Ehrliche Worte

Gesten schüttete ich an dieser Stelle mein Innenleben aus, machte meiner Überforderung Luft. Einige von euch schnekten mir Mitgefühl, andere boten Hilfe an. Dafür bin ich dankbar. Der Grund mich derart offen darzulegen ist jedoch nicht der, dass ich Mitleid oder so möchte. Viel mehr fände ich es schwer sinnvoll wenn viel mehr von uns gelegentlich zugeben würden, dass sie an ihre Grenzen gestoßen sind.

Wir leben in einer schnellen, perfektionieren und effizienten Gesellschaft. Erfolg, Prestige und all das gehörten dazu, und selbst die Bescheidensten unter uns schwimmen irgendwie mit dem Strom und tragen das System. Denn eines ist in unserem Leben nicht erlaubt: Kaputt sein! 40 Stunden die Woche zu arbeiten ist nix und im Zeitalter von Waschmaschine und Trockner ist es jawohl keine Zumutung ein bisschen zu arbeiten – auch als Frau. Die Anzahl der Stunden, die man im Büro zugebracht hat, gelten vielerorts als Ausdruck von Erfolg und wahre Härte zeigt sich im Auslassen der Mittagspause. So ein Blödsinn, sage ich heute, nachdem ich erst gestern wieder einmal eingeklappt bin.

Immer mal wieder sollte man darauf hinweisen, dass das Leben kein Wettbewerb ist. Das Erreichen von möglichen Zielen sollte sich dringend auf persönliche Ziele und Wünsche beschränken und nicht darauf möglichst oft Mitarbeiter des Monats zu werden. Wir haben ein einziges Leben von vielleicht 80 Jahren. In diesem einen Leben haben wir abermillionen Möglichkeiten glücklich oder unglücklich zu werden. Ist das nicht eine Chance, die man nutzen sollte? Ich kann mir vorstellen, dass es wesentlich einfacher wäre schwach zu sein, wenn auch andere mal schwächeln. Anstatt Durchhalteparolen zu heucheln, könnten wir uns zum Break motivieren. Liegen lassen was nicht geht, ausruhen wenn nötig und Überforderung unbedingt benennen. Wenn alle um einen herum Superhelden sind, ist es so verdammt schwer zuzugeben, dass man nicht fliegen kann. Also bitte, Capes wegwerfen, Panzer ablegen und alle zusammen verkacken. Danach geht es einem gleich viel besser.

Mein Computer

Vor gut 10 Jahren kaufte ich mir ein MacBook Air. Ich liebte es vom ersten Moment an. In vielen Vorlesungen hat es mir treu zur Seite gestanden, es war immer schnell, lief stabil und konnte 1000 Dinge auf einmal. So mag ich das. Vor allem aber war es pflegeleicht. Hat alles, kann alles, braucht nix. So lief es acht Jahre lang.

Vor etwa zwei Jahren vermeldete es unverhofft: Voll. Ich lösche etwa 1.000.000 Bilder, die mein Handy automatisch auf den Computer geschoben hatte, eliminierte den einen oder anderen Brief und das Problem war… behoben. Zunächst. Seit etwa einem halben Jahr ist er wieder voll. Voll mit irgendwas, denn Fotos sind es nicht. Schon seit Monaten muss ich einzelne Briefe löschen um ein neues Dokument zu speichern und nun, seit ein paar Tagen geht nix mehr. Er stirbt. Der Menne sagte mir, schon vor zwei Jahren, ich solle einfach mal alles runter holen und den neu machen.

Nun ja. Um dem A-Hörnchen zu erklären, warum diese Anforderung mich zum jammern und kreischen bringt, sagte ich eben: Es ist wie in ’nem dunkeln Raum zu stehen und einer schreit immer: „Mach mal Licht an!“ Ich aber weiß nicht was Licht ist. Ich kenne keinen Lichtschalter, keine Lampe. Ich stehe im Dunkeln und jammere. Erbärmlichest. Zur Stunde versucht mein Computer mit letzter Kraft „alles“ auf einen Stick zu schieben. Hoffentlich alles wichtige, alles lebenswichtige für den Kleinen und … na ja, von mir war nicht mehr viel drauf.

Und nachher werde ich ihn dann neu machen. Was immer das heißt; aber vielleicht werde ich den Lichtschalter ja finden.

Alles neu

Mit einwöchiger Verspätung (Danke Grippe) starte ich heute in einen neuen Lebensabschnitt. Ich trete meine erste Stelle als Psychologin an. Echte Menschen, echte Probleme und hoffentlich echte Lösungen. Meine Stimmung so kurz vor dem großen Moment: Panisch. Plötzlich finde ich es eine dumme Idee so viel Verantwortung zu tragen. Plötzlich mag ich meinen alten Job in der Pflege, plötzlich mag ich Hierarchie; wünsche mir klare Anweisungen. 

Vor sechs Jahren habe ich entschieden keine Befehlsempfängerin mehr sein zu wollen. Ich wollte mehr, ich wollte gestalten, entscheiden und wegweisend arbeiten. Völlig klar war der Wunsch nach Verantwortung und mehr Kompetenz. In den letzten Jahren habe ich viel gearbeitet um dieses Ziel zu erreichen. Trotz Kind und Kegel habe ich mich durch mein Studium gebissen und nun, da es endlich geschafft ist, geht mir der Arsch auf Grundeis. Ich mag nicht mehr! Aber das ist jetzt alles egal, Augen zu und durch! Das ist die Devise der kommenden Stunden. Und am Ende wird schon alles gut. Bestimmt! Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende! 

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Große Überraschung am Morgen. Ich komme vor der Uni mit C- und D-Hörnchen in den Kindergarten. Es herrscht Chaos. C-Hörnchens herzensgute Erzieherin kommt mit glasigen Augen und bebender Stimme auf uns zu. Es herrsche Notdtand. Die Hälfte der Erzieher wäre krank, die Leitung dazu. Es gäbe einen Notdienst für die Kinder der berufstätigen Eltern. Um uns herum toben dutzende Kinder. Einige Mütter sitzen stumpf da, trinken Kaffee tratschen ein wenig und gehen dann ohne ihre Kinder nach Hause. Mütter schieben ihre Babys rein, lassen das große Kind da und schieben mit ihren Babys wieder nach Hause. Schwangere reichen ihre Kinder rein und ziehen sich dann aufs Sofa zurück. 

Ich bin überfordert. An der Uni warten drei Termine, einer davon mit meinem Prüfer. Vier Vorlesungen stehen an, alle durchaus wichtig. Technisch bin ich damit ein berufstätiger Notfall. Faktisch war der Kindergarten zu diesem Zeitpunkt, um 8.05 Uhr schon überfordert. Es brach mir das Herz. Überfordert und gleichermaßen wütend nahm ich meine Kinder wieder mit. Zuhause rief ich den arbeitenden Mennne an, dank einiger Überstunden rettete er die Uni-Termine. 

Ich bin in solchen Situationen immer wieder entsetzt, wie egoistisch und unfair die Eltern zueinander sind. Die jenigen, die ihre Kinder in solchen Fällen selbst betreuen, sind immer die, die arbeiten gehen und für die es mit Stress und Umplanen zu tun hat. Die Leidtragenden sind die Erzieher, die überfordert einem tobendem Mob gegenüber stehen. Ich finde das traurig. Ich war viele Jahre lang schwanger und in Elternzeit. Ich habe mich an vielen Montagen auf einen ruhigen Vormittag gefreut und jedes einzelne Mal alles möglich gemacht um das System Kita zu entlasten. Und wer entlastet mich? Gibt es keine Solidarität unter Eltern?