Bunte Republik Deutschland

Von Udo Lindenberg kann man halten was man will. Ich für meinen Teil halte viel von ihm, der kann nämlich quasi Gedanken lesen; und wenn er das nicht grad tut, dann hat er aller meistens aber wenigstens recht! Eben hörte ich „Bunte Republik Deutschland“ und dachte nochmals: Es ist so einfach!

Vielfalt und eine bunte Mischung an Ideen, Gedanken und Erfahrungen ist doch das, was das Zusammenleben erstrebenswert macht. Jeder Gedanke, den ich selbst schon hatte, den ich mit meinem Input eingefärbt und durchgekaut habe, wird erst dann vollkommen, wenn er mit dem Input der anderen vermischt wird. Das großartige am Menschen ist, dass er relativ reibungslos in Gruppen leben kann, sozial interagieren und gut kommunizieren kann. Das, was man als „hochentwickelt“ und „intelligent“ bezeichnet, ist kein territoriales Machtgehabe, sind keine infantilen Schwanzvergleiche sondern eben das, was uns über all die Jahrtausende zu dem gemacht hat, was wir sind: Vielfältige, offene Wesen, die in der Lage sind ihren Horizont immer wieder neu zu erweitern.

Und so nicke ich heftig mit dem Kopf bei den Worten „Wir steh’n am Bahnsteig und begrüßen jeden Zug,
denn graue deutsche Mäuse, die haben wir schon genug.“ und höre nicht auf zu hoffen, dass da auch wieder andere Zeien kommen und es eines Tages nicht mehr notwendig ist zu erklären, warum Menschen einfach toll sind; alle. Zusammen könnten wir so gut sein!

Zeitreise I

Auf dem Vortrag, den ich mit der besten Freundin besuchte, eröffnete der Redner seinen Satz mit den Worten:“ Heute, 50 Jahre nach dem Krieg….“ und holte dann zu einer Beschreibung des Ist-Zustahdes unserer Stadt aus.

Ich zuckte, um mich herum – Stille! Nur Zora hatte es bemerkt, ein Zucken, gefolgt von einem gemeinsamen Lachanfall. „Heute, 50 Jahre nach dem Krieg“; es war 1995 und wir waren 13. in den kommenden Stunden waren wir sehr 13. Wir ergötzten uns an all den großen Abenteuern, die wir noch erleben werden, benutzten ausgelassen das Futur II und bedachten die Möglichkeit, dass unsere alten und neuen Ich’s sich treffen könnten. Irgendwann drängte sich die Frage auf, was uns das Schicksal mit dieser Zeitreise sagen wollte. Was sollten wir in 1995 verändern?

1995 waren wir in der 7. & 8. Klasse. Wir standen an den Toren unserer Jugend und waren bereit die Welt zu verändern. 1995 gewann die SPD in Bremen die Wahlen, dicht gefolgt von der CDU und Werder Bremen wurde Meister. Aber sollten wir wirklich in den Lauf der Geschichte eingreifen? Tiefer und tiefer wühlten wir uns durch die eigenen Biografien und kamen dann doch zu einem Entschluss.

Nichts! Gar nichts sollen wir ändern. Alles was in den vielen Jahren nach 1995 vergangen sein wird, wird uns zu den großartigen Menschen machen, die wir 2018 sein werden. Jeder Stolperer, jede Dummheit, jeder Höhenflug und jedes Aua wird uns prägen und am Ende eben ausgemacht haben.

Und um es in Udo zu sagen:

Doch wenn ich nochmal von vorne starten könnte

Wenn ich in meinem Film noch mal alles

Alles neu schreiben könnte

Was würde ich ändern und was rausschmeißen

So’n Leben ist ja echt ’n ziemlich harter Streifen

Ich würd‘ alles so lassen und gar nix raustun

Denn so ’n blaues Auge gehört doch irgendwie dazu

Udo Lindenberg 

Kennt ihr diese Listen im Kopf, auf denen Dine stehen, die man in seinem Leben gemacht haben will? Ich habe gestern einen Punkt abgearbeitet; ach was. Ich habe ihn genossen! Ich war gestern bei Udo Lindenberg, auf einem fulminanten Konzert. Dass ich ihn nun endlich live gesehen habe, macht mich um so glücklicher, weiß man doch bei Menschen um die 70 nicht so ganz genau, wie oft man die Gelegenheit noch bekommt. 

Dieser Udo ist ein Phänomen! Denn obwohl der mich und mein popeliges, bisher kurzes Leben ja gar nicht kennt, schafft er es in so vielen Liedern mein Innerstes in passende Worte zu packen und nach außen zu kehren.  Obwohl zwischen ihm, dem Schreiber all dieser Wahrheiten, und mir 40 Jahre und viele Welten liegen, erschaffen viel Lieder das dringende Gefühl in mir, genau für mich und einen Moment geschrieben zu sein. Diese Passgenauigkeit erstaunt mich immer wieder. 

Meine Lieder gestern live zu sehen war großartig, herausragend und einfach schön. Und wenn ich es hinbekommen sollte, mit 70 endlich so einen kleinen Hintern zu haben, dann weiß ich, dass ich irgendwie alles richtig gemacht habe. Wenn ich dann noch in der Lage sein sollte, 2,5 Stunden lang SO herunzuhüpfen, dass ziehe ich vor mir selbst den Hut. 

Danke Udo! 

Das nasse Gold

Vor einigen Tagen schrieb ich einen Beitrag über den Alkohol, in dem ich erklärte nicht mehr zu verstehen, wieso ich früher durchaus gern etwas trank. Seitdem ich diesen Text verfasst habe quält mich ein Ohrwurm des Nassen Goldes von Udo Lindenberg. 

Das Lied handelt vom Nassen Gold, von der geistigen Welt, die sich durch Alkohol und anderes erst eröffnet. Von Erkenntnis, von Kunst und von Kultur. Und nun muss ich es eingestehen, der Udo hat recht! Das Nasse Gold ist es, was das trinken früher liebenswert gemacht hat. Nächtelanges Philosophieren; vom 100tel ins 1000tel und Erkenntnisse, die nüchtern nicht zu erlangen sind. Keine Sekunde dieser Nächte möchte ich missen, keinen der Mitstreiter. 

So möchte ich dem bösen Alkohol nicht alle Berechtigung absprechen. Danke Udo für diese Erkenntnis. Die deiner Musik und die in meinem nüchternen Kopf. Und danke den Philosophen der Nacht, ich würde es jeder Zeit wieder tun – wenn die Kinder am nächsten Morgen nicht das sind:)