Groß werden

„Mama, darf ich in die Bücherei?“ fragte das A-Hörnchen nach der Schule. 

Ich atmete tief ein, tiefer. Ich atmete aus. Langsam. Wisst ihr, die Bücherei ist für meine Hörnchen ein bekannter und geliebter Ort. Sie kennen sich dort alle aus und sind mit dem Prozedere vertraut. Es ist nur so. Wir wohnen in der 11. größten Stadt Deutschlands. Die Bücherei befindet sich an einem Zentralen Knotenpunkt der Stadt, an dem sich 5 Bahnlinien mit drei Buslinien kreuzen. Sie liegt mitten in der Innenstadt, zwar nur 15 Minuten von zu Hause entfernt aber eben so gelegen, dass ein falsches Einsteigen so ein Hörnchen an jeden erdenklichen Punkt der Stadt bringen kann. 

„Klar!“ antworte ich dem Hörnchen. Dieses beginnt sofort sich Schuhe anzuziehen. Gelassen und ruhig besprechen wir den Weg, die Nummern der Bahnlinien und deren Fahrtrichtungen. Er packt noch schnell Handy, Büchereiausweis und Fahrkarte ein und einen Kuss später ist er weg. 

„Uff!“ Denke ich. Neun Jahre alt, und enorm mutig! Wenn er in zwei Stunden nicht wieder da ist, dann mache ich mir Sorgen. Zum Glück kam es soweit nicht. Nach 1 Stunde und 10 Minuten stand das Hörnchen wieder vor der Tür. Erfolgreich und stolz. Vollkommen unnötig all die Sorgen; ganz souverän hat er alles gemeistert. Und plötzlich ist er wieder ein Stück größer. Nicht mehr nur neun, fast zehn!! 

Viel zu langweilg

Wenn man groß wird ist es manchmal kompliziert mit dem klein sein. Und als wir heute morgen beschlossen mit dem Rad zum Spielplatz zu fahren, verkündeten A- und B-Hörnchen schwer genervt, dass es dort viel zu langweilig wäre. Mit etwas Überredungskunst bekam ich sie dann doch mit. 

Am Spielplatz angekommen zogen sie betont gelangweilt ein paar Runden. A-Hörnchen beteuerte noch einmal, dass es ihn wirklich viel zu langweilig wäre, da begann er versehentlich zu buddeln. Und so mirnichtsdirnichts und hastduihnnichtgesehen buddelte das große Kind mit dem anderen großen Kind im Sand. Lange und tief und vollkommen zufrieden. Und als ich nach Stunden zum Aufbruch blies, waren beide Hörnchen so gelangweilt, dass sie gar nicht wieder los wollten. 

Die Warheit und das Vertauen

A-Hörnchen will los. Routiniert frage ich ihn ob er seinen Inhalator (A-Hörnchen ist Asthmatiker) dabei hat. Etwas unständlich klopft er sich auf die überraschend flachen Hosentaschen:“Ja! Ist hier.“ antwortet er und will los. Ich zögere kurz, Kontrolle ist doof. Jedoch wiederstrebt es mir ihn damit durchzulassen. „Zeig her.“ rufe ich die Treppe herauf. A-Hörnchen popelt unbeholfen in seiner Hosentasche, bekommt einen roten Kopf und sagt:“Ups, hol ich eben!“  

Er holt nichts, er findet ihn nichtmal. Er geht auch nicht. Mir reichts! Es war nicht die erste dreiste Lüge dieser Art und so jage ich das lautstark protestierende Hörnchen zunächst in sein Zimmer. Ihm fehlt jedes Verständnis, er tobt. Nach 10 Minuten ist er langsam ansprechbar. Ich setzte mich in den Legohaufen und frage ob er versteht warum er nun hier ist und nicht unterwegs. Versteht er nicht. Gar nichts versteht er, und ich bin so gemein!

Vertrauen. Was ist das eigentlich, und was hat es mit groß werden zu tun? Warum brauche ich vertrauen für seine Freiheit und was Hat das alles mit gegenseitigem Respekt zu tun. Und ist es wirklich immer besser die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie schlimm, peinlich und noch schlimmer ist? Ich erkläre und erzähle, von Mist den ich verzapft habe, von meiner ersten Zigarette (zugegeben, beim Alter habe ich geschummelt) und den Nebenwirkungen. Ich erzähle wie meine Mama nicht wusste warum es mit doof geht und wie wir beide hilflos waren. Die Wahrheit, und das Vertrauen in einander sie immer sagen zu können. Ich verspreche immer zu ihm zustehen, ist die Wahrheit auch noch so schlimm. Ich verspreche ihm zu helfen und ihn zu unterstützen. Und ihm zu vertrauen, wenn er mich lässt.  

Ein gutes Gespräch! Am Ende liegen wir uns in den Armen, zufrieden und irgendwie glücklich. 

Er fehlt mir

Mein A-Hörnchen wird groß, in den letzten Wochen ganz besonders doll. Nach der Schule geht er noch hier und da hin. Er meldet sich zuverlässig ab und kommt um sechs nach Hause. Alles gut. Am Wochenende, oder wir jetzt in den Ferien, schläft er bis 11 oder 12. Er frühstückt dann schnell was wärend ich putze. Wenn wir dann Mittag essen, ist er noch satt und hockt in seinem Zimmer. Zufrieden

Er fehlt mir, der kleine, nervige Kerl. Plötzlich ist er so weg und so selbstständig. Das ist toll und ganz bestimmt genau richtig, aber auch wirklich beängstigend. Ich muss meine Rolle ganz neu definieren. Mutti bleibt Mutti, aber ich muss feststellen, dass ich von ihm in Zukunft auf eine ganz andere Art gebraucht werden werde. Die dauerkuschelde Grundversorgerin braucht er nicht mehr. Ich werde zu einer Art abrufbarem Ohr, das man bei Gelegenheit nutzt und ansonsten liegen lässt. Autsch