You never walk alone

Heute Morgen, auf dem Weg zum Kindergarten, fing das D– Hörnchen fast an zu weinen. Aus irgendeinem Grund muss er plötzlich realisiert haben, dass er eines Tages groß ist und ein eigenes Leben führt. Mit glasigen Augen sah er mich an und teilte mit:“ Ich will für immer in eurer Familie bleiben!“ Etwas verwirrt sah ihn an und versicherte ihm, dass er auch für immer bei uns bleiben wird. Wo soll er denn auch hin? Er ist unser D – Hörnchen und gehört ganz genau zu uns, so wie eben die andern drei auch. Wir fuhren ein Stück weiter und da platzte es aus ihm heraus:“ Auch wenn ich groß bin!“ Und erst jetzt verstand ich wovon er sprach.

Beim Abendessen ploppte das Thema dann noch einmal auf. Für immer will er bei uns bleiben, in seinem Zimmer wohnen, in seinem Bettchen schlafen und im Sommer mit uns nach Wangeroge fahren. Für immer immer immer! Das C – Hörnchen pflichtete ihm bei und beteuerte, dass das auch ihr Plan fürs Leben sein. Für immer in ihrem schönen Bett schlafen, für immer in ihrem Zimmer spielen und für immer immer immer bei uns wohnen bleiben. B – Hörnchen nickte bestimmt und hatte dem ganzen nicht mehr viel hinzuzufügen. Lediglich das A-Hörnchen enthält sich der Thematik und schwieg. Fragend stellte ich in den Raum, ob denn keiner der drei sich vorstellen konnte eines Tages eine eigene Familie zu haben, vielleicht zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Sechs Augen sahen mich verzweifelt an. Nein! Keiner von ihnen konnte sich auch nur in Ansätzen vorstellen jemals das heimische Nest zu verlassen.

Es ist immer wieder erstaunlich, aber es gibt sie wirklich – diese ödipale Phase. In dieser bestimmten Phase sind die Eltern die vollkommensten und wunderbarsten Menschen der ganzen Welt. Kinder in dieser Altersstufe können sich nicht vorstellen, ihre Eltern jemals zu verlassen oder mit anderen Menschen zusammen zu leben. Die Tatsache, dass Kinder ihre Eltern so bedingungslos lieben ist großartig! Es verfestigt die vorhandene Bindung, schweißt Eltern und Kinder sagenhaft eng zusammen und sorgt dafür, dass sich die Kinder eines Tages dann doch abkapseln können. Andererseits ist es grausam! Denn Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos, auch wenn diese eigentlich nicht viel dazu tun oder der Beziehung sogar aktiv schaden. Kinder lieben ihre Eltern! Kinder lieben schlagende Eltern, trinkende Eltern, vernachlässigende Eltern, grausame Eltern und eben alle andern Form von Eltern die man sich so vorstellen kann – oder auch nicht.

Ich für meinen Teil freue mich über jede Portion Zuneigung und Liebe die ich von meinem Hörnchen bekomme. Ich freue mich, dass sie alle für immer hierbleiben wollen und ich freue mich mindestens genauso sehr darüber, dass ich weiß dass sie eines Tages gehen werden. Sicher und gefestigt auf eigenen Wegen mit einer großen Portion Selbstvertrauen und einer noch größeren Portion Liebe im Herzen.

Mein Filzstift

„Manchmal gehst du von mir weg, Mama. Manchmal bist du nicht da.“, klagt das C-Hörnchen morgens ganz früh im Bett. Sie liegt unter meiner Decke und halt meine Hand ganz fest. Ich erkläre, dass ich zwar jeden Tag zur Arbeit gehe, mich manchmal mit Freunden Treffe oder einkaufen gehe, ich aber immer zu ihr zurück käme. Immer! Sie hält meine Hand noch fester. „Einmal waren wir mit Papa weg, eine Woche, und du wärst hier!“. Latent liegt Empörung in ihrer Stimme, es ist ihr ernst. Ich ziehe den Bogen weiter, erläutere abermals, dass ich viel arbeiten musste und Papa etwas schönes mit den Kindern machen wollte. Nach einer Woche, gebe ich zu bedenken, wären wir alle wieder zusammen gewesen und alles war gut. Überhaupt, so erkläre ich weiter, wisse ich immer wo ich hingehöre, jede Sekunde meines Lebens, nämlich zu meinen Kindern.

Einen kleinen Moment denkt das kleine Wesen in meinem Arm nach, halt meine Hand und atmet ruhig und kräftig. Dann blickt sie auf, schaut ganz ernst und erklärt: „Ich bin dein Filzstift und du bist mein Deckel!“

Ich mag diese Metapher sehr. Mein Filzstift malt und malt, braucht er aber eine Pause, kommt er zu seinem Deckel zurück. Der Stift kann langfristig nicht ohne Deckel, der Deckel hingegen ist ohne Stift irgendwie nutzlos. Nur dieser eine Deckel passt optimal. Zwar können andere Decke den Stift theoretisch vorm Austrocknen bewahren, so richtig optimal ist aber nur der eine. Und so kommen beide immer wieder zusammen, mal oft mal weniger, mal intensiv mal beiläufig. Der Filzstift entwickelt sich weiter, kann zunehmend länger und besser ohne Deckel, aber die Kenntnis vom passenden Deckel gibt ihm Kraft und Sicherheit und macht es ihm erst möglich, sich immer weiter zu entwickeln. Und irgendwann bin ich so eine Art W- LAN Deckel. Den sieht man nie und bemerkt nur dass er da ist wenn was nicht funktioniert.