige Macht, die das agile Volk zu unterdrücken weiß, ist die Kälte.

Ab Oktober herrscht Ruhe. Dann ist auch die letzte Made erfroren, kein Ei kommt mehr nach und die Fliegen sind .. da wo Fliegen im Winter sind. Jetzt gilt es den wichtigsten aller Momente nicht zu verpassen: Den ersten Frost. Denn wer jetzt nicht auf der Hut ist, dem friert die ganze Suppe in der Tonne fast. Der unattraktive Eiswürfel bleibt dann, bis zum ersten Abfuhrtag nach dem Frost. Mit dem wiederum beginnt es von vorm, das geheime Battle des Deutschen. Der Kampf um die Tonne, die epische Schlacht zwischen Vernunft und Ignoranz, zwischen Sorgfalt und Lassy fair. Und ein kleines Bisschen auch der, gegen den eigenen Schweinehund und die Scham.

P.S. Seit Tagen sind über 30 Grad. Ich möchte meine Tonne nicht auf der Terasse haben, sollte es regnen, brauche ich mich (glaube ich…) dennoch nicht zu schämen

P.P.S. Ich schmeiße keine Plastiktüten in meine Tonne

P.P.P.S. Wer kompostiert, dem nichts passiert.

Diese ersten Tage

Ich liebe diese ersten warmen Tage im Jahr und genieße sie immer sehr. Eine kleine Komponente meiner Freude ist die Tatsache, dass ich nicht friere – das ist schick. Auch der Verzicht auf Mütze, Schal, Handschuhe, Strumpfhose und die 2. Jacke ist nett jedoch nicht der größere Anteil meiner Freude. Ja, die Sonne im Gesicht zu spüren ist großartig. Aber selbst die bringt mein Herz noch nicht so zum hüpfen, wie das was ich in den letzten Tagen genießen durfte.

Wenn es das erste Mal, nach dem langen, entbehrungsreichen Winter warm ist, eskalieren die Deutschen geradezu. Schon ab etwa 11° Außentemperatur rennen sie, wie die Verrückten, in kurzer Hose und T-Shirt auf der Straße herum. Als gebe es kein Morgen und als wäre der Sommer abgeschafft, rennen sie in kurzen Kleidchen, ohne Sinn und Verstand auf der Straße herum, packen die Sandalen und die Ballerinas aus und eskalieren ohne jeden Schutz im Straßencafe. Ab etwa 12,5° sitzt der gute Deutsche vor dem Café in der Sonne, verzichtet auf’s Deckchen und genießt ein kühles Bier in der Sonne. Manchmal beschleicht mich die Vermutung, dass das was wir in Deutschland eine Grippewelle nennen, in Wirklichkeit eine übergreifende Grippewelle ist, die nur dadurch verschuldet ist, dass eben alle halb nackt auf der Straße herum gelaufen sind.

Ebenfalls eine große Freude sind die vielen offenen Cabriolets. Ja, ich gebe zu – es ist lustig in einem offenen Auto spazieren zu fahren. Und auch mir ist bewusst, dass es selbst bei schneller Fahrt im Auto wenig windet; nichts desto trotz sind 12° nun mal 12° und nicht 28. Und nein, selbst mit ganz viel Wollen kann ich mich dem Eindruck nicht entziehen, dass der Wunsch nach Sommer hier mehr Anteil am sommerlichen Verhalten der Menschen hat als der Sommer selbst.

Morgen ist sie nun erst mal vorbei, die erste große Hitzewelle des Jahres 2019. Und ab 9°, darauf kann man sich verlassen, werden sie wieder schimpfend und schnaufend herum laufen – mit Mütze, Schal, Handschuhe, Strumpfhose und zweiter Jacke!