Bittere Enttäuschung

Heute morgen teilte ich den drei großen Hörnchen mit, dass ich länger arbeiten müsse und nicht zu Hause sei, wenn sie aus der Schule kämen. Das Entsetzen hielt sich in Grenzen, die drei tuschelten irgendwas und waren zufrieden. Zwischen dem Kichern hörte ich deutlich die Worte „Fersehen“ und „Süßigkeiten“. Alles klar, dachte ich mir. So kann es sein.

Tja, manchmal kommt es anders und so weiter. Meine letzte Klientin kam nicht, die Arbeit war unerwartet früh zu Ende und so war ich einige Minuten vor meinen Kindern zu Hause. Unerhört!

Als erstes kam das A-Hörnchen ins Haus. Beim Anblick meiner Schuhe quäkte er laut: „Was willst duuuu denn hier??“. Begeisterung hört sich anders an, dachte ich noch bei mir und rechtfertigte meine ungeplante Anwesenheit. „Ja toll! Wir wollten was machen…“ jammerte er mit hängenden Ohren, als die zwei Mädels das Haus betraten. „Oh neee, Mama!“, motzte auch das B-Hörnchen wenig begeistert.

Und so saß ich da, mit meinem Talent und meinem Nudelauflauf. Unerwünscht wie eine Zahnwurzelentzündung, vollkommen überflüssig. Ich ergriff die Initiative und machte einen fairen Deal: „Ich esse noch schnell auf, danach fahre ich lange einkaufen und dann hole ich langsam das D-Hörnchen!“

Gerettet. Als ich laaaaange 50 Minuten später kam war es still im Haus. Etwas überdeutlich rief ich „Haaalllloooo“ beim reinkommen und 30 Sekunden später kamen sie alle drei; breit grinsend. „Wir haben gespielt!“, erklärte das C-Hörnchen schmunzelnd und ich entgegnete: „Na ein Glück habt ihr nicht heimlich ferngesehen!!“

Nichts ist cooler als wenn Brüder und Schwestern sich gegen mich verbünden. Ich feiere diese kleinen Momente sehr und lege sie sorgfältig in meinem Kopf ab – für die Momente, in denen sie sich weniger cool finden.

Gedenken

Der 27. Januar gilt dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Seit vielen Jahren nutze auch ich diesen Tag um zu gedenken, zu informieren und mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Gerade letzteres tue ich seit über 20 Jahren sehr intensiv. Ich habe endlos viel gelesen, mich intensiv mit der Psychologie hinter all dem vertraut gemacht. Auf viele Fragen kann ich Antworten geben, ich habe mich in die abartige Maschinerie der Lager, in das Konzept des Tötens eingearbeitet und hatte immer das Ziel zu verstehen, was da passiert ist, wie es passieren konnte und wie es nie wieder passieren kann.

In den letzten Jahren ist die Thematik „Wegschauen“, ist die Gewalt und das Tolerieren von Hass wieder wesentlich in den Fokus geraten. Taten die undenkbar waren, Äußerungen und nicht zuletzt Ängste, die jahrelang verschwunden waren, bahnen sich ihren Weg zurück in die Köpfe der Menschen und werden wieder massentauglich.

Das, was war wird nie enden, es muss uns immer bewusst sein, als Mahnmal, als abschreckendes Beispiel dafür, dass der mensch zu allem in der Lage ist. Denn eins wird heute klarer denn geh zuvor: Ein Massenmord wie die Shoah findet nicht allein durch die Gedanken und Taten einzelner statt. Ebenso Teil der Maschinerie sind all die Tausenden, die wegsehen, sich beugen und sich fügen. Jeder der nicht laut schreit wenn Unrecht passiert, nicht hilft wenn einer Hilfe braucht und mitmacht wenn er dazu aufgerufen wird, ist Teil des Ganzen.

Das A-Hörnchen liest gerade Anne Frank und fragte mich heute, wieso die Juden nicht einfach ohne den gelben Stern auf die Straße gegangen seien. „Dann hätte ja keiner gesehen, dass sie jeden sind.“. „Sie wären verraten worden.“, antwortete ich ihm und er fragte erstaunt von wem. „Von den Nachbarn, Freunden, Kollegen und Lehrern, die gewusst haben, dass sie Juden sind.“. Das Hörnchen verstand nicht und auch mir wurde die Absurdität der Tatsache schmerzlich bewusst. Ich klärte ihn weiter darüber auf, dass auch das Schützen von Juden sowie der Kontakt unter Strafe standen. Er verstand und verstand doch so vieles nicht. „Es haben einfach alle mitgemacht? Sie haben sch nicht gewehrt?“, und ja. Leider war es wohl so. Zumindest aber so ähnlich, denn wenn all die, die nur gedeckelt haben, all die, die nicht aktiv geworden sind, die keinen direkten Schaden verursacht haben sich gewehrt hätten anstatt zu schweigen, wäre dieses Kapitel der Geschichte vielleicht anders ausgegangen.

Niemals darf man vergessen, dass Menschen alle gleich sind, jeder den gleichen Schutz, Respekt und die selben Chancen haben sollte. Niemand sollte in Mangel oder Angst leben müssen, nirgendwo. Es gibt nichts auf der Welt, das eine Unterscheidung von „den einen“ zu „den anderen“ rechtfertigt. Mensch ist Mensch; jeden Tag und bei allem was wir tun sollten wir den Fokus eben dort haben, bei unserer Menschlichkeit und dem Miteinander. Wegsehen und Schweigen sind keine Option; nirgendwo.

Beisammen sein

Grosse Feste, egal ob religiösen oder familiären Ursprungs, gehören von jeh her zur Kultur des Menschen. Zusammen kommen, gemeinsam essen und trinken und besondere Momente feiern, den Rausch der Geselligkeit erleben und die Gegenwart geliebter Menschen genießen. Menschen (zumindest die meisten) mögen das und freuen sich auf diese Ereignisse. Junge und alte kommen zusammen, kochen gemeinsam und tauschen wichtiges und lustiges aus. So, oder so ähnlich sind die Feste in Lönneberga und auch die auf den mittelalterlichen Burgen beschrieben. Viel Arbeit, viel Ertrag. Menschen mit Menschen als eigentlichen Sinn.

Geselligkeit stärkt die Gesellschaft. Erlebnisse, die Menschen gemeinsam erleben, schweißen sie zusammen. Je mehr gemeinsames eine Gesllschaft hat, je mehr gutes, wildes, lustiges und schönes sie erlebt hat, desto enger steht sie beisammen. Erfahrungen, die wir im Glück machen sind voll von Hormonen und bleiben dadurch um ein Vielfaches fester im Hirn verankert. Große Feste unserer Kindheit prägen uns ein Leben lang und so sind es gerade diese Erfahrungen, auf die wir im Erwachsenenalter zurückgreifen und mit denen wir unsere Kinder prägen. Beisammen sein ist Kultur, ist Leben.

Heute sind viele dieser großen Ereignisse zu lahmen Fressveranstaltungen geworden. Die Kinder verbinden mit Ostern keinen duftenden Hefezopf, nicht Oma und Opa und nicht ausgelassenes Beisammen sein – für die Meisen geht es um die schiere Menge an Schokolade und Geschenken. Traurig wie ich finde. Bei uns gibt es zu Ostern eine Kleinigkeit zu Baseln und etwas Süßes dazu. Nach dem Frühstück mit Oma und Opa haben alle zusammen gebastelt. Und trotz aller Bemühungen merken auch wir, wie die Kinder sich mit jedem Jahr mehr zu Konsummonstern verwandeln. Kommendes Jahr gibt es selbst gebackenes und Bauklötze.

Hier haben sie also das ganze Licht versteckt

Heute habe ich das C-Hörnchen bei ihrem Freund abgeholt. Unweit unseres Hauses fuhr ich in ein Neubaugebiet. Einfamilienhäuser auf der einen Seite, Mehrfamilienhäuser auf der anderen. Alles neu, alles gleich. Ich schloss mein Fahrrad vor dem Mehrfamilienhaus 18g an und betrat es. Marmor, ein Irrer Glanz und ein Aufzug. Ich stieg die schweren Stufen in den dritten Stock und betrat die Wohnung. Was mich erwartete raubte mit kurz mal den Atem. Schnell erlangte ich die Fassung zurück. Alles was ich dann von mir geben konnte war ein staunendes „Ist das schön hier!“. Dieser Wohnpalast war in etwa drei mal so groß, wie ich es erwartet hätte. Die riesigen Räume waren mit großen, raumfüllenden Möbeln bestückt, trotzdem war alles luftig und hell. Eine Dachterrasse und riesige Fenster rundeten das Gesamtbild ab, um es frei nach Carry Bradshaw zu sagen:“Hier haben sie also das ganze Licht versteckt!“ 

Die Mama des Kumpels arbeitet jeden Tag von 8-16.30 Uhr, der Papa noch viel mehr. Der kleine Junge verbringt seine Tage in der Kita. Er kommt mit den ersten und geht als letzter. Eine Verabredung zu Stande zu bekommen ist ein Kuststück; selten ist Zeit. Und das ist er, der realistische Preis für’s vermeintliche Paradies. Und bitte, wer braucht denn schon Licht. Ich mag unser Haus, mit all seinen Macken und dunklen Ecken. Und am aller meisten mag ich es, weil in ihm gelebt wird. So viel Zeit wie möglich versuchen wir hier gemeinsam zu verbringen. Nicht pompös oder luxuriös aber fast aller immer meistens total glücklich! 

Wahre Größe 

„Darf ich ich in dein Zimmer?“ Fragt C-Hörnchen das D-Hörnchen. „Nein! Geh raus!“ antwortet D-Hörnchen. C-Hörnchen geht in ihr Zimmer und beginnt allein zu spielen. D-Hörnchen stellt sich in die Tür und fragt:“Darf ich in dein Zimmer?“ „Nein!“ antwortet C-Hörnchen bestimmt. „Ich darf ja auch nicht in dein Zimmer

!“ 

Für eine halbe Minute sind beide in ihren Zimmern, Tür an Tür. D-Hörnchen klagt:“Ich will nicht alleine spielen!“ und C-Hörnchen klagt:“Allein spielen ist doof!“ Sie geht zu D-Hörnchen’s Tür, klopft und fragt:“Darf ich in deinem Zimmer mitspielen?“ D-Hörnchen keift abermals:“Nein!!“ C-Hörnchen geht wieder rüber, traurig. D- Hörnchen heult:“Ich will nicht allein spielen!“ Er geht zu C-Hörnchen’s Tür, öffnet und fragt ob er mitspielen darf. 

C-Hörnchen schaut ihren Bruder mitleidig an und sagt:“Dann komm rein!“ Sie sah zu mir und sagte:“Sonst müssen wir ja beide allein spielen.“