Bamf II

Gestern nahm ich Stellung zu dem soganennten Skandal um das Bamf, das angeblich unerlaubt Asylbewerbern gestattet hat hier in Deutschland zu bleiben. Heute möchte ich etwas genauer hinsehen. Eine Leserin bat mich die Rolle der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge zu betrachten.

Exemplarisch für die tausenden von jungen Menschen, halben Kindern und Teenagern, die in den Jahren hier angelandet sind, stellen wir uns also einen 16 jährigen Teenie in Syrien vor. Mutter tot, Vater verfolgt. Würde dieser Junge in Deutschland leben, deutscher Staatsbürger sein, würde er bereits an dieser Stelle als schwer traumatisierte gelten. Er bekäme alle Hilfen dieser Erde um den Verlust der Mutter zu verkraften, die Familie bekäme Schutz. Unser Teenie ist aber nicht in Deutschland. Er lebt in Syrien, er bekommt nichts; nur Angst.

Der verfolgte Vater beschließt mit dem Jungen zu fliehen. Sie lassen alles zurück, Haus, Freunde, Familie, den Ort an dem man immer gelebt hat. Sie machen sich auf eine lange, beschwerliche und lebensgefährliche Reise. Würde die Familie in Deutschland leben, waren an dieser Stelle alle Behörden alarmiert. In Syrien ist die Flucht jedoch der bessere, der sicherere Ausweg. Für einen Teenie ist es ein schweres Trauma alles zurück zulassen, inklusive der Erde, auf der die Mutter starb.

Auf der Monatelangen Flucht wird das Geld knapp. Schlafen im Freien, Kälte und Hunger machen jeden Tag zu einer Qual. Der Vater des Jungen wird schwächer. Er schafft es nicht. Als Vollwaise schlägt er sich allein durch, hilflos, allein gelassen und voller Angst. An was soll man sich halten, wenn alles was man erfährt Schmerz, Elend und Angst ist. Da es für den Rückweg allein zu spät ist, zieht der Junge weiter. Immer mit der Masse, nach Europa. Nach Monaten erreicht er ein Auffanglager in Deutschland.

Endlich angekommen und auf Hilfe hoffend, ausgezehrt udn schwer traumatisierte von den vergangenen Monaten wird nun geprüft. Ob er wirklich 16 wäre, ob er wirklich allein sei. Anstatt sorgsam mit den seelischen Wunden des Teenies umzugehen, zwingt man ihn immer und immer wieder seine Identität zu beweisen, seine Geschichte zu erzählen. Für einen traumatischen Menschen ist dies eine Qual. Während das Gehirn versucht die Ereignisse zu vergraben, sie unzugänglich macht, zwingt das Außen zum Graben. Helfen würde hier eine gute, sensible, langjährige Therapie – sicher aber keine Befragungen.

Nach weiteren Monaten des Wartens im Lager bekommt der Junge eine Aufenthaltserlaubnis. Er darf bleiben. In der letzten Zeit hatte er zaghaft erste Schritte in sein neues Leben gemacht. Eine Schule besucht, die neue Sprache erlernt und endlich Kontakt zu netten Menschen hergestellt. Sogar seine schweren Verluste durfte er endlich vorsichtig bearbeiten, es ging voran.

Seit einigen Wochen nun ist es wieder aus mit der Ruhe. Der Skandal um die Asylverfahren lässt alles wieder aufkochen. Aus wohlwollenden Mitmenschen werden plötzlich Zweifler. Jeder, Asyl bekommen hat, muss sich nun rechtfertigen. Ist das alles rechtes? Haben die dich vielleicht auch einfach nur durchgewunken? Ging es dir denn wirklich so schlecht? Und an dieser Stelle ist es nicht das Bamf, dass die Wellen hochschlagen lässt, es sind die von den Medien aufgepeitschten Bürger, die wieder zweifeln, wieder skeptisch sind.

Liebe Leute, wer alles zurück lässt, sich Monate lang auf eine furchtbare Flucht begiebt, wer friert und hungert, in kauf nimmt, dass Familienangehörige sterben, der tut dies weil die Situation im eigenen Land es verlangt. Jeder, der diesen Scheiss auf sich nimmt, sucht Hilfe, weil er Hilfe braucht. Oder was müsste alles passieren, damit DU noch heute mit einem Rucksack, deinem Pass und deinen Kindern losziehst; nach Finnland.

Wo es wirklich weh tut 

Was D-Hörnchen gestern Nachmittag hatte, sah für die meisten aus wie ein klassischer Wutanfall. Tatsächlich aber war es tiefe und traurige Enttäuschung was meinen kleinen Jungen da befallen hatte. 

Er und ein anderer Junge hatte das gleiche Auto mit in die Kita gebracht. Ein knallroter Lightning McQueen, ein echtes Liebhaberstück. Als ich zum Abholen kam war nur noch ein Auto da. Beide Jungen waren sich sicher, dass es ihres war, in Wahrheit war es nicht zu erkennen. Ich war da, die Mama des anderen Jungen noch nicht. So beschloss man, das Auto zu verwahren bis das Problem am kommenden Tag geklärt werden konnte. 

D-Hörnchen brach vollkommen zusammen. Blanke Wut quoll aus jeder Pore. Er schrie und tobte. 45 Minuten lang versuchte ich ihn zu beruhigen und ihm deutlich zu machen, dass das Problem morgen geklärt werden würde. Nach 45 Minuten waren wir immerhin am Weg vor der Kita angekommen. Das D-Hörnchen tobte ausdauernd und ich lobte das C-Hörnchen für ihre sagenhafte Geduld. 

Da wurde plötzlich der andere Jubge abgeholt. Stolz und siegessicher ging er an uns vorbei und band dem weinenden D-Hörnchen taufrisch auf die Nase, dass das Auto nun in seinem Rucksack wäre. Da war es aus. 

Die Wut des D-Hörnchen wandte sich in grenzenlose Enttäuschung und Trauer. Das hatte gesessen. „Mama! Hilf mir!“ Schrie der Wurm immer wieder, doch es half alles nichts. Das Auto zog von dannen, samt Kind und Babysitterin, die es nicht wagte eine Entscheidung zu treffen. Der Ausbruch dauerte weitere 45 Minuten. Unser gesamter Bezirk weiß mit Sicherheit, dass das Hörnchen gestern laut war. Jeder hat es gesehen, jeder zweite hatte einen Kommentar für uns. Was keiner sehen konnte, war die Verletzung meines kleinen Jungen. Ungerechtigkeit tut weh. 

Ich muss nicht erwähnen, dass wir natürlich noch am selben Nachmittag einen Ersatz gekauft haben. Das hilft nicht gegen die Ungerechtigkeit aber gegen den Verlust. Vielleicht wenigstens ein bisschen.  

Von Hühnern

D-Hörnchen kommt zu mir. Er sagt er wolle die Hühner angucken. Perplex frage ich:„Welche Hühner?“ Er klärt mich auf:„Die Hühner bei Hajo!“ Ich kenne Hajo leider nicht und frage weiter, wer denn Hajo wäre. „Hajo ist der Mann bei den Hühnern!“ klärt D-Hörnchen mich auf. Und er wolle jetzt Hühner gucken, weil er mag Hühner! Wieder frage ich nach, wo denn die Hühner wohnen würden. D-Hörnchen erwidert:„Im Hühnerstall.“ Auf meine erneute Frage, wo denn der Hühnerstall wäre, antwortete er fast genervt:„Bei Hajo!“ Ich denke, ich zweifle.. Wer ist Hajo? Wo ist Hajo? Und warum kenne ich Hajo nicht, ist er doch offenbar in aller Munde. D-Hörnchen quengelt weiter, er wolle jetzt die Hühner gucken. Ich frage weiter, versuche auf geschicktere Art und Weise den Aufenthaltsort der Hühner und Hajos zu erfragen. Immer und immer wieder aber die selben Erkenntnisse: Die Hühner sind im Hühnerstall bei Hajo, der Hühnerstall ist bei Hajo und auf meine finale Frage, wo denn Hajo wohnen würde antwortete D-Hörnchen verzweifelt:„Hajo ist bei den Hühnern!“

Wir konnten Hajos Aufenthaltsort nicht ausfindig machen. Auch nicht den der Hühner. Zum Glück hat er irgendwann etwas anderes gefunden, über das er reden kann. Jetzt will er die Hasen sehen.