Gedächtnis und so

Das A-Hörnchen hat es nicht leicht grad. 120 Vokabeln in englisch, 40 in Latein und dann noch 23 EU Länder und ihre Hauptstädte. Das alles soll zügig in seinen Kopf, ohne sich zu verknoten und irgendwie gegen seinen Willen. „Mein Kopf will das nicht“ argumentiert er klug und trifft damit den Nagel auf den Kopf. So kommen wir zu einem kleinen Exkurs über das Gedächtnis und seine Funktionen.

Der Cortx, also unser Hirn, hat verschiedene Eingänge. Populär sind der visuelle und der akustische Zugang, eben Augen und Ohren. Aber auch über Mund (gustatorisch) und Nase (olfaktorisch) erreichen uns Informationen und ganz viel Input bekommen wir zusätzlich auf dem sensorischen Weg, über unsere Haut nämlich. All diese Infos werden in der Regel nicht seperiert abgespeichert sondern zu einem Paket geschnürt. Stehe ich zum Beispiel auf dem Deich am Meer, hinterlegt mein Hirn ein Erlebnis, das aus dem Bild (Meer, Möwen, Strandkörbe, Menschen, Sand,…), der Akustik (Meeresrauschen, Stimmen, Wind,…), dem Geruch des Meeres, dem Salz auf der Zunge und dem Wind auf der Haut zusammengesetzt wird. Auch Besonderheiten wie zB. der Geruch von Pommes, eine laut kreischende Möwe oder Schmerzen, weil ich barfuß in eine Muschel getreten bin, werden abgelegt und an den Moment geheftet. So wie das Paket dann ist, wird es in den Eingangsbereich gelegt.

In aller erster Instanz bewertet das Hirn, ob es die Erinnerung überhaupt haben möchte. Irrelevantes wird an dieser Stelle aussortiert und das Paket deutlich komprimiert. Die Farben der Badeanzüge der anderen Leute werden aussortiert, die eine oder andere Stimme und die Schriftzüge der Namen vorbeifahrender Boote. Alles was mein Hirn für mich persönlich als banal ansieht, fliegt raus (möglicherweise wurden die Badeanzüge und die Namen der Boote versehentlich bleiben…). Diese Auswahl ist sehr individuell, so dass zwei Personen, die nebeneinander am Deich stehen, durchaus stark unterschiedliche Erinnerungen haben können. Ist dann durch die verschiedenen Bereiche des Cortx eine Bewertung erfolgt, gelangt das Paket ins Kurzzeitgedächtnis.

Im Kurzzeitgedächtnis kann das Hirn Informationen zwischenlagern, die es gleich nochmal braucht, so kann es zB. an der Bushaltestelle die Info „Linie 33!“ vorhalten bis der richtige Bus kommt. Auch kann es die Haltestelle „Postweg“ merken und dafür sorgen, dass wir pünktlich aussteigen. Ist die Information alt und wird als unnötig eingestuft, verschwindet sie binnen etwa 7 Minuten. Mein Paket mit den Erlebnissen am Deich liegt zunächst oben auf und wird durchaus noch verändert solange die Situation anhält. Um nicht allzu viel Platz im Kurzzeitgedächtnis zu blockieren, hat das Hirn eine Art Zwischenablage; das Arbeitsgedächtnis, dort legt es laufende Prozesse hin.

Erkläre ich die Situation „Deich am Meer“ dann für beendet, verlasse den Ort und wende mich andern Dingen zu, beginnt das Arbeitsgedächtnis abermals das Paket zu komprimieren. Sein Ziel ist es, relevante Informationen ins Langzeitgedächtnis zu überführen und die anderen zu vergessen. So wird wieder bewertet, und neben den Parametern „wichtig“ und „unwichtig“ kommen nun noch neue Parameter wie „schön“ oder „traurig“ oder „überraschend“ hinzu. Das Hirn hinterlegt das Ereignis mit Emotionen und sortiert dann aus. Alles was genug emotionale Bedeutung zugewiesen bekommen hat, wird gespeichert. In diesem Speichervorgang gold die strikte Regel: Emotional vor Rational! Völlig irrelevanter Scheiss, der aber soooooo schön war, wird gern ganz oben gut sichtbar abgelegt, wohingegen die Öffnungszeiten des Restaurants zwar gespeichert aber dann gern verdeckt werden. Der Rest, eben alles was nicht wichtig und nicht aufwühlend war, wird nach und nach verblassen. Eine Ausnahme machen die soganannten traumatischen Erlebnisse, Dinge, die sehr belastend für uns sind. Die nämlich kann das Hirn einsperren, wir nennen das dann verdrängen. Diese Taumata, die Menschen bei Unfällen oder zum Beispiel Überfällen erleben sind nie weg. Weil das Hirn aber im ihre immense Bedeutung und Kraft weiß, versteckt es sie gut.

Informationen, die im Langzeitgedächtnis angekommen sind, haben prinzipiell gute Chancen dort auch zu bleiben. Es gilt, je emotionaler (positiv als auch negativ) etwas abgelegt ist, und je öfter es gebraucht wird, desto länger bleibt es oben auf. Je weiter etwas in Vergessenheit geraten ist, desto mehr Aufwand ist nötig, die Info wieder zu finden. Ein Trick, den das Hirn gern anwedet, sind sogenannte Flashbacks. Hierbei nutzt es bestimmte Erinnerungsreize, wie zB. Orte, Gerüche oder Lieder um Ereignisse wieder präsent zu machen. Jeder von uns hat zB. Plätze im Kopf, die er mit traurigen oder großartigen Erlebnissen verbindet. Trifft einen diese Erinnerung unerwartet, spricht man von einem Flashback.

Soweit zum Prinzip „Gedächtnis“. Bezogen auf Informationen, die sich den ganzen Tag lang nebenbei auf unsere Festplatte spielen, klingt das alles ganz easy. Was aber ist mit A-Hörnchens Vokabeln und all dem andern Mist, den wir lernen müssen. Dieser geht den selben weg. Das Problem, gegen das wir kämpfen, sind die Bewertungen. Je mehr man eine Information nicht haben möchte, desto leichter passiert es, dass diese schon in der ersten Bewertungsrunde rausfliegt. Hat es dann eine Vokabel immerhin ins Arbeitsgedächtnis geschafft, braucht es hier in etwa sieben Runden um endlich als wichtig wahrgenommen zu werden. Je größer der innere Widerstand, desto schlechter die Bewertungen. Und selbst nach der Ankunft im Langzeitgedächtnis haben es Formeln, Hauptstädte und Vokabeln nicht leicht. Denn das Gehirn empfindet sie als Ballast, gibt alles um sie nach unten durchzureichen. Um den Ballast an der Oberfläche zu halten, hilft nur eins: Benutzen! Vor allem aber ist es eine Frage der ehrlichen Motivation. Alles das, was wir aufrichtig lernen möchten, durchläuft spielend alle Bewertunsrunden und bleibt uns für wenig erhalten. So weiss ich noch heute wann alle Mitglieder von „Take That“ Geburtstag haben und wie deren Geschwister heißen. Manch anderer Input aus dieser Zeit wurde hingegen als vollkommen unwichtig bewertet; Mathe und so.

Bescheidenheit 

B-Hörnchen kommt morgen in die dritte Klasse. Besonders freut sie sich auf den englisch Unterricht. Wir sprachen über die anstehenden Herausforderungen und das Vokabeln lernen. Ich stellte die Frage in den Raum, ob es ihr wohl leicht fallen wird die Vokabeln zu lernen und sie wurde still. Mit dem A-Hörnchen hatte ich gelegentlich Vokabeln gelernt und objektiv betrachtet hatte es ihm wenig Mühe bereitet die wöchentlichen Rationen zu lernen. Mit täglich 5 Minuten war er gut dabei, oftmals brauchte er viel weniger. 

B-Hörnchen räumte dann ein, dass sie schon vermutet viel lernen zu müssen. Ich entgegnete, dass ich finde sie könne gut auswendig lernen . Gedichte und Lieder zum Beispiel kann sie rasend schnell. B-Hörnchen war nicht überzeugt und gab dann kleinlaut zu, dass sie die meisten von A-Hörnchens Vokabeln schon wieder vergessen hat….

Welch tragische Bescheidenheit! Ehrlich gesagt glaube ich, dass auch das A-Hörnchen die meisten seiner Vokabeln wieder vergessen hat – trotz dessen, dass er damit in der Schule gearbeitet hat. B-Hörnchen hingegen war allenfalls Zaungast beim Vokabeln lernen. Ich staune, immer wieder!